NS-Schrifttum, Pornographie, ebay und die Sammler

Aufrufe 497 Mal bewertet mit „Gefällt mir” Kommentare Kommentar
Mag ich anklicken, wenn dieser Ratgeber hilfreich war
Ein kurzer Überblick über beide Buchbereiche, die ebay weitgehend ausschließt. Was ist das, wer sammelt es, was gilt es zu beachten?

Allzuviele Kollegen kennen diese, nun, sagen wir - schwierigen Gebiete nur vom Hörensagen, aus den Bibliographien oder von gelegentlichen Zufallserwerbungen her. Da fehlt dann oft die praktische Sachkunde.

 1.
Bei den NS-Schriften müssen wir zunächst eine radikale Unterscheidung vornehmen, die einer Abtrennung nahekommt, nämlich in NS-Schriften *vor 1945, die also unter der Herrschaft faschistischer Regierungen erschienen sind (Deutsches Reich, Ungarn, Vichy-Frankreich, Italien, Kroatien, Norwegen, Ostland  - aber auch in der neutralen Schweiz!) und in solche *nach 1945 (beginnend mit den berüchtigten Südamerika-Editionen nach 1945, dann leider sofort nach 1949 auch die deutschen Nachdrucke, "Dokumentationen" und der ganze neobraune Sumpf von Frey bis Grabert).

Die NS-Schriften in Inhalt und/oder Tendenz  n a c h  1945 gehören nach meinem Verständnis zur Oberkategorie der "gebrauchten" Bücher. Nur die Schriften  v o r  1945 rechne ich zum Antiquariat.

Echte NS-Schriften vor 1945 sind in jedem Fall, auch für den Juristen, "antiquarische Bücher".  Er zählt sie im Deutsch der Staatsanwälte zu den "patinierten Schriften".  Der Begriff wird uns unten, bei der Pornographie, wiederbegegnen. Patinierte Schriften dürfen, sehr vereinfacht gesagt, frei verkauft werden - nur nicht bei ebay!  Sie haben ihre Legitimation quasi durch den historischen Charakter. Wie alles im Bereich der Juristerei ist das noch unendlich komplizierter - greifen Sie bitte zu einem großen Strafrechtskommentar und lesen Sies nach, wenn Sie sich zwei Stunden langweilen wollen. In der Praxis gilt, und nur das ist wichtig - strafrechtlich ist Ankauf, Verkauf, also der gesamte Handel mit patinierten NS-Schriften frei und zulässig.

Ob und wie dafür  g e w o r b e n  werden darf, steht auf einem anderen Blatt. Ich darf weder mit Symbolen, Abzeichen noch mit Marschliedern oder bestimmten Grußforme(l)n aus der Nazizeit werben, darf sie auch nicht "öffentlich" ausstellen.

Zwei verbreitete Irrtümer sollten gleich ausgeräumt werden. Zum einen gibt es keinen "Jugendschutz" für NS-Schriften, keine Altersbegrenzung. Inwieweit auch historische NS-Schriften auf den Index jugendgefährdender Schriften gesetzt worden sind, mag man nachsehen, meines Wissens sind das nur wenige oder gar keine. Indizierungen betrafen immer nur Neu- und Nachdrucke, nicht die Originale. Es mag vereinzelte Ausnahmen von dieser Regel geben.

Zum anderen gibt es keine Sonderregelungen für das Buch "Mein Kampf". Der Staat Bayern hat, ich gestatte mr zu sagen gottseidank, die Urheberrechte daran aus dem schäbigen Nachlaß von Adolf Hitler automatisch erworben und verhindert auf diese Weise erfolgreich jeden Nach- oder Neudruck im Geltungsbereich unseres Rechtes. Aber der Verkauf der historischen Exemplare (ich habe, wie jeder ältere Antiquar, nur allzuviele davon am Lager) ist in keiner Weise behindert.

Da wir schon einmal bei den verbreiteten Irrtümern sind: Die Sammler von historischer NS-Literatur sind weder jugendliche Glatzen noch mauschelnde Neonazi-Verschwörer. Die ersten sind zu dumm, diese Bücher zu lesen, die zweiten halten sich an ihren widerlichen Sumpf der Neonazi-Schriften. Es sind vielmehr zahlreiche Lehrer, vor allem die Historiker unter ihnen, und dann das große Feld der Militaria-Sammler. Langsam am Aussterben ist der dritte Sammlerkreis, nämlich die direkten Nachkommen von NS-Größen. Kurzum, unter etwa 30 Kunden dieses Gebiets, die ich in Jahrzehnten persönlich oder telefonisch kennengelernt hatte, befand sich kein (in Worten Null) Neonazi. Ich rede gern mit den Kunden und würde das gewittert haben.

Gesucht werden vor allem Bilderblätter. Das kann nicht verwundern, sind doch die Illustrierten jener düsteren Jahre fotografisch und drucktechnisch ganz hervorragend ausgestattet gewesen. Dies gilt nicht einmal so sehr für das (auch preislich) immer überschätzte "Signal", sondern eher für einfache Publikumsillustrierte, etwa die "Stuttgarter", bei Belser in erstklassigem Tiefdruck gefertigt, für die "Hamburger" oder "Wiener". Zeitungen gehen generell gut bis sehr gut, hier kommen die Heimatsammler mit herein. Originaldokumente gibt es recht viele, was der schier unglaublichen Bürokratie-Wut der NS-Zeit zu verdanken ist, von Morgens bis Abends wurden Akten produziert, bis zum letzten Kriegstag. Unter den Buchautoren gibt es seltene und sehr gesuchte Namen, etwa Eggers oder Kriegk. Was der Laie für "gesucht" hält, ist es in der Regel nicht, mit Goebbels oder den Hitlerreden aus deutschen Antiquariaten könnte man mühelos ganze Schulklassen ausstatten.

Bei dieser Gelegenheit: Schulbücher, insbesondere Altersreihen von Deutsch-Lesebüchern, gehören zum Widerlichsten, was man sich denken kann. Wie perfide und gemein eine ganze Generation vergiftet werden sollte, kommt darin nackt und unverblümt zu Tage. Es ist zum Kotzen.

Soweit ein erster Überblick über diesen Bereich des Antiquariats, der bei ebay, wohlgemerkt,  v e r b o t e n  ist.

2.
Nicht so recht eindeutig verboten, sondern in einer komplizierten Übergangssituation sind bei ebay die historischen pornographischen Schriften.

Zunächst gibt es hier die einfache Einteilung nach einem deadline-Datum, die uns beim NS-Schrifttum weitergeholfen hat, nicht. Internationaler Sammlerbrauch hat die Sammelwürdigkeit und den historischen Charakter pornographischer Schriften bis weit in die Jahre nach der Sexualreform der 68er Jahre hinein definiert. Wir dürfen heute sammelwürdige Pornographie von den Anfängen bis etwa 1985 datieren, die Rechtsprechung folgt auch nach und läßt solchermaßen "patinierte" Pornographie straffrei. Zunächst - denn Vorsicht:

Hier greift das Regelwerk der von der Bundesprüfstelle  i n d i z i e r t e n   Schriften massiv ein. Bis vor kurzem wurden Buchantiquare, die bestimmte Werke von Miller oder etwa das rührend-harmlose Aufklärungsbuch für Hauptschüler "Zeig mal her!" angeboten hatten, mit Haussuchungen überzogen. Es ist deshalb unumgänglich, daß der anbietende Antiquar Zugang hat zum Verzeicnis der indizierten Schriften. Staatsanwälte sind in diesem Punkt erstaunlich humorlos.

Ähnliches gilt, nur noch in stärkerem Maß, für die Abbildung nackter Kinder. Man mag das für eine weltweite Hysterie halten, aber selbst bei typischen FKK-Heften gibt es inzwischen Indizierungen, jedermann sei gewarnt - Finger weg! Es sollte sich bis zu naivsten Hausfrau herumgesprochen haben, daß  FKK-Postillen der 90er Jahre wie "Jung und frei" oder die "Sonderhefte" der Sonnenfreunde hochgefährliches Material darstellen - für den Anbieter nämlich. Wer sonst dadurch zu Schaden kommen könnte, ist nicht recht einsehbar.

Was aber sammelt der Liebhaber "patinierter" Pornographie? Zunächst alles quer durch den Kanon dessen, womit sich unsere Groß- und Urgroßeltern aufgegeilt hatten. Man kann darüber eigentlich heute nur noch lächeln, denn die ganzen Aufregungen um die Jahrhundertwende, von der Josefine Mutzenbacher über die unmäßig schweren (und unmäßig unerotischen) Fuchs-Bände bis zu den peinlich-rührenden "sekretierten Ergänzungslieferungen" rund um die Sittengeschichte sind für uns inzwischen völlig unbegreifliche Quisquilien geworden. Trotzdem werden sie gesammelt, die Preise fallen nur langsam, Fuchs bleibt Fuchs, Ungewitter ist immer noch Ungewitter.

Auch heute noch einfühlbar, teilweise teuer bezahlt (und keineswegs immer bei ebay verboten) sind die Bindestrich-Pornographica, als da wäre die *homosexuelle Pornographie, in älteren Drucken stets sehr selten, die *fotografische Pornographie, ein reizvolles, aber sehr kostspieliges Hobby, das sich teilweise überschneidet mit meinem Sammelthema, der Freikörper- oder ehrlicher der *Nacktkultur. Dann gibt es jene hochinteressanten Berührungen, die Pornographie etwa mit *Psychologie hat, es gibt das recht unheimliche, aber emsig gehandelte Terrain der *Flagellantica (bei dem wieder einmal vor den verbreiteten Kinderthemen gewarnt sei).

Sonderinteressenten gibt es noch weitere, etwa den Sammler bibliophiler Drucke, der Pressendrucke und der nummerierten Bücher, ebenso wie den Liebhaber schöner Einbände, den Sammler von Originalgraphik, den Freund jener unvergessenen Editionen der "Olympia-Press", die im Bücherschrank keines Alt68ers fehlen, den Sammler einfacher alter Pornoheftchen in ihrer rührend-unbeholfenen Anfangszeit. Sehr viele und ernsthafte Sammler jagen hinter echten, amerikanischen "Hustler"-Heften her (die deutschen waren und sind sterbenslangweilig), die verbreitete Sammelwut nach "Playboy"-Bildern  möchte ich dann doch eher den Kinderbuch-Sammlern zuordnen, submissest.

Das ist nun alles nur angedeutet, es soll hier auch nicht mehr als ein Warenüberblick gegeben werden. Die delikate Frage, was denn nun bei ebay davon angeboten werden darf und was nicht, mag ein Kollege beantworten, der sich da besser auskennt. Für mich ist das ebay-Zensurthema ähnlich kompliziert und undurchschaubar wie das Wirken der Inquisition vor 500 Jahren. "Eigentlich" steht die Antwort in den ebay-Bedingungen, die aber legt jedes ebay-Land anders aus, jeder Zensor, nur daß die Scheiterhaufen bei ebay etwas milder ausfallen, wir leben hinterher noch. Ist das nicht schön?









Möchten Sie Ihr Wissen weitergeben? Erstellen Sie Ihren eigenen Ratgeber… Verfassen Sie einen Ratgeber
Weitere Ratgeber erkunden