Talk Radio, DVD, VHS, Eric Bogosian, Oliver Stone

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Oliver Stone's unbekanntes frühes Meisterwerk

Als ich in meiner Jugend diesen Film zum ersten Mal im Fersehen sah, hatten mich zuerst nur die sarkastischen Dialoge gereizt bzw. amüsiert. Erst zum Schluß hin, mit dem unvermeidlichen tragischen Ende, begann sich mir dann langsam die Handlung vollkommen zu erschließen.

Unbedingt (weil zu allen Zeiten hochaktuell, - die Geschichte hat dies leider nur zu oft bewiesen) zum nachdenken regt auch ein Zitat dieses Films an: "wenn irgendwann mal etwas in eurem Leben schief läuft, dann setzt ihr euch nicht etwa hin und tut vielleicht mal was dagegen ... nein, es ist ja viel bequemer, einfach jemand anderen dann die Schuld dafür zu geben". Solche Sätze fallen hier häufiger und lassen somit für jeden ganz persönliche Parallelen zu.

Seit diesem Erlebnis verfolgte ich jede Wiederholung im Free - TV und legte mir auch so bald wie möglich die VHS Fassung zu. Die Warterei bzw. alle Hoffnung, seit es das Medium DVD gibt, nur auf diesen Film hier begann ich irgendwann frustriert aufzugeben.

War "Platoon" bei allem Realismus und entgegen der üblichen klischeehaften, - eben hollywood - gerechten Darstellungen dann doch noch etwas zu moralisch - verbrämt geraten und hat "JFK - Tatort Dallas", - dh. wenn auch mit einem gewissen Anspruch es nicht wirklich geschafft zum ernsthaften nachdenken an zu regen, trifft einen "Talk Radio" gänzlich unvorbereitet wie ein Vorschlaghammer tief in die Magengrube.

Endlich ist nun dieser Höhepunkt der wirklich guten Oliver Stone Filme (vergleichbar höchstens noch mit z.B. "Salvador") käuflich zu erwerben. Und ich kann ihn nur jedem nicht gerade übersättigten Cineasten (sofern er nicht sowieso schon genau solange darauf wartet) nur sehr ans Herz legen.

Wie "verraten" (hier speziell die Eingangsszene dieses Film's) von Costa Gavras basiert dieser Film z.T. - mehr oder weniger - auf einer wahren Begebenheit (dem feigen und heimtückischen Mord an einem von seiner Hörerschaft ebenso geliebten wie gehassten, - jüdischen Radiomoderator ... wodurch sogleich politische Motive nahegelegt wurden). Und er hat ebenso auch bis heute nichts von seiner wirklich "aufrüttelnden" Aussagekraft verloren.

Wenn die Figur des Hauptdarstellers mit dem populärer klingenden Namen Barry Champlain (erschreckend realistisch gespielt von Eric Bogosian, - der sich seine Rolle selber auf den Leib schrieb) in seiner mitternächtlichen Radioschow Night Talk seine meist bigotten, rassistischen, - völlig durchgeknallten und manchmal einfach nur total abartigen oder schlicht verhaltensgestörten Anrufer gleich reihenweise verbal attackiert oder auch ganz offen bloßstellt ... und sich so die Agressionen immer weiter steigern (nicht ganz zu Unrecht wurde hier der Alternativtitel "Worte - die töten" zutreffend gewählt) ... läßt sich das Gefühl einer Gänsehaut beim Betrachter nie ganz unterdrücken.

Auch die Kehrseite solcher Blitzkarrieren (in Rückblenden auf sein früheres Leben wird diese Figur als mehr oder weniger begabter bzw. ambitionierter Herren - Garderoben Verkäufer mit dem Namen Barry Golden gezeigt, - der eher zufällig mit seiner vorlauten Art fürs Radio entdeckt wurde), - das Barry durch diverse Affären seine bis dahin treu ergenene und ihn tatkräftig unterstützende Frau vertreibt ... die sich daraufhin einem anderen zuwendet und er selbst nun,weil auf sich allein gestellt total verloren, ein eher loses Verhältnis mit seiner bedeutend jüngeren Assistentin beginnt.

Als seine Ex - Frau ihm aber später kurz vor einem möglichen Nervenzusammenbruch zu verstehen gibt, da sie zu ihm zurück möchte, stößt er sie genau so zurück wie seine ihn immer mehr bedrängenden Zuhörer.

Die gebrochene Hauptfigur ist also buchstäblich gefangen in seinem selbst zugelegten Image, das nicht unbedingt besser als das etlicher seiner Fans ist (Zitat: "ich verlange von euch Aufrichtigkeit, - obwohl ich selbst ein Heuchler bin ... ich klage dieses System an und bin doch mit ihm verheiratet"). So das einem der Schlußakt der Story hier sogar (obwohl das jetzt vielleicht sehr krass klingen mag) beinahe noch direkt befreiend vorkommen könnte.

Wo "Good Morning Vietnam" sich noch bedeutender zurückhielt und später "hart auf Sendung" nochmal versuchte nachzulegen, trifft dieser Film hier viel eher (und bei aufgeschlossener, unvoreingenommener Betrachtungsweise, - auch viel schmerzhafter) den wunden Punkt. Und nimmt den Zuschauer mit auf eine Geisterbahnfahrt der Emotionen, bei der er am Ende froh ist, - wieder aussteigen zu können, - die er aber so schnell nicht wieder vergessen wird.

Fazit: wem anspruchsvolle Filme abseits vom gängigen Mainstream besonders zusagen und wer gerne über tiefschwarzen Humor lacht (wobei dann später irgendwann dieses Lachen unweigerlich im Hals stecken bleiben wird), dem sei hier der Kauf nur wärmstens zu empfehlen.
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