Sorgen und Freuden des Büchersammlers

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Lieber Bücherfreund,

Sie lesen hier einige nicht unkritische Anmerkungen zur Begriffsbestimmung und zu den  Erhaltungstechniken antiquarischer Bücher.

11.
Über die Frage, was denn nun antiquarische oder alte Bücher seien, wann das neuere oder neue gebrauchte Buch anfange und aufhöre, kann und muß man sich streiten. Ebay hat sich um die Lösung dieser Grundfrage gedrückt, mehr noch, es herrscht hier auf mehreren Ebenen heillose Verwirrung. Das ist zum Teil der kritiklosen Übernahme angloamerikanischer Begriffe geschuldet. Man sollte sich in Erinnerung rufen, daß schon jenseits des Rheins in Frankreich völlig andere Einteilungen im Antiquariat üblich sind - le bouquiniste, le libraire en vieux, le livre de collection usw.

Im deutschen Sprachbereich sind die Regeln besonders chaotisch, man kommt gar nicht umhin, sie zu definieren und dann festzulegen. Ein bedeutsamer Einschnitt ist das Jahr 1945, und ich neige dazu, Bücher vor 1945 *antiquarisch zu nennen, Bücher nach 1945 dagegen *gebraucht (wohl wissend, daß das antiquarische Buch natürlich immer auch ein gebrauchtes ist). Die Schweizer sind es ja gewohnt, bei dieser Einteilung als einzige Deutschsprachige mal wieder untergebuttert zu werden, sie kennen  diese im deutschen Buchbereich wahrhaft epochale Grenzlinie nicht.  - Wollte ebay die Trennung in Bücher als *Antiquitäten und sonstige *Bücher beibehalten, wofür einiges spricht, sollte man in der Tat das Jahr 1945 als Grenzlinie zwischen beiden Grundkategorien definieren - und das dann auch sehr deutlich sagen bzw. schreiben.

12.
Vor 1941 sind gut drei Viertel aller deutschen Bücher in  F r a k t u r   gesetzt und gedruckt worden. Daß unser zweifelhafter Führer mit grenzenlos dummer und falscher Begründung die Abschaffung der Fraktur schon damals mitten im Krieg durchgesetzt hatte, ist ja bekannt. - Ich rate aus langjähriger Beobachtung jedermann dazu, sich Hals über Kopf und ohne lange Vorüberlegung in die Fraktur einzulesen, falls er sie noch nicht gewohnt ist. Wenn einen das Thema interessiert - dies ist der springende Punkt in der Lernpsychologie - dann gelingt das fast immer, zum Erstaunen des Neulings. Das ist auch der Grund dafür, weshalb ich auf den Zusatz *Fraktur* in den Titelaufnahmen grundsätzlich verzichte. Die Fraktur hat eine so suggestive Kraft, sie liest sich im Grunde weitaus schneller als jede Antiqua wegen der vielen Ligaturen, fast wie chinesische Schrift b i l d e r, daß mir gar nicht bange ist ob der seltsamen Tatsache, daß mein Lagerbestand zum Beispiel fast ausschließlich aus Titeln in Fraktur besteht.

13.
Ähnlich beängstigend könnte auf den ersten Blick die Papierfrage auf den Büchersammler einwirken. Werden meine Schätze bald zerfallen, muß ich beim Wort "Holzpapier" Angst bekommen und von der Bestellung absehen?

Ich hatte seinerzeit mitdiskutiert in jenen Tagungen, wo Archivare und Fotodokumentare vor einigen Jahrzehnten die Weichen zur Verfilmung und Archivierung gefährdeter Bestände gestellt hatten. Auch weil eines meiner Arbeitsgebiete im Antiquariat das Zeitungswesen ist, darf ich frank und frei sagen: Wer keine eklatanten Fehler begeht, der braucht überhaupt keine Angst haben vor der Holzpapierfrage. Selbst die miesesten Zeitungsblättchen - Höhepunkt war da bei uns die Inflationszeit, in Frankreich etwas früher noch im Krieg (papier de grande consommation) - halten sich stabil und munter.

Grundregel: Niemals direktes oder indirektes  T a g e s l i c h t. Das gilt auch für den Lesevorgang, Bücher mit Holzpapier niemals auf dem sonnenhellen Schreibtisch längere Zeit offen liegenlassen. Der Bücherschrank sollte desgleichen nicht besonnt werden, auch über Rücken und Buchschnitt gibt es Einwirkungen. Nicht etwa "luftdicht" einpacken, da sei Gott vor, die Bücher brauchen freien Luftzugang, schon Glastüren am Bücherschrank sind nicht anzuraten. Nur eben kein direktes oder helles Naturlicht.

Ferner: Jegliche Art von  F a l t u n g  ist tödlich für Holzpapier. Deshalb verwehre ich seit jeher auch den besten Kunden irgendwelches Kopieren von Plänen oder Zeitungen. - Was wir natürlich nicht kennen, ist die Vorgeschichte des jeweiligen Buchs mit Holzpapier, das wir erwerben wollen. Wurde es irgendwann in Bibliotheken öfter ausgeliehen, dann kann es fürchterlich zerbröseln - das gleiche Buch, sorgsam bei Privatleuten in der hinteren Reihe aufbewahrt, mag uns absolut unbeschädigt begrüßen. Das gilt natürlich noch mehr für Zeitschriften und Zeitungen.

Wenn Ihnen daher ein Buch mit Holzpapier in gutem Zustand angeboten wird - greifen Sie unbesorgt zu. Es wird sie viele Jahre treu begleiten, falls sie seinen Hauptfeind, das Licht, fernhalten.

14.
Die Bindung bei Büchern vor 1945 ist, von ganz wenigen und typischen Ausnahmen abgesehen, eine Faden- oder Klammerheftung/-bindung . Beides ist  i m m e r  besser als die besterhaltene Klebebindung. So gesehen ist die fast schon krankhafte Angst vieler Büchersammler vor lockerer Bindung nicht nachzuvollziehen. Seien Sie doch froh - hätten Sie lieber das Klebe-Elend der neueren Bücher? Es gibt nur wenige Ausnahmen von dieser Regel. So können etwa rostige Klammern zu einem echten Problem werden, typische Jahre hierfür sind 1910 - 1925. Da heißt es vorsichtig sein und beim Anbieter rückfragen. Ist der Rost schon ins Papier eingedrungen, würde ich von jedem Kauf absehen, und sei das Buch noch so billig. Denn dann bleibt oft nur noch eine schäbige Nachbindung mit Klebeverfahren.

Eine weitere Hysterie der verehrten Büchersammler ist die des lockeren Einbands, der n a c h z u b i n d e n  sei. Gut, die Buchbinder wollen auch leben. Aber ich habe nur ganz selten Auf- und Nachbindungen gesehen, die wirklich schöner waren als das beschädigte Original zuvor - schon weil die alten Materialien nicht mehr zur Hand sind. Also nur in echten Notfällen nachbinden lassen. Weil dann Schönheit ohnehin meist nicht zustandekommt, rufe ich die Buchbindereien vieler Gefängnisse, vulgo Justizvollzugsanstalten, in Erinnerung, die gern und billig, wenn schon nicht immer schön, solche Arbeiten erledigen. Man tut damit auch ein gutes Werk. - Sonst aber bitte ich doch um die Mut, auch beschädigte Einbände in die eigene Sammlung einzustellen.

Bis zum nächsten Mal viel Erfolg bei Ihrer Bücherjagd.


Schlagwörter:

Buch

Antiquitäten

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