Russische Briefmarken sammeln - ein Ratgeber

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Vom Zarenreich bis zu den Erben des Kommunismus – Briefmarken aus Russland

Für Philatelisten ist das Sammelgebiet Russland außerordentlich interessant. Aufgrund der schieren Größe des Landes – auch das Russland unserer Tage ist mit 17,1 Millionen Quadratkilometern noch das flächenmäßig größte Staatsgebiet der Welt –, der vielen im Laufe der Zeit einverleibten Territorien sowie der turbulenten Geschichte zeichnet sich Russland durch eine enorme philatelistische Vielfalt aus.

Getreu dem russischen Sprichwort "Je tiefer man in den Wald geht, desto mehr Holz schlägt man" wird der, der sich mit den Marken Russlands intensiver beschäftigt, zwangsläufig auf Besonderheiten und Nebengebiete stoßen. Die Russland-Philatelie erweist sich als abwechslungsreich, vielfältig und interessant und bietet mehr als nur die gewöhnlichen Angaben im Katalog. Somit ist sie nicht nur für eingefleischte Philatelisten, sondern auch für alle, die sich für Sammeln und Seltenes interessieren ein Muss.

Die ersten russischen Briefmarken des Zarenreichs von 1857 bis 1917

Die erste russische Briefmarke erschien 1857. Die 10-Kopeken-Marke war zunächst geschnitten, weil die bestellte Zähnungsmaschine in defektem Zustand in der St. Petersburger Staatsdruckerei ankam. Die nächsten drei Marken zu 10, 20 und 30 Kopeken folgten im Jahr 1858 und wurden nun gezähnt und in unterschiedlichen Papierstärken in Umlauf gebracht. Diese ersten Postwertzeichen zählen zu den seltenen Postwertzeichen Europas und werden teilweise in den Briefmarkenkatalogen mit mehreren 10.000 Euro veranschlagt.

Weitere seltene Marken dieser Zeit sind die beiden Höchstwerte zu 3,50 Rubel und 7 Rubel von 1884. Viele andere Postwertzeichen aus dem Zarenreich Russlands liegen eher im normalen und niedrigen Preissegment und halten sich für jedermann im erschwinglichen Rahmen, zumindest in der gebrauchten Variante. Vor allem die ersten Ausgaben sind in der ungebrauchten Form auf senkrecht gestreiftem Papier teilweise recht hochpreisig. Natürlich gibt es einige noch wesentlich teurere Versionen, wie beispielsweise ungezähnte Formen oder Marken mit kopfstehendem Mittelstück. Dies sind teilweise Unikate und Weltraritäten, die für den gewöhnlichen Philatelisten unerreichbar sind.

Im russischen Postdienst wurden zu Beginn lediglich Werte zu 10, 20 und 30 Kopeken benötigt. 1864 erschien die erste Ausgabe mit den kleineren Werten zu 1, 3 und 5 Kopeken, versehen mit einer großen, unüblichen Zähnung. Bis 1889 wurden nur Dauerserien mit dem Staatswappen in den verschiedenen Wappenzeichnungen in Umlauf gebracht. Je nach Ausgabe gibt es die Wappenausgaben auf dickem und dünnem, waagerecht und senkrecht gestreiftem Papier sowie mit und ohne Wasserzeichen.

Die russische Lokalpost in der Zarenzeit

Die Beschäftigung mit der Lokalpost der Zarenzeit, den sogenannten Semstwo-Posten, ist ebenfalls interessant. Die russische Reichspost hatte bis etwa 1865 das alleinige Recht zum Postbetrieb im Kaiserreich Russland, wobei sie das Postgut maximal von oder bis zu den Kreisstädten transportierte. Dies änderte sich 1864 mit der Installierung der sogenannten Semstwo-Selbstverwaltung unter Zar Alexander II. in vielen Landkreisen des europäischen Teils Russlands. Die ersten lokalen Posteinrichtungen unter der Leitung dieser Kreisverwaltungen wurden schon 1865 gegründet. Die Semstwo-Post wurde 1870 bis 1872 per Gesetz und aufgrund von Durchführungsbestimmungen weiter legalisiert. Schließlich übernahm die Semstwo-Post in 345 von 371 Landkreisen bis 1917 die Postdienste in den von der Reichspost vernachlässigten ländlichen Regionen. Die einzige im MICHEL-Katalog aufgeführte Lokalpost ist Wenden.

Postämter des 19. Jahrhunderts im russischen Ausland

Auch die Postämter des 19. Jahrhunderts im russischen Ausland sind für Sammler von Interesse. Hiervon gab es mehr als 250. Diese wurden in der Levante, auf Kreta, in China und in Rumänien aufgebaut. In China wurden anfangs russische Marken verwendet, bis ab 1899 entsprechend überdruckte, eigene Markenausgaben herauskamen. In der gesamten Region um das östliche Mittelmeer von Kleinasien bis Ägypten, die als Levante bezeichnet wurde, existierten ebenfalls russische Marken mit entsprechenden Stempeln.

Auch auf Kreta gab es im Jahr 1899 eine russische Besetzungspost im Verwaltungsgebiet in der Provinz Rhetymnon. 1897 war die unter türkischer Herrschaft stehende Insel Kreta unter die Verwaltung von Italien, Frankreich, Russland und Großbritannien gestellt worden. Darüber hinaus gab es russische Postdienste in den Khanaten Buchara und Chiva (Usbekistan). Das Khanat Buchara erkannte 1868 das russische Protektorat an, 1873 wurde Chiva ebenfalls von der russischen Staatshoheit einverleibt. Russische Postämter bestanden seit 1863 in mehreren Städten der Mongolei, wobei auch hier gewöhnliche russische Marken verwendet wurden. Sämtliche russischen Postämter hier wurden 1924 geschlossen.

Frühe Feldpost- und Wohltätigkeitsausgaben

Im russisch-japanischen Krieg von Januar 1904 bis August 1905 nahm eine Feldpost ihren Betrieb auf. Diese kriegerischen Auseinandersetzungen waren auch Anlass für die Ausgabe der ersten halbamtlichen Wohltätigkeitsausgaben, die Witwen und Waisen der gefallenen Krieger zugutekamen. Auch im ersten Weltkrieg gab es die Feldpost der russischen Armee, wobei die sogenannten Stummen Stempel hinter der Frontlinie, die Kriegszensur und die Kriegsgefangenenpost für Sammler besonders interessant sind.

Der erste Weltkrieg und der Zusammenbruch des Kaiserreiches

Im Laufe des Ersten Weltkriegs löste sich das Zarenreich zunächst ganz allmählich, bald jedoch immer schneller auf. Im Anschluss an die Abdankung des Zaren im März 1917 und nach dem Bestand einer provisorischen Regierung von März bis September 1917 wurde in Russland schließlich im November des gleichen Jahres die Republik (RSFSR) ausgerufen. Als Folge hiervon intervenierten ausländische Staaten in Russland und hinterließen die (Militär-)Posten fremder Mächte. Hierbei sind beispielsweise die britischen, US-amerikanischen, kanadischen und französischen Expeditionen im Norden und Fernen Osten Russlands sowie die Japanische Feldpost im Fernen Osten zu nennen.

Ferner existierte die Militärpost der tschechoslowakischen Armeen in Sibirien. Die Truppen, die aus 50.000 Kriegsgefangenen oder desertierten tschechischen und slowakischen Soldaten bestanden, hatten als Freiwilligenlegion gegen die Deutschen, später jedoch gegen die Bolschewisten gekämpft. Im Weiteren zogen sie sich entlang der Transsibirischen Eisenbahn tiefer in den Osten zurück, um von dort von den Alliierten nach Europa verschifft zu werden. Das erste Polnische Korps in den Jahren 1917 und 1918 bestand aus in der russischen Armee gedienten Polen unter dem Befehl des Generals Dowbor-Musnicki, das sich dem deutschen Oberbefehl unterstellt hatte. Die Markenausgaben und Ganzsachen dieser Zeit waren sowohl für den portopflichtigen Dienstverkehr des Polnischen Korps wie auch für den zivilen Postverkehr gültig.

In der Zeit des Bürgerkriegs zwischen 1918 und 1923 entstanden verschiedene Postverwaltungen für die Bürgerkriegsgebiete. An vielen Orten eröffneten antisowjetische Einheiten den Kampf gegen die Sowjetregierung in Moskau und beherrschten zeitweilig weite Gebiete Russlands. 1920 endete der Bürgerkrieg schließlich mit der Räumung der Krim durch General Wrangel. Im Süden waren die Marken der Denikinarmee und der Wrangel-Armee im Umlauf. Die Überreste der vereinigten Armeen der beiden Generäle, die im November 1920 von der bolschewistischen Armee besiegt worden waren, vollzogen den Rückzug über Sewastopol nach Konstantinopel. Auf Befehl der Entente wurden die Einheiten auf verschiedene Lager in Serbien, der Türkei, Griechenland und Bulgarien verteilt. Die Verbindung unter den Zweiglagern wurde durch eine provisorische Lagerpost vom Dezember 1920 bis zur Auflösung der Wrangel-Denikin-Armeen im Mai 1921 aufrechterhalten.

Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik (RSFSR) und Sowjetunion

Die bisherigen zaristischen Postwertzeichen wurden in der Zeit des Umbruchs parallel zu den Ausgaben der RSFSR zum Teil in abweichenden Neuauflagen weiter benutzt, ebenso waren russische Stempelmarken, Postsparkassenmarken sowie Kontrollmarken als Freimarken im Umlauf, was durch die galoppierende Inflation bedingt war. Die Behörden behalfen sich weniger mit dem Überdrucken oder durch Neuausgaben von Briefmarken, vielmehr wurden die vorhandenen Marken immer wieder neu umgewertet. Darüber hinaus existierten viele lokale Provisorien zur Um- und Aufwertung der Postwertzeichen.

Die RSFSR verfügte über die Posthoheit in wechselnden Bereichen und Formen in Weiß-Russland, der Ukraine, zeitweilig auch in den baltischen Republiken sowie in den russischen Randprovinzen Kirgisien, Kasachstan, Tadschikistan und Turkmenistan. Die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, kurz Sowjetunion oder UdSSR, entstand am 30.12.1922 durch den Zusammenschluss der Ukrainischen SSR, der Russischen SFSR, der Weißrussischen SSR und der Transkaukasischen SFSR. Mit der Erforschung und Erschließung der nördlichen Regionen und des Polarmeeres kam das Gebiet der Polarpost hinzu. Am Ende des zweiten Weltkriegs etablierte sich auch noch die Post der Antarktis.

Besonderheiten für Briefmarkensammler durch die Wirren des Zweiten Weltkriegs

Durch den Zweiten Weltkrieg wurden in philatelistischer Hinsicht weitere Besonderheiten generiert. Die Teilung Polens zwischen Deutschland und der Sowjetunion im Jahr 1939, die Annexion des Baltikums sowie der Blitzkrieg Deutschlands gegen die Sowjetunion 1941 führte zu zahlreichen weiteren philatelistischen Unterteilungen. Hierzu gehören die sowjetische Feldpost, die Gebiete unter deutscher Besetzung zwischen 1941 und 1945, die Post der Zwangsarbeiter im Deutschen Reich, die Kriegsgefangenenpost des Zweiten Weitkriegs. Die nach dem Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges in der Sowjetunion gefangen gehaltenen polnischen Soldaten bildeten eine polnische Armee in der Sowjetunion, die nach der Ausbildung in der Sowjetunion in die Kämpfe in Italien einbezogen wurden.

Das von der Post der UdSSR betreute Gebiet hatte mit dem Ende des zweiten Weltkriegs seine größte Ausdehnung erreicht und behauptete diesen Status bis zur Auflösung der UdSSR. Der Bereich umfasste 22,4 Millionen Quadratkilometer, die sich über elf Zeitzonen erstreckten. Die UdSSR bestand zuletzt 1991 aus 14 Sozialistischen Sowjetrepubliken und der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik.

Nachfolgestaaten der UdSSR und neue Sammelgebiete

Die Staatsherrschaft der Sowjetunion wurde mit der Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) durch Russland, Weißrussland und die Ukraine am 08.12.1991 und mit dem Beitritt von Kirgisien, Moldawien, Armenien, Kasachstan, Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan und Aserbaidschan zur GUS, ebenfalls noch im Dezember 1991, beendet. Ab diesem Zeitpunkt lautet der neue Name Russlands Russländische Föderation.

Für die Philatelisten wurden bereits abgeschlossen geglaubte "tote" Sammelgebiete zu neuem Leben erweckt: Estland, Lettland, Litauen, Armenien, Aserbaidschan, Georgien und die Ukraine. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden neue Sammelgebiete wie Moldawien, Tadschikistan, Kasachstan, Usbekistan, Kirgisien, Turkmenistan und Weißrussland.

Für Philatelisten ist Russland aufgrund der äußerst wechselvollen Geschichte ein sehr interessantes Sammelgebiet, und es gibt hier eine Menge unterschiedlicher Marken, Ausgaben und Varianten zu entdecken.

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