Rollfilmkameras – die Geschichte der Klein- und Mittelformatfotografie

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Rollfilmkameras – die Geschichte der Klein- und Mittelformatfotografie

„Du hast den Farbfilm vergessen!" – Was Michael Heubach und später auch Nina Hagen in den 1970er-Jahren musikalisch verarbeitet haben, hat wahrscheinlich jeder Urlauber vor dem digitalen Zeitalter wenigstens einmal erlebt. Neben den wichtigsten Dokumenten, Flugtickets und der Barschaft waren die kleinen schwarzen Plastikdosen die wichtigsten Begleiter auf einer Reise und durften auf gar keinen Fall zu Hause vergessen werden. Das Kribbeln im Bauch, wenn die entwickelten Bilder samt der Negative endlich aus dem Fotolabor abgeholt werden konnten, ist vielen Jungfotografen heute gar nicht mehr bekannt.

Die Bedeutung der Rollfilm-Modelle in der Kamerageschichte

Bis in die 1890er-Jahre arbeiteten viele Fotografen ausschließlich mit Plattenkameras. Diese erwiesen sich in der Handhabung jedoch als untauglich für den täglichen Gebrauch und erforderten in der Regel ein durch die Praxis geübtes Händchen. Eine Alternative bot schließlich eine Kamera, die nicht mehr mit Fotoplatten aus Glas arbeitete, sondern lediglich eine kleine Filmrolle benötigte. Ein erstes Modell entwickelte der Brite Leon Warnerker bereits im Jahre 1875. Doch der Durchbruch gelang erst 14 Jahre später dem Hersteller Eastman Dry Plate Company mit der berühmten Kodak Nr. 1. Da dieses Modell so hohe Wellen schlug, wird es fälschlicherweise als die erste Rollfilmkamera gewertet. Optisch entwickelten sich die Kameras aus den Handkameras und bildeten die Grundlage für die späteren Boxkameras zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Bis heute werden alle Kameratypen im Klein- oder Mittelbildformat als Rollfilmkamera bezeichnet, die mittels eines Rollfilms in Betrieb genommen werden.

Funktionsweise und Handhabung der Rollfilmkamera

Ein deutlich hörbares Summen und Surren erfüllt die andächtige Stille des Naturkundemuseums. Einige Personen drehen sich um, doch niemand scheint sich an dem Geräusch zu stören, und allen Anwesenden haftet ein wissender Blick an. Irgendwer hat einen neuen Film in die Kamera gelegt, welcher nun automatisch eingezogen wird. Was noch vor einem knappen Jahrzehnt eine Selbstverständlichkeit war, erscheint so manchem Nachwuchsfotografen heute bereits als skurril und fremdartig. Die Rollfilmkameras waren vor allem eines – eine umfangreiche Geräuschkulisse. Es ploppte, wenn der Deckel des Plastikgehäuses geöffnet wurde, um einen neuen Film einlegen zu können, es summte kurz, wenn die Kamera den Film zu greifen bekam und diesen nun in ihr Innerstes zog. Es knarzte – mitunter sogar recht lautstark –, wenn von Hand an dem kleinen Rädchen gedreht wurde, um ein neues Bild machen zu können, und es surrte bis zu einer Minute, wenn das letzte Bild des großen 36er-Films verschossen war und der Film nun zurückgespult werden musste. Man könnte fast sagen, die Rollfilmkamera war noch echte Handarbeit.

Ein steiniger Anfang – der Rollfilm für die Kamera

Die Rollfilme lagern gut vor dem Sonnenlicht geschützt in blickdichten zumeist schwarzen oder grauen Patronen. Sie werden auch unter der Bezeichnung Kleinbildfilm im Handel geführt und reichen noch gar nicht so weit in die Geschichte zurück. Allerdings gleicht die Entwicklungsgeschichte einer spannenden Krimireihe, und gleich mehrere Protagonisten rühmen sich, der Erfinder des begehrten Filmes zu sein. Die Eastman Dry Plate Company machte das Kamerakonzept zwar berühmt, doch die Entwicklung des Rollfilms an sich können sie sich nachweislich nicht auf die Fahne schreiben. Weder den Mitarbeiter des Unternehmens noch ihrem Gründer George Eastman gelang es, sich in dem Rechtsstreit gegen Hannibal Goodwin durchsetzen. Letzterer konnte schließlich die älteren Patente vorweisen und kassierte neben einer immensen Schadensersatzzahlung auch das Recht, sich als Erfinder des Rollfilms bezeichnen zu dürfen.

Von Typ zu Typ – die feinen Unterschiede der Rollfilme

Zu den am weitesten verbreiteten und bekanntesten Rollfilmtypen zählt der 120er-Rollfilm. Dieser war vor allem in den 1950er-Jahren sehr beliebt unter Fotografen und wurde zu Beginn auch in die ersten Modelle der Boxkameras eingesetzt. Beinahe museumsträchtig muten die 120er auf einer Holzspule an. Kaum zu glauben, dass damit tatsächlich scharfe Farbbilder gemacht werden konnten. Nicht minder bekannt – allerdings doppelt so lang – präsentierten sich die Rollfilme des Typs 220. Da die ersten Kameramodelle mit einem Zählwerk ausgestattet waren, konnten diese Filme nicht in jede Kamera eingesetzt werden. So viele Bilder sahen die ersten Modelle schlicht nicht vor und gaben falsche Auskunft über die Anzahl der bereits gemachten Fotografien.

In den 30er-Jahren stellte Kodak den Filmtyp 127 vor. Da dieser jedoch vornehmlich für Spiegelreflexkameras gedacht war, konnte er sich bei den Urlaubsfotografen nicht und bei anderen Bilderzeugern nur schwerlich durchsetzen. Im Laufe der Kamerageschichte des 20. Jahrhunderts brachten die großen Kamerahersteller immer wieder neue Typen auf den Markt. Darunter auch die 616er-Rolle, die 620er und die 820er. Nur wenige Filme setzten sich tatsächlich durch und dominierten schließlich den Markt. Die meisten anderen Rollfilmtypen wurden wieder aus dem Handel genommen und die Produktion eingestellt.

Von der Rolle – die Vor- und Nachteile

Eigentlich lassen sich die Vor- bzw. Nachteile der Rollfilmkamera nur im Kontext der jeweiligen Zeit richtig bestimmen. Zu ihrer Entstehungszeit lagen die Vorzüge ganz klar auf der Hand. Die Kamera war leicht zu bedienen, und auch unerfahrene Hobbyfotografen kamen schnell mit dem Gerät zurecht. Während bei den Plattenkameras vor allem eine ruhige Hand und ein stilles Motiv nötig waren, konnten nun auch Schnappschüsse von bewegten Fahrzeugen oder laufenden Personen gut gelingen. Außerdem war es nun mit nur einer einzigen Kamera möglich, Aufnahmen in verschiedenen Größen zu machen, da diese aus den gewonnenen Negativen entwickelt werden konnten. Bei der Plattenkamera mussten für jedes neue Bild neue Einstellungen vorgenommen werden. Auch diese entfielen nun, und es konnten problemlos mehrere Bilder hintereinander geschossen werden – bis der Film eben voll war. Letztlich konnten die vollgeknipsten Filme schnell ausgetauscht und sicher verwahrt ins Fotolabor transportiert werden. Die kleinen Rollen liefen kaum Gefahr, zu zerkratzen oder anderweitig beschädigt zu werden.

Aus heutiger Sicht schenken wir diesen Vorteilen sicherlich nur ein mildes Lächeln. Im digitalen Zeitalter sind 36 Bilder gerade ausreichend, um das startende Flugzeug festzuhalten – wenn überhaupt. Außerdem mühen sich die heutigen Hobbyfotografen nicht mehr mit dem Vorspulen, dem Filmeinlegen und den kleinen Filmrollen ab. Heutzutage lässt sich sofort, nachdem ein Bild gemacht wurde, überprüfen, ob es gelungen ist, und es kann bei Bedarf umgehend ein neues gemacht werden. Wer erlebte nicht einst eine böse Überraschung, wenn die Fototaschen nach wochenlanger Wartezeit in der Drogerie abgeholt werden konnten – und sich dann orangefarbene Daumen und Zeigefinger auf die Linse gemogelt hatten? Ein Speicherchip verwahrt nun ohne Weiteres viele Hundert Bilder und wird mit einer einfachen Handbewegung gegen einen neuen ausgetauscht. Selbst dieser Schritt kann entfallen, wenn die Bilder auf einen Computer oder einen USB-Stick gezogen werden. Heutzutage tippen Fotografen den Auslöser nur leicht an und die Kamera erkennt und fokussiert automatisch die Gesichter, bevor sie schließlich abdrücken. Zudem müssen keine Filmrollen ins Labor gebracht werden. Bilder werden am Computer ausgewählt, bearbeitet und online zur Ausbelichtung bestellt.

Rollfilmkameras heute nutzen

Nicht nur ältere Generationen können sich mit den Digitalkameras nicht so recht anfreunden, auch junge Retrofans und Fotokünstler entdecken die großartigen Möglichkeiten der Rollfilme wieder für sich. Die Arbeit mit Negativen im hauseigenen Fotolabor kann zu ganz außergewöhnlichen Farbgebungen und besonderen Motivwelten führen und weckt die Lust zum Experimentieren. Einige bemängeln an den Digitalerzeugnissen auch den Massencharakter und vermissen den Wert eines jeden einzelnen Bildes. Die begrenzte Anzahl der Bilder und die Tatsache, dass die fertigen Fotografien erst einige Zeit nach dem Urlaub in Augenschein genommen werden können, machen den besonderen Reiz der Rollfilmbilder aus und verleihen ihnen eine gewisse Wertigkeit.

Das Zeitalter der Rollfilmkameras ist noch nicht ganz Geschichte. Sie können sowohl gebraucht wie auch neu erstanden werden. Gerade weil die Apparate sogar im Neuzustand im Handel erhältlich sind, erstaunt es doch, dass es mitunter nicht mehr so einfach wie früher ist, an die passenden Filme zu kommen. Bei eBay finden Sie nichtsdestotrotz viele der begehrten Filmrollen – sogar spezielle Typen oder Schwarz-Weiß-Filme können Sie hier erstehen. Ist das Päckchen schließlich bei Ihnen angekommen, sollten Sie als Erstes einen Blick auf das Verfallsdatum des Films werfen, bevor Sie ihn in Ihre Kamera einlegen. Unter Umständen ist dieses bereits seit einigen Jahren abgelaufen, und der Film ist nicht mehr zu gebrauchen. In diesem Fall sollten Sie die ungeöffnete Packung wieder an den Verkäufer zurückschicken und Ersatz fordern. Zudem ist es wichtig, dass Sie sich vor dem Kauf damit beschäftigen, welchen Film Ihre Kamera genau benötigt. Bei der Fülle an Kameraherstellern und Filmtypen kann dabei schnell mal etwas durcheinander geraten. Einige Fotoclubs bieten auch alte Filmrollen zum Tausch an. So bekommen Neulinge auch direkt die richtigen Hinweise, wie sie mit den kleinen Zelluloidrollen tatsächlich umzugehen haben, und können vielleicht auch einen Blick auf echte Fotokunst aus der Rollfilmkamera werden.

Vor allem die noch immer gängigen Kameramarken Kodak, Fuji, Agfa und Ilford lassen sich in der Regel noch recht einfach mit Farbfilmen bestücken. Manchmal kann auch der Weg ins Ausland Sinn machen. Gerade in Ländern, in denen sich die Digitalkamera noch nicht so weit durchgesetzt hat, sind noch oft die alten Filmrollen zu einem guten Preis im Handel erhältlich. Gerade wenn gleich eine hohe Stückzahl an Filmen benötigt wird, kann sich dieser Weg schnell lohnen. Und warum sollte man nicht den Filmeinkauf mit der nächsten Urlaubsreise verbinden? So wird wenigstens gleich ausgeschlossen, dass es zum Streit um den vergessenen Farbfilm kommt.

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