Das handkolorierte Tafelwerk im Antiquariat

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Werte Bücherfreunde,

wir wollen uns mit diesem neuen Pansgarten-Antiquariatsratgeber einer ganz besonderen Büchergruppe zuwenden: dem handkolorierten, oder wie man in historisch korrekter Diktion sagen müsste, dem illuminierten Tafelwerk!

Es gibt keine antiquarische, vorindustrielle Büchergruppe, die ähnlich aufwendig und kunsthandwerklich differenziert gearbeitet wurde als die vorzüglich kolorierten Tafelwerke. In welchen antiquarischen Sammelgebieten finden wir sie? Topographie- und Kartenwerke sind gelegendlich koloriert, doch bei ihnen spielt die Qualität des Kolorites eine ganz untergeordnete Rolle und insofern können wir sie hier vernachlässigen. Dann wären noch die Trachten- und Uniformwerke zu nennen, von denen aber auch nur eine kleine Gruppe dem qualitativen Spitzensegment des illuminierten Buches zuzurechnen ist, und schliesslich die sehr grosse und hier eigentlich wesentliche Gruppe der botanischen und zoologischen Tafelwerke.

Sie, die naturhistorischen illuminierten Tafelwerke vor 1820 (in Einzelfällen bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts vordringend) sind es, die den objektiven Höhepunkt der Bibliophilie darstellen. Nicht zu verwechseln aber ist diese Gruppe wissenschaftlicher Bücher mit der grossen Gruppe der in frühindustriellen Massenauflagen billig hergestellten Populär-, Kinder- und Jugendliteratur aus diesem Bereich mit ihren Schablonenkoloriten und (hier im wahrsten Sinne des Wortes) abgekupferten Darstellungen aus den grossen Meisterwerken. Wir finden sie ja täglich hier, die Bertuchs, Wilhelms und Konsorten, die absurd hohe Preise auf Ebay erzielen, und das zum grössten Erstaunen der Fachleute gerade in einer Zeit, in der selbst die Preise für viele Spitzentitel dieses Segmentes ständig im Fallen begriffen sind.

Wir wollen wieder einige aktuelle Beispiele aus Ebay anführen:

Victoria regia, die Königin der tropischen Seerosen und vielleicht die exklusivste aller Gewächshauspflanzen, für die komplette viktorianische Tropenhäuser errichtet wurden, hat um die Mitte des 19. Jahrhunderts einige prachtvolle illuminierte Tafelwerke hervorgebracht, grossformatig, vorzüglich illuminiert, aber immer nur wenige Tafeln umfassend (da es sich ja nur um eine einzige Art handelt) gehörten sie traditionell zu den teuersten botanischen Tafelwerken aller Zeiten. Der teuerste Titel aus dieser Gruppe wurde kürzlich noch für 100.000 USD gehandelt. Auf Ebay wollte es jetzt selbst im unteren vierstelligen Bereich keiner mehr haben!

Hingegen erstaunlich die hohen Ergebnisse für eine Monographie der Getreidearten (als historische landwirtschaftliche Ökonomie-Lehrbücher im engeren Sinne traditionell fast unverkäuflich) und die leider nur ankolorierte Ausgabe einer Monographie über die systematisch hochkomplexe Gruppe der Brombeeren. Diese an- und teilkolorierten Ausgaben sind aus der Sicht der Bibliophilie immer ein grosses Ärgernis, geben sie doch einem an sich wissenschaftlich bedeutendem Buch stets den Anstrich des Billigen und Unterentwickelten.

Neben dem Teilkolorit ist die Unvollständigkeit ein auf Ebay wertmässig unterschätzter Faktor. Wir erinnern uns an die hohen Zuschläge für kleine Fragmente aus Knorrs Muscheln und Jablonskys Schmetterlingen. Letzteres im übrigen auch im Fachhandel fast immer inkorrekt beschrieben, da bei vollständigen Exemplaren im strengen Sinne alle vier Reihen vorliegen müssten (Schmetterlinge, Käfer, ungeflügelte Insekten, Krebstiere)!

Kehren wir nocheinmal kurz zurück zur handkolorierten Populärliteratur. So hoch geschätzt die Bertuchs und Wilhelms auf Ebay sind, so sind sie es doch nur in der Merkmalskombination aus Handkolorit und Zeitstellung (um 1800), die wenige Jahrzehnte später angesiedelten Berge-Ausgaben (und Verwandte) zu den Schmetterlingen, Käfern, Pilzen, Pharmazie- und Ökonomiepflanzen fallen im Preise ständig. Noch Anfang und selbst Mitte der 1990er Jahre haben sich Antiquare mit stolzgeschwellter Brust Berges Schmetterlingsbuch für 1000 Mark und mehr in die Auslagen gestellt. Heute kaum mehr für 50-100 Euro verkäuflich, und das auch nur über Ebay, im traditionellen Fachhandel völlig wertlos. Auch hier sehen wir wieder ganz deutlich die Veränderungen in der Kommunikationssituation des Antiquariatshandels: wir haben es hier mit Massenauflagen zu tun, was vielen Sammlern erst durch das Aufkommen der Internetbuchsuchmaschinen bewusst wurde. Zum anderen aber resultiert diese Entwicklung aus der immer anspruchsvolleren Erwartungshaltung von seiten der erfahreneren Fachsammler. Auf Ebay leiden die Berges und andere populäre Bücher mit handkolorierten Tafeln an der allgemein vorherrschenden, und insbesondere auch auf Ebay zu verortenden Schwäche des 19. Jahrhunderts (und insbesondere seiner nachklassizistischen Zeit).

Wir wollen diese Betrachtung zum handkolorierten antiquarischen Buch vorerst schliessen mit einem weiteren Beispiel aus einer wiederum ganz anderen Richtung. Einem der ganz wenigen deutschsprachigen botanischen Bücher mit Weltruhm und derzeit masslos überzogen Preisen, dem Hortus Eystettensis des Basilius Besler. Ein ideales Exemplar würde heute im internationalen Auktionsbuchhandel mehrere Millionen erzielen, und selbst modern kolorierte Einzelblätter aus viel späteren Auflagen, die an sich reine Makulatur sind, erzielten auch auf Ebay Preise im unteren vierstelligen Euronenbereich!

Bitte beachten Sie auch die anderen Pansgarten-Antiquariatsratgeber!

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