Romanistische, germanistische und kanonistische Rechtsgeschichte im Überblick

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Romanistische, germanistische und kanonistische Rechtsgeschichte im Überblick

Die Rechtsgeschichte vereinigt die Geschichts- mit den Rechtswissenschaften und ist demzufolge ein interdisziplinäres Fachgebiet. In Deutschland ist sie ein fester Bestandteil des Jurastudiums, da nur mit diesem Wissen das Verständnis für die juristischen Grundlagen und die Bedeutung der wesentlichen Gesetze geschaffen werden kann. Viele der heutigen Rechtsauffassungen und Denkweisen haben ihre Wurzeln im römischen Recht. Die historische Rechtsschule des 19. Jahrhunderts versuchte, die Menschen wieder für die historische Bedeutung des Rechts zu sensibilisieren. Sie sollte in den „Volksgeist“ zurückgeführt werden. Der Grundtenor der historischen Rechtsschule war: Recht wird nicht willkürlich vom Gesetzgeber geschaffen, sondern entwickelt sich aus den Überzeugungen der Menschen im Laufe der Zeit von selbst. Darauf aufbauend entstanden drei Zweige: die romanistische, die germanistische und die kanonistische Rechtsgeschichte. Viele Bücher zu dem gesamten Themenkomplex der Rechtsgeschichte finden Sie bei eBay.

Die romanistische Rechtsgeschichte

Nach Meinung der Vertreter der Romanistik entsprach die Wiederbelebung des römischen Rechts für die darauffolgenden Rechtsordnungen dem Volksgeist. Das römische Recht umfasst sämtliche Gesetze, die im gesamten römischen Weltreich galten. In der Spätantike wurden seine Quellen im „Corpus Iuris Civilis“ festgehalten. Dieses Werk ist die Basis der früheren und aktuellen Rechtsordnungen der europäischen Staaten. Darauf fußen letztendlich auch viele deutsche Gesetze. Mit der Rezeption, der Wiederentdeckung des römischen Rechts zu Beginn des 16. Jahrhunderts fand dieses in weiterentwickelter Form, dem Gemeinen Recht, Einzug in die damalige Rechtspraxis.

Römisches Recht als Grundlage unseres heutigen Strafrechts

Ein wichtiges Beispiel für die Weiterentwicklung des römischen Rechts und ihren Einfluss auf spätere Gesetze ist die „Constitutio Criminalis Carolina“, die als erstes deutsches Strafgesetzbuch gilt. Verfasst wurde sie im Jahre 1532, die Grundlage schaffte die Halsgerichtsordnung von Bamberg, die bereits 1507 auf das römische Recht zurückgriff. Im Jahre 1498 beschloss der Reichstag zu Freiburg im Breisgau, dass die Ausarbeitungen und Bestimmungen zu Strafverfahren gesetzlich festzulegen seien. Daraufhin beschloss der Augsburger Reichstag 1530 die „Constitutio Criminalis Carolina“, die zwei Jahre später in Kraft trat. Ihr Inhalt umfasst Regelungen zum Straf-, aber auch zum Prozessrecht. Eine der Neuerungen zum bisher geltenden Recht war zum Beispiel die Einführung eines wirklichen Schuldbegriffes, also die Abhängigkeit der Schuld von der inneren Einstellung des Täters. Außerdem wurde zwischen Mord und Totschlag differenziert, was nun unterschiedliche Strafen nach sich zog. Die Strafen waren nun generell nach der Schwere der Tat gestaffelt, entsprachen also erstmalig dem heute noch geltenden Verhältnismäßigkeitsprinzip. Das Prozessrecht sah jetzt die Zusammenarbeit von Richtern und Schöffen vor. Das Hauptziel der „Constitutio Criminalis Carolina“ war die Vereinheitlichung des Rechts im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Der Willkür, die aufgrund der bis dahin vorherrschenden Rechtszersplitterung in den einzelnen deutschen Staaten an der Tagesordnung war, sollte ein Ende gesetzt werden.

Römisches Recht als Grundlage des Bürgerlichen Gesetzbuches

Die Regelungen des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) basieren auch zu einem großen Teil auf dem römischen Recht beziehungsweise auf den Einflüssen und Anpassungen der historischen Rechtsschule im 19. Jahrhundert. Vor allem der Eigentumsbegriff, der schon während der Zeit geprägt wurde, als im alten Rom der Handel von Sklaven seine Blütezeit hatte, fand hier Einzug.

Die germanistische Rechtsgeschichte

Die Vertreter der germanistischen Rechtsauffassung stimmten dahingehend mit den Romanisten überein, dass ein allgemeingültiges Regelwerk geschaffen werden muss, um der Willkür der Jurisprudenz entgegenzuwirken. Allerdings weigerten die sich, die Tradition des deutschen Rechtes einfach aufzugeben und sich dem römischen Recht zuzuwenden. Im Gegensatz zu den Romanisten sahen die Germanisten das im Mittelalter praktizierte deutsche Recht schon vor der Rezeption zu Beginn des 16. Jahrhunderts als dem deutschen Volksgeist gemäß an. Das römische Recht sollte nicht allein als geschlossenes und systematisches Recht angesehen werden, auch das deutsche Recht, das sämtliche Rechtsnormen mit germanischen Wurzeln beinhaltete, sollte auf diese Art und Weise dargestellt werden.

Rechte und Gesetze mit germanischem Ursprung

Das germanische Recht bestand zunächst aus überliefertem Gewohnheitsrecht der Volksgerichte. Während der Völkerwanderung erhielten die Angehörigen der einzelnen Stämme ein Stammesrecht. Diese entwickelten sich im Laufe der Zeit zu Landrechten, die der Bevölkerung einer bestimmten Region zustanden. Neben diesen gab es für spezielle Berufs- oder Personenkreise Sonderrechte, zum Beispiel das Lehnsrecht, das Hofrecht oder auch das Stadtrecht. Ein wichtiges Gesetz germanischen Ursprungs war die Goldene Bulle von 1356, eine Art Grundgesetz des Heiligen Römischen Reiches. Es regelte in 31 Kapiteln die Wahl und die Krönung der deutschen Könige durch die Kurfürsten. Die Goldene Bulle bestand aus zwei Teilen: Das war zum einen das Nürnberger Gesetzbuch, das die in Nürnberg geschriebenen ersten 23 Kapitel enthält, zum anderen das Metzer Gesetzbuch, dessen Kapitel in Metz verfasst wurden.

Der Sachsenspiegel als bedeutendstes deutsches Werk im Mittelalter

Zu der gewünschten Rechtsangleichung trugen im 13. Jahrhundert auch private Rechtsbücher bei. In ihnen stellten die Autoren das Gewohnheitsrecht eines Gebietes in volkstümlicher Sprache dar. Das wohl Bedeutendste ist der „Sachsenspiegel“ von Eike von Repgow. Die Rechtsprechung wurde zu dieser Zeit durch Laien vollzogen. In Dörfern, Städten und Territorien gab es eigene Gerichte und Instanzen, die einzelnen Stände wurden dabei zusätzlich unterschiedlich behandelt. Die Rechtskenntnisse, die aus Satzungen, Urkunden und mündlichen Überlieferungen stammten, wurden bis zu dieser Zeit nicht aufgezeichnet, auch wenn sie allgemein verbreitet waren. Hier setzte Eike von Repgow an und trug sämtliches Rechtswissen der Region Sachsen in seinem Buch zusammen. Um sich von den Romanisten, die das römische Recht als Quelle bevorzugten und als Grundlage der deutschen Rechtsordnung ansahen, abzugrenzen, schrieb Eike von Repgow den „Sachsenspiegel“ in niederdeutscher Sprache und nicht auf Latein. Obwohl dieses Buch nicht als Gesetz verfasst wurde, wurde ihm bald eine entsprechende Bedeutung zugemessen. Sein Inhalt umfasst zwei Rechtsbereiche. Zum einen das Landrecht als das Recht der freien Leute, das Angelegenheiten bezüglich Grundstücken, der Ehe, der Güterverteilung, der Nachbarschaftsverhältnisse sowie des Strafrechts regelt. Zum anderen befasste es sich mit dem Lehnrecht, das die Verhältnisse zwischen den Ständen im Land regelte. Der Einfluss des „Sachsenspiegels“ auf die heutigen Gesetze ist unter anderem im Erbrecht, im Nachbarschaftsrecht, im Umweltrecht und sogar im Straßenverkehrsrecht ersichtlich.

Wiederbelebung der germanischen Rechtsgedanken im 18. Jahrhundert

Nachdem im 15. Jahrhundert das deutsche Recht stark vom römischen Recht beeinflusst wurde, kam es zu einer vermehrten Entfremdung zwischen Volk und Justiz. Im 18. Jahrhundert gewann das Naturrecht, und im Zuge dessen auch das deutsche Recht, wieder stark an Bedeutung. Die germanischen Wurzeln sind in den neuen Gesetzbüchern dieser Zeit erkennbar. So erschien im Auftrag von Friedrich II. ein Buch namens „Allgemeines Landrecht für die Preußischen Staaten“, das den Versuch einer umfassenden Kodifikation von Zivilrecht, Strafrecht und öffentlichem Recht in nur einem Gesetzbuch darstellte. Jedermann sollte das Recht in verständlicher Form nachlesen können. Das Hauptanliegen von Friedrich II. war es, die unterschiedlichen Auslegungen an den vielen Gerichten des Landes durch das Einfügen eines Analogieverbotes zu unterbinden. Jeder mögliche Einzelfall sollte bedacht sein. Der wichtigste Grundgedanke war, dass Naturrecht Vorrang vor dem römischen Recht haben sollte. Ein weiteres Zeugnis für die Wiederbelebung germanischer Rechtsgedanken ist das zu dieser Zeit entstandene österreichische „Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch“, das im Jahre 1812 in Kraft trat. Es gilt bis heute und ist damit das älteste gültige Gesetzbuch des deutschen Rechtskreises. Unter anderem bauen die Gesetzbücher von Liechtenstein, Rumänien, Slowenien, Serbien und einigen anderen europäischen Staaten darauf auf.

Die kanonistische Rechtsgeschichte

Der dritte Zweig der Rechtsgeschichte ist die Kanonistik, die Wissenschaft vom kanonischen Recht, dem Kirchenrecht der römisch-katholischen Kirche. Dieses beinhaltet Regelungen zu internen Angelegenheiten der Kirchengemeinschaft sowie die Zuordnung der unterschiedlichen Bereiche zu eigenen Gerichtsbarkeiten.

Das „Corpus Iuris Canonici“ als wichtigstes Regelwerk

Bereits im Mittelalter wurden die einzelnen Regelungen des Kirchenrechts gesammelt und kodifiziert. Es entstand das „Corpus Iuris Canonici“, das bis zum Jahre 1917 das wichtigste Gesetzbuch der römisch-katholischen Kirche war. Danach wurde es überarbeitet und galt als „Codex Iuris Canonici“ bis 1983. Das „Corpus Iuris Canonici“ besteht aus mehreren Teilen. Der erste, von dem Kirchenrechtler Gratian um das Jahr 1140 verfasste Teil war das „Decretum Gratiani“. Sein Titel trug einen Namen, der übersetzt „das Werk, das die widersprüchlichen Quellen des Kirchenrechts in Einklang bringt“ heißt. Dies war das erklärte Ziel der Sammlung. Gratian untergliederte sein Werk nach inhaltlichen Gesichtspunkten und ordnete ihnen sämtliche Kirchenrechtsquellen zu, beispielsweise Beschlüsse des Konzils oder Papsterlässe. Verfasste Erklärungen sollten dem Leser aufzeigen, welche Zusammenhänge zwischen den Quellen bestehen und wie diese zu interpretieren sind. Aufgrund der Übersichtlichkeit dieser Rechtssammlung wurde sie bald von allen Juristen verwendet. In der Folgezeit wandelte sich das Kirchenrecht. Der Papst gewann innerhalb der Kirche zunehmend an Macht, sodass ihm schließlich auch die Rechtsetzung oblag. An die Stelle der bis dahin relevanten Konzilsbeschlüsse traten nun päpstliche Rechtssprüche, die sogenannten Dekretalen. Sie wurden in fünf Gesetzbüchern, den „Compilationes Antiquae“, niedergeschrieben und dem „Corpus Iuris Canonici“ beigefügt. Um 1230 entstand das „Decretales Gregorii IX“, ein neues Regelwerk aus fünf Bänden, das Papst Gregor IX. in Auftrag gab und das die bisherige Sammlung ersetzen sollte. Im Laufe der Zeit entstanden noch weitere Bücher, welche die später hinzugekommenen Regelungen festhielten. Zusätzlich übernahmen Kommentatoren die wissenschaftliche Bearbeitung der einzelnen Bücher.

Der Einfluss des Kirchenrechts auf deutsche Gesetze

Insbesondere das deutsche Prozessrecht, vor allem das Strafprozessrecht, wurde vom Kirchenrecht beeinflusst. Das Schuldrecht erfuhr ebenfalls eine weitreichende Veränderung, indem der aus dem kanonischen Recht stammende Grundsatz „pacta sunt servanda“ („Verträge sind einzuhalten“) eingeführt wurde. Dieser gilt heute noch fort als das Prinzip der Vertragstreue. Schon damals fielen auch mündliche Absprachen darunter und hatten Vertragscharakter. Das Festhalten an einem Vertrag widersprach dem römischen Recht, denn dieses sah stets eine besondere Form für Verträge vor, um daraus entstehende Verpflichtungen einklagen zu können.

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