DSLR: Crop-Faktor oder Vollformat?

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Die Definition der "Profi-Klasse" ist relativ


Immer noch versuchen die einschlägigen Großserienhersteller hartnäckig, der geneigten Kundschaft einzureden, die sogenannte Profi-Klasse fange erst beim Vollformat an.
Dieses Klischée ist vollkommen haltlos und wird auch durch die Geräte-Evolution widerlegt.
Zum Beispiel verfügte die erste State-of-the-Art-Canon 1D über einen 4,4-Megapixel-1,3er Crop-Sensor und schaffte 2,5 Bilder pro Sekunde bei maximal 3200 ASA. Wow.
Gemessen an den meisten klassischen Kriterien kommt man mit heutigen, modernen Crop-DSLRs also wesentlich weiter, noch dazu durch die kürzeren Auslöseverzögerungen und viel schnelleren Fokussiergerschwindigkeiten.
Doch was bedeutet dies nun für die Umsetzung professioneller Ansprüche?
Das hängt von den eigenen, individuellen Einsatzschwerpunkten ab.

Vorteil Vollformatsensor:

Wer z.B. häufig nachts bzw. bei sehr widrigen Lichtbedingungen fotografiert, ist tatsächlich mit einem Vollformatsensor zumeist besser aufgestellt, weil auch im hohen ISO-Bereich jenseits von 6400 ASA bei kurzen Verschlusszeiten rauschfreie und kontrastreiche Ergebnisse möglich sind, knackscharf und ohne Stativ. Hier ist die besagte Ur-1D übrigens tatsächlich immer noch exzellent, weil den vergleichsweise geringen 3200 ASA zwar wenige, aber dafür deutlich größere Pixel gegenüberstehen, die mehr Licht aufnehmen können.
In diesem Bereich werden Vollformatsensoren zwangsläufig stets mehr zu bieten haben, solange sie nicht mit zu vielen und damit zu kleinen Pixeln überfrachtet werden.
Bei guten bis sehr guten Lichtbedingungen reduziert sich dieser Vorteil im direkten Praxisvergleich jedoch auf den Unterschied, beispielsweise den ultraschnellen Flügelschlägen eines Kolibris mit nochmals ultrakürzeren Auslösezeiten im hohen ISO-Bereich bei mittlerer Blende rauschfrei begegnen zu können, was ja gottlob recht selten nötig ist.
Tagsüber kann der Vollformatsensor seinen Vorteil also kaum ausspielen, wie ich im direkten Vergleich zwischen EOS 6D und EOS 60D immer wieder feststelle. Deutlicher kommt es hier unabhängig vom Format auf die Güte der verwendeten Objektive an.

Vorteil Crop-Sensor:

Wer allerdings gern und häufig in den hohen Brennweiten fotografiert, ist quasi pauschal mit einer hochwertigen Crop-Kamera eindeutig besser aufgestellt. Dabei empfiehlt sich z.B. die Verwendung von Standard-Zoom-Objektiven für das Vollformat, wie z.B. einer 70-300mm-Linse, denn durch den 1,6er Crop-Faktor verlängert sich die Brennweite auf dann maximal 480mm, was einen gigantischen Mehrwet bietet.
Aber nicht nur das: Der kleinere Crop-Sensor bildet dann nur den inneren, höherwertigen Bildausschnitt der Linse ab; keine Vignettierung, weniger Randunschärfen, weniger Verzerrung durch Kissen- oder Tonneneffekte bei gleichzeitig vergleichsweise höherer Lichtstärke, relativ zur größeren  Brennweite.
Wer bietet denn im Gegenzug für das Vollformat ein kurzes und leichtes, (fast) 500mm-Zoom mit Bildstabilisator und einer Lichtstärke von ca 1:4-5,6 für ca 450,00 Euro mit diesen Eigenschaften an? Niemand.
Oder wer stellt eine 135mm Festbrennweite mit Lichtstärke 1:1,4 her?
Ebenfalls niemand, aber bei Verwendung eines 85mm-1:1,4-Objektivs an einer Crop-Kamera kommt man auf diesen fantastischen Wert.
Bei der Verwendung von Vollformat-Objektiven an Crop-Kameras kann man sich Vorteile zu eigen machen, die es für das Vollformat so nicht gibt, oder für die man richtig tief in die Tasche greifen müsste.
Dieses Prinzip gilt vollkommen unabhängig vom Hersteller, egal ob Nikon, Canon oder Sony.
Objektive, die für das Crop-Format produziert werden, sind bei vergleichbarer Brennweite und Lichtstärke im Allgemeinen kleiner, leichter und günstger als Vollformatobjektive.

Fazit:

So gesehen überwiegen meistens die Vorteile der Crop-Kameras bzgl der Alltagstauglichkeit, vor allem, wenn man sie mit Vollformatobjektiven für die höheren Brennweiten kombiniert, denn diese bilden ganz überwiegend an Crop-Sensoren deutlich besser ab. Damit lassen sich optisch absolut professionelle Ergebnisse leichter und teilweise erheblich günstiger erzielen als mit Vollformatkameras.

Demgegenüber kann vor allem nachts bzw. im sehr hohen ISO-Bereich der Vollformat-Sensor eindeutig seine Überlegenheit ausspielen, ermöglicht mehr Flexibilität, auch wenn das für die meisten "normalen" Motivsituationen nicht relevant ist. Von einer generell besseren Abbildungsqualität kann jedoch keine Rede sein.

Der Königsweg:

Die eierlegende Wollmilchsau gibt es auch im Bereich der Fotografie nicht, weswegen es sich am ehesten für Fortgeschrittene lohnt, mit beiden Sensorformaten systemkompatibel unterwegs zu sein, um die jeweiligen Vorteile voll nutzen zu können, ohne die Nachteile in Kauf nehmen zu müssen.
Ein erprobtes, effizientes Mindest-Setup mit einer durchgängigen Brennweitenabdeckung von 16-480mm könnte dabei z.B. folgender Maßen aussehen:

- Vollformat-Gehäuse mit Ultraweitwinkelzoom 16-35mm
- Crop-Format-Gehäuse mit Standardzoom 24-70mm entsprechend 38-112mm
+ Telezoom 70-300mm, ebenfalls beliebig anschließbar, aber optimal an der Crop-Kamera entsprechend 112-480mm.

Dazu sollten ausschließlich bildstabilisierte Objektive verwendet werden, es sei denn, die Stabilisierung findet wie bei Sony im Gehäuse statt.
Mehr als 2 Gehäuse und 3 Objektive braucht es allerdings nicht unbedingt, um universell und quasi-professionell aufgestellt zu sein.
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