Wie oft darf man in einem guten Text ich schreiben?

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In der Schule haben wir gelernt, dass ein Satz nicht mit "ich" anfangen soll. Diese Regel ist allerdings etwas zu schlicht, denn durch "ich" wird ein Text ja immerhin ehrlicher, als wenn jemand andauernd von "man" spricht.

Das "Ich" ist also kein stilistisches "Verbrechen", sondern wirkt eher "authentisch". Solange es nicht übermäßig verwendet wird. Und solange das "ich" nicht der einzige Inhalt des Textes ist, sondern nur den Raum beschreibt, in dem das Erzählte stattfindet.

Der Kollege Ulrich Gutmair hat das so prägnant formuliert, dass hier das einfache Zitat die Problematik ausreichend beschreibt:

Die Zahl der in einem Text vermittelten Wahrheiten über seinen Autor verhält sich meist umgekehrt proportional zu den im Text gezählten „Ichs“.(Texte zur Kunst)

Anders gesagt: ist zuviel "Ich" enthalten, wird es nicht nur langweilig, sondern unwahr und pathologisch.

Der selbe Kollege beantwortet die Frage, was eine guter Text sei, übrigens auf eine - wie wir meinen - sehr treffende Weise:

"...was sind denn nun gute Texte? Ihre innere Ökonomie muss stimmen, mit möglichst geringem Aufwand soll möglichst viel gesagt werden. Weitere Gebote sind Klarheit und Genauigkeit, Plausibilität und argumentative Stringenz. Gute Texte sind also per definitionem gut geschriebene Texte, was aber noch lange nicht heißt, dass gut geschriebene auch gute Texte sein müssen. Stil, Eleganz und Präzision fallen nicht notwendigerweise mit dem Formulieren von Gedanken zusammen.

In guten Texten werden darüber hinaus die Leidenschaften des Autors sichtbar. Es sind Texte, denen anzumerken ist, dass sie einer Dringlichkeit geschuldet sind. In den oben kurz skizzierten Sorten schlechter Texte passiert weder das eine noch das andere: Die hemmungslos subjektiven Texte, die als Kolumnen, standardmäßig mit Bildchen des Autors versehen, für Feuilletons, Wochenendausgaben und -beilagen, also die dem „Leben“ gewidmeten Seiten der Tageszeitungen und Illustrierten en masse fabriziert werden und bereits das Rezensionswesen angekränkelt haben, erzählen meist nichts von solchen Leidenschaften. Dafür stehen sie sich selbst zu ironisch distanziert gegenüber." (a.a.O., Hervorhebungen von *die_textschmiede*)


So einfach ist das also: gute Texte sind gut geschriebene Texte.
Sie machen Freude beim Lesen, oder sie regen an, oder sie erschüttern auch Selbstgewissheiten.




Hemmungslos subjektive zum Beispiel, also solche, die standardmäßig mit einem avatar eines erlogenen Doktorhutes daherkommen.

Genau das eben zeigt einen krankhaften Subjektivismus.


Viel Freude beim Schreiben wünscht: "die Textschmiede!"

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