Komm runter: Liebeserklärung an die Sitzlandschaft der 70er

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Sitzen als revolutionärer Akt. Das Aufbegehren kann so weit gehen, dass die Jugend auch hier alles anders machen will als die Generationen davor.
Das beste Beispiel dafür, wie sehr sich der Wunsch nach Veränderung manifestieren kann, ist die Sitzlandschaft der 1970er: die Revolte im Wohnzimmer.


Das Sitzen neu erfinden

Als die 68er-Studenten das Studium hinter sich hatten und mit dem ersten selbstverdienten Geld ihre Wohnungen einrichten, legten sie sich eine Sitzlandschaft zu. Omas unbequemes Plüschsofa war out, Muttis 60er –Jahre-Sitzmöbel war viel zu zwanghaft, sein Design nötigte zum Aufrechtsitzen. Junge Leute der 70er wollten sich fläzen: gemeinsam rumhocken, diskutieren, rauchen und auch mal schnell zur Sache kommen.


Freiheit für den Sitzkomfort

Was in den studentischen Jahren mit improvisierten Matratzenlagern begonnen hatte, wurde von der Möbelindustrie als serielle Sitzlandschaft perfektioniert. Anstelle starrer Sofas und behäbiger Sessel wurden leicht bugsierbare Sitzelemente designt. Die ließen sich frei kombinieren. Mal mit Rückenlehne oder ohne. Je nachdem, wie viele Gäste kamen, konnte man sich und die Elemente in immer neuen Kombinationen zusammensetzen. Wollten die Diskussionen nicht enden und die Nacht wurde lang, entstand daraus im Handumdrehen ein Schlaflager.
Die Sitzlandschaft nahm die Anarchie der 80er vorweg. Und war doch der erste Schritt zurück in die Bürgerlichkeit.


Nie wieder ohne Schaumstoff

Komm runter: Liebeserklärung an die Sitzlandschaft der 70erDas Aufkommen der Sitzlandschaft wurde zum Höhenflug des Schaumstoffindustrie. Nun konnte sie zeigen, welches Potential ihre Produkte hatten. Ob dicke Quader oder Experimente mit halbmondförmig geschnittenen Schaumstoffpolstern – alles wurde einfach auf den Boden gelegt und irgendwie platzierte sich der Mensch mitten rein. Die Farbpalette der Stoffbezüge variierten poppig zwischen Orange, Rot und Dunkelbraun, alternativ dazu ein frisches Salatgrün, vorzugsweise in Breitcord.


Do it yourself

Wer nicht gleich mit dem Gehalt eines Lehrers oder einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin an der Uni gesegnet war, baute sich seine Wohnlandschaft selber. Schaumstoffelemente kaufte man fertig zugeschnitten und bezog sie mit Stoff. Ein mühsames Unterfangen. Es galt, Stoffberge mittels Nähmaschine zu bändigen und anschließend die sperrigen Polster in die Hüllen Marke Eigenbau zu quetschen. Ein Ziehen und Zerren. Leider stellte sich bald heraus, dass die Bezüge Falten schlugen und nach jeder gemütlichen Lümmelei immer noch schiefer saßen. Als das unansehnlich wurde, warf man eine Häkeldecke oder einen Flokati darüber. Der Hirtenteppich wurde zur Rettung im Desaster der selbstgemachten Wohnlandschaft.


Durchgerutscht

Auch die teuer erworbene Designer-Sitzlandschaft hatte ein Problem mit ihrer Konstruktion: Die Elemente neigten zum Verrutschen. Ganz schnell geriet man zwischen die Polster und plumpste auf den Boden – zur eigenen Überraschung und unter dem Gelächter der anderen. Irgendwie chaotisch. Die nächste Generation von Sitzlandschaften wurde deshalb mit Halterungen ausgeliefert. Von nun an waren die Polster schick in Chrom gebändigt. So wie auch die revolutionären Studenten mit fortschreitender Verbürgerlichung an die Kandare genommen wurden. Job und Familie hatte seinen Preis.


Ausrangiert

Es kam der Tag, da fiel das Aufstehen aus den weichen Polstern schwer. Plötzlich lagen sie sehr, sehr tief unten am Boden. Herr Oberstudienrat und Frau Assistenzprofessorin kamen nicht mehr hoch. Die Sitzlandschaft wurde des Wohnzimmers verwiesen. Sie wanderte ins Kinderzimmer. Da war sie hochwillkommen.
Die Abkömmlinge der 68er hatten von klein auf die Sitzpolster als Paradies zum Herumtoben geschätzt. Blieb ein Besuch über Nacht, wurde – wie früher schon – ein Gästebett improvisiert. Sollte der sich doch mit den rutschenden Polstern herumquälen. Wie dumm, dass die gerade in Mode gekommenen Spannbettlaken die Elemente auch nicht zusammenhalten konnten. 


Neuauflage der Sitzlandschaft

Ins Wohnzimmer zogen nun neue Sitzmöbel ein. Zunächst übernahm die schwarze Ledercouch diese stolze Aufgabe. Doch sie wurde dem Bedürfnis nach Gemütlichkeit nicht gerecht. Sie war zu kühl, zu glatt, zu düster. Die Sehnsucht nach dem Lümmeln kochte wieder hoch. Die Möbelindustrie hat dieses Bedürfnis inzwischen erkannt. Heute sind Sofalandschaften wieder angesagt, runderneuert. Breite, gemütliche Sitzflächen mit angegliederten Fußteilen, sogenannten Ottomanen: Hier können sich der pensionierte Oberstudienrat und die emeritierte Frau Professorin langmachen. Oder mit ihren Enkeln darauf herumtoben. Die Sofalandschaften der neuen Generation sind zwar nicht so frei variabel wie die Polsterelemente von einst. Lümmeln und Fläzen aber geht, ohne zwischen alle Stühle zu geraten. Und sie sind so stabil, dass man sich auch als Alt-68er daraus erheben kann. Revolutionär auf die alten Tage.

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