Ob sie es glauben oder nicht: Gospels haben Hochkonjunktur

Mag ich anklicken, wenn dieser Ratgeber hilfreich war
Ob sie es glauben oder nicht: Gospels haben Hochkonjunktur

Gospel-Songs wie "Oh Happy Day" oder "This Little Light of Mine" sind international bekannt und rühren viele Menschen zu Tränen. Der spirituelle Text zusammen mit dem mitreißenden Rhythmus zeichnet die Musikrichtung aus und begeistert Menschen weltweit.
Und obgleich der Gospel schon seit dem 19. Jahrhundert existiert, ist er heute besonders gefragt. In Amerika nimmt er in der Musikwelt sogar mehr Platz ein als Jazz oder Blues.

Geschichte eines Volkes in tausend Liedern

Das Wort "Gospel" kommt aus dem Altenglischen und ist eine Zusammensetzung der Worte god (=gut) und spel (=Nachricht). Der Gospel soll also eine gute Nachricht sein. Die Musikrichtung wurde von afroamerikanischen Sklaven in christlichen Kirchen entwickelt.
Als 1619 die ersten Afrikaner als Sklaven nach Amerika verschleppt worden waren, wurden sie zum Dienst für Landlords auf Tabak- und Baumwollplantagen gezwungen. 1667 wurde ein Gesetz erlassen, das den Sklaven erlaubte, die Kirche zu besuchen. Es wurden eigenständige Kirchen für die Sklaven errichtet, in denen die Afrikanischstämmigen ihre kulturellen Verwurzelungen mit dem neuen christlichen Glauben vermischten.
Sie fingen also an, die christlichen Gottesdienste mit ihrer Musik zu untermalen und diese mit den typischen afrikanischen Trommeln zu begleiten. Da jedoch Trommeln als heidnisch angesehen waren, wurden diese später verboten.
Die Sklaven benutzten dann zur Erzeugung von rhythmischen Klängen ihre Hände, anhand von Klatschen und Schnipsen, und ihre Füße, indem sie stampften. Diese Tradition wird auch heute noch typischerweise weitergeführt.

Mit der Zeit vermischten sich die traditionellen afrikanischen Klänge mit biblischen Zitaten und Aussagen, sodass aus den "Work Songs", die die Sklaven bei der harten Arbeit auf den Plantagen sangen, um ihren Kummer auszudrücken, die sogenannten Negro Spirituals wurden - die Vorläufer des heutigen Gospels. Viele dieser Spirituals enthielten verschlüsselte Nachrichten über Fluchtwege zum nördlichen Teil der USA, in denen keine Sklaverei existierte.
Zu diesem Thema wurden viele Bücher verfasst, die die Metaphern und Andeutungen erklären. Als 1865 die Sklaverei verboten wurde, war es einigen Afro-Amerikanern erlaubt, zu studieren, sodass die erste Afro-Amerikanische Universität gegründet wurde.
Zur Finanzierung der Universität führten viele Musikgruppen die sogenannten Negro Spirituals in Amerika und Europa auf. Als um 1920 in Zeiten der "Black Renaissance" diese Spirituals intensiv und passioniert gesungen und aufgeführt wurden, entwickelte sich aus den traditionellen, schriftlich nie festgehaltenen Liedern eine etwas abgewandelte Musikrichtung, die heute Gospel genannt wird. Diese lässt sich im Grunde als eine neue Art der sogenannten Negro Spirituals beschreiben, die aufgrund von Einflüssen des Blues und Jazz zu einer Art christlicher Popmusik geworden ist.

Grenzüberschreitungen durch den Gospel

Mittlerweile haben viele Kulturen und Menschen den Gospel für sich entdeckt. Mit den tief religiösen, hoffnungsspendenden Texten und den bewegenden rhythmischen Unterlegungen zieht die Musik jeden in ihren Bann, ganz gleich, aus welchem Landes- oder Kulturkreis sie stammen.
Waren es früher ausschließlich Afro-Amerikaner, die Gospel-Songs aufführten, gibt es heute viele Weiße, die ebenfalls die spirituelle Erfahrung in den Liedern mit ihren Mitmenschen teilen. Dabei sind sowohl Gospel-Chöre als auch Solisten oder kleine Ensembles beim Publikum gefragt.

Bekannte Interpreten des Gospel

Die erste bekannte Gospelsängerin hieß Arizona Dranes, deren Aufnahmen von 1926 bis 1928 der Bekanntheit des Gospels einen großen Schub gaben. Besonders bekannt und noch heute sehr beliebt ist auch die bereits verstorbene Gospelsängerin Mahalia Jackson. Der wohl berühmteste Gospelchor ist das 1934 gegründete "Golden Gate Quartet", deren Platten noch heute gerne gehört werden. Mit dem Golden Gate Quartet wurde die Bewegung der Emanzipation der Schwarzen stark geprägt, besonders als das Ensemble 1938 bei Roosevelts Amtseinführung als erste schwarze Gruppe auftreten durfte.
Ein nicht afro-amerikanischer Gospel-Chor, der es weltweit zu großem Ansehen gebracht hat, ist der "Oslo Gospel Choir", der 1988 in Oslo, Norwegen, gegründet wurde. Er gehört zu den modernen Gospel-Chören, die eher die zeitgenössischen Lieder aufführen und somit den Gospel am Leben erhalten und weiter entwickeln.
Auch die Deutschen sind längst im Geschäft, wenn es um die Bewegung der religiösen Musik geht. Der Chor "Voices Of Joy" wurde 1989 gegründet und hat bereits drei CDs herausgebracht. Selbst der "King of Rock 'n' Roll" Elvis Presley hat viel Gospels gesungen und damit der Musik zu noch größerem Ruhm verholfen.

Gospel ist nicht gleich Gospel

Spricht man über die Gospel-Lieder, so weiß jeder gleich, worum es geht: tiefsinnige, spirituelle Songs, die mit großartiger Stimme gesungen werden. Das ist jedoch nicht das einzige, was Gospel ausmacht. Es gibt zig verschiedene Arten von Gospel-Musik, jede mit ihrer eigenen Note und Aussage.

Spirituals, Konzertspirituals

Die bereits erwähnten Spirituals verändern sich in ihrem Klang und in der Ausdrucksform, wenn sie von Sängern mit einer klassischen Gesangsausbildung aufgeführt werden.
Was dabei entsteht, wird Konzertspiritual genannt und ist heutzutage nicht mehr allzu bekannt, erfreute sich jedoch im frühen 20. Jahrhundert großer Beliebtheit. Besonders bekannt für ihre wunderschöne Stimme war die Sängerin Marian Anderson, die mehrere Aufnahmen von Konzertspirituals gemacht hat.

Black Gospel: Instrumental, Traditional, Quartet, Contemporary, Urban

Deutlich komplizierter wird das Untergenre Black Gospel. Im Grunde ist der Black Gospel das, was man als erstes mit dem Wort Gospel assoziiert. Während er früher nur in Kirchen aufgeführt wurde, gibt es seit etwa einem Jahrhundert auch zahlreiche Platten und CDs, die gewinnbringend an eine große Bandbreite von Musikliebhabern verkauft werden.
Die instrumentale Black Gospel-Musik ist Gospel ohne Gesang, bei der das Instrument im Vordergrund steht. Selten wird auch Gesang als Untermalung bzw. Begleitung eingesetzt. Die beliebtesten Instrumente bei Instrumental Gospel sind Saxophon, E-Gitarre und Orgel. Der Saxophonist Vernard Johnson hat mit seinen Aufnahmen dem Instrumental Gospel zu größerer Aufmerksamkeit verholfen.

Der Traditional Gospel ist die bekannteste Form des Black Gospel, die jedoch kaum auf Platten oder CDs zu hören ist. Dabei werden die typischen traditionellen Lieder aus dem 19. Jahrhundert hauptsächlich in den Kirchen der Südstaaten der USA aufgeführt.
Die aus dem Traditional Gospel abgeleiteten Street Gospel Singers oder Guitar Evangelists waren in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts blinde Sänger, die auf der Straße Gospel und Blues mit religiösen Texten spielten und sangen. Der bekannteste der Street Gospel Singers war Blind Willie Johnson, der es zu internationaler Berühmtheit brachte.

Das Golden Gate Quartet gehört zur Gruppe der Quartets, eine der frühesten Formen des Black Gospel. Historiker vermuten, dass diese Quartet-Formationen sich aus der Trennung innerhalb der Sklaven zwischen Frauen und Männern herausbildeten. Aus dem Quartet-Gesangstil entwickelte sich in den dreißiger Jahren das Untergenre "Jubilee".
Dieses wurde durch das Golden Gate Quartet besonders bekannt gemacht. Bei der Stilrichtung handelt es sich um eine festgelegte Form des Black Gospel, bei der Improvisationen eher unüblich sind. Das Tempo ist in seinen Grundzügen sehr zügig und die Artikulation etwas präziser als der ursprüngliche Country Style.

Comtemporary Black Gospel, also die zeitgenössische christliche Musik, vereint viele Musikrichtungen miteinander. Als Basis dient wieder der Traditional Gospel, der jedoch stark abgewandelt und mit Elementen des Reggae, HipHop, Latin, Blues, Jazz und Soul, selten auch mit Heavy Metal vermischt wird.
Diese neuartige Art des Black Gospel lässt viel Spielraum für die persönliche Interpretation des Musikers. Im zentralen Mittelpunkt steht auch hier immer die biblische Botschaft, die die Menschheit von ihrem Leid erlösen soll.

Der Urban Gospel hat sich etwas anders entwickelt als der typische Contemporary Gospel. Obgleich dieser als Vorbild dient, ist der Urban Gospel eine Anpassung an das Großstadtleben. Viele Gospel-Songs wurden auf dem Land gesungen und geschrieben, sodass der Text häufig nicht in den Kontext der Stadt passt. Deshalb brauchte der Contemporary Gospel in den modernen Zeiten eine neue, städtische Variante.

White Gospel, Southern Gospel, Country Gospel, Praise and Worship, Inspirational

Da die typischen Black Gospel-Lieder der Stimmgewalt und Geschichte der Afro-Amerikaner angepasst sind, kam es zu einer Entwicklung des ursprünglichen Gospels zu einer neuen Musikrichtung, dem White Gospel. Eine Art des White Gospel existierte allerdings zeitgleich mit den sogenannten Negro Spirituals. Es handelt sich dabei um die Zusammenfassung der europäischen Kirchenlieder, die auch als Hymn bezeichnet werden. Dabei haben einige Songbooks besondere Bedeutung erlangt, wie beispielsweise "Rejoice in the Lord" oder "Sing Joyfully".

Bei dem Southern Gospel handelt es sich um eine Form des White Gospel, die ausschließlich in den Südstaaten der USA entwickelt wurde und traditionelle Lieder umfasst. Dabei sind hauptsächlich Chöre oder Quartette im Mittelpunkt.

Der Country Gospel ist eine besondere Abwandlung des White Gospel. Dabei wird der typische Country-Stil kaum verändert und nur mit christlichen Texten angereichert. Der berühmteste und heute noch sehr angesagte Sänger Johnny Cash hat mit vielen Platten und Filmen den Musikstil in die höchste Ebene öffentlicher Aufmerksamkeit getrieben.

Die Praise and Worship Songs sind gottpreisende Lieder, die sich aus den Taizé-Gesängen ableiten. Sie können als moderne Musik der Weißen in den USA bezeichnet werden, haben aber längst Einzug in die europäischen Kirchen gefunden. Inspirational Gospel kann zu den Praise-and-Worship-Liedern gezählt werden, ist jedoch vom Stil her etwas anders. Es handelt sich hierbei um eine ruhige, meditative Variante, die viele Elemente des Pop mit einbindet. Vermutlich hat auch diese Art des Gospels seine Wurzeln eher im White Gospel.

Afro Gospel

Eine besondere Art des Gospels stellt der Afro Gospel dar. Diese Stilrichtung ist wahrscheinlich die traditionellste Variante von allen Gospel-Arten. Dabei werden viele traditionelle, aber auch modernere Gospel-Songs in afrikanischen Sprachen gesungen.
Der "Soweto Gospel Choir" und "Sister Blaze" sind namhafte Vertreter dieser Musik. Die meistgesungenen Sprachen sind Zulu, Suaheli, Xhosa und Lingala. Ein auch in Deutschland vielgesungenes Lied aus dem Afro Gospel Sortiment heißt "I Paradisi" und wird, wie die traditionellen Gospel-Lieder, mit Klatschen, Schnipsen und Stampfen unterlegt, wodurch es einen mitreißenden Rhythmus bekommt.

Besinnung und gute Laune durch kirchliche Musik

Für welche Art von Gospel Sie sich auch am meisten begeistern, an Angeboten mangelt es nicht. Die Musikrichtung ist so beliebt, dass sie im Musikgeschäft bereits mit den gängigen Genres wie Pop und Rock konkurrieren kann. Es stellen sich ständig neue Interpreten vor, in den letzten Jahren ist vor allem ein Boom der europäischen Gospelsänger zu beobachten.
Die Musik handelt von Glauben, von Hoffnung und von Religion, von Besinnung und Reinheit. Die Texte sind ergreifend und ihnen wird eine reinigende Wirkung nachgesagt. Wer sich die Lieder anhört oder vielleicht gar selbst einige Songs singt, wird verstehen, was genau dieser Ruf bedeutet. Jede Richtung des Gospels ist anders und so ziemlich jeder kann für sich das Richtige finden. Wenn Sie noch nicht genau wissen, was Sie interessiert, lohnt es sich, einmal durch die gesamte Gospel-Palette zu stöbern.
Oder möchten Sie vielleicht lieber selber singen, die Seele die Worte spüren lassen? Dann können Sie aus den unzähligen Songbooks wählen.

Was Ihnen auch am besten liegt, der Gospel wird Ihnen den Tag ein Stückchen emotionaler machen.

Möchten Sie Ihr Wissen weitergeben? Erstellen Sie Ihren eigenen Ratgeber… Verfassen Sie einen Ratgeber
Weitere Ratgeber erkunden