LARP, Mittelalter, Gewandung: Pannesamt ist gefährlich!

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Wenn man bei eBay als Suchbegriff "LARP" oder "Mittelalter" eingibt, wird man mit einer Fülle an Angeboten konfrontiert.
Mein Ratgeber soll sich insbesondere an jene Leute wenden, die sich für ihr Hobby entsprechende Kleidung anschaffen wollen.
Es geht mir nicht um die leidige Diskussion, was nun authentisch ist oder nicht.

Hier geht es um Sicherheit der Gewandung im praktischen Gebrauch. Und der betrifft nicht nur die Aktivisten in den Lagern und auf Märkten, sondern auch die gewandeten Besucher. Denn auch die sitzen gern gemütlich bei Kerzenschein und Lagerfeuer und genießen die Stimmung, verfügen aber oftmals nicht über die praktischen Erfahrungen, die man als Aktiver hat.

Und BITTE steckt auch EURE KINDER NICHT IN KUNSTFASERGEWANDUNG. Ich weiß, dass es verlockend ist, die Kleinen im billigen Prinzeßchenkleid oder als Plastikritter über den Markt toben zu lassen. Aber die können noch weniger mit Risiko umgehen als Erwachsene und da sind wir in der Pflicht, für ihre Sicherheit zu sorgen.

Pannesamt, Polyestersatin, Acetatseide und Fleecestoffe sind extrem feuergefährlich!
Schleppenärmel, wehende Schleier und Reifröcke erhöhen das Risiko.
Wer "Gewandung" oder "Mittelalterkleid" bei eBay eingibt, findet leider allzuoft günstige Klamotten aus diesen Materialien. Aber hier ist günstig nicht unbedingt auch preiswert. Guckt bitte genau in die Materialbeschreibung.

Da beim LARP und Mittelalter oft genug Lagerfeuer, Laternen und sonstige offene Flammen benutzt werden, stellen diese Materialien
eine große Verletzungsgefahr für den Träger und die Umgebung dar.
Bei diesen Stoffen reicht ein Funke oder ein unbedachter kurzer Kontakt mit Flammen und sofort brennt das gesamte Gewand lichterloh.
Solch ein Feuer ist nur sehr schwer zu löschen, so dass nicht nur der Träger, sondern auch der Helfer in Lebensgefahr gerät.
Die Kunstfasern haben die schlechte Eigenschaft, zu schmelzen. Sie brennen sich praktisch IN DIE HAUT ein und verursachen
so gut wie immer VERBRENNUNGEN 3. GRADES!

Verantwortungsvolle Betreiber von Lagerfeuern, LARP- und Mittelalterveranstaltungen sorgen zwar für die Bereitstellung von Löschmitteln (Decke, Eimer Wasser in greifbarer Nähe zum Feuer), aber die beste Vorsorge kann man selbst treffen, indem man sich solche Kunstfasergewänder nicht anzieht. Abstand vom Lagerfeuer allein hilft nicht, denn oft genug habe ich es schon erlebt, dass aus Sparsamkeit schlecht abgelagertes Holz oder Nadelholz verwendet wurde. Und dieses Holz wirft meterweit glühende Funken.

Von der Brandgefahr mal abgesehen, bieten Kunstfaserstoffe oft noch andere Nachteile: Pannesamt wärmt längst nicht so gut wie Baumwollsamt, Leinen oder auch Baumwolle (letztere war zwar im Mittelalter existent, allerdings als Importstoff extrem teuer und daher nicht der Standardstoff) haben wesentlich bessere klimatische Eigenschaften als Polyester. Und wer einmal einen Regenschauer oder windigen Tag in einem warmen Wollumhang aus Loden verbringen durfte, wird auch keinen Fleece mehr verwenden.

Nun schützt auch die Verwendung von Wolle, Leinen, Baumwolle und Leder nicht unbedingt zu 100% vor Feuergefahr. Auch diese Stoffe können brennen und Brandlöcher vom Funkenflug bekommen. Aber sie lassen sich im schlimmsten Fall schneller löschen, schmelzen nicht und man verringert das Risiko, in Sekunden in Flammen zu stehen. Und Naturfasern sehen unvergleichlich besser und "echter" aus als jede Kunstfaser es jemals kann.

Ladies aufgepaßt: Da es meistens die Damen sind, die in der Nähe von Kerzen und Kochfeuern hantieren, solltet Ihr überlegen, ob Schleppenärmel oder Reifröcke dafür die richtige Gewandung abgeben. Diese Sachen sind hübsch, aber extrem unpraktisch.
Damen, die Schleppenärmel trugen (so sie denn gerade in Mode waren), waren höheren Standes und hatten für solche Aufgaben wie Kochen und Feuermachen Bedienstete. Und Reifröcke kamen erst in der Tudor-Zeit auf, als in der Zeit des 16. Jh.(und auch da nur bei höhergestellten Leuten).

Einkaufsempfehlung:

- Wollstoffe ohne Beimischung, Schurwolle, Walkloden, Loden
- Leinen
- Baumwolle (wie gesagt, im Mittelalter nicht gerade der verbreitete Billigstoff wie heutzutage, aber immer noch besser als auf Poly auszuweichen)
- Baumwoll-Leinen-Mischgewebe

Ärgerlicherweise findet man unter dem Suchbegriff "Samt" zu 90% Pannesamt, der für diesen Zweck optisch und auch materialtechnisch total falsch ist.
Richtiger Samt ist aus Baumwolle (schimmert eher matt) und wenn man dieses Material in der Beschreibung nicht findet - Finger weg.

Satin ist wie Samt eine Stoffbindungsart und besagt nicht automatisch etwas über das Material. Es gibt auch Baumwollsatin, der ist aber deutlich teurer als Polyestersatin. Auch das wird in der Artikelbeschreibung angegeben.
Merke: hochglänzender Satin ist was Tolles für diverse Zwecke, aber nicht für Gewandung zu empfehlen, da fast immer aus Kunstfaser.
Und Polyestersatin wärmt nicht bei Kälte und Wind, dafür schwitzt man bei Hitze.

Acetatseide ist ebenfalls abzuraten. Acetat brennt wie Zunder und schmilzt.

Vorsicht bei Voile und Organza. Diese Stoffe sind hauchzart und wehen schnell in Kerzenflammen, wenn man an der Tafel sitzt. Davon abgesehen, dass diese Stoffe in der hochglänzenden, glitzernden Optik niemals zu LARP und Mittelalter passen, fährt man auch hier mit Seidenstoffen sicherer.

Ich mache seit Jahren mittelalterliche Darstellung und nähe die Gewänder für meine Freunde und mich selbst. Wegen der Feuergefahr habe ich schon öfter lagerfremde Besucher gebeten, mit ihren Kunstfaserklamotten vom Feuer wegzubleiben. Die meisten haben es dann eingesehen.
Diesen Ratgeber schrieb ich, weil ich keine Lust habe, mir wegen der Brandgefahr ständig den Mund fusselig zu reden oder anderen den Spaß durch ernste Befürchtungen zu verderben.

Wenn Ihr Euch tapfer durch meine Belehrungen bis zu dieser Stelle durchgekämpft habt und feststellt, dass dieser Ratgeber sinnvoll ist, dann bewertet ihn auch freundlicherweise. Wer weitere Fragen zu dem Thema Gewandung hat, darf mich auch gern kontaktieren. Ich helfe gern.

Danke für Eure Aufmerksamkeit.
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