Gute Texte

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Was ist eigentlich ein "guter" Text? Gibt es hierfür denn überhaupt objektive, also allgemein verbindliche Maßstäbe?

Die Antwort fällt vielfältig aus und spiegelt die Position dessen, der die Antwort gibt; sie ist also subjektiv. Aber lernen wir nicht in der Schule schon, dass es gute Texte gibt, beim Aufsatz zum Beispiel, und eben auch schlechte? Die einen bekommen als Note eine "eins", die anderen eine "fünf"?

Ganz so einfach ist es nicht, denn zum einen werden hier mehrere Kriterien zusammen bewertet (Ausdruck, Rechtschreibung, Zeichensetzung usw.), und zum anderen bewerten bekanntlich Lehrer selbst wieder unterschiedlich: wo der eine den Aufsatz für "sehr gut" hält, gibt der andere Lehrer für denselben Aufsatz nur ein "befriedigend".

Machen wir einmal einen Test: ist das folgende ein "guter Text"?

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern,
sing nicht ihre Lieder.
Geh doch in die Oberstadt,
mach´s wie deine Brüder,

so sprach die Mutter, sprach der Vater, lehrte der Pastor.
Er schlich aber immer wieder durch das Gartentor
und in die Kaninchenställe,
wo sie sechsundsechzig spielten
um Tabak und Rattenfälle,
Mädchen unter Röcke schielten,
wo auf alten Bretterkisten
Katzen in der Sonne dösten,
wo man, wenn der Regen rauschte,
Engelbert, dem Blöden lauschte,
der auf einem Haarkamm biß,
Rattenfängerlieder blies.
Abends, am Familientisch, nach dem Gebet zum Mahl,
hieß es dann: Du riechst schon wieder nach Kaninchenstall.
Spiel nicht mit den Schmuddelkindern,
sing nicht ihre Lieder.
Geh doch in die Oberstadt,
mach´s wie deine Brüder!

Sie trieben ihn in eine Schule in der Oberstadt,
kämmten ihm die Haare und die krause Sprache glatt.
Lernte Rumpf und Wörter beugen.
Und statt Rattenfängerweisen
mußte er das Largo geigen
und vor dürren Tantengreisen
unter roten Rattenwimpern
par coeur Kinderszenen klimpern
und, verklemmt in Viererreihen,
Knochen morsch und morscher schreien,
zwischen Fahnen aufgestellt
brüllen, daß man Freundschaft hält.
Schlich er abends zum Kaninchenstall davon,
hockten da die Schmuddelkinder, sangen voller Hohn:
Spiel nicht mit den Schmuddelkindern,
sing nicht ihre Lieder.
Geh doch in die Oberstadt,
mach´s wie deine Brüder!

Aus Rache ist er reich geworden. In der Oberstadt
hat er sich ein Haus gebaut, nahm jeden Tag ein Bad.
Roch, wie bessre Leute riechen,
lachte fett, wenn alle Ratten
ängstlich in die Gullis wichen,
weil sie ihn gerochen hatten.
Und Kaninchenställe riß er
ab. An ihre Stelle ließ er
Gärten für die Kinder bauen.
Liebte hochgestellte Frauen,
schnelle Wagen und Musik,
blond und laut und honigdick.
Kam sein Sohn, der Nägelbeißer, abends spät zum Mahl,
roch er an ihm, schlug ihn, schrie: Stinkst nach Kaninchenstall.
Spiel nicht mit den Schmuddelkindern,
sing nicht ihre Lieder.
Geh doch in die Oberstadt,
mach´s wie deine Brüder!

Und eines Tages hat er eine Kurve glatt verfehlt.
Man hat ihn aus einem Ei von Schrott herausgepellt.
Als er später durch die Straßen
hinkte, sah man ihn an Tagen
auf ´nem Haarkamm Lieder blasen,
Rattenfell am Kragen tragen.
Hinkte hüpfend hinter Kindern,
wollte sie am Schulgang hindern
und schlich um Kaninchenställe.
Eines Tags in aller Helle
hat er dann ein Kind betört
und in einen Stall gezerrt.
Seine Leiche fand man, die im Rattenteich rumschwamm.
Drum herum die Schmuddelkinder bliesen auf dem Kamm:
Spiel nicht mit den Schmuddelkindern,
sing nicht ihre Lieder.
Geh doch in die Oberstadt,
mach´s wie deine Brüder!

Quelle: franz-josef-degenhardt.de/disco/titel/lieder/spielnichtmitdenschmuddelkindern.html


Nicht so einfach, oder?

Beim Lesen (oder hören des Liedes) kommen nämlich verschiedene Bewertungsebenen zum Zuge:

  • politische Standpunkte (Degenhardt als Kommunist)
  • gegebenenfalls, wenn man die Zeit kennt: die "Achtundsechziger"
  • Form (ist es gut gereimt)
  • der Inhalt ("gefällt" er?)
  • und dergleichen mehr...

Fazit:

Wenn man schreiben will, sollte man nicht so sehr darauf achten, ob man damit "allen" gefällt. Der eine mag Zuckerwatte lieber, der andere Pumpernickel. So ist es bei Texten auch. Wichtig ist, dass man sich selbst im Klaren darüber ist, wozu der Text dient, welches Ziel man damit erreichen möchte.

Eines sollte jedoch immer gegeben sein: man sollte mit seinem eigenen Text zufrieden sein. Das bezieht sich vor allem auf den Inhalt, den Spannungsbogen und den klaren, nachvollziehbaren Gedanken. Die Frage der Rechtschreibung wird hier meist viel zu hoch eingeschätzt.


Viel Freude beim Lesen, Schreiben und Musikhören wünscht: "die Textschmiede!"


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