Kleine Stilkunde für Mittelalterkleider

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Hallo Ladies, hier einmal in Kürze die wichtigsten Merkmale, die ich als Hobbykostümkundlerin und Reenactorin zur mittelalterlichen Damenmode zusammengetragen habe:

Grundsätzlich möchte ich festhalten, dass nicht alles, was als mittelalterlich bezeichnet wird, auch wirklich mittelalterlich ist. Bevor man sich also in gutem Glauben für teures Geld ein Gewand kauft, das höchstens als Faschingsklamotte taugt, sollte man sich die Mühe machen und ein bißchen recherchieren.

- einfachere Stände trugen sehr schlichte, alltagstaugliche Kleidung, die in Eigenleistung erstellt wurden aus heimischen Rohstoffen.

- höhere Stände, die sich Dienstboten und teure Stoffe leisten  konnten, trugen Kleidung, die auch nach außen hin demonstrierte, dass sie es nicht nötig hatten, körperlich zu arbeiten.

- beliebte Statussymbole waren allgemeiner Kleiderluxus durch überlange Kleider, Schleppen und Schleppenärmel, Pelzbesätze, Importstoffe, Besätze, Stickereien oder ganz einfach "unpraktische" Details wie extrem halsferne Ausschnitte oder ausladende Kopfbedeckungen.

- die Farbsymbolik war wichtig, da bestimmte Personengruppen durch besondere Kleidervorschriften kenntlich gemacht wurden, damit sie besser ausgegrenzt werden konnten (Juden u.a. mit einem gelben Hut, Prostituierte mit fahlgelben Gewändern, Bändern oder anderen durch die Verordnungen vorgeschriebenen Details, spätmittelalterliche Scharfrichter durch grün-rote Kleidung).

Liebe Einsteiger, nicht jeder Gelbton macht aus einem Kleid das Gewand einer Hure. Bedenkt das bitte, bevor Ihr irgendwelchen Damen in goldgelb oder zitronengelb irgendwelche Preisvorschläge hinterherruft. Und trotzdem sollten gerade Damen bei Kleidern in Gelbtönen erst Erkundigungen einholen, was er bedeutet.
Grundsätzlich gehört zu jedem gelbem Kleid eine gehörige Portion Selbstbewußtsein, denn Frau wird garantiert von irgendeinem halbgebildeten Schlaumeier dumm angemacht werden.

- Schnitte waren so konstruiert, dass sie in Eigenleistung gefertigt werden konnten und mit möglichst wenig Nähten auskamen. Man hat die volle Breite des Gewebes ausgenutzt (Stoffe lagen ca. 60-80 cm breit), um sich Näharbeit beim Versäubern der Schnittkanten zu sparen und um möglichst wenig Verschnitt zu haben.

- stilistisch wurde ab dem Hochmittelalter der gotische Stil bevorzugt (was bei Damenkleidern nicht bedeutet: rabenschwarz, mit Reifrock, Spitzenschirmchen und blasser Schminke). Die Gotik betont in Architektur, Kunst und Mode das erhöhte, überstreckte, Schlanke und elegante.

Die Senkrechte wird betont. Bei der Architektur sind es die Spitzbögen, bei den Kleidern wird der Effekt durch überlange Kleider, Schleppenärmel, elegante Schnittlinien, Stofffall und -Fülle sowie Schleppen betont. Auch die Schuhe wurden immer länger. Querlinien werden gemieden, wo es geht.
Viele dieser Details gab es natürlich nur bei gehobenen Ständen, weil sie eben alltagsuntauglich waren.

- schnitttechnisch ist allen MA-Kleidern gemeinsam, dass Rock und Oberteil aus einem durchgehenden Stück Stoff waren. Das Mieder und der Rock waren eine Erfindung der Renaissance, wo die Querlinie tonangebend wurde. Rock und Oberteil waren durch eine Quernaht miteinander fest verbunden.
In der Renaissance trug man auch keine spitzen Schuhe mehr, sondern relativ breite Spangenschuhe, die man Bärentatzen oder Kuhmäuler nennt.

Typisch für die italienische Renaissance ab 15. Jh. sind angenestelte Ärmel, die hochgerutschte Taille und das weite Unterkleid, das sich an den Schultern und Armen üppig bauscht. Im oft eckigem Ausschnitt zeigt die Dame von Welt in der Renaissance stolz ihr fein gefälteltes, besticktes Unterkleid. Es wird nun modischer und sichtbarer Bestandteil des Gewandes.

Die deutsche Renaissance begann später (16. Jh.) und ist bekannt für ihre Farbigkeit sowie die Schlitzungen in Ärmeln, Hosenbeinen, Kleidermiedern und sogar Schuhen und Hüten, die mit kontrastierendem Stoff gefüttert werden.

In England und Frankreich trägt man in adligen und gutbürgerlichen Kreisen in der zweiten Hälfte des 15. Jh. die burgundische Kleidertracht. Auch hier zeichnet sich eine Parallele zur gleichzeitig in Italien schon beginnenden Renaissance ab. Rock und Oberteil sind nicht mehr in einem Stück, sondern durch Naht verbunden. Auch hier ist die Taille hochgerutscht, allerdings zeichnet sich die burgundische Mode durch kunstvolle Hörnerhauben, Wulsthauben oder den tütenförmigen Hennin aus. Das Oberteil hat vorn und hinten einen tiefen V-Ausschnitt, der bis zur Taille reicht. Darunter trug man ein Unterkleid sowie vorn im Ausschnitt einen kontrastfarbigen dreieckigen Brusteinsatz, das sogenannte Plastron.

Später entwickelte sich parallel zur Renaissancemode auf dem Kontinent unter spanischem Einfluß die Tudor-Mode mit Reifröcken, Korsetts und riesigen Spitzenkragen.
Auch die spanische höfische Mode hatte steife, starre Kleider, die die Figur der Frau zu einem spitzen Kegel umformten und insgesamt zwar überaus prächtig und wertvoll, aber auch furchtbar unbequem wirkte.


Wenn man also Rock, Bluse und Miederweste angeboten bekommt, sind das keine mittelalterlichen Kleidungsstücke, sondern sogar noch später als die Renaissance einzustufen.  Solche dreigeteilten Gewänder entstanden aus den Arbeitskleidern der bäuerlichen oder werktätigen Bevölkerung, aus der auch viele der späteren Volkstrachten hervorgegangen sind.
 
Schulterfreie Blusen passen in die Musketierzeit oder in die Hanuta-Werbung, aber ganz bestimmt nicht ins Mittelalter.

Miedergürtel sind auch nicht mittelalterlich, sondern wesentlich später anzusiedeln.

Erste Korsetts tauchen auch erst ab dem späten 15. bzw. 16. Jahrhundert auf, und zwar besonders in der spanischen und englischen Hofmode.
Ebenso Reifröcke (engl. Farthingale, span. Vertugale). Diese sperrigen Dinger werden erst auch erst NACH dem Mittelalter modern.

Und Glöckchen oder Schellen waren nur eine kurze Zeit lang im Hochmittelalter modisch, danach trugen nur noch Narren und Gewerbliche Damen solche Teile.

Verheiratete Damen gingen stets mit bedecktem Haar. Meistens war das ein Kopftuch, ein Schleier oder kunstvolle Hauben. Nur unverheiratete junge Mädchen gingen barhäuptig.

Kleider, wo die Arme unbedeckt sind, wurden im Mittelalter nicht getragen. Die Arme waren stets bedeckt. Ein ärmelloser Surcot wurde stets über  Cotte und Unterkleid getragen. Nackte Arme waren verpönt. Nur Bäuerinnen, Wäscherinnen oder Badefrauen krempelten die Ärmel hoch für die Arbeit.


Suchbegriffe im Net:
- Manessische Liederhandschrift
- Sachsenspiegel
- Naumburger Dom, Stifterfigur, Uta
- Gewandungen

Interessante Bücher für alle Kostümbegeisterte:
- Geschichte des Kostüms, Erika Thiel
- Medieval Costume and Fashion, Herbert Norris (englisch)
- Patterns for Theatrical Costumes, Katherine Strand Holkeboer (englisch) Achtung, keine Rekonstruktionen, sondern Theaterkostüme mit hilfreichen Anregungen, wie es gewesen sein könnte
- Mittelalterliche Kleidung für die Frau /den Mann, Wolf Zerkowski (klasse Buch!)

Finger weg von:
- Buch der Gewandung, Xenia Krämer (miese Zeichnungen, unklare Erläuterungen, rausgeschmissenes Geld)

Wenn es nicht unbedingt a wie authentisch sein soll, sondern p wie praktisch:
Die Schnitte von butterick, McCalls usw. - allerdings nur auf Englisch mit Maßen in Yard und Inch, oder auf Französisch mit metrischen Angaben. Etwas mühsam, aber zu meistern. Achtung bei den Größen, nachmessen ist sinnvoll, weil sie klein ausfallen.
Guter Anbieter bei eBay: osterblumen


So, wer noch Fragen hat, darf mir gern via eBay schreiben. Es ist mir klar, dass ich nicht alles in einem Ratgeber unterbringen konnte und dass automatisch offene Fragen bleiben. Also nur zu, fragt mich.
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