Militärsattel, Kavalleriesattel, Armeesattel

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Passform von Militärsätteln

Da ich selber ein glücklicher Besitzer eines Militärsattels bin und bemerkt habe, dass bei ebay sowohl auf Käufer- wie auf Verkäuferseite einige Verwirrung herrscht, hier einige Infos:

Laut dem Buch  "Feldartillerie" von 1904 gibt es folgende Größen:
Nr. 1 für schmalgerippte Pferde mit geradem Rücken
Nr. 2 für schmalgerippte Pferde mit gebogenem Rücken
Nr. 3 für breitgerippte Pferde mit geradem Rücken
Nr. 4 für breitgerippte Pferde mit gebogenem Rücken
Nr. 5 für senkrückige Pferde

Es gibt auch für besonders breite Pferde eine Größe 6, die aber erst um 1935 gebaut wurde.
Die Größen ergeben sich aus der Auseinanderstellung und Richtung der Trachten (aus Rotbuchen-Holz).
Die Nummer ist auf den Trachten und dem Sattelsitz (am Hinterzwiesel) eingestempelt. Am Hinterzwiesel ist meist auch der Hersteller und das Herstellungsdatum zu finden. Oft sind Größe,Hersteller und Alter zusätzlich unter dem Sattelsitz (bitte abnehmen) vorne oben links/rechts an der Kammer ersichtlich. Militärische Daten (Regimentnummer...) finden sich auf der linken Lederabdeckung der Trachten, dort wo das Sattelblatt endet und die Trachten unbedeckt sind oder unten am linken Sattelblatt.
Teilweise wurden je nach Verfügbarkeit die Sattelteile vertauscht - ausgetauscht. Wer Sammler ist, achtet auf die gleiche Sattelnummer auf allen Sattelteilen, dadurch ergibt sich ein vergleichsweise höherer Wert. Durch die, eventuell auch nachträgliche, Aufpolsterung kann jedoch auch innerhalb einer Größe die Passform variieren. Die Aufpolsterung erfolgte original häufig mit Rosshaar.

Ob die Größenangaben a la 1904 für die Sättel aus dem 1. und 2. Weltkrieg noch stimmen, kann ich nicht garantiert sagen, würde es aber nach meinen Erfahrungen behaupten.

Der deutsche Militärsattel (es gibt noch Schweizer... Modelle) ist komplett auseinanderzunehmen. Da er ein "Bocksattel" ist, schwebt der Reiter quasi über dem Pferd, er hat das Gefühl, recht hoch zu sitzen. Der Sattel hat keinen Holzbaum wie bei heutigen Sportsätteln üblich, sondern eine Bespannung aus fester Rohhaut trägt den Reiter und lässt die Pferdewirbelsäule frei. Vor dem Gebrauch sollte man die Bespannung aus Rohhaut unter der abnehmbaren Sitzfläche prüfen. Ist sie ausgeleiert und liegt auf der Wirbelsäule des Pferdes auf, muss sie nachgespannt/ersetzt werden. Sämtliche Rohhautteile (z.B. die Nähte der Strupfen und des Trageriemens) können ersetzt werden mit Hundekauknochen aus Rohhaut (kein Witz). Dazu diesen einweichen (aber nicht bis er zu weißem Matsch wird, wie die Hunde ihn zerkauen), abrollen, zuschneiden, noch feucht einsetzen. Wenn die Rohhaut trocknet, spannt sie sich selber.

Bei original Strupfen ist das Problem meist, einen Sattelgurt zu finden, bei dem die Schnallen breit genug sind. Also muss man vor dem Kauf eines Sattelgurtes dessen Schnallenbreite messen. Erfahrungsgemäß passen normale Strippengurte recht gut an die Strupfen. Wer den Sattel wirklich sicher reiten will, dem würde ich neue Strupfen empfehlen. Deren Breite kann man so wählen, dass alle Gurte daran passen.
Die Strupfen sind original mit Rohhautstreifen am Sattel befestigt (nicht vernäht).

Originale Steigbügelriemen erkennt man an der Prägung des Herstellungsjahres an der Spitze und daran, dass die Schallen nicht mit Nähten, sondern mit Rohhautstreifen befestigt sind.

Wer einen  kompletten Sattel ergattert hat, fragt sich bestimmt,  was die gelochte Lederstrippe unterm Vorderzwiesel für einen Zweck hat. Diese ist, da die Pferde bei der Artillerie meist nicht nur geritten wurden, sondern auch noch Lasten, Geschütze... zu ziehen hatten, zur Verbindung des Kumtes mit dem Sattel. Oftmals wurde die Kumtstrippe  im Laufe der Zeit den neuen Besitzern lästig und daher abgeschnitten. Übrig bleibt auf der Rohhautbespannung unterm Sattelsitz ein schmales Lederstück, woran die Strippe vernäht war.

Ist das Leder des Sattels hart und unbiegsam, empfiehlt sich folgende Behandlung:
Alle Lederteile werden mit warmen (nicht kochendem!)Wasser und Sattelseife gereinigt und befeuchtet. Dann können sie nach etwas Einwirkzeit vorsichtig in alle Richtungen bewegt werden, ohne dass das Leder reißt. Wenn noch etwas Feuchtigkeit im Inneren des Leders ist ("klamm"), wird mit Tranöl mehrmals (2-  5 mal) eingepinselt. Vorsicht: wenn der Sattel mit zuviel Öl getränkt wird, kann das Leder oberflächlich aufreißen. Ist also das Öl nach ein paar Minuten vom Sattel nicht eingesogen, mit einem Tuch entfernen. Nach dem Ölen kommt als Versiegelung gutes Lederfett (am besten mit Bienenwachs) auf das Leder. Es wird mit der Hand einmassiert, denn durch diese Wärme dringt es gut ein. Auch den Sitz würde ich so behandeln - lieber beim ersten Reiten einen Fettfleck auf dem Hintern als vom harten Leder wundgeritten. Nachdem der gefettete Sattel über Nacht "geruht" hat, mit einem Lappen überpolieren (schont die Reitkleidung). So behandeltes Leder muss bei Verschmutzungen nur noch feucht abgewischt werden, nur nach langen Regenritten ist fetten/ölen wieder nötig.

Achtung: durch das Ölen dunkelt der Sattel nach, durch das Fetten eher weniger. Früher wurden die Sättel mit ungesalzenem Schweinefett gepflegt, habe ich noch nicht probiert...

Militärsättel sind selbst bei langen Einsätzen meiner Erfahrung nach sehr schonende Sättel für die Pferde. Nie habe ich Satteldruck, Rückenprobleme... bei den Trägern erlebt, selbst wenn der Sattel den ganzen Tag auf dem Rücken lag - das spricht für die korrekte Passform. Entgegen einiger Behauptungen sind sie jedoch für den Reiter nicht immer angenehm, schon garnicht für Anfänger, die die Beine noch nicht richtig auf dem Sattel plazieren können. Die 2 Packösen am Vorderrand jedes Sattelblattes führen dann zu großen blauen Flecken. Wer seine Beine fortgeschrittenerweise ruhig an Ort und Stelle hat, wird unbeschadet davonkommen.  Manche Reiter bemängeln den harten Sitz, der sich mit den heutigen Komfortsätteln mit Latex-, Luftkissen- oder flexiblen Sitzflächen nicht vergleichen lässt. Wem jedoch das Wohlbefinden des Pferdes nicht egal ist und wer wenig Geld für einen Neusattel hat, der sollte statt der 200 Euro-Variante aus dem Katalog lieber zum Militärsattel greifen.Zusätzlichen Komfort kann man dem eigenen Hintern mit einem Sattelsitzbezug aus Lammfell gönnen.
Für Sparer sei gesagt: Militärsättel mit Mängeln der Polsterung (Löcher, Unregelmäßigkeiten...) sind selten kostengünstig vom Sattler wieder auf Vordermann zu bringen, dann lieber etwas mehr in einen unbeschädigten Sattel investieren. Und: Militärsättel Größe 3 sind meist seltener und teurer, da auf die meisten Warmblüter heute passend.



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