Keyboard- und Klavierunterricht: welcher Lehrer?

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"Man müsste Klavier spielen können"
Ein oft gehörter Satz! Wenn Sie beschlossen haben aus "man müsste" ein "ich werde" zu machen, sind Sie in aller Regel auf einen Menschen angewiesen, der Ihnen dies vermittelt, denn ein rein autodidaktisches Erlernen eines Instrumentes birgt viele Risiken. Man eignet sich sehr schnell falsche Spieltechniken, Rhythmik und andere Fehler an, ohne dass es einem bewusst wird. Ein erfahrener Musiker kann diese Dinge unverzüglich korrigieren und man bleibt "auf dem richtigen Weg".

Ich bin seit 20 Jahren als Instrumentallehrer für die Instrumente Keyboard, Klavier und Orgel tätig und habe ein Hochschulstudium in diesem Bereich abgeschlossen, daher möchte ich Ihnen hier ein paar kleine Tipps geben, wie sie oft gemachte Fehler bei der Wahl des richtigen Lehrers für sich oder Ihr Kind vermeiden können und so für ihr gutes Geld eine fachlich und musikalisch gute Ausbildung für sich selbst oder Ihr Kind bekommen.

Musikschule oder Privatlehrer?
Dies lässt sich so generell nicht beantworten. Mit Sicherheit sind Privatlehrer oft flexibler wenn es um die Gestaltung des Unterrichts geht. Keine vorgegebenen Stunden- oder Lehrpläne sowie Ferien können ein Vorteil sein. Auch bei den Vertragsmodalitäten (siehe weiter unten) haben Privatlehrer einen Spielraum, den angestellte Lehrer einer Musikschule nicht haben. Auf der anderen Seite haben besonders städtische/öffentliche Musikschulen gewisse Qualitätsansprüche an ihre Lehrer, bei Privatlehrern wird die Qualifikation nicht geprüft. Es gibt keinen Berufsschutz und somit kann im Grunde jeder, der drei Tasten gleichzeitig drücken kann, unterrichten. Traurig, aber wahr. Leider können Laien kaum feststellen, wie fähig ein Lehrer ist, daher weiter unten ein kleiner „Lehrertest“ ;-)

Einzel- oder Gruppenunterricht?
Diese Frage ist auch nicht allgemein zu beantworten, aber die Tendenz geht hier klar zum individuellen Einzelunterricht. Gruppenunterricht mit drei oder mehr Kindern bindet viele Energien: da sind unterschwellige gruppendynamische Prozesse, wer der Stärkere oder Bessere ist, wer mehr Zuwendung braucht, wer sie einfordert und wer sie bekommt. Und auch die musikalische und motorische Entwicklung verläuft selten in einem solchen Gleichklang, dass alle Kinder in gleichem Maße gefordert sind. Ergebnis: die begabteren Kinder langweilen sich und verlieren die Lust, während die schwächeren Schüler sich auf Dauer überfordert fühlen. Sinnvoll ist Gruppenunterricht wenn es darum geht, gemeinsam zu improvisieren, ein gemeinsames Konzertprogramm zu erarbeiten oder um Prüfungsängste und Lampenfieber in den Griff zu bekommen.

Was kostet der Unterricht?
Die Preise für Instrumentalunterricht schwanken je nach Art des Anbieters und der Region mehr oder weniger stark. Natürlich nimmt ein diplomierter Konzertpianist in der Regel mehr für eine Unterrichtsstunde als eine Musikschule, und die wiederum mehr als jemand, der nur zum Hobby etwas nebenbei unterrichtet und keine Ausbildung auf diesem Gebiet hat. Das kann, muss aber nicht so sein. Oft liegt es auch weniger am musikalischen Können, sondern schlicht daran, wie gut sich jemand verkaufen kann.
Einzelunterricht ist auf den ersten Blick teurer, aber Gruppenunterricht ist der eigentlich teure Unterricht. Glauben Sie nicht, dass eine Dreiergruppe nur ein Drittel des Einzelunterrichtes kostet. Er kostet meist die Hälfte oder mehr und ist unterm Strich somit teurer, denn der Lehrer kann sich nur mit einem Schüler gleichzeitig befassen. Somit wird die zugewendete Zeit gedrittelt, die Kosten nur halbiert. Darum ist Gruppenunterricht nicht effektiv. Besonders krass sind „Abzocker-Gruppen“ mit 4 oder mehr Schülern: hier macht sich der Lehrer / die Musikschule richtig die Taschen voll, und die Schüler lernen so gut wie nichts. Beispiel: eine Gruppe mit 5 Keyboardschülern, Unterrichtsdauer 45 Minuten. Verfügbare Zeit pro Schüler: 9 Minuten (!!!). Das Vorspielen der Hausaufgabe dauert 5 Minuten, dann hat man noch 2 Minuten, um die Fehler zu erklären, nochmals spielen ist nicht drin, denn in den verbleibenden 2 Minuten muss man ja irgendwie auch noch ein neues Stück anfangen oder 1-2 Fragen beantworten. Das funktioniert nicht! Ich habe Schüler, die hatten zuvor woanders 3 Jahre Unterricht in einer solchen Gruppe und konnten fast NICHTS! Somit sind die Gebühren für eine solche Gruppe rausgeworfenes Geld.
Die Höhe der Gebühren hängt natürlich auch von der Dauer des Unterrichtes ab, angeboten werden in der Regel 30, 45 und 60 Minuten-Einheiten. Für Kinder bis 10 Jahre reichen in der Regel 30 Minuten, für ältere Kinder und Erwachsene 45 Minuten.
Als aktuellen Mittelwert kann man für 30 Minuten Unterricht bei einem fachlich qualifizierten Lehrer ca. 18,- Euro veranschlagen, für 45 Minuten ca. 27,- Euro. Auf dem Land ist es 10% billiger, in Großstädten 10 % teurer.

Worauf muss ich im Vertrag achten?
Musikschulen schließen in aller Regel Verträge mit einer 3-monatigen Kündigungsfrist zum Semester-Ende (Sommerferien/Weihnachtsferien) ab. Es wird ein monatlich fixer Betrag gezahlt. Wer jetzt denkt, er teilt diesen Betrag durch 4 Wochen pro Monat und kommt dann auf die Kosten pro Stunde, der irrt: bei 3 Monaten Schulferien und zahlreichen Feiertagen sind es weniger als 3 Stunden pro Monat, die tatsächlich stattfinden! Teilen sie den Monats-Betrag durch drei, dann wissen Sie, was eine Stunde wirklich kostet!
Privatlehrer sind in der Vertragsgestaltung flexibler. Manche orientieren sich an dem Modell der Musikschulen (gut für den Lehrer), manche kommen ihren Schülern jedoch entgegen. Manche machen gar keine Verträge (gut für den Schüler). Fragen Sie immer, was mit ausgefallenen Stunden passiert. Kann der Schüler nicht, ist das in der Regel auch das Problem des Schülers, kulante Lehrer bieten aber auch hier Ersatzstunden an. Kann der Lehrer nicht, sollte auf jeden Fall ein Ersatz angeboten werden.

Woran erkenne ich einen guten Lehrer?
Hier spielen viele Dinge eine Rolle. Es geht natürlich um die musikalischen Fähigkeiten, aber auch um die pädagogischen und menschlichen Aspekte, denn keiner möchte einen absolut virtuosen Überflieger, der aber nichts erklären kann und mit dem der Schüler menschlich nicht zurecht kommt. Bestehen Sie in jedem Fall auf eine unverbindliche Probestunde. Nutzen Sie diese Stunde, um den Lehrer so gut es geht kennen zu lernen. Wenn Ihr Kind das Instrument lernen will: achten Sie darauf, wie er mit Ihrem Kind spricht und Dinge erklärt. In der Regel braucht es ein bisschen zeit, bis Lehrer und Schüler sich aneinander gewöhnt haben, aber viele Dinge sieht man sofort. Wenn Ihnen eine Probestunde zu wenig war, vereinbaren Sie eine weitere. Lehnt der Lehrer das ab, suchen Sie sich einen anderen.

Wie kann ich einen Lehrer testen?
Hier der versprochene Lehrer-Test, womit sie Hobby-Lehrer, Autodidakten und andere unfähige Bewerber aussortieren können.

Frage 1: „Haben Sie Klavier studiert?“ (bzw. Instrument, was unterrichtet werden soll).
Wenn ja: „Wo und bei wem?“
Bereits hier werden viele Kandidaten überrascht sein und eingestehen müssen, dass sie nicht über eine staatlich anerkannte Ausbildung zum Musiklehrer verfügen. Das soll nicht heißen, dass alle guten Lehrer studiert haben müssen und alle ohne Studium per se schlechte Lehrer sind, aber es ist unzweifelhaft ein Faktor, an dem Sie die musikalischen Fähigkeiten messen können! Wer ein Diplom/Examen auf seinem Instrument hat, der kann sicherlich gut spielen. Über die pädagogischen Fähigkeiten sagt es jedoch nichts aus.


Frage 2: „Könnten Sie mir bitte etwas vorspielen?“
Die Frage liegt so nahe und wird doch so selten gestellt! Nicht Sie müssen sich für den Lehrer qualifizieren, sondern der Lehrer für Sie / Ihr Kind! Oder wer bezahlt hier wen? Auch wenn Sie sich als Laie vielleicht nicht zutrauen, die Fähigkeiten korrekt einschätzen zu können, so zeigt die Frage dem Lehrer jedoch, dass er gefordert ist, Sie zu überzeugen. Vor allem bei Kandidaten, die nicht über einen Hochschulabschluss verfügen. Speziell bei Keyboard- und Orgellehrern: „Spielen Sie bitte auch ein Klavierstück!“ Also ohne Rhythmusautomat, nur mit beiden Händen Klavierklang. Sie glauben gar nicht, wie vielen Kandidaten jetzt der Schweiß ausbricht, weil sie nur das Spiel mit der Begleitautomatik beherrschen! Wer nicht in der Lage ist drei Klavierstücke aus verschiedenen musikalischen Stilrichtungen zu spielen, hat sich sofort selbst disqualifiziert. Ansonsten: beurteilen Sie selbst, ob Ihnen gefällt was Sie hören und sehen.

Frage 3: „Welche Themenbereiche deckt Ihr Unterricht ab?“
Wer jetzt überrascht ist und sagt „wir spielen viele Stücke“, hat auch verloren. Ein guter Lehrer antwortet Ihnen: „Spieltechnische Grundlagen, Musiktheorie, Gehörbildung und Improvisation.“ Fehlt auch nur einer der genannten Punkte, haken Sie nach: „Was ist mit….?“ Wenn ein Lehrer einen Bereich nicht beherrscht, müssen Sie entscheiden, ob Sie ihn als Lehrer wollen…

Frage 4: „Welche Stilrichtungen beinhaltet Ihr Unterricht?“
Es gibt viele Lehrer, die sind nur auf eine Stilrichtung fixiert, meistens Klassik. Für diese Lehrer ist Rock-, Pop und Jazz-Musik Teufelszeug, das auf gar keinen Fall unterrichtet werden darf (wer so denkt, beherrscht diese Stilistiken auch meist gar nicht). Das ist nicht nur in höchstem Maße ignorant, sondern für eine musikalisch breit angelegte Grundausbildung auch schädlich. Ich habe viele Schüler, die jahrelang nur Klassik spielen mussten und froh waren, bei mir auch mal etwas anderes spielen zu dürfen. Ein stilistisch breit angelegter Unterricht zeigt dem Schüler, was alles möglich ist. Später entwickelt jeder Schüler seine eigenen Vorlieben. Diese sollte der Lehrer unterstützen und nicht seine eigenen Vorlieben zum Thema des Unterrichts machen.

Sollten Sie weitere Fragen haben, scheuen Sie sich nicht, mir eine Nachricht zu schicken. Ich helfe Ihnen gerne weiter, denn im Gegensatz zu Lehrern, die den Job notgedrungen machen müssen, weil sie vom Spielen alleine nicht leben können, liebe ich diese Tätigkeit und mir liegt etwas daran, meinen Schülern zu vermitteln, wie schön es ist ein Instrument zu spielen und was Musik bewirken kann.

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