Über das (in)komplette antiquarische Buch

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Ob ein Buch vollständig ist oder nicht, ist oft gar keine so einfache Frage!

Natürlich, es gibt die Bibliographien, aus denen in fachkundigen antiquarischen Diagnosen oft zeilenlang abgekürzt zitiert wird. Doch gerade bei alten und seltenen Büchern kann es sein, dass jedes Exemplar anders ist, und keines davon wirklich den Anspruch auf das bibliographisch perfekte Exempar erheben kann. In den Zeiten der vorindustriellen Buchproduktion war das Buch bei weitem kein so gleichförmiges Produkt, wie wir es heute kennen.

Gerade die grossen botanischen und zoologischen Tafelwerke des 18. und 19. Jahrhunderts sind nicht selten über den Zeitraum von mehreren Jahrzehnten erschienen, und es bedarf nicht der bibliographisch berüchtigten Napoleonischen Pause, um zu verstehen, dass bibliographisch streng genommen, vollständige Exemplare hier fast unmöglich sind. In vielen Fällen muss man sich damit begnügen, dass nur die Anfangsbände bis zu einem gewissen autobiographischen Endpunkt des damaligen Sammlers vorliegen. Eine schönes Beispiel aus dem 18. Jahrhundert ist eines der schönsten illuminierten barocken Florenwerke, welches Nürnberger Künstler für das dänische Königshaus schufen, und das immer nur in den Anfangsbänden vorliegt, aber dennoch bibliophil hochgeschätzt ist.

In gewisser Hinsicht können dies dann durchaus faktisch vollständige Exemplare sein, auch wenn bibliographisch natürlich spätere Lieferungen fehlen, Voraussetzung ist allerdings, dass die Anfangslieferungen alle vollständig vorhanden sind. Aus der Sicht des bibliophilen Sammlers ist bei vielen solcher Bücher das an einer bestimmten Stelle unterbrochene Exemplar geradezu notwendig, nämlich immer dann, wenn das Exemplar in originalen Einbänden der Zeit vorliegen soll!

Nehmen wir als berühmtes Beispiel Curtis Botanical Magazine, das von 1787 bis um 1980, also über einen Zeitraum von fast 200 Jahren erschien. Wer hier ein Exemplar in originalen, authentischen Einbänden sucht, muss sich auf ein Exemplar mit Unterbrechung um 1810 beschränken, da sich danach die Einbandmoden grundsätzlich ändern.

Um so ärgerlicher ist eine neue Unsitte, die aus den USA in Ebay einsickert, nämlich der einzelbandweise Abverkauf solcher Reihen. Kürzlich hat sich doch tatsächlich ein berühmter us-amerikanischer Ebayhändler dazu hinreissen lassen, die ersten 25 Bände von Curtis Botanical Magazine in wunderschönen, uniformen und originalen Einbänden einzelbandweise abzuverkaufen. Und das allerschlimmste dabei, unbegreiflicherweise besteht offensichtlich eine Nachfrage bei antiquarischen Anfängern nach solchen Angeboten! Dieses Exemplar wird nie mehr komplettierbar sein...

hier kann man die Käufer nur aufklären, dass bei Fehlen eines einzigen Zwischenbandes der finanzielle Wert der Reihe defacto gegen Null tendiert, das gleiche gilt natürlich für alle Einzelbände nach dem ersten Band! Aufgrund der individuell gestalteten Handeinbände der damaligen Epoche ist eine solche Lücke defacto auch nachträglich kaum mehr zu schliessen, von den anderen Exemplarunterschieden bei Büchern dieser Altersstellung ganz zu schweigen...

bitte beachten Sie auch meine anderen Ebay-Ratgeber für das Antiquariatswesen!

Anfragen und Erfahrungsaustausch sind jederzeit herzlich willkommen!

 

 

 

 

 

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