Feuerwerk - die alte edle Kunst der Verschwendung (2)

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Teil 2...

Dann ist schlagartig die Hölle los. Die Bombe liegt unten in einem Holz- oder Stahlrohr, das nur wenig breiter ist, als der Durchmesser derselben. So hat die enorme Menge Gas, die bei der Verbrennung ensteht, gar keine andere Möglichkeit, als den Bombenpropfen postwendend aus dem Rohr hinauszubefördern. Im Normalfall etwa 80 bis 100 Meter hoch. Erst dann explodiert die Austreibladung und sprengt die Plastikhülle in kleinste Stückchen. Es kommt natürlich schon mal vor, daß es schneller dazu kommt, als berechnet. Matthias Lünig hat schon viel Glück gehabt. „Eine Kugelbombe ist vor kurzem knapp über dem Rohr explodiert und ich stand nur ein paar Meter daneben. Plötzlich war alles rundum rot und die Leuchtkugeln stoben mir zischend um die Ohren. Aber es ist gottseidank nichts passiert."

Nicht immer gehen Feuerwerks-Zwischenfälle so glimpflich ab. Auf der Jagd nach dem größten Feuerwerkskörper der Welt baute die amerikanische Firma Grucci zwei gewaltige Bomben mit über einem Meter Durchmesser und je 326 Kilo Fluggewicht. Bei der ersten funkte der Treibsatz nicht, sie hinterließ einen drei Meter tiefen Krater und wird seither von Kollegen mitleidig als „tiefstes Feuerwerk der Welt" bezeichnet. Die zweite kam auch nicht viel höher, explodierte in 30 Metern Höhe und zerknallte neben Tausenden von Leuchtsternen auch gleich noch rund 600 Fensterscheiben. Ein teurer Schuß.

Bei André Hellers Feuertheater-Premiere in Lissabon kam es fast zur Katastrophe. Statt erwarteter 100.000 Besucher stürmten über 500.000 begeisterungsfähige Portugiesen in den sowieso zu kleinen Hafen.

Absperrungen? Ah bah!, das wird schon nicht so schlimm werden. In wenigen Minuten hatte die Menschenmassen Steuerleitungen in gordische Knoten verwandelt und brisante Raketen einfach zertrampelt. Die meisten Verletzten waren Kinder, die sich vor den sehsüchtigen Erwachsenen nicht in Sicherheit bringen konnten. Als der Startschuß trotzdem gegeben wurde, brach die Hölle los.

Nicht nacheinander, schön im Takt der Musik, sondern alles auf einmal, eine einzige unkontrollierte Explosion. Statt einer ganzen Stunde Feuertheater knapp zehn Minuten flammendes Drama, das wundersamerweise niemand mehr verletzte und trotzdem alle begeisterte. Sonst wäre das wohl das erste und letzte Feuertheater geblieben.

Ansonsten passiert mit Feuerwerk erstaunlich wenig. Solange es sich in der Hand von Profis befindet. Nur die Silvesterknaller landen jedes Jahr dutzendweise in den Krankenhäusern. Der Gesetzgeber hat deshalb vorbeugend die maximale Treibladung von "Freudenfeuerwerk der Klasse II" auf 20 Gramm festgesetzt. Nur Personen über 18 Jahren dürfen die so bezeichneten Feuerwerksartikel kaufen - und auch nur drei Tage lang, vom 27. bis zum 31. Dezember. Klasse I gibt's auch sonst und für Jüngere. An die ganz fetten Kaliber kommen aber nur Pyrotechniker mit Erlaubnisschein heran. An eine Zylinder-Verwandlungsbombe mit Mehrstufenfüllung beispielsweise. Die ist das Paradepferd in Matthias Lünigs brisantem Stall, 280 Millimeter im Durchmesser und 20 Kilogramm schwer.

Das sind praktisch vier Bomben in einer. Im Pappkörper ist im unteren Viertel die Treibladung untergebracht, zu der die erste Zündleitung führt. Die Leuchtladungen explodieren von oben nach unten, jeweils durch einen Zeitzünder aus gepreßtem Schwarzpulver getrennt. Der erste Schlag liefert dann beispielsweise ein ‚Sternbukett', der zweite ein paar Meter tiefer die ‚Sterngarbe mit Glittereffekten', dann noch eine ‚Sterngarbe mit Knalleffekt' und zuletzt eine ‚Blitzdetonation'. Danach stehen garantiert allen da unten Augen und Ohren offen. „Einmal hat in einem Stall nahe einem Schießplatz eine Kuh vor Schreck zu früh gekalbt. Das haben wir natürlich bezahlt." Tiere läßt Matthias Lünig seitdem vorsorglich evakuieren, bevor er die Menschen mit Blitz und Donner beeindruckt.

Vor jedem größeren Feuerwerk ist sowieso erst mal ein Lokalermin vorgesehen. Dort entscheidet der Feuerwerker, wo welche Schüsse gesetzt werden können und wo nicht. Und die Behörden halten ein ganzes Feuerwerk an Vorschriften bereit, die den Umgang mit gefährlichen Sprengstoffen reglementieren. Soweit es eine Behörde eben überschauen kann: „Nach den Vorschriften dürften wir bis zu einer Windstärke von 9 Metern pro Sekunde schießen. Ich glaube, daß keiner der Beamten sowas schon mal erlebt hat. Bei neun Metern pro Sekunde bläst es uns mitsamt den Abschußbatterien weg."

Entstanden ist die Lust am Freudenfeuerwerk schon sehr früh - die ersten praktischen Erfahrungen machte man am Pfingsttag des Jahres 1379 zu Vicenza in Oberitalien. Berichtet wird, daß sich die Zuschauer von diesem ‚Wunder' dermaßen begeistert waren, daß sie sich „auf den Boden warfen und in fremden Zungen redeten." In den nächsten Jahrhunderten entwickelten sich Feuerwerke zum gern genutzten Demonstrationsinstrument weltlicher Macht, die, zwecks besserer Argumente fürs gemeine Volk, ein klein wenig die himmlische bemühte. So wurden im Jahre 1596 in Kassel zu einem einzigen Anlaß 60.000 Feuerwerkskörper gezündet, 1666 in Wien sogar 73.000. Jeder Schlag war natürlich einer ins Kontor und kostete dementsprechend: 1719 orderte August der Starke sogar Bürgermilizen und Militär, weil das darbende Volk am kostspieligen Verpulvern so gar nichts abbeißen konnte. ‚Lustfeuerwerk' war bis 1828 Ausbildungsfach der preußischen Artillerieoffiziere. Zur Hochzeit von Marie Antoinette ließ der König im Mai 1770 nach heutiger Kaufkraft ganze 40 Millionen Mark in Rauch aufgehen. Zwanzig Jahre später setzte die französische Revolution einen blutigen Schlußstrich unter die Balllerlust der feudalen Herrscher.

Dagegen haben unsere heutigen ‚Brilliant-Feuerwerke' mit knapp 50.000 Euro fürs fliegende Material schon fast puritanischen Charakter. Erst 1979 durften vier Feuerwerker mit 5400 Raketen und Bomben für 175.000 Euro anläßlich der Bonner Bundesgartenschau zeigen, was mit der ‚alten Kunst der Verschwendung' alles machbar war. Gestiftet war's - mit freundlichen Grüßen - von der japanischen Regierung. Das Feuerwerk als Demonstration wirtschaftlicher Größe und Potenz hat dann auch voll eingeschlagen.

Das ließ dann einen Wiener nicht mehr ruhig schlafen. André Heller - Maler, Künstler, Sänger, Poet und ‚leidenschaftlicher Verwirklicher' (Heller) hatte schon länger die Absicht, „Schauplätze und Geschehnisse zu schaffen, die meiner Todesstunde und meines Todes würdig wären." Feuerwerk sollte es sein und Berlin insbesondere. Aber gestorben ist er dann doch nicht, der André, weder vor Freude, noch vor Aufregung, noch daran, daß irgendetwas in die Luft oder in die Hose gegangen wäre. Schließlich haben die Lünigs den ganzen Feuerzauber fürs Feuertheather perfekt gerichtet. 11 Tonnen Sprengstoff, 15 Kilometer Zündschnüre, über 350.000 Feuerwerkskörper für insgesamt 1,1 Millionen Euro waren aufgeboten, wenigstens für ein paar Stunden Wunder Wirklichkeit werden zu lassen. Auf 2000 Quadratmetern Bildfläche erzählte Feuer die Märchen einer poetischen Welt, den „Entwurf eines Himmels", die „Anrufung des Feuers". Über 260.000 Menschen ließen sich an diesem Abend bezaubern, von der friedlichen Eroberung des Himmels, von den einzigen Raketen, die Freude machen.

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