Turnbock statt Bierbank: Zu Besuch in Münchens kultigster Motto-Bar

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Tom Zufall hat gewagt, wovon viele nur träumen: Er kündigte seinen gutbezahlten Job, um sich einen Lebenstraum zu verwirklichen: eine eigene Bar. Aber nicht irgendeine. Im München 72 sitzen die Gäste auf Turngeräten und tauchen ein in eine Welt von Jubel, Trauer und unbändiger Leidenschaft.
Seit 2009 betreibt Tom Zufall Motto-Bars mit dem Namen „München 72“. (© Sina Huth)
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Seit 2009 betreibt Tom Zufall Motto-Bars mit dem Namen „München 72“. (© Sina Huth)
Gebrauchsspuren: Das Mobiliar zeugt von einer lebendigen Geschichte. (© Sina Huth)
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Gebrauchsspuren: Das Mobiliar zeugt von einer lebendigen Geschichte. (© Sina Huth)

Die Türen zum „München 72“ stehen weit offen, die Beleuchtung ist gedämpft, im Hintergrund spielt tanzbare Indie-Musik. Matte Lichtkegel fallen auf dunkelbraune Lederbänke, die sich harmonisch in den dezent gestalteten Raum einfügen – so harmonisch, dass man erst auf den zweiten Blick erkennt, dass es sich dabei um Turngeräte handelt. Der alte Springbock wurde zur bequemen Sitzbank umfunktioniert, ein paar Medizinbälle dekorieren die Fensterbank und die schicke Leder-Wandverkleidung war in ihrem früheren Leben mal ein Turnkasten.

Tom Zufall lehnt entspannt an der Holztheke (die, ganz nebenbei, ebenfalls einmal ein Turnkasten war). Seine Bar in der Holzstraße ist eine Hommage an die Olympischen Spiele 1972 in München. Das meiste, was man in dem gemütlichen Lokal sieht, hat mit dem Großereignis zu tun – angefangen von dem Bild des ausverkauften Olympia-Stadiums an der Rückwand des Lokals über die Turnmöbel und die vergilbten Bildbände im Regal bis hin zu Maskottchen Waldi hinter der Theke.
Maskottchen Waldi darf in der Hommage-Bar nicht fehlen. (© Sina Huth)
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Maskottchen Waldi darf in der Hommage-Bar nicht fehlen. (© Sina Huth)
Das neue München 72 ist erwachsener geworden, sagt Tom. Und von einem Café zur Abendbar gereift. (© Tom Zufall)
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Das neue München 72 ist erwachsener geworden, sagt Tom. Und von einem Café zur Abendbar gereift. (© Tom Zufall)

Eine Café-Bar mit Lokal-Kolorit

„Ich wollte eine Bar aufmachen, mit der sich die Münchner identifizieren können“, erzählt Tom. „Und als ich 2009 die erste Bar eröffnete, war das Thema Retro gerade aktuell. Ich habe mir in Berlin einige Retro-Bars angeschaut, aber die waren mir alle nicht authentisch genug. Und dann bekam ich als Bildredakteur einen Auftrag, das Thema Münchner Olympiade zu bebildern.“ So kam eins zum anderen, die Teile fügten sich zusammen, das „München 72“ war geboren.
Das „München 72“ im Gärtnerplatzviertel versprüht den Charme von Nostalgie, rustikalem Holz-Ambiente und Retro-Chic, ohne aufgesetzt oder beladen zu wirken. Tom war das durchaus wichtig. Nippes auf Tischen und an den Wänden gehören nicht zum Konzept seiner Motto-Bar. „Ich wollte auf keinen Fall, dass es ramschig wirkt“, betont der ausgebildete Bildredakteur. Und das war keine leichte Aufgabe, ist das Mobiliar doch ein Sammelsurium aus Schätzen aus dem Netz.
Keine typische Sportsbar: „München 72“ war die erste Café-Bar, die gemeinsame Tatort-TV-Abende einführte. (© Tom Zufall)
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Keine typische Sportsbar: „München 72“ war die erste Café-Bar, die gemeinsame Tatort-TV-Abende einführte. (© Tom Zufall)

Toms Möbelgeschäft heißt „eBay“

„Dreiviertel der Einrichtung kommen von eBay“, erzählt Tom. Um das neue „München 72“ einzurichten, habe er nur zwei Spanplatten gekauft. „Der Rest ist used.“
 Lange hatte er sich nicht nach der passenden Einrichtung umgucken müssen. „In drei, vier Monaten hatte ich den Grundstock zusammen“, erzählt Tom. „Es war nicht wirklich schwer, passende Gegenstände zu finden. Die Olympiade in München war die erste Olympiade, in der Merchandising-Artikel hergestellt wurden“, erklärt er weiter. „Gleichzeitig hatte das IOC noch keine exklusiven Vermarktungsrechte. So kam es, dass unheimlich viele Leute selbst Sachen zur Olympiade produziert und diese dann an kleinen Ständen verkauft haben.“
Der Souvenir-Schrein ist Tom heilig, doch zu viel soll es nicht werden: „Das ist ja kein Museum hier.“ (© Sina Huth)
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Der Souvenir-Schrein ist Tom heilig, doch zu viel soll es nicht werden: „Das ist ja kein Museum hier.“ (© Sina Huth)

Der kleine Schrein über dem grauen Schallplattenspieler ist voll von diesen kleinen Kostbarkeiten – und der einzige Kitsch, den sich Tom und seiner Bar gönnt. Die Spardose in Form eines pausbackigen Bayern ganz oben auf der Vitrine sowie die rote Kühltasche mit dem Olympia-Logo gehören zu seinen Lieblingsstücken. „Viele behaupten, der kleine Spardosen-Kerl sehe mir ähnlich,“ sagt Tom mit einem verschmitztem Lächeln. Bei seinem Heiligtum heißt es deshalb: Hände weg! „Sonst gibt’s was auf die Finger“, lacht er.
Toms Lieblingsstücke sind die Kühltasche und die Spardose - mit einer gewissen Ähnlichkeit zum Besitzer. (© Sina Huth)
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Toms Lieblingsstücke sind die Kühltasche und die Spardose - mit einer gewissen Ähnlichkeit zum Besitzer. (© Sina Huth)

Ein durchaus gewagtes Experiment

Für das Motto-Café hat Tom seinen Job als Bildredakteur an den Nagel gehängt und gegen Hammer und Poliertuch eingetauscht. Einen Großteil der Einrichtung hat er mit einem befreundeten Schreiner selbst aus Alt und Neu zusammengebastelt.
Von wegen 70er: Die Stammkundschaft von Toms Café-Bar ist zwischen 20 und 30. (© Sina Huth)
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Von wegen 70er: Die Stammkundschaft von Toms Café-Bar ist zwischen 20 und 30. (© Sina Huth)
Am Wochenende hat das München 72 auch mittags auf und lädt zum Brunchen und Waffeln ein. (© Tom Zufall)
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Am Wochenende hat das München 72 auch mittags auf und lädt zum Brunchen und Waffeln ein. (© Tom Zufall)

Eine Café-Bar in einer Stadt zu eröffnen, in der es nicht gerade an Bars und Cafés mangelt, war durchaus ein gewagtes Experiment. Dem gelernten Hotelfachmann war das von Anfang an bewusst. „90 Prozent aller Gastronomieläden machen nach einem Jahr zu“, zitiert er eine Statistik. Doch Tom ist auch sicher: „Wenn man etwas Außergewöhnliches macht, kann man es schaffen.“ Und das hat Tom mit seiner Motto-Café-Bar erreicht. Und er weiß auch genau, warum. Sein Erfolgsrezept: „Die Objekte, die hier stehen, haben alle schon gelebt. Anderen Läden, die nur Neuware hinstellen, fehlt oft die Seele.“ In seinen Möbelstücken steckt echte Geschichte. „Hier wissen die Leute, da steckt Leben drin.“

Eine Olympiade, die das Weltbild veränderte

Dass diese Geschichte nicht nur rosige Facetten hat, wird zwar nicht verheimlicht, aber in Toms Bar auch nicht zur Schau gestellt. „Die Attentate sind ein heikles Thema, das ich nicht ehrwürdig genug behandeln könnte“, sagt Tom. „Eine Gedenkstätte für die toten Sportler neben feiernden Gästen? Oder auf dem Gang zu den Toiletten? Da habe ich es vorgezogen, das Ganze nicht zu thematisieren.“ Seine jüngeren Gäste assoziierten die Olympiade ohnehin nicht mehr mit dem Attentat, sagt Tom. Und auch für ihn sei es „nie der Kerninhalt der Olympiade gewesen.“
Eine Kerze aus der Ehren-Lounge. Tom: „München 72 markierte einen Wendepunkt im Weltbild Deutschlands.“ (© Sina Huth)
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Eine Kerze aus der Ehren-Lounge. Tom: „München 72 markierte einen Wendepunkt im Weltbild Deutschlands.“ (© Sina Huth)

„München 72 hat das Weltbild von Deutschland verändert“, sagt Tom. Das mache das Event so besonders. „Die Architektur war atemberaubend neu, voller offener Strukturen“, erklärt er und seine Augen leuchten. „Die Welt sollte sehen, dass sich etwas geändert hat.“ Auch das Designkonzept habe diese Richtung aufgezeigt, doziert Tom. „Otl Aicher hat Piktogramme für Toiletten erfunden, die heute weltweit verbreitet sind. München war die erste Olympiade, die über Sprache und Religion hinaus übergreifend war“ - die ein Verständnis über diese Barrieren hinaus geschaffen habe.
„Mit Olympia 72 hängt viel mehr zusammen als nur das Sportereignis“, ist der Gastronom überzeugt. Und so ist Tom Zufalls „München 72“ wohl auch mehr als nur eine Bar, sie ist ein Stück lebendige - und weiterhin feucht-fröhlich gelebte - Geschichte.

Text und Interview: Sina Huth
Bilder: Sina Huth / Tom Zufall
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