Alte BMW-Motorräder, Baureihe /5, ab Bj. 1969

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Hallo Leute,

die überraschend positive Resonanz ( Vielen Dank für die positiven Bewertungen meiner persönlichen Erfahrungen! ) auf meinen Ratgeber "Alte BMW-Gespanne, Nachbauten..." und die immer wiederkehrenden Auktionsangebote mehr origineller als originaler BMW´s ( ob da die pure Unkenntnis der Anbieter durchkommt oder Halbprofis versuchen, mit der sprichwörtlichen Zuverlässigkeit und Werthaltigkeit dieser Motorräder den flotten Euro zu machen, mag jeder entscheiden, wenn er den Leuten begegnet ), haben mich veranlasst, ein paar grundlegende Erfahrungen und Fakten, die ich mir in 20 Jahren intensiver Fahr- und Schraubtätigkeit erarbeitet habe, an dieser Stelle zu veröffentlichen.

Ich wende mich hier ausdrücklich an Neueinsteiger, die sich noch nicht in der Welt von BMW auskennen, um eben diesen Neueinstieg zu erleichtern. Um eine angebotene BMW besser beurteilen zu können. Um manche Entäuschungen und umsonst gefahrene Kilometer und letztlich Geld sparen zu helfen. Und um vielleicht die eine oder andere Freundschaft fürs Leben zwischen einer tollen BMW und einem interessierten Menschen zu ermöglichen. Eine BMW ab "/5" kann heute mit vertretbarem Aufwand ( Ersatzteile bei BMW an der Theke, die Abteilung "mobile Tradition" macht´s möglich ) alltagstauglich gehalten werden. Mit den 50 PS einer 75/5 kann man auf der Landstrasse recht zügig unterwegs sein, die beiden anderen Modelle lassen´s etwas gemütlicher angehen. Die niedrige Schwerpunktlage macht die alten Boxer viel leichter zu fahren, als man meinen sollte ( meine Freundin mit knapp 1,60 m Grösse bewegt ihre "75" mit herzerfrischender Leichtigkeit ). Ich masse mir nicht an "alte Hasen" belehren zu wollen, obwohl vielleicht das eine oder andere interessante Detail auch diesen unbekannt sein könnte. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit, kann nicht für meine Angaben garantieren und nicht für das haften, was Ihr daraus macht. Für Anregungen und die Vervollständigung meines Wissens bin ich stets dankbar.

Also hinein in die Fakten: Die Baureihe bestand aus drei Boxermodellen mit Kardanantrieb, R 50/5, R 60/5 ( beide mit BING-Schiebervergaser ) und R 75/5 ( BING-Gleichdruckvergaser ).  Allen von aussen sichtbar gemeinsam sind die charakteristische Lampe, die das Tacho-Drehzahlmesser-Kombiinstrument mit Kontrolleuchten für Öldruck, Ladekontrolle, Leerlauf und Fernlicht, das Zündschloss und die separate Blinkerkontrollleuchte ( sehr frühe Modelle haben keine Blinkerkontrolle! ) enthält, Speichenräder mit Trommelbremsen vorne und hinten, ( Schlauch- ) Reifengrössen 3.25x19 vo., 4.00x18 hi., Aluminiumblinker, Gfk-Kotflügel vorne und hinten und ein Vierganggetriebe mit geradem Kickstarter. Es gab sie hierzulande in den Farben schwarz und rot ( weisse handgezogene Zierlinien ), weiss ( Linien schwarz ), silbermetallic ( schwarze oder blaue L. ), blau- und grünmetallic ( weisse L. ) sowie currygoldmetallic ( schwarze L. ). Der Rahmen und die Anbauteile waren schwarz ( Ausnahme manche Behördenfahrzeuge mit weissen Rahmen und Anbauteilen ). Lackiert und umlaufend doppelt liniert waren der runde, etwas bucklige 22-ltr-Tank mit den Kniepads aus Gummi, sowie Kotflügel vorne und hinten. Die Tankembleme waren emailliert und verschraubt. Die 12-Volt-Elektrik wurde über den Zündschlüssel und zwei Kombischalter rechts und links am Lenker bedient. Rechts Anlasser ( sofern vorhanden ) und Blinker, links Hupe, Fernlicht und Lichthupe ( die, wie beim Auto, auch im Stand und ohne gesteckten Zündschlüssel funktioniert ). Lenkschloss und Sitzbankschloss ( und, wenn vorhanden, Tankschloss ) schlossen mit dem gleichen Schlüssel. Haupt- und Seitenständer waren serienmässig vorhanden, ebenfalls das reichliche Bordwerkzeug, ( in einer Kunststoffschale unter der Sitzbank ) und eine Luftpumpe ( unter der Bank am Heckrahmen ). Die Standrohre der Gabel waren mit Faltenbälgen geschützt, die Zylinderkopfdeckel waren rund und die Auspuffrohre ( 2in2 ) endeten schlank-zigarrenförmig. Der Tankdeckel war aufgesetzt und hat ein Scharnier, ist also eher eine Tankklappe ( ganz früh lag das Scharnier vorne, später hinten ). Die heute seltene Originalhupe, ein Mordsding mit verchromtem Gitter sitzt vorne unter dem Lenkkopf. Die Federn der verstellbaren Hinterraddämpfer sind mit Aluhülsen teilweise abgedeckt. Wenn Rahmen und Motor noch original zusammengehören, sind Rahmennummer ( oben am Lenkkopf ) und Motornummer ( oberhalb der Peilstaböffnung am Motor, endet mit BMW-Emblem ) identisch. Hiermit enden die von aussen sichtbaren Gemeinsamkeiten. Wenn eine BMW mit all diesen Einzelheiten aufwarten kann ist sie entweder eine echte "/5" oder es hat sich jemand wirklich sehr grosse Mühe gegeben, diesen Eindruck zu erwecken.

Jetzt kommen die Details, denn während der Bauzeit betrieb BMW Modellpflege, stellte Zubehör her, es gab Exportmodelle und -zubehör, fremde Zubehörhersteller stürzten sich auf die Baureihe, das Ganze ist bald 40 Jahre her und vieles, was von nachfolgenden Baureihen stammt, passt, hat aber mit "/5" nichts zu tun. Die grösste und sichtbarste Änderung war die Verlängerung des Radstandes, weswegen man von "Kurzschwingen" und "Langschwingen" spricht. Man versuchte so, Fahrwerksunruhen in den Griff zu kriegen, die gelegentlich aufgetreten waren. Wenn man zwischen die  recht flache Originalbatterie und den hinteren Kotflügel kaum die Hand bekommt, hat man es mit einer der älteren Kurzschwingen zu tun, ist da reichlich Platz, ist es eine Langschwinge. Weiterhin gab es von BMW Normal- ( lange Spiegelarme ) oder Tourenlenker ( kurze Spiegelarme ), Gepäckständer, Kofferhalter und Lederpacktaschen ( mit Plastiküberziehern ), H4-Beleuchtung. Einzelsitzbank und Tank mit eingebautem Fach waren nicht nur den Behörden vorbehalten ( konnte der Privatmann ordern ). Einen 17-ltr-Tank ( hierzulande eher selten, die BMW-Fahrer wollten Reichweite ) gab es mit Chromblende ( wird mittels Laschen am Tank angebracht und mit dem BMW-Emblem verschraubt )und ohne Linierung, anfangs nur für den Export nach USA oder mit schlanken Gummipads für die Knie und Linierung für hier, verchromte Seitendeckel ( erst Export ), Toaster genannt verdeckten die "Langschwingenlücke" zwischen Batterie und hinterem Kotflügel. Damit hatte es sich dann aber auch schon. Alles andere ist vorsichtig daraufhin zu beurteilen, ob es authentisch ist. Wenn BMW draufsteht, ist es meist von späteren Baureihen, wenn nicht, wird die Beurteilung schwierig, denn 

Zubehör wurde von einigen Herstellern geliefert, und nicht alle haben es in die Geschichtsbücher geschafft, die wenigsten existieren noch. Da gab es die rahmenfeste Gläser-Tourenvollverkleidung ( hauptsächlich Behörde, ein Riesentrumm, hinter dem man prima sitzt, was aber das Rangieren sehr erschwert ), die lenkerfeste Heinrich-Tourenverkleidung ( in Kombination mit den passenden Beinschildern ein Top-Wetterschutz, kriegt man heute noch bei Jeckel in Idstein ), die rahmenfesten Rennverkleidungen von Habermann und Scherb ( KnoScher gibt´s noch ), M-Lenker von Magura, ich habe sogar eine zeitgenössische 2in1-Auspuffanlage mit Briefeintrag an einer 75/5-Kurzschwinge. Hier lohnt es sich, nachzuschauen, wann die entsprechenden Umbauten eingetragen wurden. Gibt es keine Einträge oder Papiere, kann der TÜV sich stur stellen, die lassen lange nicht alles durchgehen, nur weil´s alt ist und an einer BMW hängt.  

Bietet nicht ohne Besichtigung und Probefahrt! Nehmt jemanden mit, der sich auskennt und bitte:

Kauft als Einsteiger nichts in Teilen und nichts, was nicht fährt! Ihr werdet unglücklich!

Zur Besichtigung fahrt möglichst bei Tageslicht. Arbeitet die Liste auf Originaltreue ab. Schaut Euch die Papiere an. Geht der Lenker frei oder gibt es Rastpunkte? Ist der Lenkanschlag am Rahmen verbogen oder gar abgebrochen? Radlagerspiel? Um wieviel kann man das Hinterrad bei eingelegtem Gang drehen ( je mehr, desto verschlissener ist wahrscheinlich die Mitnehmerverzahnung )?  Schwingenlagerspiel? Holt sie aus der Garage ( gibt das Getriebe beim Schieben Geräusche von sich? Lagerschaden? ) und peilt aus der Entfernung über Hinterrad und geradegestelltes Vorderrad, fluchten die ( man kann auch eine 2-m-Wasserwaage anlegen und wird manche Überraschung erleben )? Steht der hintere Kotflügel mittig über dem Hinterreifen? Wenn nicht, kontrolliere man den Kotflügel ( eingerissen in der Verschraubung ?) oder den Heckrahmen ( verträgt nicht viel mehr als ein Campingstuhl und verzieht sich mitunter schon bei einem unglücklichen Rangierumfaller, muss kein Indiz für einen Unfall sein, kann aber ). Die meisten "/5" sind übrigens zu kurz und etwas krumm im Rücken, da der Hauptrahmen hier zu schwach ( wurde ab "/6" verstärkt ) ist. Wenn die Knotenbleche am Lenkkopf gerade sind, muss da kein Unfall dahinterstecken. Solange die Räder fluchten ist das auch nicht weiter schlimm. Ist der Motor auch kalt vor dem Start ( anfassen!)? Sind Öllachen/flecken, wo die BMW stand? Etwas Ölnebel an den Zylinderfüssen ist normal. Späht mit einer Taschenlampe auf die Gegend unter dem Getriebe. Steht da Öl auf dem Dach der Ölwanne und schwitzt Öl aus der senkrechten Naht  ( ist die Naht trocken, könnte das Öl aus dem Leerlaufschalter des Getriebes kommen ) zwischen Motor und Getriebe, ist wahrscheinlich der hintere Wellendichtring der Kubelwelle undicht, die Kupplung verölt dann und verabschiedet sich aus dem Kraftübertragungsgeschäft. Funktionieren alle Lampen, Kontrollampen, Blinker, Bremslicht? Reflektor im Scheinwerfer angelaufen? Sind die Gummiteile o. k. ( Faltenbalg über Kardankreuzgelenk ! )? Springt die BMW flott an oder gibt´s Georgel auf dem Anlasser? Starthilfe nötig? Eine heftige blaue Rauchwolke ist anfangs normal, anhaltendes Blau aus dem Auspuff zeigt verbrennendes Öl an ( Ölabstreifringe, Kolben, Ventilführungen verschlissen ). Gehen nach dem Anspringen Ladekontrolle und Öldruckkontrolle aus und bleiben sie aus? Sagt der Drehzahlmesser was, oder ist seine Nadel durch Sonneneinstrahlung so verzogen, dass sie hängt? Tachonadel? Die rote Ladekontrolle darf bei niedriger Standdrehzahl schon mal leuchten, glimmt sie bei höheren Drehzahlen beginnt bald die Suche nach dem Grund für die stets schlappe Batterie. Die gelbe Öldrucklampe wollen wir nie sehen, wenn der Motor läuft, ein Gleitlagermotor lebt vom und stirbt ohne Öldruck! Wenn die BMW läuft, genau hinhören: ein metallisches, schnelles Rasseln weit vorne wird von der Steuerkette verursacht, die am Motorgehäuse nagt und ausgetauscht werden muss. Das hört mit wärmerwerdendem Motor nicht auf. Der kalt etwas laute Ventiltrieb sollte sich beruhigen. Ein anhaltendes Poltern aus der Tiefe, lässt einen Lagerdefekt an der Kurbelwelle vermuten. Wenn die Kupplung gezogen wird, sollte sich die Drehzahl nicht deutlich ändern. Günstigstenfalls hat dann das Kupplungsdrucklager ein Problem, es kann aber auch eine nicht mehr richtig ausdistanzierte ( Lagerverschleiss ) Kurbelwelle sein. Ein leises "Schaggern" aus dem Getriebe ist im Leerlauf noch eher normal, es verschwindet oft, wenn die Kupplung gezogen wird.

Bei der Probefahrt sollte sich die BMW wie ein anständiges Motorrad verhalten. Der Neuling sei auf die Lastwechselreaktion des Kardan hingewiesen, die macht sich beim plötzlichen Gaswegnehmen unangenehm bemerkbar, besonders, wenn die Federelemente nicht mehr die jüngsten sind. In der Kurve geht die Fuhre dann auf der Hinterhand in die Knie, also Vorsicht! Ein weiteres Detail ist die Duplex-Trommelbremse vorne. Sie zieht sich zu, arbeitet eher mit exponentieller als mit linearer Wirkung, will heissen: erst kommt nicht so viel und dann ganz schnell etwas zuviel. Wenn man eine hydraulische Scheibenbremse gewöhnt ist, ist das dann überraschend.

Soviel für heute zum Thema, ich hoffe, ich konnte Euch ein paar Tips zur ersten Beurteilung einer BMW /5 und der Angaben, die manchmal darüber gemacht werden, an die Hand geben. Glück beim Bieten, Glück beim Kauf und allzeit gute Fahrt wünscht

Dietrich E. "Doc Holliday" Wolf

P.S.: Sollten neue Erkenntnisse auftauchen, werde ich den Ratgeber ergänzen.

 

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