Die große Watt Lüge 3

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Es gibt zum Thema ja schon viele gute Tips, aber einen hätte ich noch:

Achtet bei Endstufen fürs Auto auch auf die Absicherung der Selbigen. Wenn eine solche beispielsweise mit 1000 Watt angegeben ist, aber nur eine 20A-Sicherung besitzt, dürfte klar sein, welche Leistung sie tatsächlich maximal besitzt. Verfügt eine Endstufe über mehrere Sicherungen, so können die Werte addiert werden.
Diesbezüglich habe ich von einem anderen Ebaymitglied einen sehr interessanten Hinweis bekommen: Es sind neuerdings Endstufen aufgetaucht, die zwar über zwei Sicherungen verfügen, diese sind jedoch in Reihe geschaltet. In einem solchen Fall gilt das Addieren der Werte natürlich nicht. Leider kann man in die Geräte nicht reinsehen, wenn sie hier angeboten werden. Aber da normalerweise zwei Sicherungen bei einer "seriösen" Endstufe jeweils einen Stereokanal getrennt absichern, kann möglicherweise eine Durchgangsmessung mit einem Multimeter von einem Sicherungssockel zum anderen nach Erhalt des Gerätes die Erkenntnis bringen. Sicher bin ich mir da allerdings nicht, da mir bisher ein solches Modell noch nicht untergekommen ist.

Folgende einfache Faustformel kann zum Ansatz kommen:
Absicherung x Versorgungsspannung, also in diesem Beispiel:
20A x 12V = 240W max.

Ich wäre grundsätzlich vorsichtig, wenn die Sicherung nicht auf den Bildern erkennbar ist bzw. deren Wert nicht genannt wird. Auch wenn der Sicherungswert auf dem Bild nicht lesbar ist, so sagt doch die Farbe etwas über ihn aus:

Rot = 10A
Blau = 15A
Gelb = 20A
Weiß = 25A
Grün = 30A
Orange = 40A

Sicher spielt die Trägheit der Sicherung mit eine Rolle, so dass sich der errechnete Wert irgendwo zwischen maximaler Leistung und RMS-Leistung befinden dürfte. Aber utopische Werte, wie beispielsweise eben bei einer Auktion gelesene 3000 Watt bei 30 A Absicherung, sind absolutes Wunschdenken und keinesfalls real vorhanden (siehe PMPO-Leistungsangaben).

Ausnahmen bilden hier natürlich Endstufen, die über keine eigene Sicherung verfügen und auf eine externe angewiesen sind. Das dürfte jedoch nur einen kleinen Teil der angebotenen Geräte betreffen. Man findet diese meist im Highend-Lager. Der Preis solcher Geräte ist dann auch mit dem der Billigmarken in keiner Weise vergleichbar.

Noch ein Wort zur Wattzahl selbst:
Wenn eine Endstufe errechnete 500 Watt maximale Leistung hat, so bedeutet das nicht, dass auch 500 Watt auf die Lautsprecher gegeben werden. Jede Endstufe hat eine gewisse Verlustleistung, man merkt das, wenn man mal die Hand auf ein aktives Gerät legt. Und das ist leider nicht wenig. Je nach Qualität liegt der Wirkungsgrad bei analogen Endstufen zwischen 40% und 70%. Wenn wir das auf die 500 Watt beziehen, erhalten wir also im ungünstigsten Fall nur 200 Watt direkt auf die Lautsprecher, obwohl der Verstärker auf vollen Touren läuft. Dass diese ebenfalls noch erhebliche Verluste einfahren, möchte ich erst gar nicht erwähnen (Stichwort Kennschalldruck).
Empfehlen möchte ich in diesem Zusammenhang digitale Endstufen. Sie kosten zwar einiges mehr, haben aber dafür auch meist einen Wirkungsgrad um die 90%. Eine Endstufe digitaler Bauart macht also mit 300 Watt mehr Rabatz als eine analoge mit 500 Watt. Vorsicht ist hier aber geboten, wenn Digitalendstufen mit Lüftern ausgestattet sind. In diesem Fall kann man von erheblicher Wärmeentwicklung und entsprechend hoher Verlustleistung ausgehen und somit von eher analogen Leistungsausbeuten.
Leider sind digitale Endstufen im Mittel- und Hochtonbereich rein klanglich sehr oft nicht der Bringer sondern lediglich basstauglich. Möchte man eine digitale "Fullrange", sollte man sich sehr genau anschauen, ob diese dafür auch geeignet ist.

Noch eine kleine Geschichte für die Leute, die meinen, dass Leistung alles ist:
Ich war vor einiger Zeit mit meinem Auto bei einem Tuningtreffen. Dort meinte jemand, der Held zu sein, weil er einen Groundzero in seinem Swift verbaut hatte. Soweit ich mich erinnere hatte der um die 1200 Watt RMS. Ich setzte mich in das Auto und bereitete mich auf mein Ende vor. Aber was kam war - Dröhnen! Das Fahrzeug ächzte, alle Klappen vibrierten, aber von Bassattacken, die einem das Gefühl geben, dass das Herz gleich im 4/4-Takt mitschlägt - keine Spur.
Ich setzte ihn danach in mein Auto, und ihm fiel die Kinnlade runter. Als ich ihm erzählte, dass mein Sub nur 300 Watt RMS hat, verstand er die Welt nicht mehr. Als ich ihm sagte, dass mein Lautsprecher ein Stealth von Mediamarkt für 99 Euro ist, brachte ich wohl sein Markenbewusstsein entgültig ins Wanken.
Ich habe dazu eine recht putzige Mail erhalten, aus diesem Grund möchte ich noch einmal betonen: Hier ging es lediglich um Klang! Natürlich bringt ein Groundzero, fachgerecht verbaut(!!), mehr Schalldruck, aber auch für einen Lautsprecher dieser Preisklasse gelten physikalische Gesetze. Und wer die nicht beachtet, dem bringt der tolle Name rein gar nichts.

Wem es auf Druck UND Klang ankommt, sollte berücksichtigen, dass Leistung zwar wichtig ist, aber ein vernünftig berechnetes und verarbeitetes Bassreflexgehäuse ist dadurch nicht zu ersetzen, in gar keiner Weise. Der Fakt "1000 Watt RMS" klingt zwar beeindruckend, aber ich finde "27 Hz mit 85 dB bei 1 Watt Leistung" klingt wesentlich besser.

Leider musste ich in jüngster Zeit feststellen, dass viele Händer bzgl. der Sicherung mittlerweile auch tricksen. So trug auf einem Ebayfoto eine Endstufe zwei 25A-Sicherungen, bei Lieferung befanden sich jedoch nur zwei 15A drinn. Bei einem solchen offensichtlich unseriösen Vorgehen sollte man von seinem 14-tägigen Rückggaberecht Gebrauch machen und sich auf keine Experimente einlassen.

Mir ist durchaus klar, dass einige Händler diesen Ratgeber nicht sehr hilfreich finden (und ihn sicher auch nicht hilfreich fanden), deckt er doch gewisse Geschäftspraktiken auf. Damit kann ich jedoch ganz gut leben.
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