Bücher zum Träumen und Nachdenken - Lyrik und Essays im Überblick

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Die Lyrik ist neben Epik und Dramatik eine der drei traditionellen Gattungen der Literatur. Der Begriff geht auf das griechische Wort ‚Lyra‘ zurück, ein Musikinstrument der Antike. Seit ihren Anfängen in Musik und Lied hat die Lyrik einen Reichtum an Formen und Themen entwickelt. Gattungstypisch ist dabei ihr betont subjektiver Ausdruck. Weder vermittelt das lyrische Ich wie der Erzähler im Prosatext das Geschehen noch führt es wie die Dramenfigur auf der Bühne eine Handlung vor: Das Gedicht formuliert eine Stimmung oder Wahrnehmung unmittelbar aus der Sprache heraus. Vergleichbares gilt für den Essay: Auch darin steht die persönliche Wahrnehmung im Vordergrund. Der Anspruch an eine argumentative, präzise Entfaltung des behandelten Gegenstandes tritt hier zurück. Anders als die Lyrik ist der Essay jedoch eine junge Textgattung, seine Anfänge liegen im 16. Jahrhundert. Dennoch steht ein vielfältiges Angebot an Büchern zum Thema Lyrik und Essays bereit. Dieser Ratgeber bietet Ihnen einen chronologischen Überblick zu beiden Genres, er stellt Ihnen Themenkreise der Lyrik vor und zeichnet die Entstehung des Essays nach.

Geschichte und Themen der Lyrik

Die Liebeslyrik in der Epoche des Mittelalters: Minnesang

Die Liebe hat von jeher die Dichter beschäftigt. Das Mittelalter konnte bereits auf die Literaturtradition der römischen Antike zurückgreifen. In einer Phase der gesellschaftlichen Neuordnung um 1200 gewann der Wunsch nach einem stärkeren Ausdruck des Ichgefühls an Bedeutung. Das Anliegen, die eigenen Wahrnehmungen zu reflektieren, führte zu einer lebendigen und variantenreichen Liebeslyrik. Zentrales Motiv im so genannten Minnesang wurde das Werben um die höher gestellte, dem von Hof zu Hof fahrenden Sänger unerreichbare Frau. Im Gesang versicherte der Dichter ihr die idealisierten Werte wie ‚Dienst‘ und ‚Treue‘. Der Begriff selbst tauchte mit Walther von der Vogelweide im deutschsprachigen Raum auf. Gerade zu seinen Werken gehören aber auch Szenen einer geglückter Zusammenkunft eines Paares, z. B. in den berühmt gewordenen Texten „Unter der Linde“ oder „Nehmet, edle Frau, diesen Kranz“. In der Zeit der Hochblüte des Minnesangs von 1190 bis 1220 lebte auch Wolfram von Eschenbach. Seine Tagelieder wie „Das Morgenlicht beim Ruf des Wächters sah“ und „Der heimlichen Liebe Klage“ beschreiben die Momente des Abschieds zweier Liebender bei Tagesanbruch nach einer Liebesnacht und verdichten die Trennungssituation als spannungsvoll erlebte Nähe. Für beide Autoren ist eine Auswahl an Ausgaben erhältlich, die eine Übertragung ins Neuhochdeutsche enthalten.

Das Naturgedicht um 1800 bei Friedrich Hölderlin

Der bildenden Kunst vergleichbar besitzt das Naturbild im Gedicht die Funktion, die menschliche Seelenlandschaft zu spiegeln und den Menschen in der Konfrontation mit der äußeren Landschaft Identität gewinnen zu lassen. Ein grundlegendes Ziel ist es dabei nicht nur, Unterschiede zwischen Mensch und Natur festzustellen, sondern gerade in der Lyrik einen Ort zu erschaffen, der dem Leser eine Überwindung dieses Gegensatzes andeutet. Diese Funktion hat Friedrich Hölderlin der Lyrik zugeschrieben. Das Gedicht „Natur und Kunst oder Saturn und Jupiter“ (1801) ist dafür ein Beispiel. Aus der Verbindung der Bereiche des Bewussten und des Unbewussten entsteht im Gedichttext jene Dynamik, die für das menschliche Bewusstseinsleben typisch ist. In „Andenken“ (1803) steht die Wahrnehmung des erlebenden Ich im Mittelpunkt. Das Gedicht vermittelt zwar die beiden Sphären von Mensch und Natur, aber die Wahrnehmung selbst findet nie ihren eigenen Grund. Dem Naturbild voraus geht eine immer nur ‚angedachte‘ Übereinstimmung. Diesen unendlichen Prozess und die Aufgabe der Lyrik hat der Dichter mit einem berühmten Satz am Ende des Gedichtes beschrieben: „Was bleibet aber, stiften die Dichter.“ Diese späten Gedichte, zu Hölderlins Lebzeiten nur vereinzelt veröffentlicht, stehen interessierten Lesern zusammen mit den frühen Texten in Werkausgaben zur Verfügung.

Das politische Gedicht bei Heinrich Heine und Bertolt Brecht

Die politische Dichtung ist dezidiert zweckgerichtet. Ihre Themenwelt ist das öffentliche Leben, ihre beabsichtigte Wirkung ist nicht in erster Linie die eines für sich stehenden, autonomen Kunstwerks, das sich auf rein ästhetische Fragen einschränkt. Sie setzt vielmehr auf Kommunikation mit dem Leser und konfrontiert ihn mit aktuellen politischen oder gesellschaftlichen Themen. Vor allem in der Zeit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert wurde diese Möglichkeit des Gedichts aufgegriffen. So sehr sich Heinrich Heine in Gedichten wie beispielsweise „Die schlesischen Weber“ für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Fabriken einsetzte, so sehr sah er auch eine gesamtgesellschaftliche Umwälzung mit Sorge, die die europäische Ideengeschichte zu nivellieren drohte. In dem im Jahre 1844 erschienenen Gedichtband „Deutschland. Ein Wintermärchen“, sind seine Ideen dazu lyrisch nachzulesen. Heine verarbeitet hier Eindrücke, die er nach dem französischen Exil 1843 bei einer Reise durch Deutschland machte: In lockerer Anordnung mit integrierten Traumsequenzen bietet das Buch eine spöttelnde Bestandsaufnahme, aber auch die Hoffnung auf ein besseres Deutschland.

Einen umfangreichen Vorstoß gegen das autonome Kunstwerk hatte im 20. Jahrhundert Bertolt Brecht unternommen. Seine Texte sollten ganz bewusst die Eigenschaft des Vorläufigen und Nichtkünstlerischen besitzen. Der Öffentlichkeitscharakter seiner Lyrik drückte sich zudem darin aus, dass Brecht nicht nur alleine schrieb, sondern im Kollektiv arbeitete. Obwohl sich Brecht gegen den Ich-Ausdruck in der Lyrik wandte, blieb seinen Gedichten immer ein lyrischer Ton zu eigen. Die Gedichte über zeitaktuelle Fragen sind stets aus der Perspektive eines mit innerer Beteiligung schreibenden Ichs verfasst. Als erster Gedichtband erschien die „Hauspostille“ im Jahre 1927. Darauf folgte 1934 die Sammlung „Lieder Gedichte Chöre“. Vor allem die Sammlung der im dänischen Exil verfassten „Svendborger Gedichte“ von 1939 bereicherte die politische Lyrik. Sie bietet eine Variation verschiedenster Formen und Tonlagen, antike Themen stehen hier neben der Zeitanalyse.

Die experimentelle Dichtung: Kurt Schwitters und Eugen Gomringer

Experimentelle Dichtung ist vor allem ein Phänomen des 20. Jahrhunderts und versucht sich im Ausprobieren neuer, zuvor nicht als lyrisch empfundener Formen. Vorbild waren die Methoden aus Naturwissenschaft und Technik. Typisch für dieses offene Werkverfahren ist die Gemengelage der Gattungen von Literatur, Musik und bildender Kunst: Ergebnis des universalen Kunstwerkes ist eine häufig in Manifesten beschriebene Annäherung von Leben und Kunst. Einer der ersten Vertreter dieser internationalen Bewegung der Avantgardeliteratur in Deutschland war Kurt Schwitters. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstellte er Collagentexte und Literatur, die sich bei ihm MERZ-Kunst nannte.

In der zweiten Jahrhunderthälfte entwickelte sich die Konkrete Poesie. Mit Eugen Gomringer, dem Vater dieser Richtung, wird die traditionelle Dichtersprache verlassen. In klaren Textstrukturen wird z. B. in seinem Buch „konstellationen“ von 1955 der Bezug zur Sprache Wort für Wort neu aufgebaut. Eine minimale Anzahl von Wörtern wird auf der Buchseite angeordnet. Der Leser übernimmt es, die scheinbar zusammenhangslos dastehenden Wörter miteinander in Beziehung zu setzen. In der aktiveren Rolle des Lesers werden Gedichte nun ‚gebraucht‘, nicht mehr rezipiert. Eine solche Auffassung von der Dichtkunst reagierte auf eine gesellschaftliche Entwicklung, in der die Sprache auf Werbeflächen oder Informationstafeln in der Großstadt auf seinen Verwendungszweck reduziert und einen schnellen Kommunikationsweg ausgerichtet ist.

Die Geschichte des Essays

Der Essay als eigenständige Textgattung ist erst spät entstanden. Er ist ein Produkt der Neuzeit. Im Mittelalter galt der Anspruch an ein unumstößliches, religiös fundiertes Wissen, das in schriftlichen Abhandlungen umfassend und systematisch dargelegt wurde. Nun wurden existentielle, ethische oder wissenschaftliche Fragestellungen aus der relativen Perspektive des Verfassers betrachtet. Das französische Wort „essayer“ bedeutet „versuchen“. Ergebnisse solcher Versuche sind persönliche Assoziationen und bisweilen auch offen bleibende Fragen. Anders als beim Sachbuch liegt hier nicht das Problem einer in der Zwischenzeit möglicherweise veralteten Argumentation vor. In seiner Frühphase wurden im Essay philosophische Themen behandelt, in späteren Jahrhunderten entwickelte er eine literarische Schreibweise.

Der Essay zu Beginn der Moderne: Michel de Montaigne

Der Essay in seiner heutigen Gestalt hat sich in drei Phasen entwickelt. Zunächst hatte Michel de Montaigne in der Mitte des 16. Jahrhunderts seine Buch-Lektüren mit Kommentaren und persönlichen Gedanken versehen, dabei aber stets den Zusammenhang über die eigene Person hinaus zu allgemeinen Fragen erweitert. Daraus ergab sich die undogmatische und vorurteilsfreie Schreibweise eigener Texte, die „Essais“. Mit der Entwicklung einer literarisch und selbstbewusst vertretenen, nicht mehr im Glauben verwurzelten Meinung steht er am Beginn des Aufklärungszeitalters. Francis Bacon folgte Montaigne und pflegte bei aller Strenge der Methodik in seinen „Essays“ um 1600 einen assoziationsreichen Stil und eine experimentierende, versuchende Vorgehensweise. Der französische Philosoph René Descartes schließlich hatte den Ansatzpunkt Montaignes, vom Ich auszugehen, im 17. Jahrhundert mit seinen „Meditationen über die Grundlagen der Philosophie“ radikalisiert: Sein Prinzip des „Ich denke, also bin ich“ hat die Philosophiegeschichte geprägt. Es werden nach wie vor viele Werke aus dieser frühen Entwicklungsphase des Essays verlegt.

Der Essay im 19. Jahrhundert: Friedrich Nietzsche

Im 19. Jahrhundert entwickelte der Essay eine neue Blütephase. Die Sprache selbst wurde nun zum Thema der Schreibkunst: Fortan verband sich mit der essayistischen Abhandlung nicht nur ein höherer Anspruch an die literarische Form. Der freiere Rahmen des Essays wurde nun auch zur Basis einer fundamentalen Sprachkritik. Für diese Entwicklung am Ende des 19. Jahrhunderts steht Friedrich Nietzsche. Sein Hauptwerk „Also sprach Zarathustra“ von 1883 ist in seiner essayistisch-aphoristischen Gliederung ein Beispiel für die Verbindung von Form und Inhalt. Vor dem Hintergrund seiner kritischen Gedanken zur Sprache lehnte Nietzsche Grundüberzeugungen traditionellen Philosophierens ab. So beispielsweise die platonische Zwei-Welten-Lehre, die Vorstellung einer Welt hinter der irdischen Welt, die für Descartes noch verbindlich war. Eine Entwicklung, die der Sprache selbst eine größere Rolle übertrug.

Der Essay im 20. Jahrhundert: Stefan Zweig und Walter Benjamin

Um 1900 verfeinerte und kultivierte sich der Essay ein weiteres Mal. Zu dieser Zeit verfasste der Schriftsteller Stefan Zweig eine Reihe von biographischen Essays, mit denen der pazifistische Autor vergeistigte Protagonisten der allgemein üblichen Geschichtsschreibung entgegensetzte, die sich an Helden orientiert. Ein Beispiel für ein historisches Essays in der Bauform der Novelle ist „Sternstunden der Menschheit“. Geschichte verdichtet sich hier auf einzelne Situationen menschlichen Handelns. In dieser literarisierten und personalisierten Historie scheint der Unterschied zur Literatur verwischt. Zur selben Zeit wie Zweig lebte Walter Benjamin, der sich vom universitären zum journalistischen Schreiben wandte. Sein essayistisches Vorgehen bestand darin, verschiedene Genres und Themenfelder, die eigentlich in keinem Zusammenhang miteinander standen, zu verbinden. Diese experimentierende Schreibweise hatte das Entstehen neuer Bilder und Gedankenblitze zum Ergebnis, ebenso blieb der Schreibvorgang selbst immer bewusst. Bis heute gehören Aufsätze, Essays und Vorträge zu den literarischen Zeitzeugen intellektuellen Denkens. 

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