Spiralbohrer DIN 338 u. andere - Wieso? Weshalb? Warum?

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Hallo ebayer,

dieser Ratgeber möchte euch einige Informationen vermitteln, die als Entscheidungshilfe für den Kauf und den Einsatz von

  • Spiralbohrern DIN 338 u. ä.

dienen sollen, damit das von euch favorisierte Produkt, den ihm zugedachten Zweck auch ordentlich erfüllt. Keine Angst vor den vielen Informationen. Aber in diesem Werkzeug steckt mehr drin, als man gemeinhin vermutet.

Bei der Vielzahl von Angeboten ist es angebracht, einmal genauer hinzuschauen. Wobei ich einräume, dass man leicht den Überblick bei dem reichlichen Angebot der letztlich leider wenig verbliebenen Hersteller, der zunehmend wachsenden Zahl an Pseudo-Produzenten (u.a. Händler, die mit dem geschickten Versuch, eigene Marken zu kreieren und damit vom reinrassigen Import aus dem Land des Lächelns oder dem Land der Kinderarbeit ablenken und - hier bei ebay gesehen - dreist und frech der »Marke« noch das Label "Made in Germany" verpassen) und ehrbaren Händlern, verlieren kann.

Zunächst einmal möchte ich die angebotenen Werkstoffe erläutern. Eine Vielzahl der Angebote, die hier bei ebay eingestellt werden, versprechen Artikel aus HSS, HSS-PM oder HSSE (HSS-Co). Soviel vorweg: aus einem HSS-Stahl sollte euer Spiralbohrer schon sein.

Die Kurzbezeichnungen stehen für:

  • HSS = Hochleistungsschnellarbeitsstahl;
  • HSS-PM = HSS, der im Pulvermetallurgie-Verfahren hergestellt wurde;
  • HSSE = Kurzbezeichnung für kobaltlegierten (Legierungsbestandteil 5 oder 8%) Hochleistungsschnellarbeitsstahl. Auch diesen Stahl gibt es als PM-Variante.

Ferner findet man immer wieder Angebote aus SS-Stahl, WS-Stahl und »Spezialstahl«. (Der letzte Begriff zaubert mir immer ein Lächeln in mein erstauntes Gesicht: Was bitte ist Spezialstahl?)

Es ist noch gar nicht so lange her, da haben unsere Väter Metall noch mit Werkzeugen aus SS-(Schnellarbeitsstahl) oder WS-Stahl (Werkzeugstahl) bearbeitet. Die Ingenieurskunst hat mit der Zeit - was für eine grandiose Leistung - neue Werkstoffe - durch den Zusatz von bestimmten Legierungsbestandteilen - hervorgebracht. Eben die oben genannten Stähle. Man kann sicher sagen, dass SS-Stahl und WS-Stahl im Bereich der spannenden Werkzeuge schon lange nicht mehr Stand der Technik ist!

Somit konzentrieren wir uns auf den Stand der Technik ohne jedoch die geniale Erfindung des Spiralbohrers ansich in den Hintergrund treten zu lassen. Denn mal abgesehen vom Grundmaterial, aus dem das Werkzeug ist: - ein guter Spiralbohrer braucht mehr: er braucht die perfekte Geometrie. Das meint folgendes: ihr könnt den Spiralbohrer aus dem vielklingenden HSS-Co-Werkstoff mit der genialen 600% - leistungssteigernden TIN-Beschichtung in den Händen halten, den die werbenden Zeilen des Anbieters euch so wärmstens an Herz gelegt haben, ............ und das Ding schneidet, eingespannt in eure Ständerbohrmaschine, einfach nicht. Und dabei sollte das Ding doch soooooooooooo gut sein und günstig war es eben auch. Vielleicht eben drum.

Nur die Kombination von Material und Geometrie macht einen guten Spiralbohrer.

Wenn dieser theoretische Exkurs nicht von Interesse ist, dann möge man diesen Absatz überspringen. Einsetzen kann man z.B. nach der nächsten Kursivzeile!

Die Grundform der Schneidengeometrie am Bohrer ist der Keil. Durch das Einschleifen (Einfräsen oder auch Walzen) der Spannuten entstehen an der Spitze des Bohrers zwangsläufig die Vorstufe der Haupt- und Nebenschneiden. Noch aber schneidet das "Ding" natürlich nicht. Die Nutrichtung und die Bohrachse bilden aber schon den Drallwinkel. Dieser wiederum bestimmt die Größe des Spanwinkels an den Hauptschneiden. Der Winkel zwischen den Hauptschneiden ist der Spitzenwinkel (z.B. 118°). Dieser Spitzenwinkel beinflusst die Ablaufrichtung des Spanes und der Wärmeabfuhr. Darüberhinaus auch noch die Schnitt- und Vorschubkraft. Im Bereich des Bohrerkerns verbindet die Querschneide die beiden Hauptschneiden. Und diese ist oftmals das Übel, da in diesem Bereich kein Schneiden, sondern nur ein Quetschen stattfindet. Warum? ........ Es ist kein Keil da. Ganz einfach. Nun wird also schnell noch die Hauptschneide hinterschliffen und dadurch der Freiwinkel gebildet. Unser dringend benötigter Keil ist da!!

Nun haben wir ein Werkzeug, mit dem wir fast jedem Material ans Leder gehen können.

Wir unterscheiden verschiedene Arten von Spiralbohrern:

  • Typ N = (normale Ausführung), Standardbohrer, Drallwinkel 19° - 40°, Spitzenwinkel 118°, hinterschliffen, - für normalharte Werkstoffe, wie z.B. allgemeine Baustähle, weichen Grauguß, mittelharte NE-Metalle
  • Typ H = Bohrer mit Drallwinkel 10° - 19°, Spitzenwinkel 118°, für harte und zähharte Werkstoffe
  • Typ W = Bohrer mit Drallwinkel 27° - 45°, Spitzenwinkel 130°, für weiche und zähe, mittel- und langspanende Werkstoffe

Diese klassische Einteilung wurde, bedingt durch die Eigenschaften, die die neuen Werkstoffe und ihre Legierungsbestandteile mitbrachten, "erweitert". So wurden durch verschieden mögliche Überlappungen im Bereich Drallwinkel und Spitzenwinkel, ganz spezielle Spiralbohrer entwickelt, die ganz speziefische Aufgaben erfüllen. So z.B. das Tieflochbohren oder die Bearbeitung von VA-Stählen, etc.. Und das alles durch den Keil.

Apropos Querschneide und quetschen:

manche Angebote zeichnen sich dadurch aus, dass Spiralbohrer mit Kreuzanschliff angeboten werden. Ein Angebot, dass - wenn alles andere stimmt - meine Empfehlung ist. Man kennt den Kreuzanschliff auch als ausgespitzte Querschneide. Mit solch einem Bohrer könnt ihr die Vorschubkraft um etwa die Hälfte verringern und ihr verbessert den Spanablauf im "Quetschbereich" äh, im Bereich der Querschneiden. Das schont die »Musquellen« und das Werkzeug. Dieser Aufpreis lohnt.

Da war doch noch was .......... ach ja, die TIN-Beschichtung. Die eigentliche Motivation für diesen Ratgeber.

Grundsätzlich ist es richtig, dass ein vernünftig beschichteter Spiralbohrer eine enorme Standzeitverlängerung erfährt. Das ist keine Frage! Aber es braucht dafür mehr als nur eine Beschichtung. Und soviel vorweg: es braucht nicht den Akku-Schrauber oder die klassische Handbohrmaschine!

»PVD-Beschichtungen, die TIN-Beschichtung als Einlagenbeschichtung gehört zu diesen Beschichtungen, verlängern die Standzeiten eines Werkzeugs erheblich und erhöhen die Leistung von HSS-Werkzeugen bei Hochleistungsanwendungen, bei hohen Schnittgeschwindigkeiten und bei hohen Vorschüben. D.h., dass ihr die Erfahrung, ein Werkzeug mit bis zu 600%tiger Leistungssteigerung, zu besitzen, nur dann machen könnt, wenn ihr über die Möglichkeit verfügt, definierte Vorschübe und Drehzahlen zu gewährleisten. Könnt ihr nicht?«

Also nix is mit »man-power« und »Akku-Schrauber« beim Versuch Alu-Leisten zu löchern!

Zu dem solltet ihr auch die Frage stellen, wo ihr denn nach dem ersten Nachschleifen der Hauptschneiden die 600% wieder herholt! Wieder beschichten lassen???

Klasse Marketing, keine Frage! Tolle Sache für Profis, auch keine Frage! Wenn ihr alle Profis seid ..... auch keine Frage!

In diesem Zusammenhang noch ein anderer Schnack:

War ich Anfang März '06 auf der Practical World in Köln. Und da habe ich doch von einem Anbieter, der Handgewindebohrer in TIN-Beschichtung (von wegen der Schnittgeschwindigkeit??) ausstellte, auf meine Frage, was das den solle, als Antwort erhalten: " ..... das das Produkt nicht teurer sei, als unbeschichtete Werkzeuge". Worauf ich mir meinen Teil dachte ........... ein zusätzlicher Arbeitsgang ...... ein High-Tech-Arbeitsgang .......... für lullu. Wo gibt's denn sowas?!?

Und »zu guter Letzt« meine Empfehlung für den Standardbereich:

  • ein profilgeschliffener Spiralbohrer HSS DIN 338 -118° mit Kreuzanschliff - ohne Beschichtung!
  • wenn ausgeprägte Warmhärtebeständigkeit gefordert ist, beim Bohren von Werkstoffen über 800N/mm², empfehle ich einen profilgeschliffenen Spiralbohrer HSSE DIN 338 - 130° mit Kreuzanschliff! Bei optimalen Voraussetzungen, wie oben beschrieben, mit TIN-Beschichtung!

Noch eins: für den Fall, dass euch jemand "Made in Germany"- Bohrer zum Top-Preis anbietet, fragt ihn doch mal, ob er euch den Ursprung nennen kann. Mal schaun, was ihr für eine Antwort erhaltet. Soviel von mir: umpacken vom China-Tütchen ins deutsche Folientäschchen hat nichts mit "Made in Germany" zu tun, nur weil man's in Germany macht!!

Und immer dran denken: wer gewerblich tätig ist, muss euch eine Rechnung schicken. Und von Anbietern, die euch anbieten, ..."Auf Wunsch stellen wir Ihnen gern eine Rechnung aus." die Rechnung immer anfordern. Ihr habt sonst doch im Garantiefall keinen Nachweis für den Kauf und zudem zahlt ihr doch auch die Mehrwertsteuer.

Es ist soweit: Schluß mit diesem Beitrag. Ist wieder viel zu lang geworden. Ich bedanke mich für euer Interesse und wünsche euch eine gute Zeit.

Wenn du Interesse an meinen Angeboten hast, dann schau doch mal bei mir rein:

Budicks Technischer Handel

Ich hoffe, dass dir mein Ratgeber hilfreich ist. Gern kannst du mir über meinen ebay-Shop Fragen stellen. Ich melde mich zumeist am selben Tag mit hoffentlich kompetenter Antwort.

Gruß, der

Jürgen

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