Ist es Pferdeleder oder nicht?

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Als Liebhaber teurer Schuhe bin ich schon des öfteren über Verkäufer gestolpert, die in ihren Angeboten ihre Schuhe als Pferdelederschuhe bezeichnet haben. Da Pferdeleder erstens rar und aufwendiger zu gerben ist als herkömmliches Kalbsleder, darüber hinaus aber auch dicker, haltbarer und schwerer zu verarbeiten, erzielen Pferdelederschuhe bei Ebay oft erstaunliche Preise. Allein fiel mir oft bereits beim Betrachten der Bilder auf, dass es sich vielfach nicht um Pferdeleder handeln konnte. Deshalb ein paar Tipps, wie sie einen Reinfall vermeiden können.
1. Pferdeleder wird auch als "shell cordovan" oder einfach nur "cordovan" bezeichnet. Dumm ist, dass die ursprünglich einzige für Pferdeleder verwendete dunkelrote Farbe weitläufig auch als Cordovan bezeichnet wird. Allein der Hinweis auf  "Cordovan-Leder" hat also noch keine Aussagekraft. Bei dunkelroter Schuhfarbe empfielt sich evtl. eine Nachfrage, ob die Farbe cordovan oder das Leder cordovan gemeint ist.
2. Untrüglichstes Merkmal ist die Oberflächenerscheinung von Pferdeleder. Diese läßt sich am besten im Bereich der Gehfalten beobachten. Während Kalbsleder eine Vielzahl kleiner und kleinster Fältchen wirft, bildet Pferdeleder nur einige "Wellen". Ich habe dies auf den unteren Fotos darzustellen versucht. Das linke
zeigt einen Schuh aus Pferdeleder, das rechte die kleinen Falten eines Schuhs gleicher Farbe aus Kalbsleder. Darüber hinaus hat Pferdeleder meist eine etwas "speckig" anmutende Patina, welche vom hohen natürlichen Wachsanteil herrührt.
Bei Zweifeln, bitten Sie doch einfach den Verkäufer, Ihnen eine Nahaufnahme zuzumailen.
Bei neuen Schuhen ohne Falten fällt die Unterscheidung schwer. Hier hilft hoffentlich ein Kassenbeleg oder der Schuhkarton weiter.

3. Pferdeleder wird nur von ganz wenigen Schuhherstellern überhaupt verwendet. Dazu zählen Alden, Albaladejo, Cole Haan (nur in der Reihe "Traditionals"), Allen Edmonds, Florsheim (nur in der Reihe "Florsheim Imperial"), Hanover, Breitenbach, Nettleton, Church (aber ganz, ganz selten), Ed. Meier, Ludwig Reiter sowie Heinrich Dinkelacker und Silvano Lattanzi. Das war's dann auch schon fast. Ein Mitglied teilte mir mit, Crockett & Jones würde auch Schuhe in Pferdeleder anbieten. Ich habe aber noch keine gesehen... Wenn jemand aber behauptet, seine Lloyds seien aus Pferdeleder: Finger weg!
4. Grds. bestehen englische Schuhe nicht aus Pferdelder, auch wenn Sie noch so teuer sind! Church's bietet Pferdeleder nur auf ausdrücklichen Bestellerwunsch hin an, druckt dies dann aber auch unter die Sohle und innen hinein (dort steht dann "genuine shell cordovan"). Auch John Lobb fertigt auf besonderen Kundenwunsch hin Pferdelederschuhe an. Von Edward Green ist mir ebensowenig je ein Paar in Pferdeleder untergekommen, wie von jedem anderen namhaften englischen Hersteller. Einzig Crockett & Jones bietet laut Herstellerseite www.crockettandjones.co.uk eine Handvoll Modelle in Pferdeleder an.
5. Bei Ludwig Reiter steht der Hinweis auf Pferdeleder innen im Schuh, gedruckt um das Firmenwappen. Steht dort nichts, ist es auch kein Pferdeleder. Bei Allen Edmonds gibt es verschiedene Modelle, die sowohl aus Pferdeleder als auch aus Kalbsleder hergestellt wurden oder werden, wobei herstellerseits die Absätze bei den Modellen aus Kalbsleder nur aus Gummi sind, bei den Modellen aus Pferdeleder werden immer Teillederabsätze verwendet. Lassen Sie sich also ein Bild der original Absätze zeigen (wenn noch drauf). Zu den Modellen, die bei Edmonds aus Pferdeleder gefertigt werden, zählen die Modelle "Leeds", "Polo", "MacNeil", "Park Avenue", "Townley" "Cambridge", "Grayson" und vielleicht noch eine Handvoll anderer. Ein Blick auf die Herstellerseite hilft weiter : www.allenedmonds.com.
Bei Alden muss man immer den 3- oder 4-stelligen Modellcode (Style #), z.B. 9001 aus dem Schuh suchen und auf der Herstellerseite www.aldenshoes.com vergleichen. Kalbsledermodelle haben einen anderen Code, auch wenn der Schnitt der gleiche sein mag.
6. Pferdeleder gibt es nicht in jedem Farbton. Traditionell gibt es nur den besagten dunkelroten Ton und Schwarz. Ganz vereinzelt trifft man auch dunkelbraune Farbtöne an. Hellbraune Farbtöne wie creme oder cognac gibt es herstellungsbedingt nicht! Entsprechende Angebote sollten Sie also zumindest stutzig machen.
7. Schließlich der Preis: Pferdeleder ist teuer, teuer, teuer. Allein das Leder für ein Paar Schuhe kostet im Einkauf von der Gerberei weit über 200 €. Wer also behauptet, er hätte für 150 € ein Paar neue Pferdelederschuhe gekauft, weiß dies entsprechend zu beurteilen! Der Einkaufspreis im Schuhhandel bewegt sich meist zwischen 550 und 800 € für ein Paar Schuhe. Alden liegt momentan bei rund 700, Allen Edmonds bei 600, Dinkelacker und Ludwig Reiter, soviel ich weiß bei 700-750. Bei John Lobb bewegen wir uns wahrscheinlich im unteren 4-stelligen Bereich, bei Lattanzi erst Recht. Wenn Sie also ein Paar Schuhe von Alden sehen, das 450 € neu gekostet hat, wissen Sie, dass es sich nicht um ein Paar aus Pferdeleder handeln kann. Auch vor 20 Jahren haben Pferdelederschuhe schon über 1000 DM gekostet.
Ich hoffe, den ein oder anderen vor einer bösen Überraschung bewahren zu können und wünsche

Viel Spaß beim Bieten

falkenator
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