Manche finden ihn noch selbst: Herkunft und Eigenschaften von Bernstein

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Manche finden ihn noch selbst: Herkunft und Eigenschaften von Bernstein

Bernstein, die magische Substanz, ist eigentlich kein Stein. Er besteht aus dem Harz vorzeitlicher Pflanzen, das über Jahrmillionen erstarrt ist. Das erklärt auch einige seiner besonderen Eigenschaften, die für einen Stein ungewöhnlich sind. Bernstein (mittelniederdeutsch: Börnsteen) bedeutet „Brennstein". Und tatsächlich: Bernstein brennt. Er ist ungewöhnlich leicht. Bestimmte Arten, die mikroskopisch kleine Lufteinschlüsse besitzen, schwimmen sogar auf Süßwasser. Meist ist Bernstein so weich, dass man ihn mit einer Kupfermünze anritzen kann. Eine weitere Besonderheit: Bernstein kann sich in einem Lösungsmittel für Harze auflösen. Nicht zuletzt ist er in der Lage, eine elektrische Ladung anzunehmen. Das altgriechische Wort für Bernstein ist Elektron (hell, strahlend, glänzend). Nun könnte man annehmen, dass seine elektrischen Eigenschaften ihm zu diesem Namen verhalfen, aber es war genau umgekehrt. Aufgrund dieser Eigenschaften wurde der Bernstein selbst zum Namensgeber des Elementarteilchens Elektron und damit auch zum Namensgeber der Elektrizität insgesamt.
Da Bernstein jedoch schon seit jeher als Schmuckstein verwendet wird, ist seine wissenschaftliche Bezeichnung mit dem für Steine typischen „-it" am Ende versehen: Succinit. Das berühmte Bernsteinzimmer, welches im Zweiten Weltkrieg spurlos verschwand, trug zur Mystifizierung des Bernsteins bei. Die älteste bekannte Verwendung als Schmuckelement erfuhr das Material jedoch bereits vor 6000 Jahren. Wissenschaftlern dient er als hervorragendes natürliches Konservierungsmittel, denn viele Bernsteine bewahren seit ihrer Entstehung vorzeitliche Insekten in ihrem Innern, die oft vollständig erhalten und durch die klare Substanz gut zu betrachten sind. Den Vornehmeren unter den Alten Griechen diente ein großer Bernstein als Kleiderbürste, da er sich durch das Reiben an Textilien statisch auflädt und somit Fusseln und Staub anzieht. Viele Generationen von Physiklehrern nutzten diese Eigenschaft zu einer wirkungsvollen Demonstration der statischen Elektrizität.

Wie der Bernstein entstand

Wenn von Bernstein die Rede ist, dann ist meist die häufigste Form, der Baltische Bernstein, gemeint. Die bisher größten Bernsteinfunde stammen von der Küste der Ost- und Nordsee. Aber auch in Bitterfeld häufen sich Bernsteinvorkommen, die allerdings als Spielart des Baltischen Bernsteins gelten. Erstaunlicherweise ist bis heute nicht restlos geklärt, vom Harz welcher Pflanze der Bernstein stammt. Lange wurde vermutet, dass es eine spezielle, eventuell ausgestorbene Kiefernart sei. Neuere Untersuchungen deuten auf Goldlärche, Zeder oder Tanne als Ursprungspflanzen hin, jedoch ist der Nachweis schwierig, da sich die hochpolymere Struktur des „fertigen" Bernsteins von der des Baumharzes aller untersuchter Arten erheblich unterscheidet. Das gehäufte Vorkommen in Meeressedimenten lässt die Vermutung zu, dass der geochemische Einfluss dieser Umgebung für die Entstehung des harten Harzes mitverantwortlich ist. Andere Untersuchungen deuten allerdings darauf hin, dass der Reifeprozess des Bernsteins schon am Baum weitgehend abgeschlossen sein musste. Es kann also keineswegs ausgeschlossen werden, dass auch heute noch Bernstein entsteht – nur wird niemand, der heute lebt, dessen vollständige Aushärtung beobachten können.

Wie der Bernstein seine Form erhielt

Abhängig davon, wo das Harz an der Pflanze austrat, nahm der zukünftige Stein charakteristische Formen an. So gibt es „Knollen", die in Hohlräumen entstanden sind. Falls die Austrittsstelle unterhalb des Holzes lag, bildeten sich Stalaktiten aus Harz, die durch die Aushärtung ihre Form bewahren. Fand der Harzaustritt zwischen Holz und Borke statt, entstanden charakteristische „Platten" aus mehreren Schichten, die oft klar voneinander getrennt sind. Die seltenen und begehrten Insekteneinschlüsse konnten nur entstehen, wenn die Austrittsstelle von Insekten erreichbar war, welche den Fehler begingen, sich auf dem frischen, klebrigen Harz niederzulassen. Die endgültige Entstehung von Bernstein setzt unbedingt eine Lagerung unter langfristigem Luftabschluss voraus, was letztlich nur in Meeressedimenten gegeben ist. Eine längere Lagerung in durchlüftetem Boden zersetzt das Harz auch nach dessen Aushärtung zum Bernstein. So gibt es Schmuckfunde in mykenischen Königsgräbern, die in den Jahrtausenden, die sie dort lagerten, stark verwittert sind. Man muss davon ausgehen, dass der verwendete Bernstein vor seiner Verarbeitung tausendfach länger unter Luftabschluss gelagert hatte und nicht verwittert war.

Bernstein und seine Eigenschaften

Bernstein ist etwa so hart wie Gips. Auf der Mohs-Skala wird ihm ein Härtegrad von 2 bis 2,5 zugeordnet, wobei es allerdings enorme Unterschiede zwischen verschiedenen Bernsteinarten gibt. Diamant besitzt auf dieser Skala einen Wert von 10. Aufgrund seiner Herkunft aus Baumharz und der geringen Härte wird Bernstein nicht als Mineral anerkannt und ist somit offiziell kein Stein. Seine geringe Dichte (1,07 g/cm³) lässt ihn in gesättigter Salzlösung schwimmen. Diese Eigenschaft kann zur Bernsteingewinnung genutzt werden, indem man die Siebrückstände mit Salzwasser ausschwemmt. Bernstein schmilzt allerdings nicht. Bei hohen Temperaturen um 200 °C wird er zwar weich und formbar; wenn er darüber hinaus erhitzt wird, beginnt er jedoch, sich zu zersetzen. Die Zersetzungsprodukte sind Bernsteinöl und Kolophonium. Diese beiden Stoffe, die bei der als „trockene Destillation“ bezeichneten Erhitzung entstehen, hatten bis vor einigen Jahrzehnten durchaus eine wirtschaftliche Bedeutung, weshalb sie in industriellen Verfahren hergestellt wurden. Heute wird Kolophonium nur noch von Streichmusikern verwendet, die damit ihrem Bogen den nötigen Grip verleihen. Bernsteinöl führt ein Nischendasein als Natureilmittel.
Besonders auffällig und ungewöhnlich sind die elektrischen Eigenschaften des Bernsteins. Durch das Reiben an Textilien kann er sich elektrisch negativ aufladen. Diese als elektrostatische Aufladung bezeichnete Eigenschaft ist so einzigartig, dass sie als Echtheitstest gelten kann. Auch Kinder spielen gern mit diesem Effekt: Ein statisch aufgeladener Bernsteinbrocken zieht Papierschnipsel, Wollfusseln und Ähnliches an. Für den englischen Naturforscher William Gilbert war das kein Spiel. Er widmete dem elektrischen Bernstein ein ganzes Kapitel in seinem Werk und gebrauchte erstmals das Wort Elektrizität für diesen Effekt. Wenn Bernstein über den Destillationspunkt von ca. 300 °C hinaus erhitzt wird, kann er brennen. Mit gelblicher, rußender Flamme brennend und nach Harz duftend gibt er ätherische Öle frei. So bekommen wir eine Ahnung vom Duft eines Baumes, der vor Millionen von Jahren lebte.

Berühmte Bernsteine

Die ältesten Funde von bearbeitetem Bernstein stammen aus der Steinzeit und sind 20.000 Jahre alt. Als Schmuck bzw. Grabbeigaben verwendet zeugen diese Stücke von der Kultur der damals lebenden Menschen und von ihrem Glauben an ein Jenseits. In Ingolstadt wurde ein aus der Bronzezeit stammendes Bernsteincollier gefunden, das aus ca. 3000 einzelnen Steinen besteht. Die Feinheit und handwerkliche Perfektion dieser Arbeit ist augenfällig und zeugt von einem enormen Fortschritt gegenüber den ältesten Funden. In der griechisch-römischen Antike wurde Bernstein nicht nur zur Schmuckherstellung verwendet, sondern es entstanden zunehmend figürliche Darstellungen und Gebrauchsgegenstände aus dem kostbaren Material.

Das legendäre Bernsteinzimmer Friedrichs I.

Den bis heute unübertroffenen Gipfelpunkt in der Bernsteinverarbeitung stellt wohl das berühmte Bernsteinzimmer dar. Im Auftrag des preußischen Königs Friedrich I. wurde es 1712 fertiggestellt. In Bezug auf Menge und Größe der verwendeten Stücke, aber auch durch seine gestalterische und handwerkliche Perfektion nahm damit ein Superlativ physische Gestalt an. Die Wände sind vollständig und kunstvoll mit Bernstein ausgelegt. Vom Künstler und Architekten Andreas Schlüter entworfen, war das Bernsteinzimmer ursprünglich für das Charlottenburger Schloss in Berlin vorgesehen. Nach dem Tode Friedrichs I. wurde es jedoch in ein Kabinett im Berliner Stadtschloss eingebaut. Von aller Welt bestaunt wurde es gar als das „Achte Weltwunder“ gepriesen. Einer der Bewunderer war der russische Zar Peter der Große, der sich schließlich mit dem Nachfolger Friedrichs I., dem Soldatenkönig, auf einen Handel einigte: Im Rahmen einer Allianz gegen Schweden erwarb er das Bernsteinzimmer im Tausch gegen die von Friedrich II. begehrten „Langen Kerls“. Das waren besonders groß gewachsene Soldaten, die der Vorstellung Friedrichs von seiner Leibgarde entsprachen. Der endgültige Glanz wurde dem Bernsteinzimmer vom italienischen Architekten Bartolomeo Francesco Rastrelli verliehen. Er stand im Dienst des russischen Zaren und vervollständigte das Werk durch Spiegelpilaster und vergoldete Schnitzereien.
Im Laufe des Zweiten Weltkriegs ging das Bernsteinzimmer verloren. Es gilt als abgebrannt, aber hartnäckige Gerüchte, die sich bis heute halten, besagen, dass es von den Deutschen geraubt und unterirdisch eingelagert wurde. Was der Bau eines Bernsteinzimmers heute kostet, ist genau zu beziffern, denn es wurde über einen Zeitraum von 27 Jahren mit Millionenaufwand rekonstruiert. Der ideelle sowie der materielle Wert des echten Bernsteinzimmers dürften dagegen um ein Vielfaches höher liegen. Nach wie vor sind deshalb selbst ernannte Detektive am Werk, um das verschollene Kunstwerk oder wenigstens Teile davon aufzufinden. Selbst der russische Katastrophenschutz unternahm 2009 einen in diese Richtung gehenden Versuch, allerdings ohne Erfolg.

Bernstein heute

Bei der Verwendung von Bernstein als Schmuck scheiden sich die Geister. Manch einer verschmäht ihn als altmodisch und nur mäßig wertvoll. Andere sind von seiner honiggelben Farbe und seiner warmen Ausstrahlung entzückt. Ein Bernsteinanhänger mit einem eingeschlossenen Fossil (Inkluse) ist etwas Einmaliges. Er bewahrt sichtbar die ferne Vergangenheit und erinnert an das Leben vor Millionen von Jahren. Bei eBay finden Sie eine breite Auswahl an Schmuckgegenständen aus echtem Bernstein, allerdings auch Imitate. Stöbern Sie und finden Sie das passende Schmuckstück für sich. Vielen Bernstein-Enthusiasten geht es allerdings nicht so sehr ums Besitzen, sondern in erster Linie um das Finden des kostbaren Harzes. Ein Bernstein, den Sie selbst am Strand zwischen Steinen, Tang und Muscheln gefunden haben, gehört Ihnen wirklich. Vermutlich hat kein Mensch vor Ihnen dieses Stück gesehen oder berührt. Dieses Wissen gibt einem Fundstück, und sei es noch so klein, einen besonderen ideellen Wert. Das Suchen von Bernstein kann gar nicht erfolglos sein. Selbst wenn Sie nichts finden, haben Sie ganz sicher einen unvergesslichen Tag am Strand verbracht und Dinge gesehen, die Ihnen sonst entgangen wären. Wie so oft gilt auch bei der Bernsteinsuche: Der Weg ist das Ziel.

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