Welche Aufnahmequalität bieten VHS-Kassetten im Gegensatz zu neueren Speichermedien?

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Welche Aufnahmequalität bieten mir VHS-Kassetten im Gegensatz zu neueren Speichermedien?

1976 brachte die japanische Firma JVC das VHS-Format (Video Home System) auf den Markt. 1980 waren die ersten Geräte auch in Deutschland verfügbar und lösten eine Revolution im Home-Entertainment-Bereich aus. Fast schlagartig waren die bis dato üblichen Super-8-Schmalfilme abgelöst. Sie waren bis dahin das Medium gewesen, mit dem man familiäre Erinnerungen aufnehmen und zuhause ansehen konnte. Die Technik war weitgehend ausgereift, auch Farb- und Tonfilme konnten privat hergestellt werden. Es blieb jedoch die Bindung an einen Vorführapparat, der jedes Mal zusammen mit einer Leinwand für die Projektion der Filme aufgebaut werden musste. Zudem erforderte die Vorführung einen weitgehend abgedunkelten Raum.
 

Die VHS-Kassette als Innovation

Mit all diesen Widrigkeiten machte die elektronische Aufzeichnung von Videos Schluss. Die ersten im Handel verfügbaren VHS-Kassetten kosteten zwar ca. 50 DM, der Preis ließ aber mit der massenhaften Verbreitung des Formats rasch nach. Außerdem konnte eine VHS-Kassette problemlos mehrmals bespielt werden. Das Anschauen war mit einem Videorekorder, der an den Fernseher angeschlossen wurde, ebenso komfortabel möglich wie heute das Betrachten einer DVD – bis auf einen Punkt: VHS-Kassetten müssen nach dem Betrachten zum Anfang zurückgespult werden, um sie erneut ansehen zu können. Das erfordert – je nach Spieldauer – einige Minuten Zeit. Auch das Auffinden einer bestimmten Stelle im Film ist nur mit dem etwas umständlichen Suchlauf möglich.

1983 präsentierte JVC auch den ersten Camcorder, der ein Kassettenformat namens VHS-C (Video Home System Compact) nutzte. Technisch gesehen war das Format nichts anderes als VHS, jedoch waren die Kassetten nur ca. ein Viertel so groß wie eine normale VHS-Kassette. Das ermöglichte kompakte und handliche Kameras zur Aufzeichnung von Bild und Ton, die zunächst etwa so groß waren wie eine Super-8-Kamera. Mit einem mechanischen Adapter konnten die Kassetten direkt in einem Videorekorder abgespielt werden. Bei durchaus akzeptabler Bildqualität bot die magnetische Aufzeichnung also derart bestechende Vorteile, dass sie sich im privaten Bereich sehr schnell und nahezu alternativlos etablierte. Die Blütezeit des Formats dauerte allerdings nur ca. 20 Jahre. Zum Vergleich: Andere Medien wie beispielsweise der 8-mm-Schmalfilm oder auch die Audiokassette stellten ca. doppelt so lange den unangefochtenen Standard auf ihrem jeweiligen Gebiet dar. Damit erscheint VHS im Rückblick als relativ kurzes Zwischenstadium, das bald von digitalen Aufzeichnungsverfahren abgelöst wurde.

Videoaufzeichnung im Rückblick

Bereits in der Anfangszeit des Fernsehens wurden Versuche zur Aufzeichnung der Sendungen angestellt. Diese waren zu Beginn mechanisch: Mittels modifizierter Schallplatten gelangen einigen Bastlern Experimente in dieser Richtung, die sich jedoch nicht kommerziell auswerten ließen. Ein weiterer Ansatz waren Drahtrekorder und Rekorder auf Magnetbandbasis. Analog zu den bekannten Verfahren der magnetischen Tonaufzeichnung versuchte man, Fernsehbilder auf handelsüblichem Tonbandmaterial zu speichern. Ein solches Verfahren der BBC namens VERA nutzte zwei parallele Spuren, um ein Bild mit 405 Zeilen aufzuzeichnen. Die erforderliche Bandlaufgeschwindigkeit war je doch sehr hoch. Elektronische Probleme beim Auslesen der Information ließen sich nicht endgültig beheben. In den 1970er-Jahren startete die Firma Telefunken einen weiteren Versuch der mechanischen Aufzeichnung auf Bildplatte, der sich jedoch als nicht zukunftsträchtig erwies und durch die Einführung des VHS-Formats obsolet wurde.

VHS – die Technik hinter dem Begriff

Eine VHS-Kassette hat eine Bandlaufgeschwindigkeit von nur wenigen Zentimetern pro Sekunde – das ist langsamer als bei einer Audiokassette. Das Bandmaterial ist zwar breiter (etwas mehr als 1 cm), dennoch wäre die Masse an Information bei einer linearen Aufzeichnungsweise nicht annähernd zu übertragen. Die Bandbreite – der Begriff ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen – wäre nicht ausreichend, um Bildinformation (hell/dunkel), Farbinformation und Audiosignal schnell genug bereitzustellen. Umgangen wird dieses Problem, indem die Trommel mit den zwei Leseköpfen in eine schnelle Drehung versetzt wird, was die relative Geschwindigkeit von Bandmaterial zum Lesekopf vervielfacht.

Der Zylinder wird halbseitig vom Band umschlungen und dreht sich 50 mal pro Sekunde. So können 50 Halbbilder bei einer Bildrate von 25 Bildern pro Sekunde ausgelesen werden. Die eigentliche Bildinformation jedes Halbbildes befindet sich auf einer haarfeinen Spur, die schräg zur Laufrichtung des Bandes geneigt ist. Durch permanentes schnelles Umschalten zwischen beiden Leseköpfen werden die Informationen beider Halbbilder zum Gesamtbild ergänzt. Die Farbinformation wird separat amplitudenmoduliert und mit einer wesentlich geringeren Auflösung als die hell-dunkel-Signale gespeichert. Dies trägt einer besonderen Eigenschaft des menschlichen Auges Rechnung: Es kann Farbinformationen nur in geringer Auflösung erkennen. So kann das Farbbild ohne sichtbare Qualitätseinbuße sehr komprimiert aufgezeichnet werden. Allerdings sind es die Farbinformationen, die bei mehrfachem Kopieren einer VHS-Kassette als erste verloren gehen. Ebenfalls von starkem Qualitätsverlust beim Kopieren betroffen ist die Audiospur. Diese wird standardmäßig linear am Rand des Bandes neben dem Bildsignal gespeichert.

Die Audioqualität ist bei VHS schlechter als der Fernsehton. Der Rauschabstand, also der Lautstärkeunterschied zwischen Audiosignal und Grundrauschen, beträgt lediglich 40 dB. Eine Erweiterung des VHS-Standards verwendet die schräge Anordnung der Bildspuren auch zur Aufzeichnung der Audiospur. Dabei wird ein Rauschabstand von ca. 75 dB erreicht, und das resultierende Tonsignal genügt annähernd der Hi-Fi-Norm. Dieses Hi-Fi-VHS verwendet zusätzlich die traditionelle lineare Tonspur am Rand des Bandes, um Abwärtskompatibilität zu gewährleisten.

VHS-Recorder und Kassetten – was können sie?

Eine VHS-Kassette ist etwa so groß wie ein Taschenbuch. Sie enthält zwei nebeneinander angeordnete Spulen, auf die das Bandmaterial aufgewickelt ist. VHS-Kassetten sind einseitig bespielt, das heißt, die gesamte Breite des Bandes wird – anders als bei Audiokassetten – für eine Laufrichtung genutzt. Eine VHS-Kassette muss somit nicht nach der Hälfte der Spielzeit herumgedreht und erneut eingelegt werden. Die Form der Kassette verhindert zudem ein falsches Einlegen in den Rekorder. Die Spulen sind außerhalb des Abspielgerätes blockiert, so dass sie sich nicht ungewollt verdrehen können und sogenannter Bandsalat vermieden wird. Das Band selbst ist durch eine Klappe geschützt, die den direkten Zugang verhindert. Sie wird erst beim Einschieben in den Rekorder automatisch geöffnet. Eine Plastikzunge an der Rückseite der Kassette ermöglicht das Aufnehmen.

Schreibschutz 

Nach dem Bespielen der Kassette kann diese Plastikzunge herausgebrochen werden, womit die Kassette schreibgeschützt ist. Kommerziell bespielte Spielfilmkassetten sind standardmäßig schreibgeschützt. Beim Einlegen der Kassette wird diese automatisch in die Abspielposition gebracht. Die Schutzklappe vor dem Magnetband wird entriegelt und geöffnet. Nun wird so viel Band herausgezogen, dass die Lesetrommel halbseitig umschlungen wird. Beim Abspielen, Aufnehmen und beim Suchlauf wird diese Position beibehalten. Der Suchlauf findet mit der ca. vierfachen Geschwindigkeit statt und gestattet einen Blick auf das – wenn auch von Störungen verfälschte – Bild. Da VHS-Kassetten abhängig von ihrer Laufzeit bis zu 400 m Bandmaterial enthalten, wäre ein Vor- oder Zurückspulen in dieser Geschwindigkeit sehr langwierig.

Schnelles Spulen

Für diesen Zweck erlaubt der Rekorder eine vielfach höhere Geschwindigkeit, bei welcher der Lesekopf jedoch nicht am Band anliegt und somit kein Bild zu sehen ist. Kurz vor Erreichen des Bandendes (bzw. -anfangs) muss dieser schnelle Spulvorgang automatisch gestoppt werden. Ein simples Abstoppen durch das physische Ende des Bandes würde die Kassette oder den empfindlichen Abspielmechanismus zerstören. Um das zu verhindern, sind vor dem Anfang und nach dem Ende des eigentlichen Magnetbandes einige Zentimeter durchsichtigen Trägermaterials eingefügt. Eine Lampe, die das Band ständig beleuchtet, löst dann einen Lichtsensor aus, der den Spulvorgang sofort abschaltet.

Alternative Nutzungen von VHS-Kassetten

Bis in die 90er-Jahre hinein wurden VHS-Kassetten alternativ als digitales Speichermedium von Tonstudios genutzt. Das als ADAT (Alesis Digital Audio Tape) bezeichnete System erlaubt eine simultane Aufzeichnung von 8 Audiokanälen in DAT-Qualität. Eine Bildaufzeichnung ist in diesem Fall nicht vorgesehen.

VHS und digitale Aufzeichnungsmedien im Vergleich

Das in Europa gebräuchliche PAL-System hatte vor der Einführung von HDTV eine vertikale Zeilenzahl von 625, von denen 576 Bildinformationen enthalten. Die VHS-Bildinformation in horizontaler Richtung beträgt 220 bis 240 Linien. Aus dem damals üblichen Bildformat von 4/3 ergibt sich damit eine wesentlich geringere Auflösung (Bildpunkte pro Längeneinheit) in horizontaler als in vertikaler Richtung. Die resultierende Bildqualität ist also systembedingt begrenzt. Das wird besonders bei Standbildern deutlich. Im Jahr 2002 wurden erstmals mehr DVDs als VHS-Kassetten verkauft. Inzwischen ist die VHS-Kassette vollständig von digitalen Formaten wie DVD bzw. Blu-Ray abgelöst worden. Das DVD-Format bietet eine Auflösung von 720 x 576, also ein „echtes" 4/3-Format, was allerdings, angepasst an heute gebräuchliche Bildschirmformate, auf 16/9 „aufgeblasen" wird. Blu-Ray bietet eine Auflösung von 1920 × 1080 Pixeln (Bildpunkten), eine Bildqualität, die bereits den Vergleich mit der Kinoleinwand erlaubt, auch wenn sie ihn nicht gewinnt.

Was also bedeuten uns heute noch VHS-Kassetten? Den Vintagecharme alter Datenträger, wie ihn Vinyl-Schallplatten besitzen, muss man VHS-Kassetten sicher absprechen. Es ist nicht anzunehmen, dass sich in Kürze eine Szene von VHS-Liebhabern herausbildet. Aber eines macht das veraltete System für uns unverzichtbar – wir haben einen Großteil unserer persönlichen Erinnerungen damit aufgezeichnet. Die Lebensdauer von Magnetbandkassetten ist begrenzt – höchste Zeit also, diese zu digitalisieren. Durch geeignete Analog-Digital-Wandler kann die subjektiv empfundene Bildqualität dadurch sogar steigen. Die Benutzung ist wesentlich komfortabler und die Aufbewahrung platzsparender. Auch eine DVD hält nicht ewig. DVDs gibt es einfach noch nicht lange genug, um über ihre Lebensdauer verlässliche Angaben zu machen. Für die nächsten 10 Jahre aber sollten Ihre Videos damit sicher gespeichert sein. Eventuell ist die DVD dann ihrerseits ein Auslaufmodell, und Sie werden sich veranlasst sehen, Ihre Daten auf das dann folgende Speichermedium zu überspielen.

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