Kuriose Nachrichten aus den 70ern in nostalgischen Audio-Zeitschriften

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Boxen aus Beton & Co: kuriose Nachrichten aus den 70ern in nostalgischen AUDIO-Zeitschriften

Die 70er-Jahre kann man insgesamt als recht „bewegtes Jahrzehnt" bezeichnen. Die Mode fiel äußerst bunt aus, in der Musikszene gab es vom Schlager über den Hardrock bis zum Punk viele extravagante Richtungen. Im technischen Bereich traten erste Personal Computer und Videospiele ihren Siegeszug an und der VW-Golf definierte die neue Kompaktwagenklasse als Antwort auf die Ölkrise.

Die Siebziger und der Audio-Bereich

Was hatten die Siebziger im Audio-Bereich zu bieten? Es gibt Stimmen aus dem HiFi-Bereich, die diese Zeit als „arm an wirklichen technischen Neuerungen" bezeichnen. Das mag für die rein technisch orientierten unter uns vielleicht stimmen, wenn Sie allerdings einmal etwas genauer hinschauen, werden Sie neben einigen wirklichen technischen Meilensteinen vor allem eine Vielfalt von kreativen Designs für fast alle Arten von Audiogeräten entdecken.

Verschiedenste Printmedien

Über vieles davon wurde in den Audiozeitschriften der 70er berichtet. Da gab es zum Beispiel die Zeitschrift "HiFi-Stereophonie", die sich seit den 60er-Jahren (zu Beginn noch als HiFi-Praxis) mit den Neuerungen im Audio-Bereich kritisch auseinandersetzte und bis heute noch als „Stereoplay" die neuesten Trends beleuchtet. Ein weiteres bedeutendes Magazin ist die "Audio". "Audio" ist auch heute noch aktiv und präsentierte sich 2003 sogar mit der "Stereoplay" in einer Gemeinschaftsausstellung auf der „High End", der größten High-End und HiFi-Messe. Dort stellten sie unter anderem die Klassiker der 70er vor. Seit 1973 präsentiert sich „Stereo" als Fachblatt für den Musikgeräte-Bereich. Sie feierte im Jahr 2013 ihr 40-jähriges Jubiläum.

Ein Magazin mit den Schwerpunkten Klassik und Jazz war das „Fonoforum", das 1956 erstmals erschien. Im Jahr 1962 wurde dieses Magazin um die Rubrik „HiFi" erweitert und erste Anlagentests wurden veröffentlicht. Musikalisch bleibt der Klassikbereich auch bis 1979 der Schwerpunkt dieses Magazins. Erwähnenswert ist auch die „ Klangbild", die von 1975 bis 1981 erschien. Dieses HiFi-Magazin hatte keine Hochglanzoptik, einen geringeren Seitenumfang und wurde zu einem vergleichsweise moderaten Preis verkauft. Beliebt war es vor allem wegen der verständlichen Testberichte und einer recht differenzierten Klassifizierung der Testgeräte.

HiFi-Prospekte und Jahrbücher

Neben den HiFi-Magazinen erschienen in den 70er-Jahren etliche Hifi-Prospekte und Jahrbücher. Die ersten Jahrbücher erschienen zwischen 1963 und 1966. Bis dato wurden die „Hifi" und die „Stereo" für den Großteil der Bevölkerung als relativ gleichwertig angesehen. Anders als in England oder den USA galten die Jahrbücher dazu als absolutes „Neuwerk", denn sie waren die ersten die über Stereo und Rundfunk in dieser Form Bericht erstatteten und das zu einem Kaufpreis von etwa 3,80 D-Mark. Diese Erstauflagen waren schnell in Umlauf gebracht.

Ende der 60er-Jahre galten diese Jahrbücher als das absolute Nachschlagewerk für alle Hifi-Anhänger und sie erfreuten sich bis zum Jahr 1978 einer nahezu ungebrochenen Beliebtheit. Ab 1978 allerdings kam es aufgrund des Überangebots von Gerätetypen und der immer kürzeren Lebenszyklen und schnellen Markteintritte der Marken zu einem Auslaufen der Jahrbücher - sie konnten der Informationsflut einfach nicht mehr gerecht werden und verloren ihren ursprünglichen Sinn. Es gab also ein recht gutes und vielseitiges Angebot an Audio-Zeitschriften, aber über was wurde eigentlich berichtet? Was waren die Highlights dieser Zeit?

Lautsprecher in allen Formen, Farben und Materialien

1969 kam eine neue Lautsprechergeneration auf den Markt, die mehr Raumdynamik versprechen sollte. Kugellautsprecher in einem absolut futuristischen Design betraten die Audio-Bühne. Einige Modelle erscheinen heute wie eine liebevolle Hommage an die Science-Fiction-Serie „Raumschiff Orion" mit Dietmar Schönherr in der Hauptrolle. Wenn Sie diese extravaganten Lautsprecher suchen, werden Sie bei eBay mit Sicherheit fündig. Klassiker dieser Boxen-Entwicklung sind die ITT Korona L 1-70 mit vier Lautsprechern je Kugel und bis zu sechs Metern Verkabelung inklusive Stahlseilverstärkung für eine Deckenaufhängung. Sie können diese Boxen auch aufstellen, ITT lieferte dazu auch sogenannte „Trompeten- oder Tulpenfüße".

Kugelboxen in Schwarz mit dreibeinigen Chromständern hat Grundig mit dem System Audiorama 8000 auf den Markt gebracht. Wenn Sie sich verchromte Würfel als Lautsprecher auf einem Stativ vorstellen können, wird Ihnen Grundig mit Audiorama 700 weiterhelfen können. Halb offene Kugelboxen mit abgeflachter Frontseite haben ebenfalls einen gewissen optischen Charme. Die Firma Isophon aus Berlin brachte solche Lautsprecherformen unter dem Namen „Isonetta" auf den Markt. „Last but not least" sollen noch die „trommelförmigen" Boxen von Phonocord erwähnt werden.

Die Phonocord PR 4000-Lautsprecher hängen mit der abgeflachten Seite vornan senkrecht an speziellen Stativen mit gusseisernen Füssen. Es gab noch viele weitere geometrische Formen im Boxenbau der 70er und auch etliche akustische Neuerungen. So wurden neben den geschlossenen integrierten Formen auch „Hornlautsprecher" eingesetzt, die aus den Gehäusen ragten. Raumklangsysteme wurden entwickelt, um eine möglichst natürliche Klangwiedergabe zu erzeugen. Ein sehr beliebtes Boxensystem entwickelte die Firma Bose mit der Bose 301 und dem „direct reflecting". Bei diesen Boxen lohnt es sich, die Schutzabdeckung zu entfernen und die darunter liegenden Lautsprecher zu begutachten. Auf der Suche nach dem perfekten Material für Lautsprechergehäuse wurde fast nichts ausgelassen.

Selbst Beton wurde verwendet und ist sogar heute noch Gegenstand einiger Entwicklungsversuche. Dabei wird dieser Werkstoff als besonders gut geeignet dargestellt und die erhältlichen Exemplare haben sogar eine Farbpalette für den Betonguss. Soweit so gut, wenn Sie ein Leergewicht von 45 kg pro Gehäuse bei Wandstärken um die 3,5 cm für ein 80 cm hohes Gehäuse akzeptieren können.

Neue Entwicklungen im Bereich der Plattenspieler

Die 70er brachten im Bereich der beliebten Vinyl-Abspieler einige Besonderheiten hervor. Während in Deutschland die traditionelle Tonarmtechnik mit festem Zentrierungspunkt eingesetzt wurde, gab es in den USA schon seit 1949 ein Patent für eine tangentiale Abspielung der Schallplatte. Bei diesem Verfahren läuft der Tonarm auf einer Schiene parallel zur Schallplattenmitte. Dabei sollten Gleichlaufschwankungen reduziert werden als Vorteil gegenüber der herkömmlichen Technik. Ob das tatsächlich erreicht wurde, kann in diesem Ratgeber nicht erschöpfend behandelt werden. Es gibt aber ausnehmend ansprechende Vinyl-Spieler mit dieser Technik. Leider vorrangig in den USA bekannt und nur dort erhältlich waren die Tangential-Plattenspieler von Harman Kardon/Rabco.

Diese Technik wurde aber in den 70ern nicht begraben und fasziniert die HiFi-Gemeinde bis heute. Mit etwas Glück finden Sie ein solches Exemplar bei eBay, beispielsweise den Harman Kardon Rabco ST-7.Neben technischen Aspekten wurden den Plattenspielern auch Materialänderungen beschert. Die Firma Transrotor veröffentlichte 1976 mit dem Transrotor AC nicht nur einen hervorragenden Vinyl-Spieler, sie prägte vielmehr den Begriff „Design-Plattenspieler" und ebnete der High-End-Gemeinde den Weg. Exklusive Designs und eine hervorragende Klangqualität hat sich Transrotor bis heute erhalten. Es gab allerdings auch Modelle mit einem eher puristischen Design. Ein gutes Beispiel ist der LP12 Sondek der Firma Linn mit seinem schweren Teller aus Zink-Druckguss. Dieser „Plattenspieler" wird auch heute noch weiterentwickelt.


Tonbandtechnik: Revox und Akai

Mit der Revox B77 ist in den 70ern ein Klassiker der Tonbandmaschinen erschienen. Neben der an sich schon sehr gelungenen Optik und den guten technischen Werten ist die Staubschutzhaube in getöntem Kunststoff ein absolutes Design-Highlight. Sie deckt doch tatsächlich die 26,5 cm-Spulen komplett ab. Bis dahin wurden nur die kleineren Spulen von Abdeckungen geschützt. Eine optisch und technisch schöne Bandmaschine mit 18" Spulen ist die Akai GX-215 D mit asymmetrisch angeordnetem Bandtransport und völlig anderen Spulen mit Lochbild-Design.

Radiotechnik: Klappzahlen-Wecker und „Wandradios"

In den 70ern wurde noch mittels Klappzahlen und Krach geweckt. Keine LED-Anzeige, keine Wellness-Weckgeräusche, einfach nur Klappzahlen als Anzeige und ein kräftiger Brummton oder ein verrauschtes Mono-Radio-Signal dienten als Aufweckhilfe. Dafür waren diese Radiowecker nahezu unzerstörbar und konnten jedem Morgenmuffel widerstehen.

Eine wirklich kuriose Radioversion von 1972 ist das "Wandradio Maximal TR2". Dieses Radio befindet sich in einem Bilderrahmen und kann außer zu Dekorationszwecken auch als funktionsfähiges Radio an die Wand gehängt werden. Folgende Funktionen der Radiotechnik sind vorhanden: Ein-/Ausschalter, Wellenbereichauswahl AM-/FM, Klangfarbenwahl, Lautstärke und Sendereinstellung. Es gibt sogar eine Teleskopantenne für den UKW-Empfang und für den Mittelwellenempfang ist eine Ferrit-Antenne vorhanden. Mit viel Liebe zum Detail ist der Skalentrieb gestaltet, der sehr anschaulich die Seilführung vom Drehkondensator zur Anzeigenskala darstellt.

Stereokompaktanlagen in Pultform

Anstelle von radioartigen Kompaktanlagen oder einzelnen Bausteinen, die nebeneinander oder aufeinander gestellt wurden, kam eine völlig andere Bauform auf, die eigentlich mehr der Tonstudio-Welt entspricht. Kompaktanlagen wurden in Pultform gebaut; alle Baugruppen wie Radio, Verstärker, Kassettenlaufwerk und Plattenspieler waren nebeneinander angeordnet und nahmen eine recht große Fläche ein. Blickfang war dann erneut eine Plastikabdeckung in Rauchglasoptik. Solche Platzräuber wurden unter anderem von Telefunken gebaut.

Das Elektronic Center 6001 HiFi hatte einen HiFi-Plattenspieler mit automatischer Endabschaltung und Tonarmanhebung und eine Stroboskoplampe zur Geschwindigkeitskontrolle des Plattentellers. Im Radioteil waren sieben Stationstasten verfügbar und es konnten bei 60 Watt Ausgangsleistung vier Lautsprecher für einen „2-Raum-Stereo-Betrieb" betrieben werden. War dieses Gerät die Vorstufe der heutigen Mediastreamer, die Musik in jeden Raum bringen sollen?

Spätere Kompaktanlagen hatten dann auch ein Kassettenlaufwerk an Bord, beispielsweise Modelle von Palladium und Universum. Auch die Firma Braun ging eigene Wege im Design der Kompaktanlagen - mit der A400 erschien eine Plattenspieler-Radiokombination mit einer riesigen Radioskala und großen Bedienknöpfen in poppigen Farben. Ein Gerät mit einem bemerkenswerten Design (sesselartige Form und Tulpenfuß als Geräteständer) in Richtung High-End-Bereich ist der Philips Rosita Stereo Commander. Die Gerätetechnik stammt von Philips, Dual und Suedfunk, das Möbeldesign stammt von Rosita.

Die Siebziger leben –  auch bei eBay

Wenn Sie sich ein Highlight der 70er sichern wollen oder sogar eine Einrichtung im Stil dieser Zeit planen, halten Sie auf jeden Fall nach den genannten Zeitschriften auf eBay Ausschau. Diese sind schon aufgrund der oftmals kuriosen Berichte über nostalgische Audiogeräte lesenswert.

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