Warum das Tragen gerade für Neugeborene wichtig ist.

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Wenn wir Berichte über das Tragen von Kindern lesen geht es oft um die Empfindungen der Eltern. Darum, wie das Tragen ihren Alltag erleichtert, oder wie es ihnen gut tut so nah mit ihren Kindern auf Tuchfühlung zu gehen. Die Texte sind meist richtig und gut.

Ich möchte mich in diesem Text allerdings den Kindern widmen. Im ganz Besonderen ihren Gefühlen und Emotionen.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir lieben es in Gesellschaft mit anderen Menschen zu sein. Das sieht man an den vollen Konzertsälen, den betrieblichen Weihnachtsfeiern und den großen Hochzeitsfesten.

Kleine Menschenkinder kommunizieren größtenteils auf der Körperebene. Während wir um etwas bitten und so Worten Taten folgen, ist es bei Neugeborenen anders. Sie geben uns ein Signal, meistens über ihre Körpersprache, um auszudrücken welche Bedürfnisse sie in diesem Moment haben. Erst, wenn auf diese Signale nicht ausreichend reagiert wird, beginnen sie zu weinen.

Die Körpersprache der Kinder verläuft nicht komplett bewusst, sondern wird oft über Instinkte und Emotionen gesteuert.

Diese Instinkte entwickeln sich schon im Mutterleib.

Gehen wir zu der Zeit zurück, als Ihr Baby noch im Mutterleib war, und sehen wir das Leben mit seinen Augen. Stellen Sie sich vor, Sie könnten in ihre Gebärmutter hineinsehen. Was sehen Sie? Direkt hinter der Gebärmutterwand schweben durchsichtige Membranen in einem Teich aus tropischem Fruchtwasser. Da drüben ist die pulsierende Plazenta. Wie in einem rund um die Uhr geöffneten Restaurant kann das Baby dort ständig Nahrung und Sauerstoff bekommen.

In der Mitte nimmt ihr kostbares Baby den Ehrenplatz ein. Es ist durch die samtweichen Wände Ihres Uterus vor Hunger, Keimen, kalten Wind, wilden Tieren und streitsüchtigen Geschwistern geschützt. Während es so schwerelos in der goldenen Flüssigkeit schwebt, sieht es halb wie ein Astronaut, halb wie eine Meerjungfrau aus. Während dieser neun Monate entwickelt sich Ihr Fötus mit atemberaubender Geschwindigkeit. Sein Gehirn fügt 250 000 neue Nervenzellen pro Minute hinzu, und sein Körper nimmt das Milliardenfache an Gewicht und unendlich an Komplexität zu.

Betrachten wir nun den letzten Monat Ihres Babys im Mutterleib. Es wird jetzt richtig eng da drinnen. Ihr Baby ist wie ein Yogaexperte zusammengefaltet, sicher und geborgen. Entgegen weit verbreiteten Vorstellungen ist sein kuscheliges Zuhause jedoch weder still noch unbewegt. Es ist Erschütterungen ausgesetzt stellen Sie sich vor, wie es hin und her geschüttelt wird, wenn Sie die Treppe runterlaufen und von lauten Geräuschen umgeben das Blut strömt durch Ihre Arterien und erzeugt ein rhythmisches Rauschen, das einen Staubsauger übertönen würde.

Erstaunlicherweise beunruhigt all dieser Aufruhr Ihr Baby überhaupt nicht. Es findet es sogar beruhigend. Deshalb sind ungeborene Babys oft tagsüber ruhig und werden in der Stille der Nacht unruhig.

Mit der Geburt ändert sich für Ihr Baby sehr viel. Die leisen Stimmen der Anderen sind nun genauso laut wie die von Mama als es noch im Uterus war. Das Atmen ist für Ihr Baby eine neue Erfahrung. Die Plazenta ist als ständiger Versorger nicht mehr da, und Ihr Baby lernt ein neues Gefühl kennen. Hunger. Es muss kommunizieren, dass es Nahrung aufnehmen will. Dafür muss es saugen, viel öfter als zuvor. Es wird weniger geschaukelt. Es ist viel heller. Und vor allem ist die Geräuschkulisse eine völlig andere, die ständig wechselt. Vorher war da 24 Stunden ein Herz, das man schlagen hörte. Nun hört man es noch leise, wenn man bei Mama auf der Brust liegt. Sie können sich nun vielleicht besser vorstellen, was sich für Ihr Baby alles ändert. Wahrscheinlich wird es sogar Sehnsucht nach seinem intrauterinen Leben haben und sich besonders durch altbekannte Geräusche wie ein schhhhhh beruhigen lassen, wenn es weint.

Als Eltern Ihres Babys können Sie Ihrem Kind den Übergang in die neue Welt sehr sanft gestalten. Das Tragen nimmt hier eine wichtige und besondere Rolle ein.

Neugeborene besitzen eine Fähigkeit, die ihre Bereitschaft zum Leben außerhalb des Mutterleibs demonstrieren, aber dennoch sind sie während der ersten drei Monate so unreif, dass es wirklich ein Vorteil wäre wenn sie wieder hineinschlüpfen können, sobald sie von unangenehmen Gefühlen überwältigt werden. Da wir aber keine Kängurus sind, ist das Mindeste, was wir als liebevolle, mitfühlende Eltern tun können, damit sich unsere kleinen criaturas zu Hause fühlen, sie mit wohltuenden Empfindungen zu umgeben, die sie im Mutterleib vierundzwanzig Stunden am Tag genießen konnten.

Das Tragen ermöglicht Ihrem Baby langsam auf dieser Welt zu landen.

Vom Körper des Tragenden aus empfindet und erfährt das Baby seine neue Umwelt. Es kann sich voller Vertrauen darauf verlassen, dass es geschützt ist, dass es jederzeit Nahrung aufnehmen kann und sich von den vielen neuen Eindrücken zurückziehen und schlafen kann.
Das Kind wird mit der Zeit, seinen wachsenden Fähigkeiten entsprechend, immer öfter und für immer längere Zeit in der Lage sein, den Körper des Tragenden zu verlassen und selbständig die Umwelt zu erkunden.

Das Tragen ist für Ihr Baby eine große Bereicherung. Denn es hilft wirksam gegen Blähungen und unterstützt eine optimale Entwicklung der jungen Hüfte. Alle Sinne, die Ihrem Baby auch schon vor der Geburt zur Verfügung stehen werden gefördert und sorgen für eine Vernetzung der Gehirnzellen. Das Kind nimmt sich selbst besser war, und erfährt eine angenehme Form der Kommunikation.

Aus der Sicht Ihres Babys ist es eine Enttäuschung, wenn nicht gar Betrug, wenn es zwölf Stunden am Tag in ihren Armen ist. Wenn es sprechen könnte, würde es wahrscheinlich trotzig sagen: Was soll das Theater? Vorher hast Du mich 24 Stunden am Tag gehalten und mich jede Sekunde gefüttert!

Wir sollten nicht versuchen, Kinder in unsere gesellschaftlichen Normen hinein zu pressen. Schließlich verändern sich körperliche Fähigkeiten und Instinkte der Menschheit im Laufe der Evolution nur sehr langsam im Vergleich zum rasanten industriellen Fortschritt.Geben wir also unseren Kindern die Gelegenheit, sich langsam und auf sanfte, für ihr Empfinden sichere Weise in unserer modernen Welt zurechtzufinden, indem wir sie vor allem zu Beginn ihres Lebens so oft und so lang sie es möchten, tragen. Schenken wir ihnen das Vertrauen, welches sie so dringend benötigen, um zu selbstsicheren, selbständigen Erwachsenen zu werden.



Dr. Harvey Karp - Das glücklichste Baby der Welt

Rabeneltern

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