Vom fröhlichen Schlachten der Bücher

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Der pfiffige Verkäufer schlachtet alte Publikumszeitschriften vor 1900 wie auch Lexika vor 1914 gnadenlos aus. Nur wenig spricht dagegen - vieles dafür.

Nach einiger Zeit sammeln sich beim Buchantiquar, ob er nun bei Privatleuten Nachlässe aufkauft oder  frühmorgens Flohmärkte durchstöbert, größere Mengen alter Unterhaltungszeitschriften an. Ihr Weiterverkauf stellt den Händler wie auch den Käufer vor Geduldsproben. Am Umgang mit Zeitschriften pflege ich die Erfahrung der Antiquars zu messen.

Zunächst einige Grundregeln.

Zwischen 1890 und 1900 befinden sich die - bis dahin unangefochtenen - Holzschnitte auf dem Rückzugsgefecht gegenüber den Fotoklischees. Der Unterschied ist leicht zu sehen - die Klischees dieser Übergangsjahre sind meist plump, viel zu dunkel und unansehnlich, dagegen erfreuen uns die Holzschnitte durch feinste Ausführung der vielen zarten Linien, oft sehen wir ausgesprochene Kunstwerke der Holzschneidekunst, etwa aus dem Hause Brend'amour.

Daß diese Holzschnitte in der Regel eher als  H o l z s t i c h e  bezeichnet werden, soll uns hier nicht beschäftigen. Beide Benennungen sind korrekt. Die Feinheiten behandeln wir nicht, sonst müßten wir auch enthüllen, daß manche Holzstiche/ Holzschnitte in der Übergangszeit eigentlich auf Zinkklischee umgesetzte Federzeichnungen sind. - Leider kämpft man gerade in den Übergangsjahren gegen das Holzpapier, es gilt das bekannte Tageslichtverbot.

In manchen Zeitschriften, etwa in "Zur Guten Stunde", in den "Meggendorfer Blättern", vor allem aber in Monographien und Lexika finden wir auch ganz vorzügliche  C h r o m o l i t h o g r a p h i e n , das sind Steindrucke von mehreren Steinen, ein unendlich mühsames Verfahren, das aber wunderschöne Farbbilder ergab und in dieser Form heute technisch nicht mehr möglich ist. Die Chromolithographie, den Postkartensammlern von den "Gruß aus ..."-Karten her vertraut, ist keineswegs immer teurer als der nichtfarbige Holzstich - es kommt darauf an, wir werden da gleich näher hinsehen.

Zunächst noch Überlegungen zur Verwertung. Soll der Buchantiquar überhaupt alte Publikumszeitschriften ausschlachten, wäre es nicht viel edler und würdiger, die schweren Zeitschriftenbände beisammen zu lassen? Ein vieldiskutiertes Thema unter Antiquaren und Sammlern.

Ich bin, ohne es zu wollen, im Lauf der jahrzehnte durch mein Ankaufsgebiet - dort liebte man alles, was mit Kolportage und Abonnement zu tun hatte - zu einer Art Zeitschriftenpapst geworden. Als die Bibliotheken noch ankauften, lang ist sie her, die schöne Zeit, weißt Du noch?, lieferte ich auf Fehllisten hin schwere Kisten an die Pflichtsammelbibliotheken. Das ist inzwischen völlig, ich sage völlig, sinnlos geworden. Wenn Bibliotheken noch etwas ankaufen, geschieht das mit mitleidigem Erbarmen (der Antiquar haßt diesen Umgangston) und mit offener, schamloser Preisdrückerei. Nein - die Bibliotheken ergänzen ihre Publikumszeitschriftenbestände im Traum nicht. Das war einmal.

Der Sammler und ebay- K ä u f e r   aber steht vor einem anderen Problem. Einmal weiß er nicht, was im angebotenen Zeitschriftenjahrgang an Bildern, auf die kommt es ihm in erster Linie an, enthalten sein mag. Merke: Die bibliographische Inhalts- Kenntnis auch des spezialisierten Sammlers tendiert heutzutage gegen Null. Es ist erschütternd, aber was hilft das Jammern. - Wenn er nun den Inhalt nicht kennt, dann zahlt er wenig.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Wer das Glück hat, einen Zeitschriftenband mit Karl May zu finden, der mag sich beglückwünschen. Die Jahre 1875-1890 sind da immer verdächtig. Auch gibt es Textbeiträge, etwa die großen Städte-Aufsätze in der "Leipziger Illustrierten Zeitung", Aufsätze über Ballonfahrten usw., die so gesucht sind, daß der Sammler den ganzen Band dann teuer bezahlt.

Haben wir beschädigte Einbände (das Nachbinden bei den schweren Publikums-Zeitschriften ist unbezahlbar) oder gar fehlende oder stark angeränderte Seiten, dann ist die Entscheidung schon gefallen. Ansonsten gilt es abzuwägen. In einer Publikumszeitschrift zwischen 1860 und 1900 sind mindestens etwa 20-30 gute, vom Thema her verwertbare Holzstiche enthalten. Die lassen sich, ordentliche Scans und exakte geographische oder sachliche Einordnung vorausgesetzt, zu einem guten Drittel rund um 10 Eur absetzen. Woraus wir sehen, daß die Absatzquote hier niedriger ist als bei Büchern.

Der Zeitaufwand für das sorgfältige und liebevolle Austrennen der Bild-Text-Seiten  ist nicht zu unterschätzen. Übrigens sollte man versuchen, die dazugehörigen Texte mit auszuschneiden und mitzuliefern, allzugroßen Wert legen die Kunden darauf aber nicht - es geht um das Bild. Der Versand ist bis zum Format A4 sehr einfach, Brief oder Warensendung, mit solider Pappe verstärkt. Was indes über A4 ist, z.B. die meisten großen Gartenlauben- und Über Land und Meer-Bilder, wirft erstklassige logistische Probleme auf , ist aber mit den im Großhandel preiswerten Versandkästchen aus Pappe, die genau dem Maxibrief-und Warensendungshöchstformat entsprechen (also in Länge, Breite und  H ö h e!), elegant zu lösen. Bitte nicht vergessen, daß der Kunde das Pappkästchen, etwa 80 Cents, zahlen muß, am besten (aber mit Begründung!)  zu den Versandkosten hinzurechnen.

Bei der thematischen Bildeinschätzung gibt es Sonderregelungen, die von denen bei Büchern signifikant abweichen. Das merkt man dann bald bei den erzielten Preisen. Berufsszenen gehen immer gut, vor allem aus dem juristischen und kaufmännischen Bereich, Topographie ist grundsätzlich Glücksache, Technik geht immer, Theater, Puppenspiel,  Militärisches auch. Bei Gelegenheit kann ich darüber mal einen Beitrag schreiben. - Ich habe gute Erfahrungen mit einem Startpreis von 7,50 Eur gemacht. Dieser nicht ganz niedrige Wert setzt aber fast immer das Einstellen in zwei Kategorien voraus.

Das Interessante ist: Auch wenn wir uns einen hübschen Stundenlohn von, sagen wir, 15 Eur zubilligen,
lohnt sich das Schlachten der Publikumszeitschriften der Holzstichzeit  i m m e r. Ich denke nicht daran, abgesehen von Karl-May-iana auch nur noch einen Zeitschriftenband mit Holzstichen als Ganzes, ungeschlachtet, anzubieten. Ebay spielt hier seine Stärke aus - der Kunde kann  s e h e n, was auf dem Bild ist, ob es ihm an der Stelle, wo ers hinhängen möchte, gefällt und paßt. Im ZVAB bleibt er da in der Regel blind.

Auf weitere Sicht werde ich dazu übergehen, die Stiche gleich selber zu rahmen (und auch gerahmt anzubieten). Es gibt heute sehr hübsche, nostalgische schmale Goldrahmen aus China in allen Größen, unglaublich billig. Der Versand wird dann zwar noch etwas kniffliger (mit dem erwähnten Pappkasten aber gut möglich), dem Kunden aber wird ein echter Dienst geleistet. - Bitte niemals Kunststoff"glas" nehmen.

Sehr deutlich ist auch der Vorteil des Schlachtens - für Verkäufer und Käufer - bei den alten Lexika, hier wegen der Chromos sogar bis 1914 möglich. Habe ich ein prächtig erhaltenes Lexikon oder eines mit "Sondereinband", von Bial & Freund etwa, dann, aber nur dann werde ich es noch als Ganzes anbieten. Ansonsten sind Lexika Schlachtgut. Lexika müssen sterben, damit der Ingenieur oder Kaufmann ein hübsches Bild in den Kontor bekommt.

Wieder einmal konnte ich das Thema nur in Umrissen darstellen, es gibt noch viele interessante Einzelheiten dazu zu melden.

Vielleicht auf ein andermal?


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Buch

Antiquitäten

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