Gibt es Künstler, die ihre Musikalben als MDs veröffentlichen?

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Gibt es Künstler, die ihre Musikalben als MDs veröffentlichen?

Als Sony 1979 den Walkman auf den Markt brachte, schien die Welt auf genau dieses Gerät gewartet zu haben. Die Musik für unterwegs war Realität geworden. Erstmals gab es mit dem Walkman einen Musik-Player, der klein genug war, um ihn in der Jackentasche verschwinden zu lassen. Mit Mini-Ohrhörern konnte man Stereo-Sound in HiFi-Qualität auf dem Weg zur Arbeit hören. Der Walkman wurde zum Statussymbol der jungen Generation, ähnlich wie es heute das Smartphone ist. Das Bild auf den Straßen und im öffentlichen Verkehr war – ebenso wie heute – geprägt von in sich versunkenen, teilweise im Takt der Musik wippenden Kopfhörer-Trägern.

Musik für unterwegs

Der Begriff Walkman war klug gewählt. Er war zunächst von Sony patentrechtlich geschützt worden. In der Folge setzte er sich jedoch so erfolgreich im allgemeinen Sprachgebrauch durch, dass er bald als allgemeiner Begriff galt, und – Ironie des Schicksals – einige Länder der Firma Sony die Markenrechte entzogen. Die Begründung war, einen so allgemein verbreiteten Gebrauchsgegenstand wie den Walkman könne man nicht markenrechtlich schützen. Bis heute ist der Begriff nicht völlig ausgestorben und bezieht sich auf alle mobilen Musik-Player, gleichgültig, welches Medium sie nutzen.

Der Nachfolger der Kassette

Eines dieser Medien – ebenfalls eine Entwicklung von Sony – ist die Minidisc. Sie bietet viele Vorteile gegenüber der in die Jahre gekommenen Musikkassette. Mit lediglich zwei Dritteln der Größe einer CD ist sie sehr kompakt. Die Spieldauer ist ähnlich lang wie bei Musikkassette und CD. Dabei verbindet die Minidisc größere Robustheit mit weiteren Vorteilen. Minidiscs bieten einerseits eine CD-ähnliche Klangqualität und sind andererseits wiederbeschreibbar wie Musikkassetten. Sie sind einfach zu editieren, Titel können – ähnlich wie auf einem Computer-Laufwerk – jederzeit verschoben, umbenannt oder gelöscht werden. Das Format erlaubt sehr kompakte Player, die kaum größer sind als das Trägermedium selbst. Außerhalb Japans hatte es diese innovative Entwicklung jedoch schwer. Die Preise für Abspielgeräte und Leer-MDs sind relativ hoch.

Als proprietäres Format waren MDs zunächst nur auf Sony-Geräten abspielbar. Zum Bespielen und Editieren musste eine Sony-eigene Software verwendet werden. Diese Einschränkungen stellten Hindernisse in der Vermarktung dar. Sony erkannte das und lockerte später diese Bindungen. Das frühzeitige Aus für das praktische und vielseitige Medium war damit allerdings nicht mehr zu verhindern. 2011 gab Sony die Einstellung der Produktion von MD-Playern bekannt. Leermedien sind jedoch nach wie vor zu haben – ein Indiz dafür, dass das MD-Format auch heute noch Nutzer und Liebhaber hat.

Die kurze Geschichte der Minidisc

1991 stellte Sony die Minidisc vor, die Produktion von Abspielgeräten lief im darauf folgenden Jahr an. Das erklärte Ziel war es, die Compact Cassette (CC), also die gute, alte Musikkassette, abzulösen. Auch die DAT-Kassette, die es nie in die privaten Haushalte geschafft hatte, sollte mit der MD einen populäreren Nachfolger erhalten. Im Mutterland Japan ähnlich verbreitet wie die CD, erreichte das MD-Format jedoch in Europa kaum mehr als ein Nischendasein.

Wie funktioniert eine Minidisc?

Die Minidisc ist ein digitales Medium. Sie benutzt zur Speicherung von Daten oder Musik ein magneto-optisches Verfahren. Bei fertig bespielten Platten, den sogenannten Pre-recorded oder Pre-mastered Discs, kommt das optische Verfahren zum Tragen. Die auch als „High Reflective Type" bezeichneten Scheiben werden, ähnlich wie eine CD, im Presswerk gefertigt und sind nicht wiederbeschreibbar. Das Audiosignal wird in sogenannten „Pits" und „Lands" mechanisch auf das Material aufgebracht. Ein Infrarot-Laser tastet beim Abspielen die Signale ab, wobei an den Übergängen zwischen Pits und Lands eine Phasenauslöschung stattfindet, die zur Signalübermittlung genutzt wird.

Wiederbeschreibbare, sogenannte Recordable Discs besitzen unterhalb der Reflexionsschicht eine magnetisierbare Schicht, die sich auch auf das Aussehen der Scheibe auswirkt. Wiederbeschreibbare Minidiscs werden deshalb als „Low Reflective Type" bezeichnet. Die Magnetschicht besteht aus einer Eisen-Terbium-Kobalt-Legierung. Bei einer Temperatur oberhalb von 185 Grad Celsius magnetisiert, bleibt die Information in der Schicht auch nach dem Abkühlen erhalten. Das Auslesen erfolgt ähnlich wie bei Pre-recorded MDs. Allerdings ist die Modifikation des Laserstrahls in diesem Falle keine Phasenauslöschung, sondern eine Polarisierung des infraroten Lichts. Auf dem Weg zur Reflexionsschicht muss der Laserstrahl die Magnetschicht durchlaufen. Abhängig von der Magnetisierung an der jeweiligen Stelle sorgt ein magneto-optischer Effekt, der sogenannte Kerr-Effekt dafür, dass eine unterschiedliche Polarisierung des Lichtstrahls erfolgt. Über eine spezielle Optik, die diese Polarisierung erkennt, kann der Laserstrahl zur Signalübertragung genutzt werden. Die Minidisc ist also ein Hybrid-Format, welches je nach Einsatzgebiet unterschiedliche Formen der Signalspeicherung nutzt. Die Kodierung erfolgt in beiden Fällen mit dem Sony-eigenen ATRAC-Codec. Ähnlich wie beim Komprimierungsformat MP3 werden auch hier psychoakustische Phänomene ausgenutzt, um die erforderliche Datenrate und Speicherkapazität zu minimieren. Dabei werden bestimmte Frequenzen eines Audiosignals, die z. B. von anderen, lauteren Signalen überdeckt bzw. aufgrund ihrer zeitlichen Nähe zu diesen nicht wahrgenommen werden, ausgespart. Der ATRAC-Codec wurde seit der Einführung des Formats kontinuierlich weiterentwickelt. In seiner ursprünglichen Version erlaubte er eine Komprimierung von ca. einem Viertel gegenüber dem nicht komprimierten Originalsignal. Damit war die relativ geringe Speicherkapazität einer MD, ca. 200 MB, ausreichend, um eine Spieldauer zu realisieren, die der einer CD entspricht. Die Audioqualität ist dabei etwas geringer als die einer CD, was jedoch kaum wahrnehmbar ist und nur im direkten Vergleich zutage tritt.

Durch beständige Weiterentwicklung des Codes konnte in der Folgezeit eine Spieldauer von bis zu vier Stunden bei gleichem Datenvolumen erreicht werden. Bei den sogenannten LP(Long Play)-Versionen der Minidisc arbeitete der ATRAC-Codec ähnlich effizient wie das MP3-Verfahren mit einer Komprimierungsrate von ca. 1/16. Das Rennen gewann schließlich der lizenzfreie MP3-Codec. Das proprietäre ATRAC wurde lediglich von einigen japanischen Firmen außerhalb von Sony aufgegriffen, jedoch nicht weiterentwickelt. Die letzte Version, „Atrac Advanced Lossless", erschien im Jahr 2007. Ähnlich, wie es Apple mit seinem iTunes-Store gelang, strebte Sony eine marktbeherrschende Stellung seines Formats an. Der Versuch, mit „Sony Connect" eine eigene Verkaufsplattform für Musik zu etablieren, scheiterte jedoch. Die Gründe dafür waren wohl die nicht ausreichende Verbreitung von ATRAC bzw. die mühsame und verlustbehaftete Umwandlung zwischen ATRAC und MP3.

MD-Player mit nützlichen Features

Das digitale Format der Minidisc erlaubt sowohl Audio- wie auch Datenspeicherung. Der Einsatz als externes Datenlaufwerk setzte sich jedoch nicht durch, obwohl fortgeschrittene Versionen der MD ein Speichervolumen bis 1 GB erreichten. Für die Speicherung von Audio-Dateien wurden jedoch viele Zusatzfunktionen bereitgestellt, die zur Zeit ihrer Entwicklung richtungsweisend waren: Es ist beispielsweise möglich, mit einem MD-Player Musik direkt aufzunehmen. Der ATRAC-Codec erlaubt es, bereits aufgenommene Titel nachträglich zu schneiden bzw. zusammenzuführen. Komfortable Textfunktionen erlauben jederzeit eine Editierung von Dateinamen bzw. Zusatzinformationen. Diese Features waren es wohl, welche das System in Japan ähnlich populär werden ließen wie die CD. Obwohl sich die Minidisc in Europa im privaten Bereich nie durchsetzen konnte, fand sie bei Musikern und in der Radiobranche regen Anklang.

Die MD und das Musikbusiness

Die Vermarktungsstrategien von Musik wurden durch das Aufkommen digitaler Speichermedien nachhaltig beeinflusst. Die Allgegenwart von Musiktiteln im Internet trug das Ihrige dazu bei. Der Kampf der Branche gegen Tauschbörsen wie Napster schien zunächst fast aussichtslos und ist bis heute mit schwerwiegenden Umsatzeinbußen verbunden. Not macht erfinderisch: So verzichteten manche Künstler in der Folge vollständig auf einen Deal mit Major-Labels und nahmen die Vermarktung ihrer Musik in die eigenen Hände. Dabei kam eine große Kreativität zum Tragen, die zum Teil nahezu bizarre Formen annahm.

Einige Bands verlegten sich darauf, ihre Musik zum freien Download gegen eine freiwillige Spende anzubieten. Ein weiterer Trend ist die Veröffentlichung auf der guten alten Vinyl-Schallplatte. Der PR-Effekt solcher Aktionen ist nicht zu unterschätzen und selbst Kenner der Branche schwanken in deren Beurteilung zwischen kommerziellem Selbstmord und genialer Vermarktungsstrategie. Die Nutzung aller zur Verfügung stehenden Verbreitungswege machte auch vor der Minidisc nicht Halt. Bis zur Produktionseinstellung der entsprechenden Player veröffentlichten deshalb auch in Europa viele Künstler ihre Alben auf MD. Das geschah allerdings meist parallel zur CD und sollte besonders jüngere Konsumenten ansprechen, die Musik vorwiegend unterwegs hören.

Ein prominentes Beispiel für die Nutzung des MD-Formats sind die „17 Hippies", die den Soundtrack für den Film „Halbe Treppe" lieferten. Diese Musik wurde von Beginn an ausschließlich mit einem MD-Player aufgenommen. Geringe Einbußen in der Soundqualität machten sich im Film nicht bemerkbar und wurden offenbar gern in Kauf genommen. Die robuste und einfach zu handhabende Technik sprach für sich. Der künstlerische Trend der Zeit, das sogenannte „LowFi-Recording" als regelrechtes Stilmittel einzusetzen, übte sicherlich auch seinen Einfluss auf die Produzenten aus.

MP3 und MD – der Kampf ist entschieden

Proprietäre Formate haben es schwer. Sie können nur existieren, wenn sie es schaffen, ein Quasi-Monopol aufzubauen. Das gelang im Wesentlichen nur dem Apple-eigenen iTunes-Store. Auch diese Plattform hat sich gewandelt und unterstützt heute viele Soundformate. Die Minidisc, die für einige Zeit richtungsweisende Technik bereitstellte, musste im Kampf zwischen Technologien, Strategien und Softwarelösungen früher oder später unterliegen. Dass dieses Ende so früh kam, ist eines der Mysterien der Technologieentwicklung. Der Trend ist jedoch eindeutig: Die Zukunft gehört Speichermedien ohne mechanisch bewegte Teile. So robust und komfortabel die MD-Technik auch ist – ein MD-Player enthält eine filigrane Mechanik, die kaputtgehen kann.

Moderne Mp3-Player setzen dagegen auf Flash-Speicher, die keinerlei bewegliche Teile besitzen. Die stürmische Entwicklung in der Speicherkapazität von Siliziumchips beantwortet die Frage nach dem Sieger in diesem Wettlauf. Alles, was ein MD-Player kann, das kann ein MP3-Player heute auch – robuster, kleiner und preiswerter. Dennoch nutzen viele Minidisc-Fans auch heute noch ihren MD-Player, nicht zuletzt, weil er ihnen über Jahre hinweg gute Dienste geleistet hat.

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