Wechsel von Süßwasser- auf Meerwasser-Aquaristik

Aufrufe 7 Mal bewertet mit „Gefällt mir” Kommentare Kommentar
Mag ich anklicken, wenn dieser Ratgeber hilfreich war

(Copyright Aquarium Herford GmbH/aquaPro2000)

In letzter Zeit mehren sich bei uns die Anfragen zu den Möglichkeiten als Süßwasseraquarianer den Schritt in die salzige Welt der Riffaquaristik zu wagen.Ein solcher Schritt will gut überlegt sein und deshalb ist eine direkte persönliche Beratung zu den spezifischen Wünschen, Möglichkeiten und eventuell nutzbarem Equipment durch Nichts zu ersetzen.

Um vorab aber schon mal einige Orientierungspunkte aufzuzeigen, haben wir uns entschlossen diesen kleinen Leitfaden zu entwerfen.

Folgende Aspekte sollen im Weiteren betrachtet werden:

1.      Unterschiede zwischen Fluss und Meer

2.      Welches zusätzliche Equipment braucht man mindestens?

3.      Fischbecken, Riffbecken oder Steinkorallen oder „Nemo und Anemone“ –Grundlagen

4.      Das Einfahren des Beckens

5.      Betriebskosten

6.      Literatur

1.       Unterschiede zwischen Fluss und Meer

Salinität oder Dichte

Meerwaser ist im Vergleich zu Süßwasser eine chemisch höchst komplexe Mischung aus H2O und einer Unmenge an gelösten Stoffen, zumeist Salzen. Die sogenannte Salinität, also der Gesamtgehalt an Salzen im Verhältnis zum reinen Wasser liegt bei immerhin 3,5% oder 35 ppt (parts per thousend) oder einer Dichte von 1,0233 bzw. einem Spezifischen Gewicht von 1,0264.

Schon an der verwirrenden Anzahl unterschiedlicher Messwerte kann man erkennen, dass dieses Thema etwas Beachtung braucht. Praktisch braucht man für ein 100 Liter Becken ca. 4 kg einer speziellen Meersalzmischung. Diese enthält neben dem Kochsalz auch alle anderen notwendigen Inhaltsstoffe in löslicher Form um ein Meerwasser-ähnliches Gemisch zu erzeugen.

Da die Salinität nicht nur theoretische sondern für die Tiere auch ganz praktische Auswirkungen hat, ist das genaue Messen und Einhalten der Salinität eine der entscheidenden Faktoren für eine erfolgreiche Pflege.

Da bei der Verdunstung das Salz im Restwasser verbleibt steigt die Dichte dort an. Deshalb verwendet man zum Auffüllen nur gereinigtes Leitungswasser (Osmosewasser), um die Dichte wieder auf den normalen Wert zu bringen.

Licht

Alle Korallenriffe der Erde liegen im tropischen Bereich. Neben einer konstanten Wassertemperatur über 20 Grad Celsius bedeutet das auch eine konstante Versorgung mit Sonnenlicht über ca. 12 Stunden und hoher Strahlungsintensität. Alle sessilen Tiere (d.h. alle „festsitzenden“ Tiere), also Korallen, Anemonen aber auch Muscheln (wie die sogenannten Mördermuscheln), sind auf diese Lichtintensität angewiesen. Dabei ist zu beachten, dass die Lichtfarbe schon kurz unter der Wasseroberfläche stetig zum blauen Anteil verschoben wird (das blaue Meer). Deshalb spielt neben der Stärke auch die Lichtfärbung eine entscheidende Rolle für das Gedeihen der Korallen.

Strömung

Der Lebensraum Korallenriff ist sprichwörtlich mit der Brandung, d.h. mit teilweise extremer Strömung verbunden. Die eigentlich im Tierreich ungewöhnliche Eigenschaft von Tieren eben „fest zu sitzen“ hat vermutlich genau hier ihren Ursprung. Anstatt sich selbst zu bewegen, um Nahrung zu beschaffen, ergibt sich hier die einmalige Möglichkeit, die Nahrung beim Vorbeischwimmen aufzusammeln. Dabei werden auch gleich die Ausscheidungen fortgetragen.

Um dieser Eigenschaft der sessilen Tiere Rechnung zu tragen, ist eine wirklich starke Wasserbewegung eine Voraussetzung für die erfolgreiche Pflege von Korallen und Anemonen. Diese Bewegung sollte möglichst großflächig und variabel sein, um den Verhältnissen in einem Riff recht nahe zu kommen. Das bedeutet, dass herkömmliche Förderpumpen i.d.R. nicht optimal dafür sind.

Es empfiehlt sich, die Strömung abhängig von der Innen-Gestaltung des Beckens zu machen und grundsätzlich eine kreisförmige Strömung zu planen. Dadurch werden komplette Stillstandszonen vermieden, die auch entstehen können, wenn zwei oder mehr Pumpen indirekt gegeneinander arbeiten.

Wasseraufbereitung

Im Gegensatz zur Süßwasseraquaristik werden im Meerwasserbereich keine Topffilter oder ähnliches verwendet. Denn ein nicht unerheblicher Teil der Schwebeteilchen und gelösten organischen Verbindungen ist für die sessilen Tiere und hier besonders für beliebte Filtrierer wie Muscheln und Röhrenwürmer absolut überlebenswichtig.

Deshalb findet der größte Teil der biologischen Filterung über sogenanntes Lebendgestein statt. Das sind Gesteine, die dem Meer feucht entnommen und so bis in unsere Becken transportiert werden. Damit erhält man die richtigen Bakterienstämme, um effektiv Nährstoffe abzubauen.

Als Bodengrund sollte Korallensand oder etwas gröberer Korallenbruch verwendet werden. Durch dieses Material wird die notwenige Pufferung und Versorgung mit Kalk unterstützt. Quarzkies ist ungeeignet, da er die Bildung von Kieselalgen unterstützt und keine Pufferwirkung gegen die Bildung von Säuren im Bodengrund hat.

Zusätzlich benötigt man einen Abschäumer. Durch dieses Gerät werden mit Hilfe sehr kleiner Luftblasen Schadstoffe aus dem Wasser regelrecht ausgewaschen. Gerade für die Haltung von mehreren Fischen ist dieses Verfahren wichtig, da auch ständig eine Anreicherung mit Sauerstoff erfolgt.

Heizung/Kühlung

Die grundsätzliche Anforderung an die Temperatur ist mit ca. 25-27 C nicht höher als im Süßwasserbereich. Wichtig ist aber zu vermerken, dass Temperaturen unter etwa 22 Grad und über 30 Grad für viele Tiere des Riffbereichs extrem kritisch sind und deshalb auch nicht kurzfristig über- oder unterschritten werden dürfen.


2.       Welches zusätzliche Equipment braucht man mindestens?

-          Aquaristische Meersalzmischung

-          Licht: Für die Pflege von Korallen z.B. bei einem Becken von 60x40 (LxB in cm) etwa 4 x 24 Watt T5

(Die Auswahlmöglichkeiten zwischen T5-Röhren, HQI und LED sind immens und werden ständig in den verschiedensten Foren diskutiert.)

-          Strömungspumpe

-          Abschäumer

-          Lebende Steine

-          Korallenbruch oder Sand als Bodengrund

-          Thermometer (meist vorhanden)

Beispielrechnung für ein vorhandenes 100 Liter Becken:

-          Meersalzmischung 4 kg zum Start +4 kg für spätere Wasserwechsel  ca. 3 € pro kg               24 €

-          Dichtemesser einfach                                                                                                           ab ca.  10 €

-          4 x 39 Watt T5                                                                                                                    ab ca.   300 €

-          Strömungspumpe elektronisch regelbar                                                                               ab ca.   150 €

-          Abschäumer                                                                                                                       ab ca.   100 €

-          Lebende Steine (ca. 10% des Wassergewichts) 10 kg à 13,50 €/kg                                            135 €

-          Bodengrund – Korallenbruch fein                          ca. 20 kg                                                              40 €

Zusammen also ~ 450 € ohne neue Lampe und ~750 € wenn auch eine neue Beleuchtung notwendig wird.


3.       Fischbecken, Riffbecken oder Steinkorallen oder „Nemo und Anemone“ –Grundlagen

Es lohnt sich schon vor der Einrichtung des Beckens sich einige Gedanken um die spätere Tiergemeinschaft zu machen. Ein auf Fischbesatz ausgerichtetes Becken braucht eher weniger Licht und ggf. auch weniger Strömung, dafür sollte der Abschäumer an der oberen Leistungsgrenze sein. Auch der Anteil an Lebendgestein sollte relativ hoch sein, gleichzeitig sollte bei der Beckengestaltung ausreichend Schwimmraum entstehen.

Ein auf Steinkorallenhaltung optimiertes Becken sollte mit wirklich hoher Leuchtdichte ausgestattet sein und deutliche Strömung aufweisen. Der Abschäumer kann bei geringem Fischbesatz kleiner ausfallen oder wenn wirklich nur wenige Fische im Becken sind ganz wegfallen (ab –und zu über Aktivkohle filtern!). Der Anteil der Lebenden Steine kann geringer sein, da die Korallenstöcke selbst als biologischer Filter wirken.

„Nemo und die Anemone“ stellen höhere Ansprüche an ein Meerwasserbecken als viele zunächst meinen. Anemonen haben Symbiosealgen und brauchen deshalb recht viel Licht. Auch die Strömung muss höher sein als in einem reinen Fischbecken.


Die „eierlegende Wollmilchsau“ stellt das gemischte Riffbecken dar. Hier müssen die Ansprüche aller zu haltenden Tiere feinsinnig gegeneinander ausgewogen sein. Schwimmraum für die Fische, Platz zum Wachsen für die Korallen, Strömung für alle sessilen Tiere, aber auch Ruhezonen für die Fische (auch nachts zum Schlafen!). Genug Licht für die Korallen aber auch schattige Plätze für gestresste Fische.


4.       Das Einfahren des Beckens

Schritt 1: Installieren des neuen Equipments


Schritt 2: Grunddekoration (Totes Gestein und Sand etc.) einbringen


Schritt 3: (Osmose-) Wasser einfüllen und aufheizen 25 Grad


Schritt 4: Aufsalzen und mit Strömungspumpe verteilen und in Lösung bringen


Schritt 5: Wenn das Wasser nach ein paar Tagen klar geworden ist und die Technik grundsätzlich so funktioniert wie sie soll, kann das Lebendgestein eingebracht und evtl. befestigt werden.


Schritt 6: Animpfen mit aktiven Bakterienkulturen: entweder als Mittel kaufen oder aus besehendem Becken übernehmen


Schritt 7: Ist das Wasser wieder klar? Dann kann man jetzt höhere Algen wie z.B. Kriechsprossalgen der Gattung Caulerpa einbringen.


Schritt 8: Wenn die Grünalgen richtig zu wachsen beginnen und die Wasserwerte passen, kann man erste Tiere wie Einsiedlerkrebse oder unempfindliche Schnecken einbringen.


Schritt 9: Erste Weichkorallen, Scheibenanemonen oder Krustenanemonen werden eingebracht um die Nährstoffe weiter zu dezimieren


Schritt 10: endlich die ersten Fische! – Am besten zuerst Algenfresser, die noch nicht zu 100% auf Zusatzfutter angewiesen sind, sondern die vorhandenen Grünalgen eindämmen


 

5.       Betriebskosten

Alle elektrischen Geräte im Meerwasserbereich werden inzwischen kritisch auf ihren Stromverbrauch beurteilt. Die Strömungspumpen für kleinere Becken fangen inzwischen bei 3-4 Watt(!) an. Die Dispergatorpumpe eines kleinen Abschäumers braucht z.B. nur 8 Watt. Die eigentliche Heizung muss in den meisten Fällen nur wirklich arbeiten wenn bei längerer Abwesenheit die Zimmertemperatur unter 20 Grad absinkt.

Damit wird das Licht zum entscheidenden Kostenfaktor. Vor allem deshalb dreht sich die Diskussion momentan um die Frage wie gut die LED Technik im Meerwasserbereich funktioniert.  Mit LEDs sollen die Lichtleistung erhöht und die Stromkosten gesenkt werden. Ob beide Ansprüche erfüllt werden können, bleibt abzuwarten.

Beleuchtet man unser Beispielbecken mit 100 Watt LED anstatt mit 4x39 Watt T5 erreicht man garantiert eine höhere Lichtleistung mit 30% geringerem Stromverbrauch (inkl. Verlustleistung der Vorschaltgeräte). Dafür ist die Anschaffung einer solchen LED mit ca. 600-800 € entsprechend teurer. Ein Austausch der Leuchtmittel wie bei T5 und HQI entfällt wiederrum bei LED.

Beispielrechnung:

Strömungspumpe 24 h x 5 Watt                 = 0,12 kWh 


Abschäumer  24 h x 8 Watt                     = 0,19 kWh


Licht 4x39 Watt 12h (10% Verlust)            = 2 kWh

2,31 kWh* 365 Tage = 843 kWh

843 kWh * 0,25€ = 210 € im Jahr 
(25 Cent laut Wikipedia Durchschnittspreis in D)


6.       Literatur

Wer langfristig erfolgreich Meerwasseraquaristik betreiben will braucht gute Literatur, zur sinnvollen Planung, als Nachschlagwerk bei Problemen oder zur Anregung bei Neugestaltungen. 

Es gibt viele gute Bücher zur Einrichtung eines Meerwasserbeckens und zur Pflege von Meerestieren allgemein z.B. (sehr kurze und unvollständige Liste!):

D. Knop: Riffaquaristik für Einsteiger: Preiswerte Technik - pflegeleichte Tiere

D. Brockmann: Das Meerwasseraquarium: Von der Planung bis zur erfolgreichen Pflege

Delbeck/Sprung: Das Riffaquarium

Wer sich wirklich umfassend zum Thema informieren will sollte zum Beispiel nach den Büchern von Fossa/Nielsen Ausschau halten. Die gibt es auch gebraucht. Derzeit ist der erste Band der 6-Teiligen Reihe gerade neu erschienen.

Korallenriff-Aquarium 1: Grundlagen für den erfolgreichen Betrieb eines Korallenriff-Aquariums

Die beiden Zeitschriften Koralle (2-monatlich) und Der Meerwasseraquarianer (vierteljährlich) informieren mit viel Sachverstand über die jeweils aktuellen Themen unseres Hobbys.

Möchten Sie Ihr Wissen weitergeben? Erstellen Sie Ihren eigenen Ratgeber… Verfassen Sie einen Ratgeber
Weitere Ratgeber erkunden