Das Gefühlsgewächs (Sammler - Leidenschaft auf eBay)

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Auf den ersten Blick ist ein digitaler Marktplatz wie eBay ein Segen für den Sammler. Dinge, denen man zuvor mühsam hinterherjagen musste, lassen sich nun zielgerichtet, schnell und weltweit finden. Oft werden sogar komplette Sammlungen angeboten, seinen es sämtliche Elefanten, die es je in Überraschungseiern gab, oder eine DDR-Briefmarkensammlung, postfrisch. Dieser Komfort aber birgt die Gefahr, dass der Spaß am Sammeln verschwindet. Nicht umsonst bezeichnet das Sammeln eine Tätigkeit, keinen Zustand. Eine fertige Sammlung lässt nichts mehr zu sammeln übrig - außer man sammelt Sammlungen.

Ansonsten ist eine Sammlung doch ein unsichtbares Gefühlsgewächs, dass mit dem Mehr der Dinge gedeiht. Dabei gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen von Perfektion. Ich kenne jemanden, der alte Eisenbahnmodelle sammelt, davon aber nur einen speziellen historischen Ausschnitt. Er sammelt Nachbildungen von Loks und Waggons aus der deutschen Kaiserzeit. Sein Ehrgeiz geht dahin, einmal alle Modelle zu besitzen, die jemals zur deutschen Kaiserzeit gebaut wurden. Was aber wird geschehen, wenn er den letzten, bisher noch fehlenden Waggon in seine Glasvitrine stellt? Ein kurzes Hochgefühl, vielleicht. Dann droht der Schrecken der Vollendung. Die Sammlung ist komplett, nichts wird mehr geschehen, sie ist ausgesammelt - und die Sehnsucht, die den Sammler stets antreibt und bewegt, ist verklungen. Man fragt sich, worin das eigentlich Schöne besteht: In der Tätigkeit des Sammelns, in diesem Fahnden, Ersteigern und Erbeuten - oder in der Sammlung selbst?

Die Sammlung selbst kann man später auch verkaufen oder hinterlassen. Eine komplette, kleine Welt. Manchmal endet der Versuch, solche kleinen Welten einer nächsten Generation zu übergeben, in Melancholie. Im Fall einer Briefmarkensammlung zum Beispiel, die ein Vater über Jahre hinweg ersammelt und zur Vollständigkeit geführt hat - mit Dreiecksmarken, Raumfahrtmarken und Marken mit Schmetterlingsmotiven - und die dann ein Sohn erbt, dem Briefmarken leider überhaupt nichts sagen. Vielleicht aber ist der Sohn auch einfach nur ratlos, was er tun soll, denn zu sammeln gibt es im Fall der Vollständigkeit nichts mehr. Was noch bliebe, wäre, die Sammlung zu hüten. Sich so etwas als Traditionspflege und freiwillige Pflicht aufzuerlegen, ist ehrenvoll. Aber richtigen Sammlerspaß macht es natürlich nicht. Sammler, die den Schrecken der Vollständigkeit vermeiden wollen, sind deshalb gut beraten, ihr Sammelgebiet möglichst offen zu halten. Einer meiner Freunde, der Platten sammelt, erweitert seine Suchliste ständig und erhält sich so das Sammlersehnsuchtspotenzial frisch.

Ein anderer Freund hat den Durchfluss an Dingen zu seinem Beruf gemacht. Er führt eine kleinen Laden, in dem er Sachen aus den sechziger Jahren verkauft. Er mag die Sachen, manchmal stellt er sich eine besonders hübsche Tütenlampe eine Weile in die Wohnung. Irgendwann aber landet sie in seinem Laden und er verkauft sie. Neue Dinge kommen nach..

Meiner Meinung nach heißt sammeln, mit den Dingen in Berührung zu kommen, und nicht unbedingt, sie zu behalten zu müssen. Was ich sammle, sind schöne Begegnungen mit schönen Dingen.

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