Spiegelreflex-Kameras - Profis contra Amateure (Teil 2)

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Die Nikon ist da durchgängiger: auch "alte" Objektive passen an die F3, eine wichtige Voraussetzung für Profis, die ein über Jahre aufgebautes Linsenlager ungern bei Modellwechseln in den Müll schieben. Sämtliche elektronischen Bauteile der F3 befinden sich im Kameragehäuse, während die Minolta die Informationen zur Scharfeinstellung durch einen integrierten Schaltkreis im jeweiligen Objektiv komplettiert. Sie "weiß" dadurch, ob ein Tele- oder Weitwinkelobjektiv vor dem Spiegel sitzt, liefert diese Daten sogar bei Zoom-Objektiven simultan und steuert danach die Belichtungsprogramme und die Leuchtweite des Blitzgeräts.

Das alles kann die Nikon nicht. "Braucht es auch nicht", werden die Profis einlenken und haben Recht damit, denn sie wissen diese Werte aus der Erfahrung, dem täglichen Umgang mit der Kamera. Da kommt es auf andere Eigenschaften an, beispielsweise die Sucherhelligkeit. Sie ist zwar bei Minolta ausgezeichntet, bei Nikon aber noch besser und in der F3-Sonderversion "High Eyepoint" eine Klasse für sich. Unter dieser Bezeichnung versteckt sich ein vergrößertes Sucherokular, gedacht für Brillenträger und Actionfotografen, das die Bildinformation wesentlich heller und bis zu einem Abstand von 25 Millimeter zum Auge übermittelt.

Und wem das "kurz Reinlinsen" noch zu aufwendig oder zu auffällig ist, kann den Nikon-Sucher auch komplett abnehmen. Darunter wird eine kleine Mattscheibe sichtbar, die auswechselbar ist und wie bei der Plattenkamera Einblicke aus noch größerer Entfernung erlaubt. "Um-die-Ecke-Fotografieren" ist damit kein Problem. Oder der gezielte, aber unauffällige Schuß aus dem Mantel oder der Hüfte - kein Argument für Amateure. Die Einstellscheiben - also Fadenkreuze, Schnittbild-Entfernungsmesser oder Gitterteilungen, die der Profi je nach Aufgabe häufiger auswechseln muß, hält die Nikon (22 verschiedene Versionen) direkt unter dem Sucher leichtem Zugriff parat, die Minolta (8 verschiedene Einstellscheiben) verlangt da schon nach einer Spezialpinzette. Da der Sucherkopf hier nicht abnehmbar ist, erfolgt der Autausch durch die Objektivöffnung. Ziemlich diffizil - aber unter normalen Umständen auch recht selten.

Ein Knopf am Nikon-Sucher macht die Klappe am Okular hinten dicht und damit versehentlichen Lichteintritt unmöglich, wenn der Fotograf mal gerade nicht das Auge 'dran, die Kamera auf dem Stativ und die Hand am Fernauslöser hat. In der Praxis ist das häufig die gebräuchlichste Aufnahmevariante, die bei Minolta lediglich durch eine Plastikkappe am Trageriemen unterstützt wird. Das funktioniert zwar genauso, wäre aber bei Dauergebrauch schnell lästig.

Beim Filmeinlegen spielt die Minolta jedesmal einen dicken Pluspunkt ein: wo der Profi mit zittrigen Fingern die Lasche in den Mitnehmer pfriemelt (was unter Streß häufig genug daneben geht), drückt der Minolta-Amateur kurz und knapp die Spule rein, zieht den Film ein wenig vor und klappt die Rückwand zu. Schon surrt der eingebaute Transportmotor, nimmt die lose Lasche auf und zerrt automatisch die ersten drei Aufnahmen durch. Nach drei Sekunden ist die Kamera schußbereit. Das hätte jeder Profi gerne - aber kaum einer gibt es zu...

Schon beim Einlegen der Filmspule hat die Elektronik der Minolta selbsttätig die Filmempfindlichkeit an der "DX-Codierung" des Metallmantels erkannt. Das sind von der nichtleitenden Lackierung der Filmkapsel ausgesparte Vierecke an bestimmten Stellen, die von kleinen Metallfühlern im Inneren der Kamera abgetastet werden. Metallischer, also leitender Untergrund unter Fühler 4 bedeutet dann beispielsweise "ASA 100" und wird sofort an die Flüssigkristall-Anzeige durchgegeben. Fehlbelichtung durch Verwechslung ist so ausgeschlossen.

Beim Stichwort "Flüssigkristall-Anzeige", die auch in der Nikon, allerdings nur im Sucherfeld, die Übermittlung von Aufnahmedaten übernimmt, werden Profis meist nervös: denn diese batteriesparenden und trotzdem sehr deutlichen Anzeigen haben auch einen Nachteil - sie sind kälteemfindlich. Unter Null0 Celsius verschwinden die schwarzen Segmente allmählich, bei schwerem Frost ist nichts mehr zu sehen. Solange die Kamera noch auslöst, können die Einstelldaten der Nikon zwar noch an den mechanischen Scheiben abgelesen werden, bei Minolta dagegen ist's dann zappenduster. Falls nicht schon vorher die Batterien aufgegeben haben. Die sind ohnehin wichtigster Ansatzpunkt der geheimen Angst des Fotografen vor der Elektronik. Was passiert, wenn der Saft alle ist? Mit Motor und Blitzgerät faßt die Profi-, aber auch die Amateurkamera bis zu 18 einzelne Stromlieferanten. Wenn die nacheinander ausfallen, sind erst einige Funktionen wie das automatische Scharfeinstellen der Minolta perdü, dann der Blitz außer Funktion und schließlich die Kamera selbst betroffen. Falls der Minolta-Fotograf also die auffällige Batteriewechsel-Aufforderung ignoriert hat und die vier Mignon-Zellen im Kameragehäuse aufgegeben haben, ist Schluß. Unwiderruflich. Kein einziges Bild mehr möglich.

Den Profis dagegen (denen sowas wohl häufiger passiert?) hat Nikon noch einen allerletzten Fluchtweg spendiert: ein mechanischer "Notauslöser" macht die Klappe noch mit einer 1/60 Sekunde auf, wenn elektronisch gar nichts mehr geht, diese verfluchte "letzte" Aufnahme aber unbedingt noch in den Kasten muß.

Daß Mehrfachbelichtung mit der Minolta gar nicht möglich ist, läßt sich verschmerzen. Der Nikon-Knopf hingegen, der vorab kurz die gewählte Blende zuklappt, um eine plastische Vorstellung der Schärfenausdehnung zu geben, der fehlt doch ziemlich. Darüber muß einem dann ein Piepser hinweghelfen, mit dem die Minolta auch akustisch anzeigt, was die Elektronik von der Sache hält. Nervöses Piepsen: Belichtung oder Entfernung stimmen nicht, ein kurzer Pieps und danach Ruhe: alles klar!

Ohnehin ist gegen die Minolta-Elektronik nur radikal anzukommen. Sobald der Autofocus einrastet, ist das Objektiv gegen handgreifliche Manipulationen verriegelt und Auslösen nur noch bei scharfem Bild machbar. Vorher nicht, was zwar unscharfe Aufnahmen verhindert, kreative Spielereien aber in die Sparte "Handarbeit" verbannt. Dafür schafft es die Minolta aber, gleich mehrere Bilder eines Mitziehers auf bewegte Objekte scharfzustellen - die Elektronik fährt selbst die Schärfe nach, was bei nicht gar zu schnellen Bewegungen auch fabelhaft funktioniert. Der Profi an der Nikon kann gerade hoffen, daß er zu dem Zeitpunkt abdrückt, an dem das Objekt seine vorgewählte Schärfeneinstellung passiert. Auch das klappt natürlich, braucht aber meist mehr Filmmaterial.

Noch deutlicher wird der Komfortvorsprung der Amateurkamera bei der Arbeit mit Zubehör. Beim sogenannten "Aufhellblitzen", also Aufnahmen mit Hauptlicht und kombiniertem Blitzzusatz, geraten sogar erfahrene Profis oft ins Schleudern. Denn da nützt der Belichtungsmesser nicht viel, die ungefähre Addition geht meistens schief und dauert garantiert so lange, daß der beste Moment längst vorbei ist. Das Zusammenspiel der elektronischen Fühler der Minolta macht's möglich - ohne langes Nachdenken, einfach draufhalten und abdrücken. Selbstverständlich funktioniert das nur mit speziell abgestimmten Minolta-Blitzgeräten, die über einen zusätzlichen Kontakt im Blitzschuh entsprechende Informationen von der Kamera abfordern. Und noch eins drauf: eingebaute Infrarot-Augen im Blitzgerät schießen vor der Aufnahme einen roten Meßblitz ab, mit dem die Minolta-Elektronik auch in der Dämmerung oder bei absoluter Dunkelheit scharfstellen kann. Sehr eindrucksvoll.

In punkto Zubehör hat der Amateur den Profi erst jetzt eingeholt. Kaum etwas, das Optik oder Elektronik nicht beiden Welten bieten würden. Von der Funkfernsteuerung über die Datenrückwand, die das Datum und die Uhrzeit ins Bild einblendet bis zum "Intervalometer", das Aufnahmen in bestimmten Zeitabständen erlaubt und auf Wunsch noch mit der Aufnahmezeit und einer fortlaufenden Nummer versieht. Die Ojektiv-Armada ist in beiden Welten und bei diversen Systemen so komplett, daß neue Ausführungen nur noch dann Fuß fassen können, wenn sie nicht mehr an alte Bajonette passen. Aber auch bei Minolta - "Autofocus"-Objektiven bleibt schon zwei Jahre nach Markeinführung kein Wunsch mehr offen. Die Qualität des Endprodukts, der fotografischen Aufnahme ist in den letzten zwanzig Jahren kaum besser geworden.

Was sich geändert hat, sind die technischen Möglichkeiten auch für den Amateur, mit hilfreicher Elektronik in höchste Qualitätsbereiche vorzustoßen. Der Profi macht noch immer vieles selbst, verlangt extreme Präzision und gibt schon mal den einen oder anderen Handgriff an die Automatik ab. Und dafür eine Menge mehr Geld aus. Daß in außergewöhnlichen fotografischen Grenzfällen aber immer noch ausschließlich Profikameras zum Einsatz kommen, hat sowas wie Tradition.

Auch wenn selbst Profitechnik überfordert wird: die Spezialausführung der Nikon F3, angefordert und extra entworfen für den NASA-Flug am 28. Januar 1986, belichtete kein einziges Bild. Sie wurde bei der Explosion der Raumfähre "Challenger" 75 Sekunden nach dem Start vollständig zerstört.

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