Was Sie über Trachtenmode aus Europa wissen sollten

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Was Sie über Trachtenmode aus Europa wissen sollten

Trachtenmode aus Deutschland und Europa

Trachtenmode liegt voll im Trend. Selten hat man so viele unterschiedliche Angebote an JackenDirndlkleidern, Trachtenblusen oder Trachtenschuhe gesehen wie aktuell. Viele dieser modernen Modelle wurden von angesagten Designern als reine Fantasietrachten kreiert, obwohl Trachten überall auf der Welt eine uralte Tradition besitzen. Speziell die europäischen Trachten könnten so manche Geschichte erzählen, wenn man ihre Bedeutung kennt. Allein in Deutschland gibt es von den friesischen Inseln bis nach Bayern unzählige Varianten. Eines allerdings haben sie alle gemeinsam: Für die Damenwelt ist der Rock Pflicht, für die Herren die Hose. Die einzige Ausnahme stellt der schottische Kilt dar, hier darf der Herr auch gerne mal im Rock Bein zeigen. Damit Sie sich bei der Auswahl Ihrer persönlichen Tracht auch an historischen Grundlagen orientieren können, hier ein kleiner Leitfaden über die Geschichte der europäischen Trachten.

Trachtenmode in Deutschland

In Deutschland kam die Tracht erst spät mit Beginn des 19. Jahrhunderts in Mode. Dabei haben oftmals nicht nur bestimmte Regionen, sondern sogar einzelne Dörfer ihren ureigenen Bekleidungsstil. Ein kundiger Beobachter eines Trachtenumzugs kann dabei noch wesentlich mehr als nur die Herkunft des Kleidungsträgers bestimmen. So spiegeln sich etwa die finanziellen Verhältnisse – also die soziale Stellung – im Dirndl oder im Trachtenanzug wieder. Je aufwendiger die Garderobe, desto vermögender war der Besitzer. Dabei galt oder gilt der Träger beziehungsweise die Trägerin einer Trachtenweste bereits dann als wohlhabend, wenn viele Knöpfe sehr eng angebracht sind, denn Knöpfe waren teuer. Selbst heute noch gibt es kunstvoll gestaltete Verschlüsse, die leicht bis an die 100 Euro kosten können. Zum Beispiel, wenn das Material aus Edelmetallen besteht oder aus Hirschhorn kunstvoll handgeschnitzt wurden.

Trachtenrock und Trachentenschürze

Tiefe Falten in Röcken zeugen ebenfalls von Wohlstand, da für die Herstellung wesentlich mehr Stoff benötigt wird als bei einem glatten Trachtenrock. Doch alles hat seine Grenzen. Übertriebener Protz und Prunk galt auch schon damals als unschicklich. Man orientierte sich an den finanziellen Möglichkeiten seiner Mitmenschen in der dörflichen Gemeinschaft. Zusätzlich wurde zwischen der Alltags- und der Festtagstracht unterschieden. Wer es sich leisten konnte, ließ für bedeutende Ereignisse stets ein neues Modell fertigen. Farben, Formen und Schnitte der Trachten wiederum waren und sind von der lokalen Zugehörigkeit abhängig.

Die Trachtenschürze gibt Auskunft über den Familienstand

Eine ganz besondere Bedeutung kommt in Deutschland dem Binden der Schleife an der Trachtenschürze zu. Diese gibt über den Familienstand der Trägerin Auskunft. Eine ungebundene, ledige Frau trägt zum Beispiel die Schleife links, während eine versprochene oder verheiratete Frau diese auf der rechten Seite platziert. Als Zeichen der Jungfräulichkeit wurde die Schleife vorne in der Mitte gebunden, und Witwen banden ihre Schürzen hinten auf dem Rücken zusammen.

Trachten im Süden Deutschlands

Am bekanntesten dürfte hier wohl der traditionelle Bollenhut sein, der im ganzen Schwarzwald verbreitet ist. Er besteht aus weiß gekalktem Stroh und ist bei ledigen Frauen mit 14 auffallend roten Bollen aus Wolle verziert. Verheiratete Damen erkennt man hingegen an den schwarzen Bollen. Das Haar unter dem Hut wird dabei mit einer seidenen Haube zusammengehalten. Junge Mädchen (vor der Firmung oder Konfirmation) und Witwen hingegen tragen nur die Hauben und verzichten auf den reizvollen Hut. Ergänzt wird die Schwarzwald-Tracht durch einen langen schwarzen, faltenreichen Rock, der schwer bis fast an die Knöchel reicht. Über den Rock kommt die Trachtenschürze, die in der Regel aus schwarzer Seide besteht. Als Oberteil dient eine weiße Bluse mit Puffärmeln, über welcher ein geblümtes Samtleibchen getragen wird.

Strickstrümpfe, Kniebundhosen und Co

Um den Ausschnitt zu verdecken, trägt die Frau im Schwarzwald einen „Goller“: Eine Art Kragen, der Hals, Schultern und manchmal auch Brust und Rücken verdeckt. In früheren Zeiten wurde er darüber hinaus unter den Achseln befestigt, damit er nicht verrutschen konnte. Reiche Damen der Region ließen sich diese auch gerne aus Pelz oder feiner Brüsseler Spitze, die mit Perlen oder Brokat verziert wurde, fertigen. Beine und Füße stecken in dicken, blickdichten Strickstrümpfen und flachen schwarzen Schuhen. Im Winter und an kalten Tagen kommt noch eine Trachtenjacke, die sogenannte „Tschoben“, hinzu, die ebenfalls aus schwarzer Seide besteht, bis zur Taille reicht und innen rot gefüttert ist. Für Männer ist die Lederhose oder eine andere Kniebundhose obligatorisch sowie weißes Hemd, schwarzer Schlips und schwarze Samtweste. Schwarze Schuhe und ein hoher, dunkler Hut mit breiter Krempe machen die Tracht für den Mann komplett.

Für die bayrische Tracht gilt im Prinzip das gleiche, wobei allerdings der Bollenhut regionaltypisch für den Schwarzwald ist und in Bayern eine schlichtere Variante des Trachtenhuts getragen wird. Die einzelnen Kleidungsstücke der Tracht verändern sich lediglich in Muster, Schnitt und Farbe.

Oktoberfest und Trachtenmode

Auf dem Münchener Oktoberfest kann man herrlich beobachten, dass auch heutige „Trachten“ unterschiedlichen Modetrends unterliegen. So vielschichtig das internationale Publikum auf der „Wiesn an der Isar“ ist, so vielseitig ist auch die Kleidung. Da darf es ruhig mal fantasievoll und nicht unbedingt authentisch sein. So wurde hier unter anderem das Dirndl mit dem Minirock geschaffen, und zahlreiche internationale Designer kreieren eigens für dieses Event individuelle Oktoberfest Trachtenmoden aus exklusiven Stoffen, deren Preis schon mal schnell einen vierstelligen Betrag übersteigen kann. Da aber viele Frauen kein Kleid zwei Mal auf dem Fest tragen wollen, kann man so manches erlesene Designer-Dirndl auch getragen bei  eBay erstehen.

Trachten im Norden Deutschlands

Zu den auffälligsten Trachten im Norden Deutschlands zählen wohl die der Spreewaldbäuerin oder die volkstümliche Kleidung aus dem „Alten Land“ in Niedersachsen bei Stade. An der Lausitz gehören Rock, Bluse und Schürze zum Grundstock der Trachtengarderobe. Auffällig ist auch hier vor allem der aufwendig gesteckte Kopfputz. Für diesen wird ein besticktes, großes Tuch zunächst extrem gestärkt, sodass es fast von alleine stehen könnte. Im nächsten Schritt wird es mit Stecknadeln kunstvoll aufgesteckt, bis es in der Breite an die Schultern reicht und den Kopf gut 20 bis 30 Zentimeter überragt. Und auch der Rock unterscheidet sich von vielen anderen Trachten: Es handelt sich um einen Trägerrock, der mit einem ebenfalls bestickten Schultertuch bedeckt wird, das über der Brust gekreuzt und an den Seiten oder im Rücken befestigt ist. Charakteristisch für den Rocksaum ist ein besticktes Band, und die Schürze der Tracht ist meist gehäkelt oder gestrickt.

Die Tracht aus dem "Alten Land" in Niedersachsen

Die Tracht einer verheirateten Frau im Alten Land in Niedersachsen erkennt man an einem langen, roten Rock aus Wolle, der mit schwarzer Spitze und Bändern geschmückt wird. Darüber wird eine weiße Schürze mit Lochstickerei getragen. Ganz typisch ist auch die kurze Jacke, die Spencer genannt wird und ähnlich wie eine Bolerojacke geschnitten ist. Die Ärmel lassen am Ende die Trompetenärmel der darunter getragenen Bluse ein Stück herausschauen. Als Kopfbedeckung werden Mütze, Haarband und Kopftuch so kombiniert, dass kein Haar mehr zu sehen ist. Auch hier schmückt wieder ein gesticktes Brusttuch den Ausschnitt. So farbenfroh wurde es für die Frauen aus dem Alten Land jedoch erst nach der Hochzeit. Bis dahin ging sie sittsam in gleicher Tracht – nur gänzlich in Schwarz gehalten. Bei der Trachtenmode für Männer aus der Region ist die große Besonderheit ein Zylinder, der als Kopfbedeckung getragen wird. Außerdem konnte man den ledigen Mann an schwarzen und den verheirateten an weißen Strümpfen erkennen.

Internationale Trachten

Der Kilt und der „Belted Plaid“ als klassische schottische Tracht

Um kaum eine Mode ranken sich so viele Geschichten (auch fehlerhafte) wie um die schottische Tracht. So wird etwa vielfach behauptet, dass man den Tartan – das Webmuster für Stoffe, aus dem der Belted Plaid oder der Kilt gefertigt ist – den Farben der Stämme aus den Highlands zuordnet. Das ist schlichtweg nicht richtig, vielmehr obliegt die Farbenvielfalt lediglich dem kunstvollen Handwerk der Weber. Der Belted Plaid ist quasi der Vorläufer des Kilts und besteht aus einer 1,5 Meter breiten und vier bis sechs Meter langen Stoffbahn, die um den Körper drapiert wird. Ein gutes Beispiel, wie dieser zu tragen ist, zeigt Mel Gibson im bekannten Film „Braveheart“ (auch, wenn er diesen rein historisch betrachtet gar nicht hätte tragen können, da der Belted Plaid erst im 16. Jahrhundert in Mode kam und das Hollywood-Epos anno 1300 spielt). Anfang des 18. Jahrhunderts entwickelte sich dann aus dem Plaid der knielange Kilt, landläufig auch „Schottenrock“ genannt. Interessanterweise wurde er jedoch ursprünglich von einem Engländer geschneidert und hielt zunächst Einzug in die Garderobe des englischen Adels.

Spanische Trachten

Die spanische Tracht der Frauen gleicht im Wesentlichen auch wieder den langen Dirndlkleidern in Deutschland mit den Stilelementen Rock, Bluse, Schürze, Laibchen/Weste und Schürze. Als Kopfschmuck wird auch heute noch häufig eine Mantilla getragen. Diese ist ein meist aus feiner Spitze gefertigtes Schleiertuch, das den Hals, die Schultern und einen Teil des Gesichtes verdeckt. Doch in einer Hinsicht grenzen sich die spanischen Trachten völlig von ihren deutschen Pendants ab, vor allem im ländlichen Bereich. In Spanien sind die Trachten wesentlich farbenfroher. Leuchtendes Gelb kann durchaus mit flieder- oder lilafarbenen Kleidungsstücken kombiniert werden. In der Länge reichten die Kleider in den meisten Fällen nur bis knapp unter das Knie und sind nicht knöchellang. Die Männermode spanischer Trachten orientiert sich im Wesentlichen am Stil der Stierkämpfer. Kurze Westen über Hemden mit weiten Ärmeln, die am Handgelenk mit einem Bündchen gefasst sind, werden zu Kniebundhosen getragen. In vielen Regionen wird die Tracht vom Montera, der klassischen Kopfbedeckung der Toreros, ergänzt .

Egal, ob klassisch oder fantasievoll, prachtvoll oder eher reduziert: Trachtenmode sollte in erster Linie Spaß machen und dem Träger oder der Trägerin ein gutes Gefühl vermitteln.
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