Präzise Chronometer aus der Luftfahrt – ein Ratgeber für Flieger- und Borduhren

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Präzise Chronometer aus der Luftfahrt – ein Ratgeber für Flieger- und Borduhren

Die Navigationsinstrumente aus der Luftfahrt sind ein interessantes Sammelgebiet. Gerade die Flieger- und Borduhren aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs vermitteln neben einzigartigen Einblicken in die Präzisionstechnik zusätzliches Hintergrundwissen über bedeutende historische Ereignisse. Viele Sammler haben es sich zur Aufgabe gemacht, diese technischen Meisterwerke zu sichern und zu erhalten. Lesen Sie hier, was das Besondere an Bord- und Fliegeruhren ist, wo sie hergestellt und wozu sie verwendet wurden.

Präzisionsuhren der Luftfahrt: robust und zuverlässig im Einsatz

Die Technik der Borduhren ist deshalb so faszinierend, weil die hohe Genauigkeit dieser Uhrwerke auf rein mechanischem Wege erreicht wird, denn Quarzuhren waren zu dieser Zeit noch unbekannt. Seit über 300 Jahren wurden mechanische Uhren stetig weiterentwickelt und in Sachen Laufruhe und Genauigkeit weiter verfeinert. Flieger- und andere Großuhren stellen somit den Höhepunkt eines äußerst langen Entwicklungsprozesses dar und werden von Kennern gerne als Höhepunkt der Uhrmacherkunst bezeichnet. Denn der Anspruch an Borduhren war hoch: Belastungen durch Temperatur- und Luftdruckschwankungen durften ihnen ebenso wenig etwas ausmachen wie das Rütteln und Stoßen bei Start und Landung. Diese Forderungen nach Genauigkeit und Zuverlässigkeit war eine große Herausforderung für die Uhrmacher dieser Zeit. Wie die vorhandenen Uhren belegen, haben sie sie glänzend gemeistert.

Deutsche Fliegeruhren im Ersten Weltkrieg

Im Gegensatz zu Militäruhren aus dem Bereich der Seefahrt sind Fliegeruhren eine relativ junge Erfindung. Nachdem im Ersten Weltkrieg auch Flugzeuge zum Einsatz kamen, war es wichtig, dass die Piloten genau gehende Uhren besaßen um exakt navigieren zu können. Die ersten Chronometer der Luftfahrt waren einfache Taschenuhren, die mithilfe eines Lederetuis im Cockpit befestigt werden konnten. Auch das Tragen am Arm war damit möglich. Die Stoppuhren hatten für die Kurzzeitmessung auf dem Zifferblatt ein kleines Zusatzzifferblatt mit Sekundenanzeige, die sogenannte „kleine Sekunde". Ein weiteres Erkennungsmerkmal dieser Uhren ist die unten liegende Krone, damit die Uhr auch beim Einsatz im Cockpit leicht aufgezogen werden konnte. Generell haben diese Militäruhren schon von Anfang an große, gut lesbare Ziffern. Noch komfortabler wurde das Ablesen durch Leuchtziffern und -zeiger.

Unterschiedliche Flieger-Chronographen und ihre Aufgaben

Im Laufe der Zeit wurden immer leistungsstärkere Flugzeuge entwickelt. Dadurch war es den Piloten nun möglich, längere Strecken in größerer Höhe zurückzulegen. Hierdurch wurden die Anforderungen an die Borduhren ebenfalls größer. Einfache Stoppuhren reichten bald nicht mehr aus. Zu der Gruppe Borduhren für Militärflugzeuge gehören seit den 1930er-Jahren verschiedene Chronographen mit jeweils eigenen Aufgabenbereichen. Folgende Präzisionsuhren gehören in diese Gruppe:

Bodenchronometer

Diese Uhren werden auch als Normal- oder Mutteruhr bezeichnet. Diese dient als Refferenzuhr, nach deren Zeit alle anderen Uhren der Piloten, in den Flugzeugen und beim Bodenpersonal gestellt werden. Auf diese Art wird sichergestellt, dass alle Militäruhren exakt dieselbe Uhrzeit aufweisen. Ein Tatbestand, der zur erfolgreichen Durchführung präziser militärischer Operationen von äußerster Wichtigkeit ist.

Zeitübertragungsuhren

Diese Chronometer sind dazu bestimmt, die genaue Tageszeit der Mutteruhr (Bodenchronometer) zu den einzelnen Flugzeugen zu bringen und diese Borduhren danach zu stellen.

Borduhren

Diese Chronometer sind fest in die Flugzeuge eingebaut. Mit ihnen wird während des Fluges die exakte Tageszeit bestimmt. Diese wird hauptsächlich zur Standortbestimmung verwendet. Dieser Vorgang wird auch als astronomische Navigation bezeichnet. Dazu wird mithilfe eines Sextanten die Höhe der Sonne oder eines anderen Gestirns über dem Horizont gemessen. Zur selben Zeit wird die genaue Tageszeit mithilfe des Chronographen bestimmt und notiert. Diese Messung wird etwas später nochmals wiederholt. Aus den gewonnenen Daten sowie anderen Hilfsmitteln wie dem „Nautischen Almanac" kann dann vom Navigator die exakte Position des Flugzeuges berechnet werden. Eine große Erleichterung für die Navigatoren war die Erfindung der Gradmessuhren. Bei diesen Modellen besitzt das Zifferblatt außen eine Gradmesseinstellung in Bogengraden, sodass daran der Greenwicher Stundenwinkel abgelesen werden konnte. Dieser Stundenwinkel ist ein wichtiger Bestandteil der Standortbestimmung

Stoppuhren

Diese Borduhren kamen meist in Bombern zusammen mit Bombenvisieren zum Einsatz. Diese Vorrichtung wird oft auch als Bombenrichtgerät bezeichnet. Sie enthielt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs eine rein mechanisch funktionierende Apparatur, die den optimalen Abwurfzeitpunkt der Bomben berechnen konnte. Dazu mussten Parameter wie die Fallgeschwindigkeit der Bomben, die genaue Fluggeschwindigkeit sowie die Flughöhe eingegeben werden. Durch das Gerät erhält der Bombenschütze eine Zeitangabe. Diese Zeit stell der Bombenschütze in einer besondere, rückwärtslaufenden Stoppuhr am Bombenvisier ein. Sie stellt quasi eine Art Countdown dar, an dessen Ende der optimale Zeitpunkt zum Abwurf der Bomben gegeben ist.

Blindfluguhren

Diese Navigationsinstrumente dienten dazu, den Kurs zu halten, wenn nicht nach Sicht geflogen werden konnte. Bei dieser Art der Navigation müssen sich Pilot und / oder Navigator allein auf ihre Instrumente, den Flugplan und das Kartenmaterial verlassen. Die Kursberechnung erfolgt durch die Richtungsbestimmung mit dem Kompass sowie dem Abflug bestimmter Markierungspunkte auf der Karte. Der Pilot errechnet, wie lange er bei einer bestimmten Geschwindigkeit von einem Wegpunkt zum nächsten braucht und fliegt diese Zeit exakt nach der Blindfluguhr in die angegebene Richtung. Dann ändert er den Kurs und fliegt den nächsten Wegpunkt ab. So fährt der Pilot fort, bis er die gesamte Flugstrecke absolviert hat. Wichtig ist hierbei die genaue Einhaltung der Flugdauer von Punkt zu Punkt sowie der errechneten Fluggeschwindigkeit. Zudem müssen Witterungsbedingungen wie Seitenwind, auch Drift genannt, in den Berechnungen berücksichtigt werden, da dieser das Flugzeug unter Umständen vom Kurs abbringen kann. Auch für diese Flugoperationen wird von dem benutzten Chronometer höchste Genauigkeit und Zuverlässigkeit vorausgesetzt, da sich der Pilot bei dieser Art Navigation buchstäblich blind auf seine Instrumente verlassen muss. Schon kleine Ungenauigkeiten können hier große Abweichungen vom Kurs zur Folge haben.

Charles Lindbergh – im Blindflug zum Erfolg

Das wohl spektakulärste Beispiel für einen gelungenen Blindflug hat Charles Lindbergh mit seiner legendären Atlantiküberquerung im Flugzeug geliefert. Er flog 1927 ohne Zwischenlandung von New York nach Paris und nutzte dabei zur Navigation die Blindflug-Technik. Nach dem erfolgreich absolvierten Flug begann er mit der Entwicklung einer Fliegeruhr, da er auf seiner Atlantiküberquerung festgestellt hatte, worauf es bei einer Uhr zum Navigieren hauptsächlich ankommt. Die innovative Armbanduhr besaß als eine der ersten ein drehbares Zifferblatt zur Längengradbestimmung sowie die inzwischen zum Standard gewordenen großen Ziffern und Leuchtzeiger. Sie wurde schließlich von der schweizer Uhrenfabrik Longines gebaut und unter der Bezeichnung „Lindbergh- Uhr" auf den Markt gebracht. Sie gilt heute als „die" klassische Fliegeruhr überhaupt. Demnach war Charles Lindbergh auch in dieser Richtung ein Vorreiter in der Luftfahrt.

Die Schweiz – ein Hauptlieferant für Präzisionsuhrwerke in Europa

Wer auf den Spuren von Militäruhren wandelt, kommt an der Schweiz nicht vorbei. Dieses kleine Land inmitten der Alpen kann auf eine lange Tradition im Uhrenbau zurück blicken. Es ist belegt, dass sich die Uhrmacher bereits Mitte des 16. Jahrhunderts in Genf etablierten. Im 18. Jahrhundert wanderten viele Uhrmachermeister mit ihren Werkstätten in den Jura ab, da die Konkurrenz in Genf inzwischen zu groß geworden war. Im Zeitalter der Industrialisierung wird die Uhrmacherkunst innerhalb kürzester Zeit einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige der Schweiz. Wichtige Erfindungen wie die Automatikuhr oder der Chronometer werden ab dem Ersten Weltkrieg auch militärisch genutzt. Während dieser Epoche, besonders aber vor und während des Zweiten Weltkriegs, liefern die Schweizer Uhrenfabriken ihre genau gehenden, strapazierfähigen Uhrwerke sowohl an das deutsche als auch an das englische Militär. Diese Uhrwerke unterschieden sich nur durch die geforderten Schwerpunkte, die die Uhren besitzen sollten und durch die jeweiligen Bezeichnungen.

Neben Schweizer Uhrenfabriken hatte die deutsche Luftwaffe jedoch auch einige bedeutende Uhrenfabriken im eigenen Land wie zum Beispiel die Firma Wempe in Hamburg oder die Firma Lange in Glashütte. In den USA wurden Flieger- und Borduhren zu damaliger Zeit von den beiden großen Uhrherstellern Hamilton und Elgin gemeinsam hergestellt. Auch Russland besaß mit Kirow, Poljot und einigen weiteren seine eigenen große Uhrenmanufakturen. Dennoch schlägt auch in der berühmten „Poljot 3133" ein Uhrwerk, das mit dem der schweizer „Valjoux 7734" fast identisch ist. Während der sogenannten Quarzkrise in den 1970er-Jahren kaufte Russland die Rechte und Maschinen dieser Valjoux-Serie von den Schweizern auf, da diese ihre Produktion von der Automatikuhr auf die moderneren Quarzuhren umgestellt hatten.

Attraktive Armbanduhren mit besonderem Flair: Fliegeruhren heute

Moderne Armbanduhren lassen heute den charakteristischen Charme der Fliegeruhren wiederaufleben. Kernstück des Designs ist dabei die bewusst schlichte, schnörkellose Optik. Die Anzeige ist bei diesen Uhren auf die gut ablesbaren, großen Ziffern reduziert. Dazu kommt unter Umständen noch eine „kleine Sekunde" sowie eine Gradeinteilung an der Außenseite.

Ein wichtiges Kriterium für eine gute Fliegeruhr ist neben dem typischen Aussehen ihre hohe Genauigkeit. Dazu sollte sie zuverlässig laufen und robust und strapazierfähig aufgebaut sein.

Bord- und Fliegeruhren sind ein spannendes Sammelgebiet

Beim Sammeln von Bord- und Fliegeruhren können Sie sich sowohl auf die Entstehungsgeschichte dieser besonderen Chronometer spezialisieren als auch den Schwerpunkt auf Besonderheiten und ungewöhnliche Bauformen der jeweiligen Länder setzen. Neben dem raschen Fortschritt der Technik, die innerhalb weniger Jahrzehnte von der einfachen Taschenuhr zum fest eingebauten Präzisionsinstrument führte, überrascht vor allem die hohe Genauigkeit dieser mechanischen Uhren. Bei den Fliegeruhren sind das gerade die Automatikuhren, die sich durch ihren mechanischen Selbstaufzug rein durch die Bewegung ihres Träger aufzogen. Viele dieser Automatikuhren sind auch heute noch voll funktionsfähig und damit bei Sammlern und Liebhaber äußerst begehrt. Aber auch die Borduhren aus dem Zweiten Weltkrieg erfreuen sich großer Beliebtheit. Grund dafür ist ebenfalls ihre hochpräzise Mechanik mit der die Uhrmacher damaliger Zeit sich ein Beispiel gesetzt haben.

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