Brettchenborten - Larp oder Reenactment?

Aufrufe 62 Mal bewertet mit „Gefällt mir” Kommentare Kommentar
Mag ich anklicken, wenn dieser Ratgeber hilfreich war
Bei ebay werden immer mehr Brettchenborten angeboten - welche davon eignen sich tatsächlich für das Reenactment? Nicht überall, wo Reenactment draufsteht, ist auch Reenactment drin. Viele Borten sind prima für Larper geeignet, die sich Mühe mit ihrer Gewandung geben und auf die Lurex-Aufbügelborte verzichten, aber eben leider nichts für Reenacter, die genau auf authentische Materialien, Techniken und Muster achten müssen. Die Spannweite der Möglichkeiten ist riesig, das kann keinesfalls in diesem Ratgeber erschöpfend behandelt werden. Bei Fragen kann man sich gerne an mich wenden, ich kann allerdings nicht versprechen, auf alles eine Antwort zu haben...
Aus gegebenem Anlass noch ein Hinweis: Ich will hier nicht irgendwelche Borten schlecht machen, sondern nur einen Überblick darüber geben, welche Techniken und Materialien sich für Reenactment eignen, und welche man besser nur für Larp-Gewandungen oder als Mittelaltermarkt-Besucher verwendet. Eine Menge Handarbeit, Konzentration und einige hundert Meter Garn stecken schließlich in jeder Borte.
Bei der Besprechung dieses Ratgebers in einem exzellenten Forum für Mittelalterliches Handwerk wurde ich auf einige Unklarheiten bei meinen Materialempfehlungen aufmerksam gemacht. Daher ist dieser Teil stark überarbeitet worden.
Nachtrag: Inzwischen habe ich natürlich weiter recherchiert und die ein oder andere interessante Information zusammengetragen. Die neuen Infos sind entweder als Nachtrag an die Einzelpunkte angehängt oder im Text durch Kursivschrift gekennzeichnet.

  • Widderhorn, Doppelwidderhorn und "laufender Hund":  Diese beliebte Motivgruppe ist wohl erst im 19. Jahrhundert in Anatolien entwickelt worden. Also, auch wenn es weh tut (denn es sieht gut aus, fürs Larp verwende ich es sehr gerne) - auf authentischer Gewandung hat es nichts zu suchen. Es kann schon etwas peinlich werden, wenn man als Wikinger mit einer schönen Widderhornborte aufläuft und das Gegenüber Bescheid weiß und sich eins grinst. Larp: Ja; Reenactment: Nein.
                 
Halbes Widderhorn oder "laufender Hund"

  • Schnurbindung/Einzugsmuster: Eine kurze Begriffsklärung - unter Schnurbindung verstehen Brettchenweber im Allgemeinen eine Technik, bei der das Muster durch den Aufzug der Brettchen vordefiniert ist und durch einen bestimmten, festen Drehrythmus aller Brettchen (z.B. 4x vor / 4 x zurück) erzeugt wird. Die meisten angebotenen Borten sind mit diesen Einzugsmustern gewebt. Sie sind an der unveränderten Wiederholung einer kleine Musterpatrone zu erkennen - Variationen sind kaum möglich. Alle bisherigen Funde deuten darauf hin, dass es sich hier um eine relativ moderne Technik handelt - ausgenommen evtl. angelsächsische Borten aus England, da ist man sich nicht ganz einig. Auch hier gilt also - Larp: Ja; Reenactment: Nein.
    Nachtrag: Inzwischen bin ich über eine mittelalterliche Borte mit einem einfachen Einzugsmuster gestolpert. Sie ist rundgewebt und war als Siegelband an einer Urkunde von 1294 befestigt. Von Kleidung kenne ich weiterhin keine Belege.
    Die angelsächsichen Borten sind anscheinend eine Art Mischtechnik: Der Einzug bestimmt zwar das Muster, aber anders als bei klassischen Einzugsmustern wird in jeder Reihe nur ein Teil der Brettchen gedreht, der Rest bleibt unverändert. Die Borten werden dadurch dicker und kompakter.

                                          
          Schnurbindung                                                     

  • Doubleface: Bei historischen Borten werden fast immer zwei Löcher in Farbe A, die gegenüberliegenden mit Farbe B bezogen. Eine einfarbige Fläche entsteht, indem alle Brettchen 2x vor/2x zurück gedreht werden, das farbige Muster wird dadurch erzielt, dass einzelne Brettchen entgegengesetzt gedreht werden. Alle 2 Reihen müssen die Brettchen dann, der Mustervorlage entsprechend, neu geordnet werden. Einige der Hochdorfer Borten wechseln zwischen Köper und Doubleface; aus dem Mittelalter (um 1200) gibt es z.B. ein Siegelband in Doubleface.
    Eine Sonderform ist das dreifarbige Doubleface oder Sulawesi (nach dem Herkunftsgebiet), bei dem der Hintergrund eine zweifarbige Rautenstruktur bildet. Beim "normalen" Doubleface sind Vorder- und Rückseite vom Muster identisch, nur die Farben sind verkehrt; beim Sulawesi ist das nicht so. Inwieweit es hierzu historische Vorbilder gibt, weiß ich nicht, da ist erstmal eigene Recherche gefragt.
                      
          Doubleface                                             Sulawesi

  • Köperbindung: Borten, die von der Struktur wie geköperter Stoff aussehen entstehen auf der gleichen Grundlage (2 Löcher Farbe A, 2 in Farbe B), sind allerdings komplizierter herzustellen. Die Reihenfolge, in der die Brettchen vor und zurück gedreht werden müssen, ändert sich für alle Brettchen in jeder Reihe. Damit lassen sich wunderbar Muster mit diagonalen Linien erzeugen. Diese Technik ist in der Frühgeschichte weit verbreitet - die Borten aus dem keltischen Salzbergwerk von Hallstatt (ca. 800-650 v. Chr.) sind in z.B. darin gewebt, ebenso Borten aus dem Fürstengrab von Hochdorf (ca. 550 v. Chr.). Borten von Humikkala und Mammen datieren in das 1. bzw. 9. Jh. n. Chr.  Einfarbige geköperte Borten dienten im Hoch- und Spätmittelalter als Grundlage für aufwändige Gold- und Silberbroschuren oder reiche Gürtelbeschläge, aber auch noch im 12. Jh. wurden gemusterte Köperborten verwendet. Eine Borte aus Hamar in Köpertechnik ist mit zwei Woll- und zwei Silberfäden gewebt - vielleicht soll sie die zeitaufwändigere Broschur imitieren.
                            
         Muster aus Hochdorf               Rekonstruktion einer Borte aus Hallstatt
  • Diagonaltechnik: Auch diese Technik hat die gleiche Grundlage (2x Farbe A, 2x Farbe B), die Farben sind jedoch so angeordnet, dass sich bei stetigem Vorwärtsdrehen eine diagonal gestreifte Fläche ergibt. Mit dieser Technik lassen sich Rauten, Spiralen, S-förmige und geflammte Muster erstellen. Man kennt sie zum Beispiel aus dem ostfinnischen Gräberfeld "Kekomäki" bei Kaukola (um das 12. Jh.).
         
          Diagonalborte aus Kaukola
  • Stippengewebe/Missed Hole: Eine weitere Variante ist das Auslassen von Löchern - es werden nur 3 (Missed Hole) oder sogar nur 2 Löcher (Stippentechnik) mit Fäden bezogen. Das Gewebe wirkt dadurch strukturiert. Durch diese Art des Aufzugs wird der gesamte Brettchenstapel instabil und einzelne Brettchen kippen in verschiedene Richtungen weg. So muss man sie während des Webens zwischendurch permanent festhalten oder sie irgendwie mit einer Nadel sichern. Diese Technik ist seit der Eisenzeit belegt (zum Beispiel aus dem Thorsberger Moorfund, dem keltischen Fürstengrab von Hochdorf) und wird zumindest bis ins Frühmittelalter verwendet (Grabkleidung der Merowinger Königin Bathilde; Fund aus dem Grab der Hl. Bertille v. Chelles, ca. 700 n. Chr.).
    Nachtrag: Inzwischen ist mir auch eine Borte aus dem 11./12. Jh. n. Chr. (Kathedrale von Hamar) untergekommen, die in Stippentechnik mit einem Woll- und einem Silberfaden gewebt wurde.
      
                               
          Borte der Bertille, Stippentechnik                      Stippentechnik
  • Snartemo/Flottiertechnik: Borten in dieser Technik können zwei-, drei- oder vierfarbig sein. Alle Brettchen werden identisch bezogen und das Muster entsteht durch die unterschiedliche Drehung der einzelnen Brettchen. Auch bei dieser Technik müssen in jeder Reihe die Brettchen neu sortiert werden, was sie sehr zeitaufwändig macht. Dabei entstehen glatte Farbflächen, innerhalb derer die Musterfäden frei auf der Oberfläche "treiben" (flottieren), daher der Name. Der andere Name dieser Technik ist nach dem bekanntesten Fundort einer Flottierborte entstanden. Zeitlich ist die Technik ins Frühmittelalter einzuordnen (Norwegen, Snartemo V; eine weitere Borte der Hl. Bertille v. Chelles)
         
          Flottiertechnik, moderner Entwurf
  • Broschieren: Im Verlauf des Mittelalters verlieren alle diese Techniken gegenüber dem Broschieren an Bedeutung, wobei (meist in Gold oder Silber) ein zusätzlicher Schussfaden oberhalb der Kettfäden das Muster bildet. Die Grundlage sind meist Seidenborten. Für die einfache Bevölkerung überwiegen einfarbige Gebrauchsborten, während die broschierten Borten vor allem im Kirchenbereich zu finden sind - für liturgische Gewänder, Reliquienbeutel und ähnliches.  Sehr viele Borten in Broschiertechnik stammen außerdem aus dem Gräberfeld von Birka. Da ich diese Technik noch nicht selber angewandt habe, kann ich leider keine Bilder liefern.
  • Materialien:  Wenn man Borte fürs Reenactment sucht, sollte man keinesfalls reine Baumwolle oder gar Kunstfaser verwenden.
    Eine Mischung aus Leinen mit Baumwolle ist fürs Mittelalter möglich - man sollte allerdings bedenken, dass Baumwolle importiert werden musste und eher selten war. Mischung bedeutet allerdings nicht ein Mischgarn wie Cottolin, das aus Leinen und Baumwolle besteht, sonder nur, dass z.B. Kettfäden aus Leinen mit einem Baumwollschuss kombiniert werden.
    Am Besten sind Borten aus Leinen oder Wolle - dachte ich... Freundlicherweise wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass zumindest Borten, die rein aus farbigem Leinen bestehen bisher nicht gefunden worden sind, und wegen der Schwierigkeit beim Färben von pflanzlichen Textilien ist das auch nicht sehr wahrscheinlich.  Also reduziert sich unser Materialspektrum auf Woll-Leinen-Mischungen, reine Wolle und eventuell gebleichtes Leinen als einfarbiger Hintergrund für Gürtel oder Gebrauchsborten (Trageriemen etc.). Die Köperborte von Mammen wurde mit Fäden aus Wolle und (wahrscheinlich) pflanzlichem Material hergestellt. Die pflanzlichen Fäden sind verrottet und können nur noch anhand der Lücken nachgewiesen werden, die sie hinterlassen haben. Lange wurde die Mammen-Borte daher fälschlich als Stippengewebe interpretiert. Für Adelsdarsteller kommen natürlich vor allem Seide, Gold- und Silberlahn in Frage.
    Wer es sehr genau nimmt, kann nach pflanzengefärbtem Material Ausschau halten - aber das ist wirklich kaum zu kriegen und zumindest für den Anfang vielleicht auch etwas übertrieben.
    Borten aus Wolle oder Leinen kann man von der Optik her deutlich von Borten aus Baumwolle unterscheiden, da sollte man als Reenacter, wenn man schon Geld für eine Borte ausgibt, lieber ein paar Euro mehr investieren oder ganz drauf verzichten, statt sich die mühsam handgenähte Gewandung zu ruinieren.
Noch einmal, ganz wichtig: Wenn man ernsthafte Darstellung betreiben will, sollte man sich über Material, Muster und Technik der gewählten Zeit genauer informieren - eine hochmittelalterliche, eigentlich total authentische Brokatborte ist an einem Keltengewand genau so falsch, wie eine Kunstfaserborte in Schnurbindung. Etwas mehr Zeit in die Recherche zu stecken, kann eine Menge Geld sparen. Außerdem gilt: Weniger ist mehr - Borten waren Luxusartikel und sollten nicht übermäßig verwendet werden...

Fürs Larp dagegen sind auch die Schnurbindungsborten aus Baumwolle (oder auch Leinen, davon gibt es erfreulicherweise auch inzwischen mehr) prima geeignet, sehen gut aus und sind auf jeden Fall tausend mal besser als die Hochglanzborten aus dem Kaufhaus.
Möchten Sie Ihr Wissen weitergeben? Erstellen Sie Ihren eigenen Ratgeber… Verfassen Sie einen Ratgeber
Weitere Ratgeber erkunden