Trichtergrammophon Original oder Replikat (Nachbau)

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Der Bericht ist etwas länger geworden, steigen Sie bitte nicht gleich aus, denn Sie benötigen das Wissen zu Ihrem Kauf eines Trichtergrammophons.


Bei den Grammophonen insbesondere bei Trichtergrammophonen wird sehr häufig "geflunkert". Expertisen belegen jedoch anhand des alten Bildmaterials der damaligen Zeit und durch Originale aus Museen die Echtheit vor Gericht. Für leichtfertige, täuschende oder gar unwahre Mitteilungen haftet der Verkäufer gegenüber dem Käufer. Unwissenheit schützt auch hier nicht als Argument, vielleicht mildernd! Viele im Ausland gekaufte Geräte aus dem Urlaubsland beispielsweise sind all zu oft nun mal keine Originale, auch wenn Ihnen das versichert wurde. Selbst einige wenige Antiquitätenhändler haben so ihre Geschäfte abgewickelt. Es sei hier ausdrücklich erwähnt, es gibt auch noch sehr vorbildliche Verkäufer!

Bei der Wareneinstellung fallen oft Begriffe wie echt, unverbastelt, alt, antik, deko, rar, selten, nostalgisch, 100 Jahre alt, um 1900, 2.Hälfte 20.Jh., Jahrhundertwende, von Oma, Dachboden- und Kellerfund (so viele Dachböden und Keller kann es gar nicht geben), Noname, Alter unbekannt, kann nichts zur Herkunft sagen, Hingucker, sogar der Begriff ORIGINAL fällt hin und wieder usw. Signifikante Merkmale zeigen jedoch schnell die Unterschiede zwischen Original und einer Kopie bzw. einem Sammelsurium aus Teilen unterschiedlicher Geräte aus unterschiedlicher Zeit. Ungenügende Detailbeschreibung und zu wenige Detailphotos vom Objekt sind häufig anzutreffen. Bekannte bzw. sichtbare Schäden werden nicht angegeben, die Photos sind zum Teil so schlecht (Handykamera), dass Oberflächenschäden nicht erkennbar werden können. Aufgelegte Schellackplatten auf dem Plattenteller verdecken wie es darunter aussieht. Seriöse Anbieter zeigen sehr exzellentes Bildmaterial, jede Beule und jede Blessur wird abgelichtet und beschrieben. Sie geben ihnen auch schriftlich bei der Wareneinstellung an, ob es sich um ein wirkliches Original handelt, ob es restauriert bzw. was verändert wurde.

Manchmal tauchen Kreuzschlitzschrauben (von J. P. Thompson in den 1930er Jahren entwickelt) auf, die zur damaligen Zeit sehr unüblich waren. Letzteres ein möglicher Hinweis, dass hier jemand sich selbst versucht hat. Viele Geräte besitzen auf der Tondose (jener Teil wo die Abspielnadel eingespannt wird, ist flach, rundlich und halbe Faust groß) eine Gravur und auf dem Laufwerk (Laufwerke nicht immer, es können auch Laufwerke ohne "Stempel" anderer namhafter Grammophonhersteller sein; es treibt den Plattenteller an und befindet sich direkt unter dem Plattenteller, Laufwerke werden auch als  Motor bezeichnet). Tondosen mit der Gravur „SOUND BOX“   insbesondere bei His Masters Voice Nachbauten sind für gewöhnlich als nachgebaute Tondosen einzustufen, sie glänzen, haben meist einen schlechten Klang und zeigen ein verpresstes Gehäuse ohne Verschraubung oder nur angedeutet. Messingtrichter gab es früher auch, sie waren zur damaligen Zeit nur seltener, da der Rohstoff teuer war und die Hausfrauen keine auffälligen und monströsen Trichter im Wohnbereich aufstellen mochten. Sogenannte "Tote Löcher", das sind Bohrlöcher die ohne Funktion sind, lassen Abänderungen am Gerät vermuten. Hin und wieder wurde ein anderes Laufwerk verbaut mit der Folge, dass ein neues Kurbelloch an einer anderen Stelle gebraucht wurde und das alte leer, also tot zu sehen ist. Manchmal werden diese Löcher mit Wachs verschlossen. Bei genauer Betrachtung vor allem im Gehäuseinneren, werden sie oftmals wieder sichtbar. Viele der Nachbauten zeigen eine schräg angebrachte Aufzugskurbel. 

 

 

Sie wurden eventuell aus einem indischen Koffergerät (nicht mehr verkaufbare Geräte da der Markt gesättigt war) ausgebaut und für neue Nachbaugeneration eingesetzt. Akzeptieren Sie keine Bilder, wo die Aufzugskurbel nicht klar erkennbar ist. His Masters Voice (HMV) gab es nur in einem viereckigen Holzgehäuse, keine runden und 8eckigen usw. Viele Hersteller-Embleme werden bei den Nachbauten aufgeklebt anstatt verschraubt, vernagelt oder per Hand bemalt. Bei genauer Betrachtung fallen auch die Unterschiede zum Originalemblem auf. Die Trichteraufhängungen im gekrümmten Bereich, also das Knie, waren früher tendenziell stark abgerundet, wiesen also eine flache Krümmung auf, also nicht hartkantig und nicht spitz.

Die Krümmung bestand fast immer aus einem einzigen vergossenen Stück und war nicht innerhalb der Krümmung verlötet. Viele Nachbauten zeigen bereits nach dem Kauf auf den Metallteilen deutlichen Flugrost (schlechte und lange Lagerung, lange Transporte auf dem Seeweg). Die Plattenteller schwanken im Betrieb nicht selten, das Holzgehäuse zeigt vielleicht auch schon spröde Risse, der Lack kann abblättern, die Messingtrichter zeigen punktförmige Oxidationen (Patina), der Stoffbezug auf dem Plattenteller befindet sich bereits in einem schlechten Zustand und ist nicht selten lieblos verklebt. Die Geräte werden vielfach als NEU verkauft, zeigen merkwürdigerweise schon Gebrauchsspuren. Viele der Hochglanz-Messingtrichter wurden in den 1980ger und 1990ger Jahren maschinell neu aufgelegt und in preiswerte Neugeräte ab ca. 30 Euro einverarbeitet. Viele dieser Besitzer die ihren Irrtum später bemerkt haben veräußern nicht selten auf die gleiche Weise ihren Hingucker an den nächsten Kunden und verschweigen die Situation wie ihr Vorbesitzer. Auch sie haften für ihr Tun!

Im Internet finden Sie über Ihren Internet-Browser mit den Begriffen  - Grammophon fake, reproduction - oder der Eingabe (bitte nur jeweils den Inhalt zwischen den eckigen Klammern eingeben, aber mit den Anführungszeichen): [Fakes "His Masters Voice"] oder auf Deutsch ["Gefälschte Grammophone"] interessante Webseiten mit vielen Bildern zu Grammophon-Nachbauten unterschiedlichster Art. Die Initiatoren beschreiben sehr genau worauf Sie achten müssen. Das Bildmaterial spricht für sich.

Es gibt durchaus sehr gute Nachbaugrammophone als Trichtermodell. Es ist auch nichts dagegen einzuwenden, Sie fahren ja meist auch keinen teuren Oldtimer als Auto. Entscheidend beim Kauf bleibt, was Sie als Käufer möchten, ein unverändertes Original, also einen Oldtimer oder ein neues Trichtergrammophon das in der Regel viel günstiger zu bekommen ist, jedoch möglicherweise mit einigen Nachteilen. Ein ORIGINAl bleibt im Wert erhalten, neuere Geräte halten jedoch für gewöhnlich nicht mehr ein Leben lang wie die legendären Originale. Der Verkäufer muss in jedem Fall die Mängel und Ungereimtheiten Ihnen bei der Wareneinstellung mitteilen. Liegt eine Vertragsverletzung vor, kann der Verkäufer nicht ohne weiteres auf Ausschluss von Garantie, Gewährleistung oder Rücknahme bestehen.

Wichtig, lassen Sie sich nochmals schriftlich über eBay (nur über eBay, nicht über Ihre persönliche Email-Adresse!) die Angaben des Verkäufers bestätigen!!! Holen Sie, wenn möglich Referenzen bei seriösen Sammlern ein um sicher zu sein, dass Ihr anvisiertes Objekt Ihren Vorstellungen auch entspricht. Zum Vergleich: bei einem Autoverkauf darf Ihnen ein vorangegangener Unfall auch nicht verschwiegen werden. Genau das geschieht bei vielen Trichtergrammophonen, es wird vieles einfach verschwiegen!

Es kann hier nur eine grobe Übersicht gegeben werden, es müsste sonst ein Buch geschrieben werden. Deshalb in Stichpunkten noch Hinweise worauf Sie achten können: Aufzugsfeder (über die Aufzugskurbel wird die innen liegende Feder aufgezogen damit der Plattenteller sich drehen kann) kann angebrochen oder gar durchgebrochen sein, sie sind noch zu beschaffen und kosten etwa 30 Euro und auch etwas mehr. Vorsicht beim Einbau der neuen Feder, immer eine Schutzbrille tragen!!! Bedienelemente sehen bei Nachbauten manchmal dünn und „billig“ aus. Bei Nachbaugeräten sind bei den Laufwerken manchmal untypische Kunststoffzahnräder zu sehen. Die alten Fliehkraftregler (bestimmt die konstante Drehgeschwindigkeit des Plattentellers von ca. 78 Umdrehungen pro Minute) der damaligen Zeit sind für gewöhnlich austauschbar, viele Nachbauten haben jedoch die Fliehkraftfedern (sie sind notwendig für die Drehgeschwindigkeit innerhalb des Fliehkraftregler, bei einer Uhr würde es Unruhe genannt) fest eingepresst und sind somit kaum instand zu setzen. Die Folge, das komplette Laufwerk muss dann ausgetauscht werden. Tondosen die von links zu bedienen sind, d.h. bei der die Nadel von links her eingesetzt wird, stammen häufig von Tisch- oder Koffergeräten.



Überhöhte Preisangebote kommen bei den Nachbaugeräten vor, wenn sie zum Teil sogar recht filigran ausschauen können. Für qualitativ aufwendige Nachbauten sind höhere Preise zu erwarten und dann auch gerechtfertigt. Beide Optionen zeigen vielfach deutliche Qualitätsunterschiede gegenüber den alten Trichtergrammophonen, insbesondere bei sehr preiswerten Nachbauten. Mängel können dann auftreten an: Tondose, Plattenteller, Laufwerk, Trichterbefestigung, Trichterknie, Trichterverarbeitung, Lötstellen und dem Gehäuse. Die Frage stellt sich dann, ob ein werterhaltendes Trichtergrammophon nicht vielversprechender ist. Originale Trichtergrammophone liegen Preislich ab ca. 300€ bis 1500€ und natürlich bei besonderen Exemplaren sehr, sehr hoch, 25000€ und viel mehr. Wer es sich zutraut kann auch ein defektes Gerät günstig erwerben und restauriert sich dieses.

Die Intoleranz einiger Verkäufer hat mich dazu bewogen diesen Bericht zu schreiben. Trotz zahlreicher Hinweise meinerseits waren die meisten Verkäufer nicht bereit, ihre Angaben bei der Wareneinstellung zu revidieren, also ihr Verkaufsobjekt zu einem Zeitpunkt fair zu gestalten, als es noch möglich war.

Ich wünsche Ihnen viel Glück!
(T.G.K)

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