Ratgeber Kanten schleifen bei Ski und Snowboard

Mag ich anklicken, wenn dieser Ratgeber hilfreich war
Wenn man das googelt, erhält man etliche Treffer. Die Inhalte weichen aber teilweise so weit voneinander ab, dass man nachher nicht weiß, was davon stimmt.
Da wird von weichen und harten Feilen gesprochen, Kantenwinkeln bis 86° und Seitenwangenhobeln.
Aber der Reihe nach: Wer braucht überhaupt eine geschärfte Kante? Nun, erstmal alle, die die Kurve auf der Kante fahren (und nicht driften), also vornehmlich Carver. Dann alle, die Halt bei eisigeren Verhältnissen suchen.  
Wer jetzt meint, dass es ausreicht, einmal im Jahr das Board oder den Ski  zum Service zu bringen, der weiß nicht, dass die Kante nach einem Tag eisiger Bedingungen bereits rund ist !!
Und den will ich sehen, der seinen Kram dann jeden Tag wegbringt …
Das ist es aber, worum es geht: wer einmal super Kantenhalt gespürt hat, der will ihn immer haben.
Daher macht es eben doch Sinn, häufiger zu schärfen – und das kann jeder ohne allzu großen Aufwand nach dem Skitag.
Doch vorher kommt die Theorie – und die hat es in sich.
Als Extremcarver unter den Freizeitsnowboardern musste ich irgendwann auch mal mit dem selber Schärfen anfangen.
Ich hatte das Glück, mehrfach Demonstrationen von J.B. Tschäppät, dem Inhaber von Tooltonic beizuwohnen. Er ist ein absoluter Experte seines Faches. Aber das was er uns Freizeitsportlern gezeigt hat, deckt sich nicht unbedingt mit dem, was ich sonst alles im Netz so lese.
Empfehlen möchte ich daher jeweils die Homepage von Toko und Tooltonic. Da sind keine Fehler.

Allgemein: die Kante die wir schärfen wollen, ist aus Stahl und hat eine Unterkante (da wo der Belag ist) und eine Seitenkante (eben an der Seite des Skis/Snowboards).
Wenn die Unterkante genau parallel zum Belag geschliffen wäre, würde die Kante bei der kleinsten Kippbewegung  des Skis greifen und wäre damit unfahrbar. Also wird sie nach außen etwas weggeschliffen. Das nennt sich Abhängen. Jeder Ski/Snowboard ist werkseitig entsprechend vorgeschliffen und zwar je nach Einsatzzweck. Da muß man also nichts tun. Ich könnte auch schreiben: da darf man nichts tun (jedenfalls nicht feilen). Das ist etwas, was Herr Tschäppät uns mitgegeben hat. Die Gefahr, sich hier Feilfehler einzubauen, ist zu groß. Die Benutzung von Diamantfeilen (zum Schärfen – nicht Feilen) und dem Alu-Oxydstein geht aber in Ordnung.  
Seitenkante: werkseitig ist sie normalerweise auf 90° geschliffen. 90° im Verhältnis zum Belag – also nicht zur abgehängten Unterkante (Abhängung  meistens 1 Grad, womit es eff. 89° wären).
Um die Kante bissiger zu bekommen, kann man sie spitzer machen. Man spricht hier von Hinterschleifen, bis max. 4 Grad. Einstellung am Kantenschleifer daher von 86 bis 90°.
Im Gegensatz zu dem was im Netz so alles rumgeistert, schleifen wir aber nur von 90 auf max. 88 Grad runter. Wieso? Weil das selbst für extrem gute Hobbyfahrer reicht. Denn – wer noch besser fährt und spitzer schleifen möchte, der hat es nicht nötig, diesen Ratgeber zu lesen.  :-)     
Nun geht es los: Als erstes kommt nun nicht etwa gleich die Feile für den Materialabtrag (ich nenne sie mal Materialfeile) zum Einsatz, sondern eine grobe Diamantfeile (125er oder 250er) oder der im Netz häufig erwähnte  Alu-Oxydstein (als Vorbereiter).
Der Kantenstahl kann sowohl weich sein und damit gut zu schärfen, als auch hart sein und damit die Materialfeile beschädigen oder funktionsunfähig machen.
Verhärtet ist der Stahl meist ab Werk, nach unfreiwilligem Steinkontakt, oder nach falschem Gebrauch der Materialfeile. Hier benötigen wir nun einen der Vorbereiter, um den Stahl weicher zu machen. Wieso der Stahl damit weicher wird? Keine Ahnung, aber das ist wichtig.
Eine beschädigte Kante fühlt man, wenn man mit dem Finger vorsichtig darüber fährt.
Mit dem Vorbereiter wird sie sehr gefühlvoll behandelt, um den Stahl möglichst zu erhalten und kleinere Verformungen in seine ursprüngliche Form zurück zu bringen.
Weiter geht es nun mit der Materialfeile. Die sogenannte Fräserfeile ist für größeren Materialabtrag gedacht. Wer also von 90 auf 89 oder 88 Grad runterschleifen will, oder mehrere Ski/Snowboards in kurzer Zeit schleifen will, kann sie zum Einsatz bringen. Da das aber eher seltener vorkommt, reicht meistens die Racefeile aus, die weniger Material wegnimmt und damit schonender arbeitet.
Ist das erledigt, fühlt sich die Kante schon richtig scharf an. Also alles gut? Nicht wirklich.
Würde man die Kante jetzt unter einem starken Vergrößerungsglas begutachten, sähe das nicht glatt sondern stark schuppig aus. Die Diamantfeile muß nun glätten. Mit verschiedenen Körnungen kann man sich bis zur 600er vorarbeiten. Das wars. – Wobei ich zum Schluß die jetzt „weiche“ Kante mit einem Arkansas-Stein wieder härte. Das ist aber Ansichtssache.
Für die Führung der Feile gibt es Feilenklemmen und kleinere Handgeräte. Ich habe bislang nur Leute kennengelernt, die letzteres benutzen. Was besser ist? Keine Ahnung (gehöre zu Letzteren). 
Nützlich ist gelegentlich der Seitenwangenhobel. Das Material der Seitenwange behindert mit der Zeit die Feile bei der Arbeit. Der Hobel entfernt hier überschüssiges Material. Das Ding ist aber relativ teuer und kommt ja nur selten zum Einsatz.  Den kann man sich ruhig mit mehreren Leuten teilen.
Für Skibindungen: das Skistoppergummi o.ä., damit die Stopper beim Schleifen nicht im Weg sind. 
Die richtige Technik: Bevor es mit dem Schleifen los geht, muß ich erstmal wissen, welche Gradzahl die Kante hat. Dazu wird die Kante an einer Stelle mit einem Filzstift markiert. Nach ein/zwei Zügen sollte von der Farbe nichts mehr zu sehen sein. Ansonsten nachjustieren.
Die belagseitige Kante wird behandelt, wenn Roststellen oder Verfärbungen nach Steinkontakt zu sehen sind. Ebenso bei Beschädigungen. Die Diamantfeile !!! wird dazu mit einem speziellen Kunststoffhalter geführt oder wie im Netz zu sehen, mit etwas umwickelt. Ein paar Mal nicht zu fest über die gesamte Kantenlänge und die belagseitige Kante ist fertig.
Bei der Seitenkante fängt man grundsätzlich mit dem Vorbereiter an. Er wird in langen Zügen 5-6 Mal über die Kante geführt. – Nicht zu fest drücken.
Woher weiß ich denn nun, wann die nachfolgende Materialfeile genug weggefeilt hat, also die gewollte Gradzahl erreicht ist? Dazu wird die Kante an mehreren Stellen mit einem Filzstift markiert. Erst wenn die Feile auf der gesamten Breite die Markierung entfernt hat, passt es.
Und jetzt kommt was Wichtiges: auch die Materialfeile wird nur mit leichtem Druck geführt. Das ergibt schöne lange Späne. Jetzt gibt es Leute, die meinen, das geht so nicht schnell genug und drücken dabei ordentlich, denn sie haben ja Kraft.
Das verhärtet die Kante, sie drücken noch mehr, die Feile fängt an zu hoppeln, sie drücken daher noch stärker. Die Feile ist hinüber und die Kante bald auch.
– Also noch mal von vorn: mit leichtem bis mittlerem Druck die Materialfeile über die Kante führen. Rutsche ich mit der Feile ab, oder fängt sie trotzdem an zu hoppeln, muß erst der Vorbereiter den Stahl wieder weicher machen. Dann kann es weiter gehen. Hakt es da häufiger, ist die Feile vielleicht schon zu abgenutzt. Etwas anders einspannen und es fliegen wieder lange Späne.

Mit der Materialfeile fertig? Dann geht es wie gesagt mit verschiedenen Körnungen der Diamantfeile weiter, um die Kante zu glätten. Auch hier reichen jeweils ein paar lange Züge. Übrigens - es schont die Diamantfeile, wenn man sie mit Wasser benetzt.
Und das war´s auch schon.  :-)
So aufwändig wie das Ganze zu sein scheint – das meiste kann man zu Hause vorbereiten. Im Skigebiet muß abends meist nur die Seitenkante mit dem Diamanten etwas nachgezogen werden.
Und das auch nur, wenn die Pisten den Tag über hart waren. Keinesfalls jeden Tag die Materialfeile nehmen. Das wäre absoluter Quatsch.
Eins fällt mir gerade noch ein: wann ist eine Kante eigentlich scharf? Der Fachmann prüft das mit dem Fingernagel. Gehe ich mit dem Fingernagel vorsichtig mehrfach über die Kante und es schabt dabei leicht am Nagel, dann ist es gut. Rutscht der Nagel da leicht drüber, hätte ich mir das Schärfen auch sparen können. Ist der Fingernagel durchgeschliffen und es kommt schon Blut? Du Teufelskerl.
Im Netz geistert hier und da was davon rum, dass man die Kante brechen soll. Dabei wird die geschärfte Kante in der Nähe der Schaufel wieder entschärft um die Turneinleitung etwas sanfter zu gestalten, oder um nicht unabsichtlich zu verschneiden.
Das Brechen der Kante ist für Carver ein absolutes No-Go !! Alle anderen sollen das für sich entscheiden, ob das Sinn macht. Mir hat sich das jedenfalls nicht richtig erschlossen.
Wer sich nun das Schärfmaterial zulegt, muß seine Ausrüstung eigentlich nie wieder zum Schleifen wegbringen. Falls der Belag irgendwann mal stark zerkratzt sein sollte, kommt man um den Belagsschliff allerdings nicht herum. Die Unterkante wird dabei automatisch mitgeschliffen.
Ich würde dabei aber niemals, niemals, niemals die Seitenkante mitschleifen lassen!!! Sagt, dass Ihr das nicht wollt.
Es gibt ganz wenige Leute, die die Maschinen gut im Griff haben. Meistens ist der Materialabtrag zu hoch. Gelegentlich wird auch verschliffen. Oder die Kante war vorher bei 89° und ist nach dem Maschinenschliff wieder bei 90. Nee danke – meine Kante ist mir „heilig“.

Auswahl des Materials: bei der Wahl des Kantenschärfers kommt es darauf an, ob man eher für feste oder stufenlose Einstellwinkel plädiert. In wieweit hier Qualitätsunterschiede selbst wichtig sind, vermag ich nicht zu beurteilen. Das ist bei den Feilen schon anders. Die preiswerten verschleißen deutlich eher. Wichtig ist jedenfalls, darauf zu achten, dass die Feilengröße auch zum jeweiligen Kantenschärfer passt.
So, das soll´s gewesen sein. Happy schärfing.

Schlagwörter:

Kanten schärfen.

Möchten Sie Ihr Wissen weitergeben? Erstellen Sie Ihren eigenen Ratgeber… Verfassen Sie einen Ratgeber