Über das Schlachten von Büchern

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Ein altes, immer wieder diskutiertes Thema bei antiquarisch Interessierten ist das Schlachten von Büchern. Gemeint ist damit das Herausschneiden von Abbildungen.

In der Regel sind bei antiquarischen Diskussionen zu diesem Thema die Fronten sofort verhärtet. Die grosse Fraktion der Kulturbewahrer beschimpft die Grafikhändler, die in aller Regel auch immer die schlechteren Argumente haben. Im grunde genommen war im deutschsprachigen Raum diese Diskussion seit vielen Jahren bereits tot, da kein Markt mehr für isolierte Buchgrafik bestand.

Besonders geschickte Grafikhändler führten dann das Argument an, sie trügen durch das Zerlegen von Tafelwerken zur Demokratisierung und Popularisierung in der Verfügbarkeit von Kunstwerken bei, in dem sie nun Einzelgrafik auch demjenigen anbieten können, der sich das komplette Werk nicht leisten kann oder es schlichtweg nicht kennt.

Auch hier gilt die allgemeine Regel, dass in prosperierenden Gesellschaften die Ansprüche an die antiquarischen Sammlungs- und Dekorationsbestände von Jahr zu Jahr höher werden, und so war es zwar in Deutschland in den 1970er Jahren noch schick, kolorierte Pflanzenkupfer aus Büchern zu schneiden, zu rahmen und zu hängen, heute aber beschleicht die Innenarchitekten und Raumausstatter eher der Verdacht des Billigen, wenn sie Dekografik, zumal aus Büchern sehen.

In den USA aber gab es hier von jeher andere Traditionen, sodass von dort her insbesondere auch über Ebay eine Renaissance des Bücherschlachtens zu befürchten ist. Es sind v. a. bestimmte botanische und zoologische Tafelwerke, sowie Topografisches und in jüngster Zeit die Himmelsatlanten, die in dieser Richtung besonders gefährdet sind.

Es ist auch keineswegs so, dass nur Unvollständiges oder gar nur Unergänzbares zerfleddert wird! Komplette und sehr seltene Tafelwerke in originalen Meistereinbänden werden geschlachtet, auch dann, wenn die Summe der einzeln verkauften Stiche den Preis des kompletten Werkes nur unwesentlich übersteigt. Oft paart sich dieser aggressive Stil mit der Aura der Inferiorität lokaler und regionaler Händler, die sich nicht eingestehen wollen, derartig kostbare Bücher an geeignete Verkaufskanäle abzugeben.

Nachdem das Bücherschlachten eine legale Händleraktivität ist, und das Käuferinteresse v. a. in den USA an vereinzelter Buchgrafik weiterhin hoch ist, kann hier nur Aufklärung helfen, diesem Irrsinn ein Ende zu bereiten:

Käufer sollten wissen, dass alles auf Papier oder Pergament, egal ob Stich, Handzeichnung, Aquarell oder gar Gouache hochgradig lichtempfindlich ist, und nur für kurze Zeit gehängt werden kann, ohne gravierende Schäden zu hinterlassen. Selbst die derzeit besten Museumsgläsern filtern nur etwa die Hälfte des schädlichen Lichtes. Ganz zu schweigen von den Kosten einer solch professionellen Glasrahmung! Deshalb gibt es in Grafikkabinetten auch keine Daueraustellungen!

Kunst auf Papier oder Pergament, egal ob gedruckt oder als Zeichnung, Aquarell oder Gouache ist nur unter Lichtabschluss aufzubewahren, in Mappen, Schubern, Kassetten oder eben in der genialen Erfindung des Buches!

Wer ein schönes Bild hängen will, soll doch einfach ein Ölgemälde wählen, hier kann auch auf die optisch und ästhetisch problematische Verglasung in aller Regel verzichtet werden. Hinzukommt, dass schöne Ölgemälde gerade auf Ebay oft schon zum Preis eines herausgerissenen kolorierten Kupferstiches zu bekommen sind, der immer die Aura des geschundenen, zerfledderten und geschändeten Buches mittragen wird.

Auch in finanzieller Hinsicht ist der Sammler von Buchgrafik nicht gut beraten, der Kunstmarkt wird sich auch international ganz sicher weiterentwickeln. Was dann noch Wert hat, ist eben das (komplette) Buch als Gesamtkunstwerk aus Inhalt und Einband. Herausgelöste Buchtafeln werden dann das sein, was sie im grunde genommen immer schon waren, Konsum- und Dienstleistungsobjekte ohne eigentlichen finanziellen Wert!

Bitte beachten Sie auch meine anderen Ebay-Ratgeber für das Antiquariatswesen!

Anfragen und Erfahrungsaustausch sind jederzeit herzlich willkommen!

 

 

 

 

 

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