Umgangsform und Anstand ....

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sind leider für viele FREMDWÖRTER !

Anstand bezeichnet gute Sitte bzw. ein bewusstes Benehmen, dessen Zweck in der Zügelung des individuellen Hochmuts besteht. Mit Anstand als Einstellung und als Verhalten respektiert der anständige Mensch die Persönlichkeit des Gegenübers und achtet darauf, dass sein Gegenüber nicht bloßgestellt oder benachteiligt wird.

"Anstand" kann erlernt, jedoch nicht reglementiert werden. Im Unterschied zur bloß äußerlichen Aneignung regelgerechter Umgangsformen bzw. formaler Höflichkeitsprinzipien ist "Anstand" die auf der Freiheit und Urteilskraft der sittlichen Person beruhende Wahl einer Haltung, welche auf Anerkennung und Aneignung des grundlegenden Wertes der "Menschlichkeit" (Gleichheit, Würde), sowie der gefühlten Verpflichtung gegen diesen in Verhalten und Handeln beruht.

Vom "Anstand" zu unterscheiden ist so der Begriff des Schicklichen, welcher eine Anpassung des persönlichen Verhaltens an eine gemeinschaftliche Norm fordert ("Konformität"). "Anstand" kann sich u. U. geradezu im Verstoß gegen das "Schickliche", die "Etikette", oder die geltende soziale Norm bewähren, sofern diese den grundlegenden Wert verletzt.

Im Finden, Bewahren oder Geltendmachen des "Anstandes" in der ihn anfechtenden Situation behauptet sich die sittliche Person bzw. die sittliche Gemeinschaft.


Schicklichkeit, bzw. schickliches Verhalten gilt heutzutage gegenüber dem zivilisierten Anstand als veraltete, noch aristokratisch-ständisch geprägte Wertvorstellung und erscheint angesichts der Vielfältigkeit des modernen bürgerlichen Lebens wenig praktikabel.

Umdeutung und Instrumentalisierung der Begriffes

Anstand ist ein zentraler Begriff von Sitten- und Tugendlehre(n), von Moralphilosophie resp. -theologie. Er zielt auf eine moralische innere Einstellung und entsprechendes gesellschaftsverträgliches bzw. -förderliches Verhalten (Manieren etc.), wobei die Achtsamkeit gegenüber anderen Menschen und Lebewesen und die Zügelung des Hochmuts, der Selbstüberschätzung, des Egozentrismus und des Animalischen im Menschen im Zentrum der Intentionen steht. Gemeinsam mit anderen moralischen Kategorien unterliegt der Begriff Anstand geschichtsbedingten Interpretationen und ist aufgrund verbreiteter Unkenntnis seines Bedeutungsgehalts leicht instrumentalisierbar, umdeutbar und dem Missbrauch preisgegeben, insbesondere wenn er sich gleichsam als maskierter Hochmut darstellt, obwohl er diesen ja eigentlich zu zügeln sucht. Nicht selten bezeichnen sich Menschen selbst gegenüber anderen als anständig, obwohl sie in Wahrheit dadurch nichts anderes zum Ausdruck bringen wollen, als dass sie die Lebens- und Verhaltensweisen eines Gegenübers zutiefst verachten. Wahrer Anstand ist demgegenüber niemals auftrumpfend, sondern im Gegenteil von überlegter Zurückhaltung und vernünftiger Selbstbeherrschung - dem Gegenteil von zügelloser Vulgarität - geprägt. Die Verletzung der jeweils geltenden Anstandsregeln ist bei den meisten Menschen mit Schamgefühl verbunden ("das genierte Wesen, wenn man besorgt ist, einen schlechten Anstand zu zeigen"[Kant]), charakterlich bedingte oder antrainierte Schamlosigkeit hingegen gibt der Außerachtlassung von Anstand und damit subjektiver Willkür freies Geleit.

Der Begriff des Anstands hat insbesondere seit der 68er Bewegung vermehrt eine negative Konnotation erfahren. Im Gegensatz zum Begriff Fairness wird hier auch Angepasstheit, Konformismus, unkritische Loyalität zum Staat, fehlende Zivilcourage, Untertanenverhalten und biedermeierliches Spießertum assoziiert. Diese Untertanenmentalität wird seitdem immer wieder kritisiert, auch als Wegbereiter totalitärer Systeme, da der (in diesem Sinne) anständige Bürger keinen Widerstand leiste, sondern sich brav unterordne, gleichgültig, was die Obrigkeit fordert. Um diese Konnotationen zu vermeiden werden stattdessen oft Begriffe wie respektvolles Verhalten, Fairness oder ähnliches verwendet. Dabei sind hinsichtlich des äußeren - freilich durch die innere Einstellung gesteuerten - Verhaltens schlicht und einfach gute Umgangsformen gemeint, "man macht...den Anstand zur Gewohnheit..., indem man sehr auf die Wahl der Wörter, der Stimme, der Gebärde und Kleidung sieht". (Vgl.Immanuel Kant: Anthropologie-Kolleg[1791/92], S. 192; in: Kant-Forschungen, hrsgg. von Reinhard Brandt und Werner Stark, Bd. 12, Felix Meiner Verlag 2000).

Dabei gilt es weiterhin zu bedenken, dass gerade tief in den Wertstrukturen einer Persönlichkeit verankerter Anstand auch die Grundlage von Widerstand sein kann. Ein Beispiel war der Aufruf zum „Aufstand der Anständigen“[1] nach Anschlägen auf Synagogen. Oder, um noch ein Beispiel aus der Gegenwart zu nennen, hier insbesondere in der Wirtschaft und in der Politik der Widerstand der Anständigen, die als (Whistleblower) agieren. Viele Beispiele zu auf Anstand basierendem unaufgefordertem Widerstand gab es auch in der Geschichte - so auch der antifaschistische Widerstand deutscher Offiziere und mutiger Zivilisten unterschiedlicher sozialer Herkunft und Weltanschauung auch aus menschlichem Anstand gegen den verhassten Hitler-Faschismus, der im Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 kulminierte. Der Begriff des „Widerstandes der Anständigen“ kann aber auch als Instrument zur reaktiven Abwertung[2] Andersdenkender und Anderslebender missbraucht werden. Beispiele für bis zur Militanz reichende Instrumentalisierungen gibt es in vielen Bereichen, unter Anderem in den Debatten um Abtreibung, um Globalisierung und um Homosexualität.

Darüber hinaus wird Anstand nicht selten auch in totalitären Regimen (Kommunismus, Faschismus, Nationalsozialismus), nationalistischen und religiös-fundamentalistischen Bewegungen als nebensächlich resp. „(klein-)bürgerlicher Krimskrams“ eingestuft, der die „gute Sache“ nur behindere oder wird in einem eingeschränkten Sinne dann als kultivierte Umgangsform nur für die und innerhalb der bevorzugten Bevölkerungs- und Glaubensgruppen respektive Herrschaftsschichten zur Anwendung gebracht, um die „äußeren Formen“ und den Anschein zu wahren (Anschein statt Anstand).

Zwar vereinfacht Anstand als Vertrauensgrundlage das Leben der Menschen, aber gleichzeitig führt die Verletzbarkeit und Missbrauchbarkeit des Begriffes zu einer Vielzahl von Widersprüchen. Des Einen Unanständigkeit ist des Anderen Anständigkeit. Außerdem ist Anstand nicht statisch, sondern verläuft mit geschichtlicher Dynamik, (neuer) Anstand kann (alten) Anstand verändern: „Umwertung aller Werte: das ist meine Formel für den einen Akt höchster Selbstbesinnung der Menschheit... Mein Los ist, dass ich der erste anständige Mensch sein muss, der sich gegen die Verlogenheit von Jahrzehnten im Gegensatz weiß...“ meinte beispielsweise Friedrich Nietzsche (Ecce Homo, 1888) als einer der Vielen sich zwischen Maßfindung und Anmaßung bewegenden Vertreter der gleichzeitig Anständigen und Unanständigen. Sowohl die Historizität als auch die zeitgeschichtliche Transzendenz von "Anstand" steht außer Zweifel. Individueller Anstand steht einerseits in sozialgeschichtlicher Korrelation zu den herrschenden Sitten und Gebräuchen und vollzieht sie "in anständiger Weise", andererseits ist Anstand aber in einem zeitgeschichtlich übergreifenden Wert-Potential verankert, das sich dem jeweiligen "Mainstream" und angesagten Trends wie etwa Mitläufertum, politischen Verlogenheiten, Fanatismus, Mitleidlosigkeit, Anti-Intellektualismus und Fremdenfeindlichkeit verweigert. Genau diesen Konflikt zwischen den Wert-Skalen lässt schon Sophokles seine "Antigone" durchleben, die ihren vor den Toren Thebens im Kampf gefallenen Bruder Polyneikes mit Anstand beerdigen möchte, obwohl dieser als Feind Thebens auf eine ehrenhafte Bestattung "mit Fug und "Recht" keinen Anspruch hat und Antigone sich mit ihrem Denken und Verhalten bei Strafe ihres Untergangs gegen die Staatsräson und die herrschenden Sitten stellt (Vgl. Sophokles: Tragödien, übertragen von Roman Woerner, Insel-Verlag Leipzig 1942) . Die Historizität von Anstand zeigen auch Beispiele aus der jüngeren Geschichte z. T. mit erschreckender Deutlichkeit. So galt es für sowjetrussische "anständige" Revolutionäre nach 1917 als Akt der Überwindung feudalen bzw. bürgerlichen Anstands und überholter Etikette, äußerliches Gepflegtsein ebenso abzuschaffen wie das Handgeben oder das Tragen von Schlipsen, monogames Sexualverhalten und eheliche Gemeinschaft ebenso für veraltet zu erklären wie die Priorität des eigenen Gewissens vor blanker Parteidisziplin. Oder in einem anderen historischen Kontext steigert sich die Argumentation darüber, was "anständig geblieben zu sein" heißen sollte, ins Pathetisch- Brutale, wenn der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, in seiner berüchtigten Rede in Posen ( 04. Oktober 1943) vor Gauleitern und hohen SS-Führern in zynisch-verdrehter nationalsozialistischer Phraseologie erklärte:" Es war eine, Gottseidank in uns wohnende Selbstverständlichkeit des Taktes, dass wir uns untereinander nie darüber unterhalten haben, nie darüber sprachen...Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes... Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei - abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen - anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte..." (Vgl. in schriftlich protokollierter Wiedergabe und Tonaufzeichnung: www.nationalsozialismus.de/dokumente/tondokumente/heinrich-himmler-posen...) Auch Reichsmarschall Hermann Göring erklärte am 08. Mai 1945 angesichts der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschlands in provokanter Pose vor Journalisten, dass er "wenigstens zwölf Jahre anständig gelebt" habe - wobei sich auch hier die zynische, macht- und ideologiebesessene Sinnverdrehung von "anständig-gelebt-zu-haben" zu einem in desaströser Rücksichtslosigkeit " aus-dem-Vollen-gelebt-zu-haben" schwadronierend kundgibt. (Vgl.Guido Knopp: Göring. Bertelsmann-Verlag, Gütersloh 2007).

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Anstand
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