Achtung Sonderapparat - vier Telefone an einer Leitung

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Ratgeber vier Telefone an einer Leitung

Version 1.0 (19. 01. 2007)

In ebay finden sich ständig Angebote eines Telefonapparates, vor dem Heimwerker leider ein bißchen gewarnt werden müssen: Die Fernsprechapparate 85, 89, 96 und 97(a) der damaligen Deutschen Bundespost Telekom sind ein Wolf im Schafspelz. Entsprechend ihrer besonderen Funktion ist ihre Verkabelung kaum für Heimwerker geeignet, sie sehen jedoch Standardapparaten täuschend ähnlich. Desweiteren beschäftigt sich dieser Ratgeber mit Alternativen zum Betrieb mehrerer Telekommunikationsendgeräte an einer Leitung.

Der Wolf im Schafspelz

Etwa von 1983 bis 1990 vertrieb die damalige Deutsche Bundespost Telekom ein sogenanntes „Telefon-Bequem-System". Dabei handelt es sich im Prinzip um eine in das Gehäuse eines Standardtelefons integrierte Telefonanlage für bis zu vier Telefone an einer Amtsleitung, allerdings in Abweichung von klassischen Familientelefonanlagen ohne die Möglichkeit von Interngesprächen. Die regelmäßig bei ebay auftauchenden Hauptapparate dieses Systems werden häufig unwissend von Verkäufern wie Bietern für Standardapparate gehalten, da sie diesen täuschend ähnlich sehen. Ihre einschließlich des benötigten Netzteils insgesamt 16adrige Installation zwischen Anschlußdose und Apparat der ersten Sprechstelle erfordert jedoch den versierten Fachmann.

In der ersten Version tragen diese Apparate hinter „Telefon" bzw. „FeTAp" die Typenbezeichnungen 85 (mit Tastwahlblock) bzw. 89 (mit „Wählscheibe"). Dank der im ersten Sprechapparat integrierten Technik ist es möglich, ankommende wie abgehende Gespräche an die Sprechstellen 2, 3 oder 4 weiterzugeben. Bei abgehenden Verbindungen muß dabei zwischen der Wahl der letzten Ziffer der gewählten Externrufnummer und dem internen Weitergeben eine Zwischenzeit von 30 Sekunden liegen, um die beiden Wahlvorgänge logisch voneinander abzugrenzen. Eine Internverbindung ist auch in der Verbindephase nicht möglich, der Weitergebende erfährt lediglich über die von der Vermittlungsstelle gewohnten Hörtöne (Frei- bzw. Besetztzeichen), ob sein Versuch erfolgreich war. Die Sprechstellen 2, 3 und 4 werden durch Wahl der entsprechenden Ziffern erreicht, die erste Sprechstelle über die Ziffer 5. Ein Zurückholen der Amtsverbindung aus dem Weitergabeversuch geschieht durch Wahl der Ziffer 0. Im Grundausbau waren nur die Sprechstellen 1 bis 3 vorgesehen, als Option konnten Zusatzgeräte wie z. B. Gebührenanzeiger oder mittels im ersten Apparat einzusteckendem Erweiterungsmodul eine vierte Sprechstelle angeschlossen werden. Die Spannungsversorgung über ein externes Netzteil (vulgo „Trafo") konnte wahlweise im ersten Sprechapparat oder seiner Anschlußdose in das System eingespeist werden. Als zweite bis vierte Sprechstelle waren beliebige Apparate möglich, die wegen der fehlenden Möglichkeit der Internverbindung keine Erdtaste benötigten. Häufig verwendete man an dieser Stelle Standardapparate der Typen 751 bzw. 791 (also just jene, denen die technisch aufwendigen ersten Sprechapparate 85 bzw. 89 äußerlich so verdammt ähnlich sehen).

In einer späteren Version heißen die Apparate dann 97 bzw. 97a (anstelle 85, mit Tastwahlblock) bzw. 96 (anstelle 89, mit „Wählscheibe"). Statt bisher per Wecker („Klingel") signalisieren sie Anrufe per Tonruf. Ihre Funktion ist gegenüber der obigen Beschreibung um zusätzliche Leistungsmerkmale erweitert worden. Es handelt sich dabei um die Leistungsmerkmale „Coderuf" und „Weitergeben besonderer Art". Dabei bedeutet „Coderuf", daß man zusätzlich zum gezielten Weitergeben an eine bestimmte Sprechstelle mittels deren „Nebenstellennummer" auch die Möglichkeit bekam, alle Sprechstellen gleichzeitig in bestimmten Rufrhythmen anzusprechen. Dazu wählte man nach der Ziffer 6 die Ziffer des gewünschten Rufrhythmus. Die derart per „Morsezeichen" gesuchte Person konnte dann am nächsterreichbaren Apparat abheben. Das „Weitergeben besonderer Art" bedeutete, daß man nach dem Einleiten der Weitergabe (gezielt oder per Coderuf) direkt auflegen konnte, ohne die Übernahme abzuwarten. War der Vermittlungsversuch nicht erfolgreich, konnte die Verbindung innerhalb von 45 Sekunden zurückgeholt werden (danach wurde sie andernfalls getrennt). Wegen des Leistungsmerkmales „Coderuf" läßt sich der Tastwahlblock 75 des FeTAp 97 / 97a leider nicht gegen einen MFV-fähigen TwB71 austauschen. Daher wählen die Apparate in „Telefon-Bequem-Systemen" stets nach dem Impulswahlverfahren (IWV).

Das „Telefon-Bequem-System" bestand immer aus einem speziellen ersten Sprechapparat und Standardapparaten als weiteren Sprechstellen. Anrufbeantworter waren dabei integrierbar (als Zusatzgerät im Sinne der typischen Installation oder über eine Anschlußdose TAE NF oder NFN an einer der weiteren Sprechstellen). An den weiteren Sprechstellen konnten auch Design- oder Komfortapparate verwendet werden. Gleiches gilt für Btx- oder Telefaxgeräte, die jedoch bei der Konzeption des Systems nicht ausdrücklich vorgesehen waren.

Die Fernsprechapparate 85/97/97a sowie 89/96 gab es in den Farben beige, hellrotorange, dunkelrot und farngrün. An mehreren Stellen im Internet ist auch die Rede von einem „Telefon 03", daß die oben beschriebene Funktionalität in der Variante für zwei Amtsleitungen gehabt haben soll. Wer hierzu erhellendes beitragen kann, gebe dem Autor bitte Bescheid.

Aktualität

In den 90er Jahren ist die Idee des „Telefon-Bequem-Systems" (mehrere Sprechstellen ohne klassische „Nebenstellenanlage" zu betreiben) nicht mehr weiter verfolgt worden. Im Juli 1990 fiel das bis dahin für Hauptanschlüsse gültige Apparatemonopol der damaligen Deutschen Bundespost Telekom. Bald darauf konnte Jedermann Telefonanlagen für eine Amtsleitung zu moderaten Preisen in Baumärkten erwerben und dank AAE* unter gewissen Umständen sogar selbst installieren. Mit dem Siegeszug des Telefaxgerätes ab 1992 wurde es dann zum Standard, von einer Telekommunikationsanlage eine Eignung für mehr als nur Telefone zu erwarten. Sowohl von Siemens als auch von FMN und DFG / matra gab es zwar Anfang der 90er Jahre noch einmal solche in einen Telefonapparat mit Standardgehäuse integrierten kleinen Telefonanlagen, die jedoch bereits Innenverbindungswege besaßen. Um 1996 erlebten diese Apparate nochmals eine Renaissance, diesmal als Euro-ISDN-Telefone mit integrierten a/b-Adaptern. Da letztendlich jede Installation individuell ist, gibt es für jedes System und seine Spezifika eine Nische. Wenngleich das „Telefon-Bequem-System" wohl nie wieder eine Marktrelevanz zu erwarten hat, bleibt es also doch für manchen Einzelfall die passendste Lösung. [*AAE = Allgemeine AnschalteErlaubnis]

Alternativen

Klassische Telefonanlagen mit Innenverbindungsweg werden in meinem ebay-Ratgeber „analoge Telefonanlagen" ausführlich behandelt, deswegen sei hier nur auf dem „Telefon-Bequem-System" näher verwandte Lösungen eingegangen. Hingewiesen sei jedoch noch auf die an besagter Stelle beschriebene „Familientelefonanlage", die ebenfalls auf Privathaushalte mit dem Wunsch nach mehreren Sprechstellen zielt.

Ein jüngeres, erst durch die weitere Miniaturisierung der Mikroelektronik (und ihrer Strombedarfe) möglich gewordenes Konzept als das „Telefon-Bequem-System" ist, den Anschluß mehrerer Sprechstellen an eine gemeinsame Leitung in einem automatischen Umschalter zu managen. Auch hierbei wird aus ökonomischen Gründen auf das Angebot eines Innenverbindungsweges verzichtet. Anstatt jedoch die vermittelnde Elektronik in einen Apparat zu integrieren (der dadurch spezialisiert und dazu gezwungen wird, elektrisch gesehen an einer bestimmten Stelle des Inhouse-Netzes installiert zu sein), packt man sie in ein Gehäuse im Format einer Anschlußdose; wobei diese zudem durch den Verzicht auf ein wegen des geringeren Strombedarfs nicht mehr benötigtes Netzteil geringere Anforderungen an ihren Installationsort stellt. Eine solche Technik erspart, eine der Sprechstellen vieladrig verkabeln zu müssen. Die Namen dieser Alternativen lauten „AWADo" (= automatische WechselAnschlußDose) bzw. „AMS (= automatischer MehrfachSchalter". Beide gibt es für zwei oder vier Endgeräte. Der Unterschied zwischen AWADo und AMS besteht darin, daß AMS´ mit rein zweiadriger Technik arbeiten (also keine Wechselader benötigen, dafür jedoch auch Erdadern außen vor lassen). AWADos setzen dagegen noch althergebrachte mehradrige Fernsprechanschluß-Installationen voraus. Für die nach dem Wegfall des Endgerätemonopols auf den Markt gekommenen Telekommunikationsendgeräte mit ihren vielfach nur zweiadrig belegten Steckern und ihren als Flash- anstatt Erdtasten ausgelegten Signaltasten sind AMS´ völlig ausreichend. Beiden Varianten ist gemein, daß sie die Leistungsmerkmale „Coderuf" und „Weitergabe besonderer Art" nicht bieten (können). Hier hat also das „Telefon-Bequem-System" mit den Apparaten 96, 97 oder 97a die Nase vorn. Die „Familientelefonanlage" (s. o.) sowie zeitgemäße kleine Telefonanlagen bieten dies jedoch auch.

Mit der zunehmenden Verbreitung des Telefaxgerätes kam eine Weiterentwicklung des AMS4 auf, die meist in Verbindung mit einer sogenannten „Telefaxweiche" den Innenverbindungsweg in die Welt der Kleinstgehäuse eingeführt hat. Solche Geräte kommen zumeist in Gestalt einer etwa dreifach breiten Aufputz-Anschlußdose daher und sind – da eigentlich schon kleine Telefonanlagen klassischer Art – ebenfalls in meinem ebay-Ratgeber „analoge Telefonanlagen" besprochen. Sie benötigen einen Anschluß an das Lichtstromnetz.

Copyright by Thies Joachim Hoffmann

Rückfragen und Verbesserungsvorschläge sind herzlich willkommen. Kontaktaufnahmen mit dem Autor sind jederzeit über die Funktion „mit dem Mitglied Kontakt aufnehmen" (ebay Member „telthies") möglich.

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