Eine neue antiquarische Mode: Bedeutende Bibliotheken

Aufrufe 9 Mal bewertet mit „Gefällt mir” Kommentare Kommentar
Mag ich anklicken, wenn dieser Ratgeber hilfreich war

Werte Büchersammler,

dieser neue Pansgarten-Ratgeber widmet sich einer zumindest in Deutschland neu aufkommenden Mode, nämlich dem besonderen kulturpolitischen Interesse an bedeutenden historischen Büchersammlungen, also den alten Bibliotheken.

Es ist in den letzten Wochen und Monaten wohl kaum einem antiquarisch Interesssierten verborgen geblieben, wie die Medien über eine angebliche Büchervernichtung an der Universitätsbibliothek Eichstätt berichteten. Wir können an diesem Beispiel wunderbar und exemplarisch jenes neu in Deutschland  aufkeimende Interesse an geschlossen historischen Büchersammlungen erkennen, das im angelsächsischen Kulturraum schon von jeher bestand.

Nun, das Dilemma begann, als eine katholische Ordensbibliothek einer jungen Ausbilungseinrichtung anvertraut wurde, die während der Hochschulreform der 1960er Jahre in den Rang einer Universität erhoben wurde. Im grunde genommen, ist damit bereits der spätere Konflikt vorgezeichnet gewesen und das Schicksal dieser Bibliothek ging den Weg, den sie an einer solchen Ausbildungseinrichtung für angehende Anwender (und eben nicht für Forscher und Wissenschaftler) gehen musste. Was nicht zur Ausbildung nützlich war, und auch als Dublette niemand mehr brauchte, ging den Weg in die Papiermühle. Ob tatsächlich antiquarisch wertvolle Bücher vernichtet wurden, wollen und können wir hier nicht kommentieren. Entscheidend ist aber, die geschenkte und anvertraute Ordensbibliothek konnte als geschlossene Sammlung und übergeordnete selbständige kulturelle Einheit von der Eichstätter Ausbildungsstätte nicht erhalten werden, sondern es wurden nur die Bücher dieser Bibliothek als Einzelwerke betrachtet und gewürdigt.

Noch vor nicht allzulanger Zeit hätte sich niemand an dieser Vorgehensweise grossartig gestört, doch mittlerweile ist eben auch in Deutschland die Erkenntnis angekommen, dass Bibliotheken eigenständige kulturelle Gebilde sind, und nicht nur eine Summe beliebig austauschbarer Bücher.

Bezeichnend in diesem Zusammenhang auch das enorme kulturpolitische Interesse am Wiederaufbau und der finanziell hochaufwendigen Restaurierung der Anna-Amalia-Bibliothek und ihres Buchbestandes. Nicht ganz so bekannt, aber nicht weniger interessant, der Ankauf der Gartenbibliothek des Hauses Hannover durch die Landesbibliothek Niedersachsen und die Senkenberg-Bibliothek in Frankfurt am Main. Diese historische Gartenbibliothek hätte davor verauktioniert werden sollen. Die Hauptlose, für die deutsche Gartengeschichte tatsächlich einschlägig, bestanden im wesentlichen aus einem botanischen und einem pomologischen Aquarellwerk, beide um 1800 und Orangerieplänen des 18. Jahrhunderts. Desweiteren einige handkolorierte gedruckte Tafelwerke, nennenswert v. a. das komplette Martiussche Palmenbuch und Jacquins Stapelien, die allerdings unvollständig waren. Darüberhinaus zahlreiche botanische und hortikulturelle Kleinschriften, die an sich genommen kaum einen finanziellen Wert haben.

Die wenigen Hauptwerke, die für die Gartengeschichte Herrenhausens und Deutschlands im 18. und frühen 19. Jahrhundert massgeblich von Interesse gewesen sind, im wesentlichen die Unikate, hätten in der Auktion sicherlich für wenige hunderttausend Euronen erworben werden können, v. a. auch wenn man die momentane Preisschwäche im Bereich der botanischen Prachtwerke berücksichtigt. Als ganze Bibliothek aber war es der öffentlichen Hand über drei Millionen Euronen wert, diese Bibliothek als geschlossene Einheit anzukaufen.

Anders wiederum ganz im Norden Deutschlands. Dort wurde der Barockgarten von Schloss Gottorf vorbildlich wiederhergestellt. Eine ganz bewundernswerte Leistung des Landes Schleswig-Holstein. In diesem Zusammenhang bedienten sich die Gartenhistoriker auch den kürzlich von der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg aus Privatbesitz erworbenen Bänden eines norddeutschen Prachtflorilegiums des 17. Jahrhunderts, vorzügliche überirdisch leuchtende Malereien auf Pergament, ein wahrer Schatz! Zumal wenn man bedenkt, dass sich in Menschheitsdokumenten dieser Art nicht nur die Schloss- und Gartengeschichte, sondern auch die Sehnsucht des mitteleuropäischen Menschen nach Frieden, Schönheit und Harmonie dokumentiert, unmittelbar nach den monströsen Schreckensjahrzehnten des Dreissigjährigen Krieges.

 

Bitte beachten Sie auch die anderen Pansgarten-Ratgeber für das Antiquariatswesen.

Anfragen und Erfahrungsaustausch sind jederzeit herzlich willkommen!

 

 

 

 

Möchten Sie Ihr Wissen weitergeben? Erstellen Sie Ihren eigenen Ratgeber… Verfassen Sie einen Ratgeber
Weitere Ratgeber erkunden