Motoröl ist nicht gleich Motoröl

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Der Mann im blauen Kittel sah uns ganz tief in die Augen, riss blitzschnell seine Hand hoch und fuchtelte mit einem Kugelfall-Viskosimeter vor unserm Gesicht. Unser flapsiges "Öl ist Öl außer beim Salat" hatte dem Werkstattchef gar nicht gefallen.

Ja, die Inspektion war fällig, aber muss es denn unbedingt Motoröl zum Höchstpreis sein?

Ein Liter davon kostet fast soviel wie ein ganzes Gebinde im Baumarkt. Die wenigsten Autofahrer machen sich um das Motoröl ihres Fahrzeugs Gedanken. dabei läuft ohne Öl gar nichts, erst recht nicht das Auto. Das Öl muss schmieren, um Energieverluste und Reibung zu mindern; bestimmte Motorteile kühlen; aufeinander gleitende Teile wie Kolbenringe und Zylinderwand abdichten; Abrieb und Verbrennungsrückstände reinigen und binden; vor Korrosion schützen sowie das Motorgeräusch dämpfen.

Beim Drehen des Zündschlüssels fangen rund 250 Teile an, sich zu bewegen. Damit es jetzt nicht zum Verschleiß kommt oder, schlimmer noch, zum Fressen der bewegten Teile, ist das Öl schnellstens an die Schmierstellen zu fördern. Wird der ölige Schutzfilm nicht in Sekundenbruchteilen vollständig aufgebaut, spricht man von Kaltstart, selbst wenn es gerade Hochsommer ist. Alle Motoröle sind aus Kohlenwasserstoffmolekülen und haben die unschöne Eigenschaft, stets in die falsche Viskosität zu schlüpfen. Soll das Öl dünnflüssig sein, beim Starten des kalten Motors, ist es im Prinzip dick wie Honig. Wird bei der Autobahnfahrt eine höhre Zähflüssigkeit gebraucht, will es dünn wie Milch sein.

Der Unterschied zwischen mineralischen Motorenölen und vollsynthethischen Motorschmierstoffen mag für den Autofahrer nur beim Griff ins Portmonnaie bestehen.

Für die Motorkonstrukteure liegt darin ein Quantensprung. So bleibt etwa die Viskosität von vollsynthetischen Motorenölen im Schmierspalt beinah gleich, deshalb können sie dünnflüssiger ausgelegt sein. Vorteil: Bei kaltem Motor gelangt das Öl schneller an die reibpunkte. Ihr Schmierfilm ist extrem hitzebeständig angelegt, und mit der Zugabe von pfiffigen chemischen Stoffen (Additive) bleiben zum Beispiel die Motorteile auch dann noch mit Öl benetzt, wenn das Auto eine Weile steht. Standard sind heutzutage die so genannten Mehrbereichsöle oder Ganzjahresöle. Die Viskositätsangabe auf der Motorölverpackung gibt den einsatzbereich an. Dabei steht eine Zahl vor und hinter dem Buchstaben W, der für Winter steht. Je kleiner die Zahl vor dem "W", umso besser fließt das Öl beim Kaltstart. Das Fließverhalten bei hohen Temparaturen gibt die Zahl nach dem "W" an.

Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte nur die vom Fahrzeughersteller freigegebene Ölsorten verwenden, den Ölstand regelmäßig kontrollieren und korrigieren. Der normale Ölverbrauch eines (eingefahrenen) Autos darf nicht mehr als 1,5 Liter auf 1000 Kilometer sein. Öl ist eben doch nicht Öl, nicht nur beim Salat. Und an der falschen Stelle sparen tut nie gut.

 

Ein Bericht aus der FAZ vom 22. Juli 2000 Autor: Ulrich Günther

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