WMF, Art Deco, Jugendstil und Prof. Wilhelm Wagenfeld

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jetzt fragt Ihr Euch sicherlich:
was haben diese Begriffe miteinander zu tun?

Nun, wenn ich hier "WMF" (Württemmbergische Metallwarenfabrik) als Suchbegriff eingebe, so sind fast alle Artikel entweder Art Deco (wenn es alt aussieht und schlichte Formen hat), Jugendstil (wenn das Muster floral ist oder ein Frauenkopf drauf ist) oder es wird Prof. Wilhelm Wagenfeld zugeordnet. Die Steigerung ist, wenn ein Artikel unter "Jugendstil" eingestellt wird, designed von Prof. Wagenfeld, der dann auch noch dem Bauhaus-Projekt zugeordnet wird.
Ganz grob geschätzt, sind hier bei Ebay mehr als die Hälfte der WMF-Artikel von Prof. W. Wagenfeld. Bei aller Liebe, der Mann war ja sehr fleißig, aber das konnte er nicht schaffen.

Von echten Jugendstil- und Art Deco-Objekten der WMF möchte ich hier nicht schreiben. Die sind so selten, dass sie kaum noch auf dem freien Markt zu finden sind. Die schönsten Teile stehen im Museen und ich wundere mich, wenn ich hier mal was davon bei Ebay sehe. Auch die kunsthandwerklichen Artikel der NKA (WMF-Ikora und Myra) lasse ich mal aussen vor.

Aber über die Industriedesigner der WMF kann ich etwas schreiben.

Nach dem Krieg hatte die WMF große Schwierigkeiten die Produktion wieder in Gang zu bringen. Alte Modelle erlebten als "neue Produkte" ihre Wiederverwertung. Auf der Exportschau in New York Ende der Vierziger Jahre präsentierte sich die WMF mit "Kitsch und Ramsch"    und erntete herbe Kritik in der Presse. Das war der Anlass für die WMF ihr Produktdesign zu modernisieren. Allerdings ging sie dabei mehr als halbherzig vor. Sie wollten zwar ein neues Produktdesign, aber allzu neu durfte es auch nicht sein. Die WMF hatte Angst, ihre Kunden zu verprellen.

Bis weit in die fünfziger Jahre entwickelte  das Atelier Kurt Mayer (ab 1930 Nachfolger seines Vaters Albert  Mayer) das WMF-Programm. Hauptsächlich mit dem althergebrachten Design der Vorkriegszeit, also barocken und reich verzierten Stilmustern (deswegen auch wahrscheinlich die falschen Ebay-Zuordnungen).


Aufgrund der neuen Anforderungen an das Design modernisierte Kurt Mayer allmählich das Produktprogramm und förderte interne Talente der WMF, wie z.B. Heinz Pfeiffer und er setzte sich sehr für den Bildhauer Günter Kupetz ein, einer der besten Designer auf dem freien Markt.
1949 trat  Wilhelm Wagenfeld in die Firma ein. Sein Ziel war es, modernes Design mit absoluter Qualität zu verbinden. Dies ließ er sich auch vertraglich zusichern. Leider hatte das zur Folge, das WMF-intern öfter mal seine Entwürfe geklaut und billiger (und abgewandelter) produziert wurden. Da das Wagenfeld-Design in den Nachkriegsjahren zum Erfolgsschlager wurden (z.B.  Max und Moritz) wurde Wagenfeld durch die Erfolgsbeteiligung der WMF zu teuer.

Wagenfeld stieg 1954 aus und gründete das Atelier Wagenfeld und entwickelte Produkte für etliche Firmen, auch für die WMF.
Einer seiner Mitarbeiter war Helmut Warneke. Dieser führte dann später bei der WMF ein eigenes Atelier.
Eigene Ateliere bei der WMF hatten auch Günter und Sigrid Kupetz. Prof. Günter Kupetz machte sich Anfangs de 60iger Jahre selbstständig.
Sehr viele WMF-Artikel hier bei Ebay stammen von Prof. Kupetz, .

Dipl-Ing. Kurt Radtke hatte ab 1953 bis in die 70iger Jahre einen Beratervertrag und entwickelte für die WMF Produkte. Sein Atelier befand sich außerhalb der WMF. Hier bei Ebay ist sein meist eingestellter Artikel der Balkenleuchter, ein- zwei- oder dreiflammig, sie werden öfter auf ihn treffen, wenn Sie "Wagenfeld" als Suchbegriff eingeben ;-)

Prof. Sigrid Kupetz entwickelte u.a. die neuen Präge- und Ätzdekore.  Hier bei Ebay sind öfter mal Sahne-Service von ihr zu sehen.

Prof. Karl Dittert entwickelte meist nur auf Auftragsbasis. Hauptberuflich war er Leiter der Abteilung für industrielle Formgebung an der staatl. höheren Fachschule für Edelstahlindustrie in Schwäbisch Gmünd.

Dipl.-Ing. Kurt Mayer hat sehr viele WMF-Artikel entwickelt. Viele davon sind auch hier bei Ebay zu sehen. Mein liebstes ist das Sahne-Service im Sputnik-Design.

Alle hier erwähnten Designer entwarfen natürlich auch Bestecke. Aber mit Bestecken habe ich mich noch nicht allzusehr beschäftigt.

Ein oft erwähnter Designer hier bei Ebay ist E.P.Brass. Nur ....
E.P.Brass war kein Designer, sondern EPBRASS war ein spezielles Metallveredelungsverfahren auf Messing ;-)

Übrigens ist erst seit der Zeit Kurt Mayers eine Zuordnung einzelner WMF-Produkte zu Designern möglich. Zumal auch die WMF erst ab diesem Zeitpunkt mit dem Namen der Designer (hauptsächlich Wagenfeld) geworben hat.
Einen Art Deco- oder Jugendstil-Artikel Prof. W. Wagenfeld zuzuordnen war daher nicht möglich. Zumal Prof.W.Wagenfeld zu dieser Zeit auch noch gar nicht bei der WMF tätig war. Er arbeitete in den 20 iger Jahren für
das Bauhaus, danach für viele Firmen u.a. Vereinigte Lausitzer Glaswerke Weißwasser (Kubusgeschirr), Jenaer Glaswerk Schott &  Gen (sein berühmtes Teeservice) und Lindner (seine berühmten Lampen.
Im 2. Weltkrieg war er an der Ostfront und in russischer Gefangenschaft, weil er sich weigerte, der NSDAP beizutreten.


Viele Produkte dieser Designer gewannen Preise für gute Industrieformen, was auch natürlich der WMF zugute kam.
Deswegen ist es sehr ungerecht, immer nur einen WMF-Designer zu erwähnen.

Übrigens ... ein absoluten Renner unter den preisgekrönten Produkten hat schon fast jeder in der Hand gehabt:
es ist die Mehrweg-Mineralwasserflasche von Prof. Günter Kupetz, die er für die Deutschen Mineralbrunnen entwickelt hat..

Ich hoffe, dass ich mit diesem ein bißchen das Interesse für die anderen Designer der WMF wecken konnte. Zumal ja viele hier diese Produkte auch kaufen. Und es ist doch schön, zu wissen, wer die entwickelt hat.

 
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