Einkaufsführer für Feministische Literatur

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Einkaufsführer für Feministische Literatur

Was ist unter feministischer Literatur zu verstehen?

Feministische Literatur ist abzugrenzen von "Frauenromanen", aber auch von der etwas anspruchsvolleren "Frauenliteratur", wozu jede Art von Literatur gehörte, die sich mit Frauen befasste. Ob Texte von Mystikerinnen, Schilderungen gesellschaftlicher Zwänge durch Theodor Fontane oder simple Ratgeber für Frauen. Auch die Kategorisierung „Literatur von Frauen für Frauen“ wurde für die sogenannte Frauenliteratur angewendet. Diese Zuordnung entpuppte sich aber literaturwissenschaftliche Fehleinschätzung. Die Kategorisierung von Frauenliteratur, die sich dadurch auszeichnen sollte, dass sie nur von Frauen gelesen wurde, wurde aufgegeben.
Unter feministischer Literatur ist im Kontext der in den 60er Jahren aufgekommenen Befreiungsbewegung zu verstehen, in der linkspolitisch engagierte Gruppen auch sexuelle Zwänge aufbrechen wollten. Erst gegen Ende dieser Demonstration neuer Freiheit wurde auch die Selbständigkeit und selbstbestimmte Sexualität von Frauen thematisiert und ihre Abhängigkeit von Männern, ihre Benachteiligung in Beruf und Studium und ihre Unterdrückung auch in und durch Sprache durchleuchtet. Doch auch Ikonen der Literatur aus früheren Zeiten gehören zu der Bewegung der feministischen Literatur und erweitern es um literarische Werke, die gesellschaftliche Einschränkungen von Frauen in früheren Jahrhunderten dokumentieren.

Weibliche Sexualität in der feministischen Literatur

Ein großer Teil der Autorinnen, thematisierte die weibliche Sexualität und erklärte den Frauen und der Welt den weiblichen Orgasmus. Diese Bücher haben einen ehrlichen Erzählton und die Autorinnen arbeiten häufig in Gruppen, die Frauen in schwierigen Verhältnissen betreuen. Nähe und Unterstützung zu den sogenannten "Sexarbeiterinnen" ist eine Aufgabe dieser Bewegung und ein Teil der Bücher befasst sich mit einer offeneren Wahrnehmung der Prostituierten als Berufstätige. Weibliche Sexualität und vor allem die unterdrückte oder missbrauchte weibliche Sexualität ist eines der Themen, die auf den Fahnen der feministischen Literatur stehen. Hier sind als Autorinnen Anja Meulenbelt im Bereich weibliche Sexualität und Pieke Biermann als Unterstützerin der Legalisierung der Prostitution zu nennen. Biermanns Buch „Wir sind Frauen wie andere auch“ trägt den Untertitel „Prostituierte und ihre Kämpfe“. Beide Autorinnen sind auch heute noch aktiv. Ihre damaligen feministisch geprägten Titel sind heute kaum noch erhältlich. Pieke Biermann ist heute eine gefragte Krimiautorin und Inhaberin eines Ingeborg Bachmann Preises. Das Buch de Holländerin Anja Meulenbelt „Die Scham ist vorbei“ war eines der bahnbrechenden Reader der feministischen Literatur, in der das Bewusstsein für weibliche Sexualität auf sehr frische Weise „aktualisiert“ wurde und sind immer noch spannende, intelligente und humorvolle Zeugnisse weiblicher Gefühlswelten.

Feministische Literatur - eine Stimme gegen sexuellen Missbrauch

Die 1980er Jahre schafften ein Bewusstsein gegenüber Vergewaltigung in der Ehe, erst später wurden die Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern zum Thema gemacht. Bis heute reicht diese Thematik in die gesellschaftliche Diskussion. In der feministischen Literatur ist dieses Thema ein fester Bestandteil der Befreiungskämpfe gegen männliche Bevormundung und Gewalt. Das Thema Missbrauch von minderjährigen Jungen wurde zunächst vernachlässigt und mischte sich erst später in das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Die feministischen Autorinnen aus den 1980ern setzen den Schwerpunkt bei den weiblichen Opfern und bilden mit diesen Büchern einen wichtigen Teil der feministischen Literatur ab.

Unterdrückung durch Sprache

Auch die männlich geprägte Sprache ist Thema der feministischen Literatur. Sprachwissenschaftlerinnen und auch ihre männlichen Kollegen machen sich auf die Suche nach einer gleichberechtigten Ausdrucksweise und untersuchen das Phänomen eines geschlechtsspezifischen Sprachgebrauchs. Vorreiterin dieses Teils der feministischen Auseinandersetzung ist Luise F. Pusch, die mit Senta Trömel-Plötz als Begründerin der deutschsprachigen feministischen Linguistik gilt. 1984 hat sie das bahnbrechende Buch „Das Deutsche als Männersprache“ geschrieben. Ihre Aufsätze und Glossen über ihre Forderung nach einer geschlechtergerechten Sprache sensibilisierte die Öffentlichkeit innerhalb und außerhalb deutscher Universitäten. Ihr Verdienst schlägt sich heute letztlich auch in geschlechtergerechten Sprachstandards nieder, die für gesellschaftliche Akteure im Rahmen des Gendermainstreaming festgeschrieben sind. Soc achtet auch die Bundesregierung in Veröffentlichungen darauf, Frauen nicht mehr nur im männlichen Plural mitzunennen. Dies schlägt sich dann in Aufzählungen wie „Autorinnen und Autoren“ nieder.  Auch amerikanische  Akademikerinnen prägten die Diskussionen um männlich geprägte Sprache auf hohem intellektuellem Niveau wie beispielsweise Judith Butler mit dem inzwischen unumstrittenen Klassiker „Das Unbehagen der Geschlechter“. Unter dem Begriff Frauensprache treffen Sie auf spannende und kluge Literatur zu diesem Thema. 

Wiederentdeckung feministischer Autorinnen

In den Kanon der feministischen Literatur werden auch Autorinnen eingereiht, die in den 80er Jahren nicht an der Theoriediskussion um weibliche Sprache, sexuellen Missbrauch oder weibliche Sexualität und den weiblichen Orgasmus direkt teilnahmen. Aber ihre indirekte Verbundenheit mit dem Thema äußert sich zum einen inhaltlich und zum anderen darin, dass diese Literatur literaturgeschichtlich mit dieser Bewegung verbunden wird. Dieser Umstand ist auf die hohe Akzeptanz dieser Literatur bei den Wortführerinnen und Verfechterinnen dieses Themas zurückzuführen. Folgende Autorinnen sind hier zu nennen:

Doris Lessing – Zivilisationsberichte aus Afrika und Großbritannien

Eine Autorin, die in einem ganz anderen Kulturkreis aufwuchs ist Doris Lessing. Sie verbrachte ihre Kindheit in Afrika. Doris Lessing gelang es, den Nerv der Zeit zu treffen und nicht nur engagierte Feministinnen mit ihrer in literarischer Vollendung ausgedrückten weiblichen Erlebenswelt zu begeistern. „Das goldene Notizbuch“ wurde als ein tiefer Einblick in einen zerrissenen Alltag zwischen weiblicher Selbstbehauptung und Selbstzweifel wahrgenommen. Dass Doris Lessing große gesellschaftliche Aufmerksamkeit und Anerkennung erhielt, spiegelt sich auch darin wieder, dass sie 2007 den Nobelpreis für Literatur entgegennehmen konnte. Die schwedische Akademie begründet die Vergabe des Nobelpreises damit, dass sich Doris Lessing “mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen“ habe. Ihre Kindheit in Afrika und die Konfrontation mit den Zwängen einer nicht funktionierenden Zivilisation machen ihre Lebenserfahrungen für alle wertvoll. Doris Lessing sah sich selbst nicht als „feministische Autorin“, prägte aber als politisch umtriebige und weitsichtige Autorin diese Bewegung nicht nur mit sondern ist eine der führenden Persönlichkeiten im Kampf um weibliches Selbstverständnis und gesellschaftliche Gleichberechtigung der Frau.

Christa Reinig – Feminismus in Ost und West

Christa Reinig ist 1926 in Ostberlin geboren und 2008 in München verstorben. Wegen ihrer Auflehnung gegen die Autorität bekam sie bereits 1951 von den DDR-Behörden Publikationsverbot und veröffentlichte seitdem nur noch in westdeutschen Verlagen. Sie schrieb balladenhafte Gedichte, Liebeslyrik, Prosa  und Hörspiele. Durch die Entgegennahme des Bremer Literaturpreises konnte sie 1964 in die BRD flüchten und lebte von da an in  München. In den 1970er Jahren wurde die Autorin mit ihrem Schreiben eine feministische Vorkämpferin. Ihre Werke sind durchsetzt mit messerscharfer Satire und schwarzem Humor, satirisch entlarvte sie die patriarchale Ideologie im Bewusstsein von Frauen und Männern. Exemplarisch dafür steht ihr Roman „Entmannung“, der ihr Weg in die Frauenbewegung war.

Simone de Beauvoir – feministische Autorin aus einem Stück

Mit ihrer besonderen Biografie wurde auch  Simone de Beauvoir zu den Galionsfiguren der feministischen Literatur. Die emanzipierte Beziehung von Simone de Beauvoir zum französischen Philosophen Jean Paul Sartre umgab die Autorin mit einem amazonenhaften Flair. Sie nahm an literarischen Zirkeln als alleinstehende Frau teil. Mit ihrem selbstbewussten Auftreten in einer von Männern bestimmten Szene praktizierte sie die Gleichberechtigung, die sie forderte. Mit Ihren theoretischen Schriften zur Befreiung der Frau, entlarvte sie in einer genauen sozialwissenschaftlichen Herangehensweise die Scheinheiligkeit der klassischen Rollenzuordnung. „Das andere Geschlecht – Sitte und Sexus der Frau“ erschien bereits 1951 und gilt als ein Stück Sozialgeschichtliche in der Literatur. In den 1960er und 1980er Jahren begleitete dieses Buch in seiner Genauigkeit und intelligenten Ausführung den politischen Diskurs über die gesellschaftliche Benachteiligung der Frau entscheidend. Der Titel „Das andere Geschlecht“ ist bereits Teil ihrer Kritik. Die Zuordnung des „anders sein“ werde von der männlich bestimmten Weltzugeteilt, um der Frau möglichst wenig vom normalen Leben „abzugeben“ und die Frauen nicht voll an den gesellschaftlichen Möglichkeiten teilhaben zu lassen. Ihr Satz „Man ist nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht“, wurde von der Studentenbewegung der 60er Jahre aufgegriffen und stützte in den 80er Jahren die Frauenbewegung. Die Autorin verknüpft in ihrem gesamten Werk spannende Erzählung eng mit einer Dokumentation der Sozialgeschichte der Frau.

Die Geschwister Brontë – feministischer Ansatz früher Jahre

Auch wenn Simone de Beauvoir ihrer Zeit voraus war, gibt es im Rückblick ins viktorianische England im 19. Jahrhundert ebenfalls Romane mit detaillierten Blick auf die Unterdrückung von Frauen. Die Geschwister Bronte skizzieren in literarisch anspruchsvollen Texten Frauen, die aus dem gesellschaftlichen Korsett nicht herauskommen. Ihre Texte handeln davon, wie unmöglich es Frauen gemacht wurde, mit allen Persönlichkeitsrechten am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Charlotte Brontë und ihre Schwestern verfassten aus ihren Lebenserfahrungen heraus Romane, die heute ein Stück Weltliteratur darstellen. Die Geschwistern sollte zwar Bildung zuteilwerden, doch die gesellschaftlichen Bedingungen verhinderten das. Charlotte Bront e ist eine der drei schreibenden Schwestern des konservativen England. Ihre Bücher sind literarische Meisterwerke ihrer Zeit und ein großer Lesegenuss. Der Blick in die Biografien der ehrgeizigen jungen Frauen ist desillusionierend, was ihre Möglichkeiten im 19. Jahrhundert angeht. Die Stoffe der Brontë-Schwestern wurden verfilmt, auch sie selbst sind Gegenstand mehrerer Kinofilme. Der Film „Die Schwestern Brontë“ entstand 1979 mit den Schauspielerinnen Isabelle Adjani und Isabelle Huppert.

Feminismus-Debatte im 21. Jahrhundert

Feministische Literatur und die Dokumente über die Unterdrückung der Frau scheinen auf den ersten Blick zur gesellschaftlichen Vergangenheit zu gehören. Und tatsächlich verlegt die  Frauenoffensive, der mit Anja Meulenbelts feministischem Klassiker „Die Scham ist vorbei“ eine Auflage von einer halben Million erreichte, inzwischen mehr Kriminalromane. Dennoch ist die Gleichstellung der Frau weiterhin Thema politischer Debatten und auch heute noch geht es um Bildungsmöglichkeiten, weibliche Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb gesellschaftlicher Hierarchien und letztlich um die Chancengleichheit von Männern und Frauen in allen Bereichen gesellschaftlichen Lebens. Dazu gehören auch Kinderbetreuungsmöglichkeiten die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften als eheähnliche Gemeinschaften und die Forderung nach Frauenquoten in den Vorstandsetagen der Privatwirtschaft. All diese auch von politischen Parteien geführten Diskussionen zeigen, dass es sich bei der Feminismusdebatte um keine historische Debatte handelt. Wenngleich die feministische Literatur ihren Schwerpunkt in den 1960er und 1980er Jahren hat, so finden sich feministische Grundüberzeugungen auch in Werken zeitgenössischer Schriftstellerinnen, die sich auch als politisch Schreibende verstehen. Als Beispiel sei hier die Schriftstellerin Tanja Dückers genannt, deren Romanfiguren sich stets auch im Kontext reflektierter Geschlechterverhältnisse bewegen. 
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