Computer-Kollaps - über Wirren mit Viren und Würmern 2

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Teil 2...

Ein offenes Toilettenfenster brachte den Großcomputer der Stuttgarter Allianz beinahe zu Fall. Dasselbe hatte ein duftbewußter Mitarbeiter übers Wochenende vergessen, die kapitalen Regenfälle in der Nacht von Samstag auf Sonntag fanden denn auch ungehindert den Weg zum Rechenzentrum und verhalfen dem Montags anrückenden Personal zu einem gewaltigen Schrecken und glücklicherweise nur zu nassen Füßen. Die Haupt-Stromversorgung war kaum noch drei Millimeter vom Wasserspiegel entfernt. Seitdem rechnet parallel zum Stuttgarter Computer ein identischer Allianz-Zwillingsrechner in Hamburg.

Die empfindlichsten Teile der EDV-Anlage aber sind die Festplatten, leistungsfähige Speichersysteme, die Millionen Einzelinformationen blitzschnell aufnehmen können und genauso schnell wieder abgeben. Doch dieser Vorzug im Vergleich zu langsameren und wesentlich weniger aufnahmefähigen Disketten wird teuer erkauft. Im Inneren einer Festplatte rotieren „fest installiert" eine oder mehrere dünne Scheiben, die mit magnetisierbarem Material beschichtet sind. Um Information aufzubringen, fährt ein winziger Kopf bis auf wenige Hunderstel Millimeter an die Platte heran und magnetisiert, wie beim Tonbandgerät, einen bestimmten Teil mit genau berechneter Stärke. Eine Erschütterung bei diesem sensiblen Vorgang, eine Unregelmäßigkeit im Lauf der Platte genügt und es kommt zum gefürchteten „Headcrash", dem Verlust aller auf der Platte gespeicherten Daten.

Der kommt irgendwann auf jeden Fall - bei sämtlichen Festplatten! Wenn nämlich die unvermeidbare mechanische Alterung das Lager der rotierenden Platten so ausgeschlagen hat, daß die Unwucht zwangsläufig zum Crash führt. Wohl dem, der regelmäßig einen „Backup", also eine Datensicherung auf andere Datenträger wie Disketten oder Datenbänder vorgenommen hat. Doch das ist eben zusätzlicher Aufwand und wird gerade bei intensiver Computer-Nutzung gerne übersehen.

Dem Totalausfall eines Computers stellt die IBM Deutschland ab Mitte 1988 fahrbare Abhilfe entgegen: mobile Rechenzentren. In zwei tonnenschweren Aufliegern ist ein komplettes EDV-System mit Stromversorgung untergebracht. Im Katastrophenfall genügt ein Telefonanruf und die Rettungs-Computer wird in Marsch gesetzt, Bedienungspersonal muß allerdings vom Kunden gestellt werden. Und ganz billig ist die Sache nicht: 6700 Mark pro Monat kostet allein die Bereitstellung, der theoretische Anspruch. Wenn tatsächlich ausgerückt werden muß, erhöht sich der Monatsmietpreis auf über 100.000 Mark, Tagesabrechnung wird vorausgesetzt. Wer den Schaden hat, braucht sich um Kosten nicht zu sorgen.

Die Daten dieses Artikels, zufälligerweise nur des ersten Teils, befanden sich auf einer solchen Festplatte mit insgesamt 40 Millionen Bytes Speicherplatz. Das Ende kam ebenso schlagartig wie unerwartet: ein kurzes, hartes Rattern beim Einschalten, danach nichts mehr. Aus und vorbei, bedauerte der Hersteller, der die verlorenen Daten natürlich nicht mehr wiederbeleben konnte. Aber auch das hatte Vorteile: seitdem wird penibel tagtäglich gesichert...

Wem die aufwendige Redundanz-Methode, wertvolle Daten und Programme vor Crashs zu bewahren, zu teuer ist, kann es mittlerweile mit Ausweich-Rechenzentren versuchen. So zahlen die 60 Kunden der Infogesellschaft für Informationssysteme, vornehmlich Banken, Versicherungen und Industrieunternehmen, zwischen 3.000 bis über 100.000 Mark monatlich für das sichere Gefühl, daß nach dem Crash ein Anruf genügt und die im auswärtigen Info-Rechner gespeicherten Daten wieder auf dem Bildschirm erscheinen. Das bringt den zusätzlichen Vorteil, daß es auch nach einem Brand, einer Zerstörung des Gebäudes, in dem die Rechenanlage untergebracht ist, noch weitergeht. Gegen einen solchen Schadensfall hilft nämlich auch der beste doppelte oder dreifache Computer nicht.

Oft ist auch gar nicht die Hardware, also die Elektronik für den Ausfall des Computers verantwortlich: die Software, das Programm für den Computer hat häufig Mängel, die nach Jahren zur Katastrophe führen können.

Fast wäre es letztes Jahr eine endgültige geworden. Da entdeckten Programmierer des Pentagon in der Programmiersprache, also der wichtigsten Softwaregrundlage des US-Verteidigungsministeriums schwere Fehler. Mit dieser Computersprache waren auch die Programme der Computer verfaßt, die Atomraketen abschießen und steuern.

Der Großversender Quelle in Fürth traut selbst den eigenen Datenlagern nicht. Jeden Abend werden die aktuellen Tagesdaten auf Tochterbänder kopiert und in auswärtige Datentresore geschafft.

Sicher ist sicher. Oder etwa nicht? Zwar liefern Spezialfirmen alle nur denkbaren Ausführungen von feuersicheren Panzerschränken für ein paar Disketten bis zu kompletten Panzerräumen für ganze Anlagen, doch gegen die jüngste Gefahr für alle EDV-Anlagen, vom Heimcomputer bis zum Großrechner, hilft auch die dickste Stahlplatte nichts:

Computerviren.

Selten hat eine Sprachschöpfung so exakt den Punkt getroffen. Computerviren sind heimtückisch, nahezu unheilbar, pflanzen sich atemberaubend schnell fort und verändern sich ständig - wie eine ansteckende Krankheit. Entstanden sind sie aus der wenig ehrenvollen Idee einiger Programmierer, mit dem eigenen Wissen doch etwas mehr als erlaubt Geld zu scheffeln. Der Trick ist simpel: in ein Computerprogramm wird eine kleine, unauffällige Befehlsgruppe eingearbeitet. Die veranlaßt den Rechner dann beispielsweise, bei jedem Abfrage einer bestimmten Information eins hochzuzählen. Oder ein bestimmtes Datum abzuwarten, meist drei, vier Wochen nach dem Ausscheiden des unzufriedenen Programmierers. Die meisten Varianten sind unbekannt, da die betroffenen Firmen um ihren guten Ruf fürchten, führen aber immer zu einem kapitalen Crash: der Computer zerstört sich selbst. Der mitleidige, zufällige Anruf des Programmierers, gegen Bares den Schaden zu beseitigen, zählt zu den realen Alpträumen einiger Firmenchefs. Die gefährlichste Abart dieser kriminellen Killer-Software sind die Computerviren. Denn sie vermehren sich unkontrolliert selbst, übertragen sich durch einmal eingegebene Routinen auf sämtliche eingeschobenen Disketten, alle Programme, die mit dem „infizierten" Rechner in Kontakt kommen. Über Datennetze, die um die ganze Welt reichen, dringen sie in Großcomputer ein, die Kopierwut der Heimcomputer-Freaks läßt ihre Zahl geradezu explodieren. Da gibt es noch relativ zahme Formen, die sich mit einem freundlichen Hinweis melden und beispielsweise dem verdutzten AMIGA-Besitzer weismachen wollen, daß sein Computer jetzt Eigenleben entwickelt hätte. Doch es verbreiten sich auch Killer-Programme, die gewissenlose Software-Gangster verfaßt und in Umlauf gebracht haben. Sie verändern und überscheiben jede Software so, daß der Computer nach den ersten gelesenen Bytes abstürzt.

Noch schlimmer verfährt zumindest ein Virus, der bisher nur in USA gesichtet wurde: er schaltet die Ausgänge einiger empfindlicher Chips gnadenlos kurz und verursacht damit irreparable Schäden am Computer selbst.

Falls diese Schäden nicht schon in den Chips, den wichtigsten Bauteilen jedes Computers stecken. „Das Problem der Zukunft ist die Fehlersuche", fürchtet Dr. Markus Zügel, der für den Bereich Halbleiter im IBM-Werk Sindelfingen verantwortlich zeichnet. „Das ist wie die Suche nach der Erbse auf einem Fußballfeld. Obwohl wir mit jedem Chip über 300 Millionen Tests in knapp einer Minute veranstalten."

Daß immer wieder eine Speicherzelle auf der Strecke bleibt, läßt sich nicht verhindern. Also werden in jeden Chip von vornherein "überflüssige" oder redundante Zellen eingebaut, die nach der Fertigung bei Bedarf aktiviert werden und defekte Artgenossen ersetzen. Im 4 Megabit-Chip warten 96.000 Stück auf der Ersatzbank.

Trotzdem landen zwei von vier hochintegrierten Chips im Mülleimer. „Reparieren" bedeutet, eine Stecknadel im Ameisenhaufen mit dem Schaufellader zu suchen. Es gibt keine Garantie, daß winzigste Defekte nicht irgendwann zutage treten, den Computer damit von innen killen. Sicher ist nur eines: wer mit Computern arbeitet, muß damit rechnen, daß sie ihn eines Tages im Stich lassen. Einige Unternehmen haben daraus schon endgültige Schlüsse gezogen - statt Computern stehen jetzt wieder altbewährte Zettelkästen auf den Schreibtischen.

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