Röhrenverstärker - Hören mit Röhren

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Zunächst einmal ist man skeptisch, ob sich so eine angeblich "überholte Technik" überhaupt zum anspruchvollen Musikhören eignet, zumal die jüngere Generation die Röhrentechnik gar nicht mehr kennt und diejenigen um die 50 und älter den Wechsel von der Röhre zum Transistor miterlebt haben. Das dies ein Schritt von der aufwändigen Handarbeit zur rationell herzustellenden Massenware war, hat man erst später begriffen. Ein klanglicher Fortschritt hat zunächst ebenso wenig stattgefunden, lediglich sind sehr leistungsstarke Geräte mit enormen Wattzahlen auf den Markt gekommen, wobei die Lautsprecherboxen einen immer geringeren Wirkungsgrad bekamen. Nur die Musiker, wie z.B. Gitarristen blieben weiterhin Röhrenverstärkern treu, da diese die typischen Klangeigenschaften nicht missen wollten. Seit Anfang der 90-er Jahre trat eine erfreuliche Entwicklung zugunsten von Röhrenverstärkern ein. Man las in Fachmagazinen, wie Audio, Stereo etc. plötzlich von den überragenden Eigenschaften einiger Geräte u.a. der Firmen LUA, Unison Research, McIntosh, Ayon etc., die sich dadurch hervortaten, daß sie einen sehr naturgetreuen und musikalischen Klang hatten, was sich zunächst nicht unbedingt in den Messwerten wiederspiegelte. Inzwischen hat sich das Angebot an Röhrenvorstufen, -endstufen, -vollverstärkern und CD-Playern mit Röhrenausgangsstufe stark erhöht und beim Vergleich des Preis-/ Leistungsverhältnisses sieht der erstaunte Leser, daß ein guter Transistorverstärker bei gleicher Punktzahl zumeist eine ganze Ecke mehr kostet. Die Deutung der Messwerte ist inzwischen Thema einiger Berichte geworden. Und die Lautsprecherhersteller waren auch nicht untätig und bringen seit einiger Zeit Boxen mit sehr hoher Empfindlichkeit und hohem Wirkungsgrad heraus. Die Verstärker sind wegen des hohen technischen Aufwandes vielfach in China gebaut, da sie oft eine Point to Point Verdrahtung haben und mit aufwändig zu wickelnden Transformator- und Übertragerkernen ausgestattet sind. Viele spezielle Teile, wie Hochvoltkondensatoren, Präzisionswiderstände und Alps-Potis werden aus anderen Herstellerländern beigesteuert. Zu warnen ist vor unseriösen und billigen China-Anbietern. Man kann ein so anspruchsvolles High-End Produkt nicht zum Billigpreis bekommen. Die Röhren werden zumeist von russischen Firmen bezogen, wo in großer Auswahl und Stückzahlen noch Röhren gefertigt werden, mit recht guter Qualität. Man hat aber auch die Möglichkeit, seine Geräte mit sog. NOS (New Old Stock) Röhren zu bestücken. Dies sind Restbestände von Firmen wie Siemens, Telefunken, RCA, Philips, Mullard etc., die aber nicht gerade billig sind. Wer sich mit dem Thema befassen möchte, sollte entweder HIFI-Magazine zu Rate ziehen, mit seinem Händler sprechen oder im Internet nachsehen. Gute Röhrenverstärker für Einsteiger unter 1000 Euro sind z.B. Dynavox, Lyric, Cayin oder Audreal. Im Segment darüber um 2000 Euro und mehr z.B.: Magnat, Unison Research, McIntosh oder Ayon. Alle diese Verstärker haben eine Gemeinsamkeit: Es sind hochwertige und geprüfte, elektrisch sichere Geräte. Sie alle sind etwas wartungsintensiver als ihre Transistorkollegen: nach ca. 8000 Stunden Betriebszeit müssen die Vorstufenröhren gewechselt werden, nach ca. 4000 Stunden die Endstufenröhren. Dies sind aber nur grobe Richtwerte. Bei manchen Röhren muß auch in größeren Abständen der Ruhestrom nachgeprüft und ggf. justiert werden. Dafür wird man aber mit einem exzellenten und sehr natürlichem Klang belohnt, was mir von allen Besuchern bestätigt wurde (LUA-Sinfonietta mit Martin Logan Motion 12 Lautsprechern bzw. Unison Research S2K mit den gleichen Lautsprechern). Am Beispiel beider Geräte möchte ich hier kurz noch auf zwei unterschiedliche Betriebsarten eingehen. Der Unison Research S2K ist ein sog. Single Ended Class-A Verstärker, der einen sehr hohen Ruhestrom benötigt und die relativ geringe Leistung von 15 Watt pro Kanal abgibt. Dafür arbeitet er auf dem sehr linearen Teil der Röhrenkennlinie der KT88 Endröhren. Es entsteht hier eine hohe Abwärme. Der LUA Sinfonietta arbeitet im Gegentakt-AB-Betrieb, wobei pro Kanal eine EL34 Röhre für die obere Signalhalbwelle und die andere EL34 Röhre für die untere Signalhalbwelle tätig ist, wobei mit zunehmender Lautstärke vom A- in den B-Betrieb übergegangen wird, wobei die Klirrverzerrungen  erst gegen Ende etwas zunehmen, aber mit um die 1 % immer noch ausreichend gering sind. Beim Klirrfaktor wird nur eine Sinusfrequenz und deren auftretendes Spektrum bewertet, beim Intermodulationsfaktor bzw. beim Differenztonverfahren wird das Auftreten mehrerer Frequenzen bewertet, was viel wichtiger ist, denn Musik besteht nicht nur aus einem einzigen Sinuston. Und gerade diese Werte sind bei Röhrenverstärkern oft besser als bei Transistorverstärkern, werden aber nicht in allen Prospekten immer erwähnt. Dieser LUA-Verstärker leistet ca. 2 x 45 Watt. In Tests beachte man auch das Spektrum der Verzerrungen, welches sich in geradzahlige- und ungeradzahlige Harmonische aufteilt. Eine weitere Größe ist die Anstiegsgeschwindigkeit bei Rechteckimpulsen. Ist sie hoch, dann vermag der Verstärker schnelle Impulse (z.B. Schlagzeugattacken) korrekt wiederzugeben. Man erkennt dies an einem Frequenzgang und einer Leistungsbandbreite, die weit über die  20 kHz-Grenze hinweggeht, z.B. 100 kHz. Letztere hört man zwar nicht, es ist aber, wie gesagt, für die Impulstreue wichtig. Ebenfalls wichtig, daß die Gegenkopplung des Verstärkers nicht zu hoch ist. Zu beachten ist auch ein hoher Rauschabstand, der aber von den o.g. Verstärkern mühelos eingehalten wird. Klangregelmöglichkeiten vermindern durch ihr Regelnetzwerk die Qualität, ebenso Loudnessfilter. Die Geräte erscheinen spartanisch ausgestattet, aber angesichts der Verfälschungen kann man gern auf so etwas verzichten. Auch ist zumeist für die Freunde analoger Musikwiedergabe (Schallplatten) kein Entzerrer-Vorverstärker eingebaut. Hier kann man ein externes Gerät auswählen, das den eigenen Ansprüchen am besten gerecht wird. Man muß auf diesem Gebiet zunächst seine Erfahrungen sammeln, doch wenn man einmal beim Händler oder einem Bekannten einmal eine Audioanlage mit Röhrentechnik gehört hat, wird man begeistert sein. Dies wollte ich in meinem Ratgeber aufzeigen und die Dinge nennen, die man beachten sollte. Wenn mir dies einigermaßen gelungen ist, würde ich mich freuen.

 

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