Perspektiven der Videoüberwachung

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Perspektiven der Videoüberwachung

Hinsichtlich der Audio- und Videoüberwachung befinden wir uns derzeit mitten in einer rasanten technischen Entwicklung. Nicht nur, daß die Aufnahmegeräte kleiner, billiger, leistungsfähiger und präziser werden, auch bei der Weiternutzung des Materials werden qualitative Grenzen gesprengt:

Die Mustererkennung von Tonaufnahmen ist so weit ausgereift, daß mit Sprachdatenbanken massenhaft Abgleiche gefahren werden können. Was zur Realisierung dieses Kontrollgelüstes fehlt, sind derzeit abgleichfähige hoheitliche Sprach-Datenbanken für Identifizierungszwecke. Es ist nur eine Frage von Speicher- und Rechenkapazität, daß auch bzgl. sonstiger biometrischer Merkmale, insbesondere bei der Gesichtserkennung Abgleiche möglich sind. Die in Florida beheimatete Fa. NeuroMetric hat ein System entwickelt, das aus einer Menschenmasse pro Sekunde 20 Gesichter herausfiltern kann. Deren biometrische Daten lassen sich innerhalb von Sekunden in einer Datenbank mit 50 Mio. Datensätzen abgleichen.

Systeme, die in der Lage sind, aufgezeichnete Personen - z.B. in einer Demonstration, auf einem Bahnsteig oder in einem Kaufhaus - zu zählen, sind heute schon technischer Stand. Systeme können so programmiert werden, daß „gekennzeichnete“ Personen über mehrere Kameras hinweg verfolgt werden. Die Gesichtserkennung ist so weit ausgereift, daß sie - unbeeindruckt von Brillen und falschen Bärten - zur Identifizierung vor Geldautomaten oder bei Eingangskontrollen eingesetzt wird. Erste Erprobungen zu vorrangig polizeilichen Zwecken werden in Flughäfen bei der Grenzkontrolle oder gar in Fußballstadien durchgeführt, wobei aus Menschenansammlungen ausgezeichnete Gesichter mit Bildern aus einer Datenbank abgeglichen werden. In der Universität Leeds wird derzeit ein System entwickelt, das von einer Videokamera aufgezeichnetes „normales“ von „verdächtigem“ Verhalten unterscheiden soll. Grundlegende Idee ist, daß ein Dieb mit der Absicht zu stehlen ein Geschäft auf ungewöhnliche - elektronisch detektierbare - Weise betritt. Das Projekt wird mit 300.000 Pfund finanziert. In einer Untersuchung für die Universität Hull kam der Soziologe und Kriminologe Clive Norris zu dem Ergebnis, daß die vorhandenen automatischen Erkennungstechniken die britische Regierung in die Lage versetzen könnten, jeden einzelnen Menschen zu kontrollieren.

Eine völlig neue Dimension wird auch dadurch eröffnet, daß Bilder über Internet weltweit verbreitet werden können. Die Einspeisung digitaler Bild- und Tonaufzeichnung ins Internet erfreut sich einer gefährlich zunehmenden Beliebtheit. Mehr als eine Mio. Besucher haben z.B. eine Web-Kamera-Homepage besucht, über die festgestellt werden konnte, wer an einer Haltestelle in Beverly Hills einen Bus betritt od. verläßt. Jede Überwachungskamera läßt sich auch als Web-Cam benutzen, sei sie in einem Supermarkt, auf einem öffentlichen Platz, in einem Hotelzimmer oder in der Brille eines Internet-Freaks installiert.

Ein anderer völlig neuer Blickwinkel, im wahrsten Sinne des Wortes, entsteht durch die Luft- und Satellitenüberwachung. Inzwischen werden privat auf dem Markt gestochen scharfe Luftbilder, wie aus 25 m Höhe geknipst, angeboten. Adressat dieses Angebots sind neben öffentlichen Stellen (Grundbuch-, Kataster- und Planungsverwaltung) z.B. Adressenhändler, die den Grundstücken Bewohnernamen zuordnen. Auf die Möglichkeit des Einsatzes der Luftbildtechnik zur Observation von Grundstücken oder zum Verfolgen von Fahrzeugen ist bisher (vielleicht) noch niemand gekommen.

Audio- und Videotechniken tragen zum unaufhaltsamen Run in die Informationsgesellschaft bei. Für das Persönlichkeitsrecht besonders fatal ist bei diesen Techniken, daß die Erhebung direkt beim Betroffenen zumeist in einer Form erfolgt, daß er hiervon nichts mitbekommt. Für den privaten Markt muß die Frage beantwortet werden, ob entsprechende Geräte weiterhin genehmigungsfrei verkauft werden können sollen. War dieser Bereich bisher relativ klar von der klassischen Datenverarbeitung und von Multimedia getrennt, so eröffnen Biometrie, Mustererkennung und die weltweite Vernetzung völlig neue Überwachungsperspektiven. Neben der qualitativen Aufrüstung erfolgt - vor allem im Namen der Sicherheit - eine rasante quantitative Zunahme der eingesetzten Geräte. Was vordergründig vor allem individuellem Voyeurismus zu dienen scheint und zweifelsfrei Rationalisierungseffekte hat, fördert Law-and-Order-Denken. Gegenstrategien zum Schutz von Grundrechten und Privatsphäre sind noch nicht in Sicht.

Derzeit drängen neue Kameras auf den Markt. Sie haben einen neuartigen Charakter, weil sie in enger Verbindung zu den allgemein verfügbaren multimediafähigen Personal-Computern stehen, die ihrerseits den Zugang zu weltweiten Computernetzen eröffnen. Die technischen Möglichkeiten zur Verbreitung und Nutzung von Bildern erweitern sich also sprunghaft. Alle selbst gewonnenen Bilder, die bisher nur einem kleinen Personenkreis gezeigt werden konnten, lassen sich nunmehr ohne großen Aufwand für die gesamte Menschheit des Internet abrufbar machen. Das private Fotoalbum kann genauso zugängig sein wie Bilder von speziellen Freizeitaktivitäten, Veranstaltungen u.s.w.

In allen Lebensbereichen wird die Bilderflut erheblich ansteigen. Die Zahl der „Glasaugenzeugen“ nimmt zu. Und so erscheint es unvermeidbar, daß auch mehr Bilder in Umlauf kommen, die identifizierbare Personen zeigen. Das führt mit Sicherheit auch zu einer Zunahme an Persönlichkeitsrechtsverletzungen. Unleugbar ist diese Unannehmlichkeit in manchen Bildverarbeitungssystemen bereits technisch angelegt, so daß sich dieser Beitrag zunächst mit aktuellen technischen Trends beschäftigt.

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