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Geleitwort RAINER C. SCHWINGES
Spiritualität ist ein gesellschaftliches und kulturelles Phänomen. Sie ist offenbar ein Grundbedürfnis sehr vieler Menschen, an welchen Punkten ihres Lebens auch immer; und gänzlich unabhängig von Stand und sozialen Positionen wird sie gelebt. Viele haben ein starkes Bedürfnis danach zu fragen, ob "zwischen Himmel und Erde" mehr sei als Luft, und suchen nach Wegen, auf denen man Antworten erhalten kann. Sie finden sie auch gelegentlich für sich und andere aus einer sehr grossen Zahl von Möglichkeiten. Nur wenige Tage vor dem Symposium "Spiritualität und Wissenschaft" in Gwatt b. Thun, konnte man es erfahren: Papst Johannes Paul II. weilte in Bern (5. bis 6. Juni 2004) und begeisterte vor allem die Jugend der Schweiz, nicht einmal nur die römisch-katholische. Von spirituellen Erlebnissen in einer grossen, für einmal aussergewöhnlich wohltuenden Gemeinschaft war dabei des öfteren die Rede. Aber auch Umfragen haben bestätigt, was wir bereits zu wissen meinen: Ein gutes Drittel der schweizerischen Bevölkerung beschäftigt sich heutzutage mit wie auch immer gearteten spirituellen Fragen. All das muss für Universität und Wissenschaft ein Grund sein, sich diesem Phänomen zu stellen und es zum Gegenstand wissenschaftlicher Erörterungen zu machen. Sinnvoll ist das freilich nur in der Bündelung der Perspektiven verschiedener Wissensbereiche. So finden sich in diesem Band denn auch Beiträge aus Medizin und Psychiatrie, aus Theologie, Philosophie und Geschichte, Naturwissenschaften, Soziologie und Wirtschaft.
Dies nun - Wissenschaften im Dialog - gehört zu den Kernaufgaben des "Forum für Universität und Gesellschaft" an der Universität Bern, in grundsätzlicher Offenheit gegenüber jedweder Thematik. Das Forum stellt sich die Aufgabe, Probleme in Universität und Öffentlichkeit möglichst früh zu erkennen und dann beide Seiten für einen Dialog zu motivieren, für einen fächer- und bereichsübergreifenden Dialog zwischen Persönlichkeiten aus Universität und Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur. Dass dies nötiger denn je ist und den Leistungsauftrag der Universität unmittelbar tangiert, steht ausser Frage. Dabei ist es Anliegen und Anspruch des Forums, dies nicht nur vom Feldherrenhügel der Theorie aus zu tun, sondern vielmehr für eine praktische Ausbeute zu sorgen, für Lösungen oder zumindest für Optionen, die man während der Veranstaltungen erfahren oder später wie in diesem Buch nachlesen kann. Und nicht zuletzt gehört es zu den vornehmsten Aufgaben des Forums, auch der Universität zu helfen, sich zu öffnen und Verständnis für das gesellschaftliche Bedürfnis nach Orientierung, vor allem wissenschaftlich gestützter Orientierung zu entwickeln.
Nun einmal damit konfrontiert hat sich das Forum - der folgende Begriff sei bewusst verwendet - dazu "durchgerungen", das durchaus problematische Thema "Spiritualität und Wissenschaft" in sein Programm aufzunehmen. Ich möchte nicht verhehlen, dass neben grösstem Interesse auch Kritik und Skepsis dabei Wegbegleiter waren. Spiritualität gehöre nicht in die Universität, widerspreche und entziehe sich aufgeklärter Argumentation, passe nicht zu einer der Rationalität verpflichteten Wissenschaft, füge sich nicht in die methodisch kontrollierten Erkenntnisprozesse, unterscheide sich auf das Gröbste in der Formulierfähigkeit, kurzum, man finde keine gemeinsame Sprache. Auch von Angst war die Rede und nicht zuletzt von der Sorge, sich in der Universität als Wissenschaftler zu blamieren. Am Ende jedoch siegte, was Wissenschaft noch immer ausgemacht hat, die Neugier nämlich, die sich über Bedenken hinwegsetzt, die Neugier darauf, ob wohl auch spirituelle Metasprachen entzifferbar seien, und umgekehrt, ob auch in der Wissenschaft gewisse Grenzüberschreitungen möglich und für den Erkenntnisprozess nützlich seien.
Das Forum hat die Herausforderung der Spiritualität und des gesellschaftlichen Bedürfnisses danach angenommen, verschiedene Veranstaltungen projektiert und die Resultate im vorliegenden Buch bilanziert. Von Anfang Februar bis Ende Mai 2004 haben Vorträge und Workshops an der Universität Bern stattgefunden, die einerseits klärende begriffliche Leitlinien für den Umgang mit Spiritualität und spirituellen Angeboten aufzeigen und andererseits praktische Kenntnisse und Erfahrungen auf verschiedenen spirituellen Wegen vermitteln sollten. Die Veranstaltungen standen unter dem Motto "Spiritualität selber erfahren, Spiritualität kritisch reflektieren, Spiritualität besser verstehen". Zuspruch und Resonanz in Universität und Öffentlichkeit waren ausserordentlich gross und die Erwartungen wurden mehr als erfüllt.
Dass nun ein Buch vorliegt, verdankt das Forum der glücklichen Fügung, dass es die Projektleitung in ausserordentlich geschickte und vertrauenswürdige Hände legen konnte. Sie gehören ausgewiesenen Wissenschaftlern mit sehr viel Verständnis für Spiritualität, Professor für Physikalische Chemie der eine, Theologe und Pfarrer der andere. Und so danke ich sehr herzlich Herrn Professor Samuel Leutwyler und seinem Projektmitarbeiter Herrn Pfarrer Dr. Markus Nägeli für die Initiative, das grosse Engagement und die unermüdliche Bereitschaft, das Projekt durchzuführen und erfolgreich zum Abschluss zu bringen. Ebenso herzlich gilt der Dank im Namen des Berner Forums den Mitgliedern der Projektgruppe (Dr. Suzanne Braga, Johanna Ebell-Maak, Prof. Dr. Hans-Ulrich Fisch, Pfr. Jürg Welter), deren Wissen und Fähigkeiten in beiden "Seinsweisen", der wissenschaftlichen wie der spirituellen, die Konzeptgestaltung ungemein befruchtet haben. Zu ihnen gehörte auch Frau Dr. Martina Güntert vom wissenschaftlichen Sekretariat des Forums, die sich darüber hinaus der redaktionellen Betreuung des Bandes angenommen hat. Und nicht zuletzt gebührt ein herzliches Dankeschön der Stiftung "Universität und Gesellschaft" in Bern, die die Arbeit des Forums auch diesmal wieder in grosszügiger Weise unterstützt hat. Ich wünsche dem Buch in Wiederholung der Erfolge der früheren Veranstaltungen grosse und schöne Resonanz.
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