Eine kleine Siebdruck-Kunde

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Eine kleine Siebdruck-Kunde

Der Siebdruck gehört zu den jüngsten Drucktechniken und gleichzeitig zu den ältesten. Erste Zeugnisse verweisen die Schablonentechnik in die prähistorische Zeit: In den Pyrenäen wurden schablonierte Drucke von Händen an Höhlenwänden gefunden. Seit dem 7. Jahrhundert n. Chr. ist diese Technik in China bekannt. Seit Jahrhunderten wird der Siebdruck in der dortigen Textilindustrie für die Bedruckung der Kimonos eingesetzt. Seinen Aufschwung in Europa erhielt der Siebdruck im Zeitalter der Industrialisierung zur Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem erstmaligen Gebrauch eines Holzrahmens für die Erstellung des Siebes. In Amerika fand er in der Werbung Verwendung, in Europa überwiegend im Textildruck. Nach 1945 wurde der Siebdruck in Amerika und England zunehmend im künstlerischen Bereich angewandt. Der letzte Entwicklungsschritt, der den Siebdruck nachhaltig veränderte, wurde 1950 mit Erfindung der Fotoschablone gemacht. Seitdem kann auf fotografische Vorlagen zurückgegriffen werden.
Dieser Ratgeber vermittelt Ihnen die technischen Grundlagen des Siebdrucks, er beschreibt das Aufkommen der Serigraphie im 20. Jahrhundert und stellt anschließend die wichtigsten Kunstrichtungen vor.

Die Verfahrensweise beim Siebdruck

Beim Siebdruck handelt es sich um eine Durchdrucktechnik. Die Farbe wird durch ein Sieb und eine Schablone auf den zu bedruckenden Stoff aufgetragen. Dafür wird ein siebartiges Gewebe entweder aus Textilien oder aus Metall angefertigt, beispielsweise aus Gaze, Nylon oder Stahl. Das zum Druck fertige und gerahmte Gewebesieb wird entweder selbst als Schablone verwendet oder es wird eine eigens erstellte Schablone auf das Sieb gelegt. Die Schablone enthält das Motiv, das gedruckt werden soll. Sie deckt beim Farbauftrag ab, was nicht als Bild erscheinen soll, die offenen Stellen lassen die Farbe durch. Druckmedium ist die Rakel: Über ihre Gummioberfläche wird dickflüssige Farbe durch das feinmaschige Sieb gedrückt.

Der Siebdruck ist ein additives Verfahren. Sollen verschiedene Farben Verwendung finden, müssen sie einzeln aufgetragen werden, wofür jeweils eine neue Schablone benötigt wird. Die Materialien, auf die gedruckt wird, werden Druckträger genannt. In der Industrie werden am häufigsten Textilien, Kunststoff, Holz, Metall und Stein verwendet, in der künstlerischen Druckgrafik Papier und Karton. Vom Massendruck unterscheiden sich diese mit ihrer viel geringeren Auflagenhöhe – auch deswegen, weil sie häufig im Handdruck erstellt werden. Die Angabe hierzu erfolgt in Form eines Bruches, der die Nummer des Exemplars und die Auflagenhöhe benennt. Den ursprünglichen Grund für seine Limitierung hat der Siebdruck allerdings verloren. Die Schablonen nutzen sich im Druckprozess nicht ab, deswegen besteht keine Verringerung der Bildqualität von Druck zu Druck und höhere Auflagen wären technisch möglich. Ziel der Nummerierung ist die Wertsteigerung auf dem Kunstmarkt. Nach dem Druck werden die Druckträger und Kopiervorlagen vernichtet, weitere Auflagen werden damit verhindert.

Siebdruck und Serigraphie

Ursprünglich wurde der Begriff „Serigraphie“ („Seidensiebdruck“) 1930 eingeführt, um den künstlerischen vom industriellen Siebdruck zu unterscheiden. Weil Künstler in der Zwischenzeit jedoch dazu übergegangen sind, die kommerzielle und gewerbliche Drucktechnik für die Herstellung ihrer Werke nachzuahmen, ist auch eine scharfe Trennung der beiden Begriffe nicht mehr möglich. Als weiteres Unterscheidungskriterium für die Verwendung des Begriffes „Serigraphie“ galt lange die Information darüber, ob der Künstler die Schablone selbst hergestellt hat oder nicht. Allerdings wird „Serigraphie“ verlagsseitig häufig auch dann verwendet, wenn dies nicht der Fall gewesen ist. Auch von dieser Seite aus besteht folglich keine Möglichkeit zu einer genauen Begriffsunterscheidung.

Der Originaldruck des Künstlers

Dies betrifft auch ein weiteres Problem des Originaldrucks: Von Originalgrafiken spricht man, wenn das Urheberrecht beim Künstler liegt, der Künstler den Entwurf selbst gestaltet, den Druck eigenhändig ausgeführt und anschließend signiert hat. Eine eindeutige Rollenverteilung bei der tatsächlichen Ausführung liegt dabei aber nicht zwangsläufig vor. Häufig entscheidet sich der Künstler für die Zusammenarbeit mit einem Drucker, der den Künstler in technischen Fragen beraten soll oder er überlässt ihm sogar einige der Aufgaben vollständig. Umgekehrt kann die Zusammenarbeit unter künstlerischen Aspekten wichtig werden, wenn es zu einer gegenseitigen Förderung kommt. Die Arbeit des Künstlers Gerd Winner mit dem Drucker Schulpius ist ein historisches Beispiel für eine geglückte Symbiose. Die resümierende Formulierung Winners, der Künstler solle Drucker und der Drucker solle Künstler sein, umschreibt die Möglichkeiten der Verbindung von Kunst und Technik, die in der Serigraphie liegen.

Der Siebdruck in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts

Drucke bringen keine Unikate hervor, sie stellen dem Markt multiplizierte Kunst zur Verfügung. Die Kunstgeschichte kennt die Verwendung von Drucktechniken schon lange. Über einen langen Zeitraum hinweg haben beispielsweise Holzschnitt und Kupferstich Verbreitung erfahren. Der Entwicklungsprozess des Siebdrucks im 20. Jahrhundert spiegelt sich im Angebot an originalen Kunstdrucken für den Zeitraum von 1950 bis 1999 wider.

Die Op-Art: Victor Vasarély und Bridget Riley

In der Kunst wurde der Siebdruck erstmals in der Op-Art (Abkürzung für engl. „optical art“) gezielt eingesetzt. Die Vertreter dieser seit den 1950er Jahren existierenden Richtung beschäftigten sich mit dem Phänomen der visuellen Wahrnehmung. Vorgetäuschte Raumtiefen oder die Illusion körperlicher Plastizität sind in der Kunstgeschichte nichts Unbekanntes. Jahrhundertelang handelte es sich jedoch um eine gegenständliche Wiedergabe dieser Bildinhalte. Die Künstler der Op-Art hingegen bedienten sich abstrakter Mittel. Optische Effekte wurden systematisch analysiert, anschließend wurde die Vorspiegelung von Tiefenperspektive in geometrischen Kompositionen mit starken Kontrasten erreicht. Vom menschlichen Auge nicht erkennbare Unterschiede verbinden sich in der Wahrnehmung zu einem Bild, das nicht wirklich vorhanden ist. Zu den weiteren Absichten der Künstler gehörten Bewegungseffekte und Flimmer-Eindrücke.

Bekannt sind die Serigraphien des französisch-ungarischen Künstlers Victor Vasarély Werke aus der Gründungszeit der Op-Art. Vasarély arbeitete an einer seriell hergestellten Kunst, die den Übergang zur Gebrauchskunst vollzog. In Erscheinung getreten war er mit einer Werkreihe, in der er mit den beiden Farben Schwarz und Weiß experimentierte. Anschließend ging er dazu über, Gitterformen so zu verfremden, dass beim Betrachter der Eindruck der Dreidimensionalität entsteht. Sein bildnerisches Reservoir schränkt sich auf die geometrischen Grundformen wie Quadrat, Kreis und Dreieck ein. Kontrastfarben stehen dabei in einer dynamischen Beziehung zueinander. Auf diese Weise sind optischer Effekt und Kinetik in seinen Bildwerken vereint. Ein frühes Werk ist „Markeb-Neg“ von 1957.

Die Engländerin Bridget Riley wurde in der Mitte der 60er Jahre berühmt. Ihr Werk belegt ihr Interesse an der Wahrnehmung von Bildern, was sie zu der Verwendung besonders stark wirkender Großformate führte. Zu den vorgetäuschten Wellenbewegungen durch die gestaffelte Anordnung von Bogenlinien in den Farben Schwarz und Weiß treten in späteren Arbeitsphasen Versuche mit Farben. Diese künstlerische Entwicklung führen Werke wie „Movement in squares“ von 1961 oder „Cataract“ von 1967 vor.

Eine nahe Verwandtschaft der Op-Art besteht zur Konkreten Kunst, die ausschließlich die Gestaltung mit kunsteigenen Mitteln akzeptiert und deren Vertreter ebenfalls auf den Siebdruck zurückgriffen. In ihr gibt es keinerlei Schattierungen und nur der Eigenwert der Farbe wird verwendet. Ihr Begründer war Theo van Doesburg.

Die Pop-Art: Roy Lichtenstein und Andy Warhol

Zwischen der Pop-Art und dem Siebdruck besteht ein innerer Zusammenhang. Diese Kunstströmung wollte Kunst für den Massengeschmack sein, bediente sich deswegen der vervielfältigenden Technik des Druckes und überschritt konsequent die Grenze zu einem industriellen Herstellungsverfahren. Das Wort „Pop“ wurde 1956 auf einem Bild von Richard Hamilton verwendet und stand von diesem Zeitpunkt an für eine Kunstrichtung, die ihre Hochphase in den 1960ern in Amerika und England erlebte.

Im Gegensatz zur Op-Art wendete sich die Pop-Art von der abstrakten Kunstbewegung ab. Ihre Vertreter setzten sich für eine Rückkehr zur gegenständlichen Malerei ein, die aber produktiv weiterentwickelt werden sollte. Bei den Inhalten ihrer Bildwerke handelte es sich um die vorgefundenen Objekte der Konsumwelt, der Massenkultur und der Großstadt: Reklametafeln, berühmte Personen aus Film und Fernsehen, Poster der Popmusik, Verpackungen und Werbematerial. Die Gegenstände wurden jedoch nicht so, wie sie waren, wiedergegeben. Sie wurden aus ihrem alltäglichen Zusammenhang herausgenommen, um sie in der Kunst zu verfremden. Mit den Mitteln der Übertreibung und der Parodie wurden die Alltagskultur der Großstadt und das Konsumverhalten der Menschen hinterfragt. Aufgrund ihres Anspruches und ihres Themenkreises war es den Vertretern dieser Richtung wichtig, mit den Inhalten auch die Verfahrensweise bzw. die künstlerische Technik aus der Industrie- und Werbegrafik zu übernehmen. Zudem begünstige der Siebdruck die Verwendung greller und leuchtender Farben nach dem Vorbild großstädtischer Neonreklame. In der Pop-Art mischen sich Zustimmung und Kritik, die Kunstrichtung enthält eine Bejahung des urbanen Lebensstils, stellt die industriell geprägte Hochkultur aber auch infrage.

Roy Lichtenstein bezog seine Bildinhalte aus der Welt der Comics, deren potentiell unendlichen Reproduktionsprozess er in der Wahl der Serigraphie imitierte. Sichtbare, ästhetisch eingesetzte Rasterpunkte – ein Mangel des drucktechnischen Verfahrens – werden bei ihm zum künstlerischen Mittel. Typisch ist auch eine außergewöhnlich starke Umrisslinie. Ein frühes Beispiel dafür lieferte sein Bild „Reverie“ von 1965. Das Werk von Andy Warhol ist breit gefächert. Attraktiv an einer seriell hergestellten Kunst schien ihm die Befreiung des Kunstwerks von der persönlichen Handschrift. An die Stelle des subjektiven Ausdrucks trat der Stereotyp. Zunächst fertigte er seine Drucksiebe per Hand an, den Übergang zum industriellen Verfahren erreichte er mit dem Wechsel zu einer fotomechanischen Herstellung. In der Benennung seines Ateliers in „Factory“ kam sein ganzes künstlerisches Anliegen zum Ausdruck. Im Siebdruck vereinte Warhol einen großen Ideenreichtum mit einer bis dahin ungekannten Variationsbreite der Drucktechnik. Frühe Werke wie „Campbell‘s Soup Cans“ von 1962 veranlassten eine Diskussion über die Frage, was Kunst überhaupt sei. In der Erweiterung des Kunstbegriffs liegt die Bedeutung Warhols.

Die Kunst der Gegenwart: Gerd Winner

Außerhalb der Pop-Gruppe stehend ist der deutsche Gegenwarts-Künstler Gerd Winner. Sein umfangreiches Werk im Bereich der Serigraphie versucht die Ausdrucksweise allein über dieses Medium zu finden. Zu seinen Motiven gehörten in den 70er Jahren Großstädte, in den 80ern in den Werkgruppen „Slow“ und „No“ visuelle Kommunikationsformen wie Zeichen und Signale. Winners künstlerische Entwicklung tendierte mit „Wegkreuze – Kreuzwege“ von 1981 zum Meditativen. Anders als in der Pop-Art ist nicht nur die Aufgabe des eigenen Selbst das Ziel, sondern ein Aufgehen in Transzendenz, die über das Kunstwerk hinausweist. Strukturen stehen hier vor dem individuellen Ausdruck und die Serigraphie scheint dem Künstler das geeignete Ausdrucksmittel dafür.

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